Selbstgebautes Hochbeet in der Fehmarner Strasse
Markus Kowalski ‏
Video: rbb|24 | Annika Klügel | 04.07.2019 | Bild: Markus Kowalski ‏

Selber pflanzen im öffentlichen Raum - Wann man in Berlin zum Guerilla-Gärtner werden darf

Anwohner im Wedding wollen ihre betongraue Straße aufhübschen: Sie stellen Hochbeete auf, verbuddeln Blumen und Kräuter rund um einige Straßenbäume. Im Prinzip kein Problem, sagt das Grünflächenamt - und räumt trotzdem alles ab. Warum? Von Sebastian Schöbel

Die Fehmarner Straße im Berliner Wedding hat zweifelsohne ein paar echte Vorteile zu bieten: Im Norden steht man vor dem Virchow-Klinikum, im Süden am Nordufer des Berlin-Spandauer Schifffahrtskanals und auf halbem Weg zwischen beiden Straßenenden ist ein Eiscafé mit überragenden Bewertungen. Gleich nebenan ist der kultige Sprengelkiez, die U9 ist nur ein Steinwurf entfernt und auch der Flughafen Tegel ist schnell zu erreichen - was langfristig ja noch wichtig werden könnte.

Was der Fehmarner Straße allerdings fehlt - ist Grün: Außer ein paar Straßenbäumen ist hier nur Beton "gewachsen".

"Macht was draus"

Einige Anwohner nahmen sich der Sache nun aber an: Einer stellte ein selbstgebautes Beet auf den Gehweg, versehen mit der Einladung an alle, selbst etwas anzupflanzen. "Macht was draus", war auf einem angeklebten Zettel zu lesen. Außerdem wurden ein paar Pflanzringe aus Beton aufgestellt.

"Nach zwei Tagen war alles zugepflanzt", berichtet Markus Kowalski, der seit gut zwei Jahren in der Fehmarner Straße wohnt. "Das zeigt, wie gut die Idee angenommen wurde." Neben den Beeten sei auch gleich noch rund um einige Straßenbäume das kleine bisschen offenes Erdreich bepflanzt worden.

Mitarbeiter des Gründflächenamtes räumen den Mini-Garten in der Fehmarner Straße ab
| Bild: Markus Kowalski ‏

Grünflächenamt räumt alles ab

Als Kowalski am Mittwochmorgen zur Arbeit ging, war es mit der Guerilla-Gärtnerei allerdings vorbei: Mitarbeiter des Grünflächenamtes Mitte waren angerückt, um alles abzuräumen. "Das ist eine Sachbeschädigung der Bäume", habe man ihm unwirsch erklärt, schreibt Kowalski auf Twitter. Es habe die nötige Genehmigung gefehlt. Der junge Mann ist sauer: Die Genehmigung hätte man doch auch nachträglich erteilen können, sagt er. "Statt sich bei den Berlinern dafür zu bedanken, dass sie auf eigene Kosten den Kiez verschönern, droht dem Verursacher ein Bußgeld."

Beim Bezirksamt Mitte sieht man es allerdings etwas anders. "Im Zweifelsfall bei uns nachfragen", rät Sprecher Christian Zielke. Denn tatsächlich begrüße der Bezirk ausdrücklich, dass Berlinerinnen und Berliner die Betonwüsten der Großstadt verschönern. Zurzeit werden die Stadtbewohner sogar aktiv aufgerufen, Bäume zu gießen, damit sie nicht massenhaft austrocknen wie im vergangenen Jahr. Allerdings gebe es besonders bei der Bepflanzung von sogenannten Baumscheiben strenge Vorschriften.

Für den Baum pflanzen, nicht fürs Auge

"Eine Baumscheibenbegrünung muss sich immer nach den Bedürfnissen des Baumes richten", mahnt Harald Büttner, der Chef des Grünflächenamtes von Mitte. So dürfe die Baumscheibe, also die nicht zugepflasterte Erde rund um den Stamm, erst bepflanzt werden, wenn der Baum mindestens fünf Jahre alt ist.

Außerdem verträgt sich nicht jede Pflanze mit jedem Baum, so Büttner: "Tiefgreifende krautige Bepflanzung stellt eine erhebliche Nährstoff- und Wurzelkonkurrenz für Straßenbäume dar." Sie nimmt vor allem an trockenen Tagen "alle Bodenfeuchtigkeit auf, der Baum verdurstet". Gerade junge Bäume würden darunter leiden.

Außerdem dürfe maximal zehn Zentimeter tief gegraben werden, weil unter manchen Bäumen Leitungen liegen. Deswegen müsse jede Bepflanzung in Eigenregie vorab mit dem Grünflächenamt besprochen werden. Der Bezirk Mitte hat dafür extra eine Broschüre veröffentlicht [berlin.de] und ein Onlineformular ins Netz gestellt [berlin.de].

Lieber öffentliches Beet als Hundeklo

In der Fehmarnstraße hätten die Anwohner zudem einen weiteren Punkt missachtet: "Einzäunungen oder Hochbeete sind ausdrücklich nicht gestattet", so Büttner. Die könnten Verkehrshindernisse darstellen. Wohl auch deswegen hätten sich einige Anwohner beschwert, sagt Büttner. Einige Pflanzkübel und Beete hätten zudem zu nah an den Baumstämmen gestanden. "Eine Wasseraufnahme war nicht mehr möglich." Teilweise seien auch Wurzeln beschädigt worden, so Büttner.

Das Grünflächenamt will den Hobby-Gärtnern in der Fehmarnstraße allerdings nicht grundsätzlich den Spaß verderben: Mit etwas mehr Vorlauf und Absprache sei die Verschönerung der Straße auf eigene Faust durchaus möglich, deutet die Behörde an. Bodendecker seien zum Beispiel sehr nützlich, um herabfallendes Laub aufzufangen und in Humus zu verwandeln. "Den Bäumen im Straßenraum fehlt der durch Mineralisierung des Falllaubes entstehende Nährstoffnachschub", sagt Büttner.

Ein paar hübsche Blümchen rund um den Straßenbaum würden außerdem nicht nur nett aussehen, sondern auch dem Boden und damit den Bäumen gut tun – und ganz nebenbei "die Nutzung als Hundeklo oder Abfalleimer" mindern.

Kommentar

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16 Kommentare

  1. 16.

    Dumm nur, dass der Hundekot von den gleichen, dort Wohnenden, nicht weg gemacht wird.
    Einfach mal miteinander reden, dann bleibt vielleicht auch der Kot weg.
    Denk dran Hobbygärtner es ist dein Nachbar mit dem Hund

  2. 15.

    Dann soll doch das Grünflächenamt die Bäume gefälligst selber giessen. Schade um den Einsatz der Bürger.

  3. 14.

    Jeder braucht halt eine Bestätigung seiner Kompetenz und muss sein Machtgefühl stärken. Kommunikation ist da eher hinderlich.

  4. 13.

    Mag ja sein. Dann soll bitte primär auch von den Ausscheidungen der Hunde geschützt werden. Mehr als ein Fünftel der Bäume in Berlin sind dadurch schon erkrankt oder bis in die Wurzeln zerstört. Und dann soll das G-Amt auch selber gießen. Nicht einmal zu versuchen mit den Leuten ins Gespräch zu kommen finde ich dreist. Gibt die Situation auch in anderen Bezirken. Das Amt kümmert sich z.b. bei uns draußen um fast gar nichts. Wie gesagt, es wuchert Giftkraut und unsere beiden Naherholungsgebiete sind nur noch widerliche Hundeklos. Aber Pflanzen dürfen nicht gesetzt werden. Albern.

  5. 12.

    Ich finde es sehr gut, dass sich das Grünflächenamt kümmert und echten Einsatz zeigt. Danke für diesen Bericht. Denn nun kann den Damen und Herren endlich niemand mehr vorwerfen, angesichts des mehr oder minder verwahrlosten Zustands nahezu sämtlicher öffentlicher Grünanlagen und Stadtplätze würden sie nichts tun (von wegen "Personal- und Geldmangel"): Sie sind ganz schnell zur Stelle und zeigen richtigen, entschiedenen Einsatz, wenn es um die wirklich wichtigen Dinge geht (Untertanen Bescheid stoßen, dass in Preußen alles verboten ist, was nicht ausdrücklich erlaubt ist, und die Obrigkeit bei Eigeninitiative der Untertanen keinen Spaß versteht).

  6. 10.

    Eigenartig ist, dass hier das Grünflächenamt so schnell reagiert hat. Bei anderen Dingen wird immer Personal Not als Ausrede angegeben.

  7. 9.

    Wann haben Sie denn das letzte Mal "einfach so beim Bezirksamt was gefragt"? Wann haben Sie da jemanden erreicht? Vielleicht kennen Sie ein paar Tricks, wir sind dankbar wenn Sie uns die verraten.

  8. 8.

    "auf eigene Fest"??

  9. 7.

    Geht um den Schutz der Bäume.

    https://www.berlin.de/senuvk/natur_gruen/naturschutz/downloads/rechtsgrundlagen/landesvo/andere/baumschvo.pdf

  10. 6.

    Jo, so sind se, die Balina Stadtgärtner. Allet ab inne Tonne. Jrün stört nur beim Fegen. Gärtner- Ausbildung haben die Allerwenigsten. Aba jroße Klappe. Sachbeschädigung. Jenau.

    Denkt dran, det Karma / die Natur schlägt zurück. Vermutlich mit blanken, aufgeheizten Gehwegplatten im nächsten Sommer.

  11. 5.

    Bezirksamt / Grünflächenamt
    Baumscheiben Strenge Vorschriften - kann man nur lachen - in Moabit Wilsnacker Straße ist die Pflege der Baumscheien so toll, das schon junge Triebe , ne vielleicht junge Bäume heranwachsen, von wegen Pflege = Beseitigung von Wildwuchs

  12. 3.

    Im Artikel ist vom Nordufer der Spree die Rede. Es ist aber der Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal!

  13. 2.

    Wenn Hobbygärtner auf Profis treffen ;-) Jetzt mal ehrlich. Baumscheiben sind nicht umsonst geschützt. Einfach mal vorher beim Bezirksamt nachfragen kann ja nicht so schwer sein. Möglichkeiten gibt es ja.

  14. 1.

    Die Blumen und Pflanzen müssen weg, aber Pipi und Kacka von den Hunden können getrost jeden Tag...ach man, das ist doch verkehrte Welt. 'Ne Staude setzen ist verboten, aber gießen darf der Berliner. Giftige Ambrosia und Jakobskreuzkraut wuchern überall, aber Primeln sind dann wieder gefährlich für den Baum. Dann sollte sich der Senat mit den Leuten dort zusammen tun und Kompromisse finden, um das Interesse einiger Bürger an der Natur dieser Stadt nicht durch komplette Verbote im Keim zu ersticken.

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