Archivbild: Eine Zielmarkierung und Bombentrichter sind am 28.06.2012 beim Überflug des früheren Bombodrom Geländes bei Fretzdorf zu erkennen. (Quelle: dpa/Bernd Settnik)
Bild: Video: rbb|24 | 09.07.2019 | Material: Brandenburg aktuell

Zehn Jahre nach Aus für Bombodrom - Im Süden Tourismus, im Norden Munitionssuche

Vor genau zehn Jahren gab das Bundesverteidigungsministerium bekannt, dass es auf den Ausbau des Truppenübungsplatzes in der Kyritz-Ruppiner Heide verzichtet. Das Areal zieht heute viele Besucher an - doch belastet ist es immer noch. Von Sandra Fritsch

Der Blick vom hölzernen Aussichtsturm auf dem Sielmann-Hügel im Süden des Geländes in der Kyritz-Ruppiner Heide ist grandios: Besucher können den Blick in die weite Heidefläche schweifen lassen. Es gibt gut ausgeschilderte Wege und zahlreiche Picknickhütten. Kutschfahrten werden angeboten, außerdem kann man per Rad und geführt die Region erkunden. Dort ist von der ehemaligen militärischen Nutzung des Geländes nichts mehr zu spüren.

Das Gebiet wurde inzwischen touristisch erschlossen - und werde auch gut genutzt, sagt der stellvertretende Landrat des Kreises Ostprignitz-Ruppin, Werner Nüse. "Ich war zur Eröffnung natürlich am Aussichtsturm - und dann wieder ein paar Wochen später an einem Wochenende. Da waren eine ganze Menge Leute, die machten da Picknick und sind auf den Turm geklettert. Da war durchaus reges Interesse spürbar."

Mit der Sonde auf Munitionssuche

Ein paar Kilometer nördlich sieht das Bild ganz anders aus. Knapp 100 Menschen durchkämmen das Gebiet mit sogenannten Sonden, immer zu zweit. Sie suchen gezielt Streuwaffen. "Einer führt die Sonde, erkennt das Signal, bewertet es und sagt, oh, hier habe ich etwas. Und dann wird das vorsichtig freigelegt, also angegraben und das immer nur spatentief", erklärt Rainer Entrup vom Bundesforstbetrieb Westbrandenburg. Dabei stelle man dann fest, ob es sich um Schrott handelt oder um etwas, das intakt erscheint. "Dann muss der zuständige Truppführer hingezogen werden, um zu entscheiden, wie es weitergeht."

Was am Ende mit gefundener Munition passiert, darüber hat dann der Kampfmittelbeseitigungsdienst des Landes Brandenburg das letzte Wort. Die Mitarbeiter sind inzwischen oft auf dem Gelände der Heide unterwegs. "Sie haben das letzte Wort, ob direkt an Ort und Stelle gesprengt wird oder ob die Waffen zum Sammelplatz nach Wünsdorf gebracht werden. Es sammelt sich täglich viel an - und wir können die Munition ja nicht einfach auf einen Haufen werfen", sagt Entrup.

Munitionssuche wird noch Jahre dauern

Die Streumunition steht absolut im Mittelpunkt auf dem gut 180 Fußballfelder großen Gelände. Dazu hat sich Deutschland mit dem Osloer Abkommen verpflichtet - ohne Ausnahme. Andere Munition, die dabei gefunden wird, muss aber ebenfalls entsorgt werden. Das schreibt die Kampfmittelverordnung des Landes Brandenburg vor.

Mit einem großen Aufkleber «Die Heide ist frei - 09.07.2009» haben Mitglieder der Bürgerinitiative Freie Heide ein Schild an der Kyritz-Ruppiner-Heide überklebt. (Quelle: dpa/Uwe Tackmann)
Am 9. Juli 2009 verkündete der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung das Aus für das "Bombodrom" | Bild: dpa/Uwe Tackmann

"Wir kommen langsam voran", sagt Rainer Entrup. "Stellen sie sich ein 50 mal 50 Meter großes Feld vor. Darauf finden wir mehrere Tonnen Metallschrott. Und zwischen diesem Schrott suchen wir dann nach der Streumunition. Das dauert. Stellen Sie sich ein Metallstück vor, das weit in die Erde reicht. Das müssen wir markieren, einen Bagger ordern, ein neuer Truppführer wird zuständig - und am Ende haben Sie eine 250 Kilo-Bombe am anderen Ende des Metallstückes, die auch entschärft und beseitigt werden muss."

Gut drei Jahre läuft die Suche nach der Streumunition auf dem Gelände schon. Der Bundesforstbetrieb  geht davon aus, dass die Arbeiten noch vier bis sechs Jahre dauern werden - eine Prognose, die sich auf die bisherigen Erfahrungen stützt. Erst ein Fünftel des Verdachtsareals wurde bisher abgesucht.

Erfolgreiche Demos für "Freie Heide"

"Ich kann mir vorstellen, dass weitere Wege geöffnet werden"

Aber wie sieht es aus? Gibt es eine Chance, dass vielleicht andere Bereiche der Heide für die Öffentlichkeit freigegeben werden? "Ich kann mir vorstellen, dass man auch dahinkommen kann, weitere Wege aufzumachen. Das allerdings zuerst in den Flächen, wo wir nur Verdachtsfälle von Munition haben und keine bestätigten Funde", erklärt Entrup. Solche Flächen gibt es unter anderem im Nordteil der Heide. Darüber laufen bereits Gespräche mit dem Landkreis Ostprignitz-Ruppin.

Diskutiert wird auch über ein Stück bei Rheinsberg, so Entrup. "Da ist nur das Problem, dass die Wegeführung, die man da angedacht hat, dass die genau über eine alte Schießbahn führt. Und die ist voller Metall und voller Funde. Das bedeutet, derjenige, der es freigeben möchte, muss es beräumen - und das wird sehr, sehr teuer."

Die Gespräche laufen - aber noch ist völlig offen, wann in diesen Fällen konkret etwas passieren wird. Die Kampfmittelräumung dauert jedenfalls noch lange an.

Sendung: Inforadio, 09.07.2019, 11:10 Uhr

Beitrag von Sandra Fritsch

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1 Kommentar

  1. 1.

    Ich erinnere mich gern an die Spaziergänge für eine freie Heide. Schön, dass es mit der Räumung der inzwischen geächteten Streubomben vorangeht. Perfekt wäre allen Munitionsschrott auf dem Gelände und in der ganzen Welt zu räumen. @ Bundeswehr Dafür bitte bedarfsgerecht Fachkräfte ausbilden. Zumindest die Munition, die deutsche Armeen hinterlassen haben kann in einem ersten Schritt weltweit geräumt werden. Eine sehr sinnvolle, friedensstiftende und ehrenwerte Aufgabe, die danach an anderen munitionsverseuchten Orten ausgeübt werden kann.

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