Die berühmte Stonewall in New York. (Quelle: rbb/K. W. Brandenburg)
Audio: Radioeins | 22.07.2019 | Interview mit Klaas-Wilhelm Brandenburg | Bild: rbb/K. W. Brandenburg

50 Jahre nach den Stonewall-Aufständen - Was das queere New York von Berlin unterscheidet

Vor 50 Jahren begehrten queere Menschen auf: bei den Stonewall-Aufständen in New York. Die Auswirkungen sind bis heute spürbar - auch in Berlin. Auch auf dem CSD am Samstag wird an die Aufstände erinnert. Von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Schummriges Licht, Pop-Musik aus den Lautsprechern und etliche Regenbogenfahnen, die von der Decke hängen: Auf den ersten Blick könnte das "Stonewall Inn" eine typische queere Kneipe in Berlin sein. Aber das Lokal liegt in der Christopher Street in New York und ist nicht einfach irgendeine Bar: Hier begannen vor 50 Jahren die Aufstände, die heute als die Geburtsstunde der modernen queeren Menschenrechtsbewegung gelten – und der Christopher Street Days, kurz CSDs.

Am frühen Morgen des 28. Juni 1969 stürmte die New Yorker Polizei das Stonewall Inn für eine Razzia. Das war damals traurige Routine. Offizieller Grund für die Razzien war meist eine fehlende Schanklizenz. Aber eigentlich ging es um die queeren Gäste: Bei diesen Durchsuchungen überprüfte die Polizei zum Beispiel das Geschlecht der Anwesenden. Sie wurden gezwungen, sich auf der Toilette auszuziehen. Wer Frauenkleider trug, aber einen Penis hatte, wurde verhaftet – auch alle, die Herrenbekleidung trugen, ohne einen Penis zu haben.

"Aufstand hat mein Leben erst möglich gemacht"

Die queeren Gäste des Stonewall Inn hatten das endgültig satt. Bereits mehrfach hatten sie sich gegen ihre Verfolgung und Kriminalisierung gewehrt. Doch jetzt wurden die Proteste offensiv. Lesben gingen gemeinsam mit Schwulen, Bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Menschen auf die Straße. Steine flogen. Es gab Schlägereien mit der Polizei. 

Fotos und Zeitungsartikel davon hängen noch heute eher unauffällig an den Holzpanelen des Stonewall Inn. Nur, wer genau hinschaut, entdeckt sie. Die heutigen Gäste der Kneipe sind sich allerdings durchaus bewusst, wo sie sich befinden. Dana, die in New York lebt und selbst lesbisch ist, sagt: "Für mich ist das Stonewall Inn der Ort überhaupt, wenn Du in einer historischen, bedeutsamen Institution sein willst. Schließlich gab es hier den Aufstand, der mein Leben sicherer, ja überhaupt erst möglich gemacht hat!"

Das berühmte Stonewall-Lokal in New York. (Quelle: rbb/K. W. Brandenburg)

"Vielleicht ist unser Weckruf, dass Donald Trump Präsident geworden ist"

Welche Auswirkungen die Aufstände bis heute haben, ist unter den Gästen immer noch Thema. "Das, wofür die Protestierenden vor 50 Jahren auf die Straße gegangen sind, ist immer noch nicht erreicht", sagt der 25-jährige Jake. Trans* Personen und People of Color, also nicht-weiße Menschen, würden immer noch ausgegrenzt und ihre Stimmen kaum gehört. Allein in diesem Jahr wurden bereits elf nicht-weiße trans* Menschen in den USA ermordet. Jake, selbst schwul, sagt deshalb: "Ich glaube, für die Rechte von schwulen weißen Männern müssen wir nicht mehr so stark kämpfen wie für die Rechte von trans* Menschen oder Einwanderern."

Evan, der mit Jake zusammen im Stonewall Inn nach einem langen Arbeitstag etwas trinkt, geht noch einen Schritt weiter: "Jede Generation braucht eine neue Version der Stonewall-Aufstände, eine Art Weckruf", glaubt der 26-Jährige. "Und vielleicht ist unser Weckruf, dass Donald Trump Präsident geworden ist."

Im Wahlkampf hatte sich Trump noch als Freund queerer Menschen inszeniert. Doch seit mehreren Monaten ist er dabei, ihnen hart erkämpfte Rechte wieder wegzunehmen. Seit Mitte April dürfen transgeschlechtliche Menschen nicht mehr im US-Militär dienen. Nur wenig später verbot Trumps Außenministerium den US-Botschaften, die Regenbogenflagge zu hissen – auch das gibt es im Stonewall-Jubiläumsjahr.

Gewalt gegen queere Menschen bleibt ein Problem

Jörg Steinert, Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbands Berlin-Brandenburg (LSVD), befürchtet, dass politische Kräfte auch in Deutschland die Zeit in ähnlicher Weise zurückdrehen könnten: "Was die queere Community erreicht hat, müssen wir verteidigen." Außerdem gebe es immer noch keine vollständige Gleichstellung queerer Menschen. Stattdessen sei Diskriminierung in vielen Lebensbereichen Alltag.

Auch Bastian Finke, Chef des schwulen Berliner Anti-Gewalt-Projekts Maneo, sieht für queere Menschen in Deutschland und Berlin grundsätzliche Herausforderungen: "Wir rufen einerseits dazu auf, zu uns zu stehen, und uns dadurch in der Öffentlichkeit auch sichtbar zu machen. Es ist traurig, dass wir durch unsere Sichtbarkeit auch Menschen scheinbar provozieren, die damit überhaupt nicht umgehen können und uns dann gewaltsam angreifen."

Berlin als Vorreiter in Deutschland

Finke appelliert deshalb auch an nicht-queere Menschen, sich klar gegen Intoleranz zu wenden und zu sagen: "Wir wollen Diskriminierung und Hass gegen queere Menschen nicht in unserer Gesellschaft."  

Grundsätzlich sei Berlin innerhalb Deutschlands aber ein Vorreiter, wenn es um die Rechte queerer Menschen geht, sagt Jörg Steinert vom LSVD. Aber: "Wir sind in Berlin noch lange nicht fertig!"

Berliner CSD erinnert an die Aufstände von Stonewall

Berlin ist damit für Deutschland, was New York für die USA ist: Es gibt nur wenige Städte im Land, die offener sind und mehr Freiheiten bieten. Aber auch in New York ist noch viel Hass gegen queere Menschen: Anfang Juni 2019 haben Unbekannte zwei Regenbogenflaggen von Alibi Lounge angezündet, der ersten queeren Bar in Harlem. Und erst dieses Jahr hat sich der New Yorker Polizeipräsident für das entschuldigt, was die Polizei vor 50 Jahren im Stonewall Inn gemacht hat.

In Deutschland hat sich 2018 erstmals ein Bundespräsident für die Verfolgung Homosexueller durch die Nationalsozialisten und die Bundesrepublik Deutschland entschuldigt. Doch als die Polizei letzten November sexpositive Clubs kontrollierte, fühlten sich in Berlin manche an die Zeit der Razzien in schwulen Kneipen erinnert.

Der Kampf für die volle Akzeptanz queerer Menschen ist noch lange nicht zu Ende. Auch deshalb erinnert der Berliner CSD in diesem Jahr ganz explizit an die Ereignisse vor 50 Jahren –
mit dem kämpferischen Motto: "Jeder Aufstand beginnt mit Deiner Stimme!"

Sendung: Abendschau, 26.07.2019, 19:30 Uhr

Beitrag von Klaas-Wilhelm Brandenburg

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7 Kommentare

  1. 7.

    Bedauerlicherweise gibt es diese Unterschiede bereits. In Sydney soll es die Weltweit beste CSD Parade geben. Das kann selbst in den USA wie NY nicht gestoppt werden. Aber muß man es überhaupt? So aber läuft das heutzutage, auch in Deutschland. Köln und Berlin machens vor. Aber in einem ist sich der CSD in San Francisco Kalifornien immer treu geblieben. Nämlich Lesbisch und Schwul zusammenzubringen bei der Demonstration. Dykes immer ganz vorne Weg auf ihren Motorrädern. War und wird auch so bleiben. 1992 liefen Lesben mit Sonnenschutzcremes an den Zuschauern entlang und verteilten diese auf die Arme. Wo gibt’s das in Berlin? Ich finde der CSD Verband in Berlin sollte sich mal zurückbesinnen und nicht unbedingt mit ach und Krach sein Ego durchziehen. Dann finden auch die Lesben wieder zurück zum ursprünglichen CSD Marsch. Viele andere auch. Aber so verkommt der CSD Pride mehr u.mehr den Geschmack einer Loveparade.

  2. 6.

    p.s.: Vielleicht wäre es interessant zu fragen: was verbindet/unterscheidet das queere Berlin vom queeren Beirut oder Stockholm oder Sydney?

  3. 5.

    Ach, das heilige Berlin. Es gibt in jedem deutschen Städtchen mittlerweile einen CSD, und ich fühle mich in Nürnberg lesbisch nicht weniger angekommen als in Cottbus. Der Tanz um die Hauptstadt finde ich nicht angemessen, das war in der Zwischenkriegszeit vermutlich anders. Und ich finde im Gegensatz zu anderen den Dyke March völlig richtig, auch wenn ich mir einen eindeutigeren Namen wünschen würde, den mehr Menschen verstehen. Frauen stehen nie im Mittelpunkt in gemischtgeschlechtlichen Kontexten. Und Frauen stehen selten füreinander ein, bei Männern ist das was ganz anderes. Und auch die Dyke Marches sind ein Erfolgsprojekt, wie die CSDs. Und ja, auch seit über 40 Jahren gibt es ein Lesbenfrühlingstreffen, und auch das ist sehr lebendig.

  4. 3.

    Biste sauer, weil einmal im Jahr durch eine solch derartige Demonstration die Bunte Vielfalt unserer Community gezeigt wird und das Weltweit. Eher hätte ich mir von Dir gewünscht, hier einen kritischen Beitrag zu lesen weshalb ausgerechnet die Lesbische Szene in Berlin es für nötig erachtet, eine Extra Wurst in Form einer Demo zu veranstalten. Denn so wie ich das aus San Francisco vom CSD kenne, führen immer die „Dykes auf ihren Motorrädern“ die Parade an. Bis heute. Ebenso diese, wie ich finde, doch recht Zweifelhafte Alternative politisch linksangehauchte Demo in Mitte. Aber es wird vorher, während und nachher heftigst auf diesen Umzug eingeschlagen und herumgemäkelt. Nuttenhafte Kleidung und wie bei der Loveparade. Typisch deutsch eben. Nächstes Jahr gehen wir alle geschlossen nur in Schwarz mit Trauerflor zum CSD. Ohne Wagen und Musik. Mal sehen wie das ankommt.

  5. 2.

    Insgesamt ist die Stadt agresiver geworden und auch heute auf den CSD fühlte ich mich nicht sicher.Früher war der CSD sowas wie ein Familienfest von uns Politischen Aktivisten heute kann ich das nicht mehr sagen.
    Eine Partymeile wo sich viele mit unseren Federn schmücken.
    Der klassenkampf den CSD und die verschiedenen sozialen Bewegung in West Berlin und International USA London....ist verloren gegangen,kein Zusammenhalt mehr.Damals war die Frauenbewegung ,Strickliese und Lesbe-Be-Frauenhäuser Mutterbewegung vereint, das hat Gender zersetzt und aufgehoben.Heute ist irgentwie vorgestern und übermorgen gibt es dann vielleicht die Strickliesenbewegung von anderen Seite?
    Homosexualität gibt es in allen schichten und Klassen unabhängig von Rechts oder Links.Viele Polizistinnen/Post-Bahnbeamtin...wählen die Konservativen und sind lesbisch sowie auch Mütter.Diskriminierung gibt es auch in allen Schichten,deshalb ist es so schade dass das Politisch Bunte am CSD verloren gegangen ist.

  6. 1.

    Super Artikel, danke.
    Bin nicht queer. Merke gerade: Mein Rechtschreibprogramm kennt queer nicht. Es gibt noch viel zu tun.
    Respect and solidarity!
    Freedom and peace.

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