Eine Frau raucht in einer Berliner Bar eine Shisha. (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Video: Abendschau | 10.06.2019 | Rainer Unruh | Bild: dpa/Paul Zinken

Illegal importiert oder hergestellt - Das Millionengeschäft mit dem Shisha-Tabak

Die Anzahl von Shisha-Bars in Berlin wächst, der Markt boomt. Barbetreiber, die Tabaksteuer und Zoll umgehen, können riesige Gewinne machen. Bei Einsätzen gegen arabische Clans stoßen Fahnder immer wieder auf unversteuerten Shisha-Tabak. Von René Althammer

Mitte April stehen mehrere Einsatzwagen der Polizei an der Bismarckstraße: Gut 60 Polizisten und Zöllner warten hier auf den Befehl zur Abfahrt. Ihr Ziel ist eine Shisha-Bar am Kurfürstendamm. Doch noch heißt es warten. Erst als die Späher grünes Licht geben, setzt sich der Konvoi langsam in Bewegung. Und dann geht plötzlich alles ganz schnell: anhalten, rausspringen und schon ist die Shisha-Bar voller Polizisten, Mitarbeiter des Ordnungsamtes und des Zolls. Keiner kommt mehr rein oder raus, Beamte mit Maschinenpistolen sichern den Eingang.

Es ist einer von vielen Einsätzen gegen Berliner Clanfamilien. Die Bar gilt als Treffpunkt von Angehörigen des Abou-Chaker-Clans. Doch der Einsatz ist nicht einfach nur einer von vielen "Nadelstichen", mit denen die Clans aufgeschreckt werden sollen. Er richtet sich auch konkret gegen ein Geschäft, mit dem inzwischen Millionen illegal verdient werden. Denn Shisha-Bars gelten seit längerem als Umschlagplätze für illegal eingeschmuggelten oder hergestellten Shisha-Tabak. Als die Beamten sich nach gut zwei Stunden zur nächsten Kontrolle aufmachen, haben sie etwas mehr als 27 Kilogramm unversteuerten Tabak im Gepäck. Dem Betreiber der Bar droht dafür jetzt ein Bußgeldverfahren.

Der Handel mit unversteuertem Tabak boomt

Wie Zigaretten, Zigarren oder Pfeifentabak unterliegt auch der Shisha-Tabak der Tabaksteuer. Ein Beispiel: Eine 250-Gramm-Packung eines namhaften arabischen Herstellers kostet rund 11,50 Euro. Davon gehen 9,15 Euro als Tabaksteuer, Zoll und Einfuhr- oder Umsatzsteuer an den Staat. Wer Steuer und Zoll umgeht und damit durchkommt, kann also mit riesigen Gewinnen rechnen – genau wie beim Handel mit unversteuerten Zigaretten.

Hinter dem Handel mit unversteuertem Shisha-Tabak steckt inzwischen ein gut organisiertes Millionengeschäft – und der Handel boomt. Zollfahnder in Nordrhein-Westfalen schätzen, dass sie in 80 Prozent der von ihnen kontrollierten Bars Verstöße gegen das Tabaksteuerrecht entdeckt haben. Im vergangenen Sommer hoben die Fahnder in der Nähe von Solingen eine illegale Wasserpfeifentabak-Fabrik aus. Vor Ort fanden sie 2.367 Kilogramm fertigen Shisha-Tabak und mehr als eine halbe Tonne Rohtabak. Organisiert wurden Betrieb und Verkauf von Angehörigen der arabischen Clanfamilie Al Z.. Der mögliche Steuerschaden bei dieser Menge Tabak liegt bei rund 80.000 Euro. Insgesamt gehen die Fahnder bislang von einem belegbaren Steuerschaden von mehr als 370.000 Euro bundesweit aus.

Illegale Produktion in Deutschland

Lange Zeit wurde unversteuerter Shisha-Tabak aus den arabischen Staaten in Großcontainern nach Westeuropa eingeschmuggelt – hinter Lebensmitteln versteckt. Aber der Schmuggel in die EU wird immer schwieriger, denn die Überwachung internationaler Transporte an den Häfen ist immer ausgefeilter. Deshalb wird der Tabak mittlerweile oftmals vor Ort produziert. Und Wasserpfeifentabak lässt sich, anders als Zigaretten, recht einfach herstellen.

Die Basis ist Rohtabak, also getrocknete Tabakblätter, die jeder im Großhandel kaufen kann - auch in großen Mengen. Und er ist preiswert, denn er unterliegt nicht der Tabaksteuerpflicht. Für die weitere Verarbeitung reicht ein handelsüblicher Häcksler aus dem Baumarkt, mit dem die Blätter geschreddert werden. Dann noch etwas Melasse, Glyzerin, Aromastoffe und ein ordentliches Rührgerät – fertig ist die Shisha-Tabak-Produktionsanlage.

Fahnder in Nordrhein-Westfalen sind auch in ganz normalen Wohnungen auf kleine Produktionsanlagen gestoßen. Da lassen sich vielleicht nicht gleich Tonnen verarbeiten, aber die Masse macht's auf Dauer. Wäre Rohtabak steuerlich überwachungspflichtig, wäre das Geschäft nicht ganz so einfach.

Die Nachfrage wächst ständig

Für viele arabischstämmige Jugendliche ist die Shisha das, was für europäische Jugendliche Alkohol ist. Doch nicht nur die vielen jugendlichen Migranten sorgen für einen stabilen Absatz - auch unter deutschen Jugendlichen ist Shisha-Rauchen Kult. Ob es sich dabei um legal oder illegal hergestellten Tabak handelt, erkennen die wenigsten Kunden. Die Bar-Besitzer dagegen schon – denn günstige Einkaufspreise sind meist ein sicheres Anzeichen für kriminelle Geschäfte. Auf der anderen Seite garantieren sie hohe Gewinnmargen, die Verlockung ist also groß.

Die illegalen Produzenten orientieren sich bei der Tabakherstellung auch an den Geschmacksrichtungen der großen Hersteller, denn für die Barbesucher zählt vor allem: der Geschmack muss stimmen. Und weil der Kunde Markenware verlangt, werden, so berichten Fahnder, auch die Etiketten professionell gefälscht. Der Unterschied zur legalen Ware ist auf diese Weise kaum noch zu erkennen.

Große Mengen werden selten entdeckt

Eindeutig ist jedoch, dass in Deutschland der Verkauf von losen Tabakwaren, beispielsweise einzelnen, unverpackten Zigaretten, verboten ist. Das gilt auch für die sogenannten Shots für die Shisha. Eigentlich müsste jeder Kunde in den Bars den Tabak für eine Pfeife einzeln abgepackt übergeben bekommen. Doch immer wieder treffen die Fahnder bei ihren Kontrollen auf sogenannte Großgebinde – und das ist dann ein klarer Verstoß gegen das Tabaksteuerrecht.

Die Konsequenzen sind allerdings überschaubar, denn wer mit illegalem Wasserpfeifentabak handelt, hortet keine großen Mengen. Der größte Teil der Ware lagert zumeist in sicheren Depots außerhalb. Wird man mit kleinen Mengen erwischt, droht meist nur ein Bußgeld. Bei den enormen Gewinnmargen ist das also ein überschaubares Risiko.

Und dass die Gewinnmargen im Bereich des Handels mit illegalem Wasserpfeifentabak enorm sind, sieht auch die Berliner Polizei so. Das belege die stetig wachsende Zahl der Shisha-Bars in Berlin, heißt es auf eine Anfrage des rbb.

Die Ermittler treffen immer wieder auf alte Bekannte

Denn auch in Berlin stoßen Polizei und Zoll stoßen bei Einsätzen gegen arabische Clans immer wieder auf unversteuerten Shisha-Tabak. Seit dem 1. Januar ermittelt die "AG Zig", in der Zoll und Polizei bis dato gemeinsam den illegalen Zigarettenhandel bekämpften, auch in Sachen Wasserpfeifentabak. Illegale "Fabriken" wurden bislang noch nicht ausgehoben, aber bei fast jedem Einsatz werden einige Kilo unversteuerten Tabaks beschlagnahmt - seit Jahresbeginn sind es 275 Kilogramm, wie die Polizei Berlin dem rbb miteilte. Damit wird klar: Das Geschäft läuft vermutlich auch in Berlin ziemlich gut.

Bei ihren Kontrollen trifft die Polizei auch immer wieder auf alte Bekannte: Nach bisherigen Erkenntnissen gebe es eindeutige Bezüge zu einzelnen kriminellen Angehörigen arabischstämmiger Großfamilien, teilt die Polizei dem rbb mit. Diese treten entweder als Betreiber oder Eigentümer von Shisha-Bars in Erscheinung – oder nutzen die Bars als Treffpunkte.

Sendung: Abendschau, 10.06.2019, 19:30 Uhr

Beitrag von René Althammer

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9 Kommentare

  1. 9.

    Dann kannst du genau so gut den ganzen Tag deine Luft anhalten wenn du draußen durch die Gegend läufst! Sei es durch die Abgase der Autos oder wenn Leute neben dir eine Zigarette rauchen oder Kiffen!

  2. 8.

    Das Ausmaß an Steuern ist ja auch völlig übertrieben. Ist auch kein Wunder, wenn gerade solche Extremsteuern unterlaufen werden. Der Staat widmet sich hier fleißig wie ein Bienchen hauptsächlich der Steuerhinterziehung, die ihn selbst treffen würde, aber die Schwerkriminalität der Clans läuft weiter. Verkehrte Welt. Außerdem müsste man nicht die Eröffnung von Hostels oder Shishbars bis zur "Inflation" genehmigen. Das möchte der Staat aber mitkassieren. Das einzige, was stört, ist der Steuerbetrug. Wenn ganze Straßen völlig einseitig von solchen Eröffnungen geprägt werden, macht das in den Augen des Senats natürlich gar nichts.

  3. 7.

    Vergessen Sie Gastwirte und andere Getränkehändler nicht.
    Ich bin allerdings betr. des Begriffes "Drogen" generell wählerisch, da meiner Meinung nach eine ganze Reihe an Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit eine Substanz oder eine Gewohnheit (Sind Spielautomaten Drogen?) dieses Etikett erhält.
    Denn ohne ein gesundes Maß an Skepsis verlangen sonst verbotsfreudige Agitatoren, dass so ziemlich alles, das Menschen gerne und oft tun (aber nicht lebensnotwendig ist), vom Staat zumindest eingeschränkt wird.
    Über Shishas weiß ich ehrlich gesagt zuwenig. Und mein Interesse ist zugegebenermaßen nicht groß genug, mich diesbezüglich aus eigenem Antreib schlauer zu machen.
    Die Dinger sind gesundheitsgefährdend, das weiß ich immerhin.
    Und das bedeutet, dass ich diesen Qualm nicht einatmen möchte.

  4. 6.

    Ob es jemals untersagt wird, dieser Unsitte auch auf dem Bürgersteig zu fröhnen?
    Ich habe keine Lust, immer wieder die Luft anzuhalten, um beim Vorbeigehen keinen aromatisierten Dreck einatmen zu müssen.

  5. 5.

    Droge bleibt Droge egal ob in Zigaretten oder Wasserpfeifen. Und Dealer bleibt Dealer egal ob illegal oder im Zeitungsladen.

  6. 4.

    Wasserpfeifentabak enthält nicht die geringste Spur von Tabak, trotzdem wird er wie Pfeifentabak versteuert, um den Fiskus ein paar Kreuzer mehr einzubringen.

  7. 3.

    Es gab Zeiten, zu denen ein Päckchen Drum noch 2,50 DM kostete.

  8. 2.

    Und warum gestattet der Senat immer mehr von diesen Bars zu eröffnen.
    Das endet hoffentlich genauso wie die Spiel und Wettbüros.
    Allerdings gibt es davon auch immer noch zu viele.
    Obwohl jeder Mensch weiß ,was sich da negatives abspielt.

  9. 1.

    Dieses Steuersystem in Deutschland versteht kein Mensch und die gewählten Volksvertreter sind seit Jahrzehnten nicht in der Lage dies zu ändern und durchschaubarer zu machen. Ist sicher auch gar nicht gewollt. Keine Tabaksteuer auf Rohtabak---warum nicht???

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