Hamid Skandari in seiner neuen Wohnung, im Hintergrund ein Foto von seinem Praktikum in einer Berliner Kita (Quelle: rbb/Voßhenrich)
Audio: Kulturradio | 31.05.2019 | Ursula Voßhenrich | Bild: rbb/Ursula Voßhenrich

Wohnprojekt für Geflüchtete im Wedding - "Das Wohnen ist der Anfang"

Eine Wohnung in Berlin zu finden, ist schwierig – besonders für Flüchtlinge. Mithilfe des Vereins Xenion sind 23 Geflüchtete in einem besonderen Genossenschaftsprojekt im Wedding untergekommen. Einer von ihnen ist der Afghane Hamid Skandari. Von Ursula Voßhenrich

Schlafzimmer, Wohnzimmer mit Küche, Balkon, großes Bad - Hamid Skandari etwas schüchtern, als er durch die Wohnung führt - als könnte er es selbst noch nicht glauben, dass er eine eigene Wohnung, zwei Zimmer, für sich ganz allein hat. Im Januar ist der 26-Jährige in den Neubau eingezogen. An der Wand über dem Sofa hängt ein großes Foto: Hamid inmitten lachender Kinder, eine Erinnerung an sein Praktikum in einer Berliner Kita. Hamid möchte Erzieher werden.

Noch ist die kleine Wohnung recht leer. Nur der Wohnzimmertisch ist vollgestellt mit Schälchen und Gläser mit Nüssen, Bonbons und Rosinen – afghanische Gastfreundschaft. Vor drei Jahren kam Hamid aus Afghanistan nach Berlin, seitdem hat er in verschiedenen Heimen gelebt. Stressig fand er das auf die Dauer. Von vielen Menschen, die alle auf einmal duschen wollen, berichtet er. "Wohnung ist besser - hier kannst du lesen, ruhig schlafen, hier kannst du alles."

Ein sechsgeschossiges Wohngebäude in Berlin-Wedding - hier ist das Wohnprojekt angesiedelt (Quelle: rbb/Voßhenrich)
In diesem Wohnhaus in der Weddinger Lynarstraße lebt der Afghane Hamid Skandari seit kurzem | Bild: rbb/Ursula Voßhenrich

Ein Wohnprojekt, das auch architektonisch auf Kontakt setzt

Da stört es Hamid überhaupt nicht, dass direkt vor seinem Balkon im Fünf-Minuten-Takt die S-Bahn vorbeirauscht. Seine Wohnung  liegt im dritten Stock eines Sechs-Geschossers in der Weddinger Lynarstraße. Von außen ein helles dreiteiliges Gebäude in leichter Holzbauweise, innen ein Wohnprojekt, das auch architektonisch auf Kontakt setzt: Die Bewohnerinnen und Bewohner konnten vorab den Zuschnitt ihrer Etagen und Räume mitbestimmen und mit ihren künftigen Nachbarn ein Wohnkonzept für Gemeinschaftsräume entwickeln.

Bei Hamid auf der Etage wohnen noch David und dessen kleiner Sohn in einer Dreizimmerwohnung, und vier junge Frauen in einer WG. Sie alle teilen sich einen großen Flur mit Sofa und Garderobe. Jedes Wochenende machen wir Essen", erzählt Hamid. "Die Nachbarn kommen Chai trinken, mein Nachbar David hilft mir auf Deutsch."

"Wir haben unsere Wohnungstüren immer offen"

Anna Maria wohnt nebenan in der WG. "Wir haben unsere Wohnungstüren immer offen, damit man sich begegnen kann, sich unterstützen und Zeit gemeinsam verbringen", erzählt sie.
 "Die Idee ist schon ein gemeinschaftliches Leben und nicht jeder für sich in seiner Wohnung. Bei uns klappt das sehr gut. Wir sehen uns viel und quatschen und trinken auch mal einen Wein zusammen."

Auch David ist nach den ersten Monaten ganz zufrieden mit dem Zusammenwohnen auf der Etage - und auch mit dem Kontakt zu den anderen Flüchtlingen im Hausprojekt. "Einiges ist ganz unkompliziert, anderes ist schwieriger, was sicher auch daran liegt, dass die Geschichten, die die mitbringen so schwer sind zum Teil", sagt er. "Da geht es weniger um eine Selbstverwirklichung in dieser Art von Hausprojekt, sondern andere Probleme müssen erst mal noch bearbeitet werden, um überhaupt ruhig anzukommen. Aber dafür ist der Rahmen bestimmt nicht schlecht."

Demenz-WG, Obdachlosenhilfe und Wohnungen für Geflüchtete

Der Rahmen ist das Hausprojekt der Wohnungsgenossenschaft Ostseeplatz, in dem eine Demenz-WG und die Berliner Obdachlosenhilfe Platz gefunden haben - und 23 Geflüchtete in zehn Wohnungen. Bea Fünfrocken vom Verein Xenion hat die Flüchtlinge vermittelt. "Wohnen ist existentiell. Das ist der Ruhepol, das Zuhause, wo du den Anfang machst", sagt sie. "Selbst die Arbeit, also sie müssen erst mal einen ruhigen Platz haben, dass sie schlafen können, dass sie die Ausbildung machen können. Das Wohnen ist der Anfang."

Aber Flüchtlinge, die noch im Asylverfahren sind, bekommen keinen Wohnberechtigungsschein und damit auch keine Sozialwohnung. Das sei eine von vielen Hürden bei der Wohnungssuche, erklärt Bea Fünfrocken. Ein anderes Problem sei, dass zunehmend alles über Telefon und Mails gemacht werde. "Das erfordert eine wahnsinnige Sprachkompetenz." Viele Flüchtlinge hätten zudem befristete Aufenthaltstitel, weshalb Vermieter oft Angst hätten, die Menschen könnten abgeschoben und sie dann auf ihrer Miete sitzenbleiben.

Weiteres Projekt in Weissensee geplant

Das Zusammenwohnen in der Lynarstraße ist ein Experiment. Nicht nur für Hamid Skandari, sondern für alle im Haus. Wenn die enge Nachbarschaft von Flüchtlingen, alteingesessenen Berliner Familien und Studierenden funktioniere, könne das Wohnmodell zukunftsweisend sein, sagt Bea Fünfrocken. Sie hat sogar schon ein ähnliches Projekt in Weißensee im Visier. Auch da kann Xenion ein paar Wohnungen für Geflüchtete reservieren. Dafür sucht sie aber noch Menschen, die die Genossenschaftsanteile für die Flüchtlinge übernehmen.  

Beitrag von Ursula Voßhenrich

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11 Kommentare

  1. 11.

    "SB", ein typischen Verhalten von Menschen, die ich im vorherigem Beitrag schon erwähnt hatte, wenn ich Ihren Beitrag lese. Sie nennen es " ein linksgrüner Beißreflex " Ich nenne es Menschlichkeit !

    Warum geben Sie Hamid und David, die Schuld an der Wohnungsmisere ? Ich möchte mal anfragen, wie lange und wie " viel Geld aus den Sozial- und Steuerkassen, Sie genommen haben, bis Sie Ihr ersten Geld alleine verdient haben, 18 und mehr Jahre ?
    Denken Sie mal nach, seien Sie ehrlich zu sich selber. Meine Rechnung wird immer auf gehen, wenn ich an den Artikel 1 des Grundgesetzes denke: " Die Würde des Menschen ist unantastbar "

    Damit sind alle Menschen gemeint, Hamid, David und natürlich Sie auch

  2. 10.

    @Guenter Wildermann: Besten Dank, dass Sie das stereotype Argument vom „Ausspielen“ gebracht haben - ein linksgrüner Beißreflex aus der vorgeblichen „soziale Gerechtigkeit“-Ecke. Wie es damit steht, zeigt der Artikel. Die einen arbeiten und suchen dringend nach bezahlbarem Wohnraum, die anderen wohnen schon und arbeiten nicht.

    Ich wünsche Ihnen viel Erfolg beim Warten auf „eines Tages“. Bis dahin werden Hamid und David ganz konkret sehr viel Geld aus den Sozial- und Steuerkassen entnommen haben. Schon jetzt so viel, dass Ihre Rechnung selbst im besten Fall nicht aufgehen wird.

  3. 9.

    "SB" Was bezwecken Sie mit Ihrer Fragestellung ? Gönnen Sie Hamid und David diese Wohnung nicht ? Versuchen Sie die " Einheimischen " gegen die Migranten auszuspielen ? Ich hätte noch mehr fragen, es wird letztendlich nichts bringen, genau wie Ihre Fragestellung.


    Diese Art, Menschen gegeneinander auszuspielen, kennen wir von einer bestimmten Vereinigung, die damit auf Stimmenfang ist und leider bei einem gewissen Klientel Erfolgreich ist.

    Ich wünsche Hamid und David viel Erfolg und sicherlich werden auch Sie, eines Tages davon profitieren, dass David und Hamid, in der Renten und sonstige Sozialkassen einzahlen und damit Ihre Rente und Krankenkasse mitfinanzieren.

  4. 8.

    Intellektuelle Spitzfindigkeiten kommen dem Thema nicht zugute, sondern entzweien unsere Gesellschaft unnötig. Es muss immer gelten: Wer zu jemandem kommt um sein neues Leben in Frieden und Freiheit zu gestalten, hat ein Mindestmaß an Anpassungswillen mitzubringen. Ansonsten funktioniert es nicht und nur links-grüne Träumereien verdecken alles.

  5. 7.

    Bei dem temporären Schutz geht es nicht um dauerhafte Integration. Die Rückreise ist höchst richterlich auch zumutbar, wenn nicht das Land in toto von kriegerischen Auseinandersetzungen geplagt wird.

    Man darf nicht ständig Asylgewährung mit Einwanderung verwechseln. Das sind zwei völlig unterschiedliche Rechtsgebiete.

  6. 5.

    Eine wirklich rührende Story mit Hamid, David, Anna Maria und den „offenen Türen“. Man könnte meinen, eine 68er-Kommune sei wiederauferstanden. Und erzähle mal einer den Einheimischen, die eine Sozialwohnung suchen, dass Migranten es „besonders schwer haben“, eine Wohnung zu finden. Sie selber nicht? Und wovon leben Hamid und David eigentlich 3 (!) Jahre nach ihrer Einreise?

  7. 4.

    Und zu den "Sitten" zählt, rassistisch zu sein? 'Die' sollen 'unsere' Sitten übernehmen. Das ist gleich mehrfach pauschalisierend. Sparen Sie sich Ihre Konstruktionen. Zudem gibt es keine "Leitkultur" - identitär, antiegalitär, antipluralistisch.

    Dass Frauen gleiche Rechte haben, wird unabhängig v. der Herkunft in Deutschland nicht angemessen umgesetzt und in vielen Teilen offen ignoriert. Da selbstentlastend abermals den Zeigefinger auf 'die' zu richten, spricht Bände über ausgebliebene (Selbst)Reflexion. Keine flächendeckend gleichen Löhne, höheres Risiko der Altersarmut nach alleinerziehenden Zeiten, verbreitete Ausgrenzung u. fehlende Anerkennung - Sexismus ist ein Problem auf gesamtgesellschaflticher Basis. Dass Sie vom frauenverachtenden, übergriffigen Fremden reden, ist ein rechtes Narrativ, eine Konstruktion.

    Wie in dem Projekt kann ein Zusammenleben funktionieren: gleichwertiges, gemeinschaftliches Zusammenleben u. soziale Teilhabe statt (auch räumliche) Ausgrenzung.

  8. 3.

    Ein positives Beispiel wie Integration gelingen kann. Die Leute wollen hier im Frieden was aus ihrem Leben machen und arbeiten. Wichtig ist, dass sie auch unsere Sitten annehmen und begreifen, dass Frauen die gleichen Rechte haben.

  9. 1.

    Wenn es funktioniert bitte ,aber für mich käme das keinesfalls in Frage.

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