Ein Nachtzug der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) im Berliner Ostbahnhof © imago images/Rüdiger Wölk
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Reportage | Reise von Berlin nach Polen - Nachtzug statt Ferienflieger

Für mehr Umweltschutz denken immer mehr Menschen über klimaneutrales Reisen nach. Auch unseren Reporter Tomasz Kurianowicz hat die "Flugscham" befallen. Seine Idee für den Sommerurlaub: eine Reise mit dem Nachtzug von Berlin nach Polen.

Ich erinnere mich, wie ich vor fünfzehn Jahren - noch zu Studienzeiten - mehrmals im Monat im unbequemen Sitzwagen nachts vom Berliner Ostbahnhof zu meiner damaligen Freundin nach München reiste. Die Fahrt im Nachtzug hatte etwas Romantisches: Ich sah das Licht der vorbeirauschenden Laternen durch die leicht abgedunkelten Scheiben, konnte kaum schlafen, wälzte mich von einer Seite auf die andere - und trotzdem genoss ich die Reise durch die Nacht. Schließlich war ich mit dem Sparpreis für 29 Euro unterwegs. Wer konnte da schon meckern?

Aber das war einmal: 2016 hat der damalige Bahn-Chef Rüdiger Grube die unrentablen Nachtzüge abgeschafft - trotz vieler Proteste. Jetzt vermissen viele Reisende den Nachtzug, weil es kaum eine bessere, romantischere und vor allem klimafreundlichere Art des Reisens gibt. Als ich dieses Jahr meinen Sommerurlaub plante und mit meiner Freundin den Entschluss fasste, aus Klimagründen auf den Flieger zu verzichten, wurde ich überrascht: Bei meinen Recherchen zeigte sich, dass der Nachtzug von deutschen Bahnhöfen nicht ganz verschwunden ist.

Nachtzug feiert Comeback

2016 übernahm die Österreichische Bahn, die ÖBB, einige Nachtzugverbindungen und baute sie sogar aus. Die rentabelste Strecke ist schon immer die Verbindung von Berlin nach Zürich - über Potsdam, Göttingen und Freiburg. Sie wurde nach einer kurzen Pause wieder aufgenommen und wird jetzt täglich befahren. Die Wagen sind modern. Man kann entscheiden, ob man im Liege-, Sitz- oder Schlafwagen die Reise auf sich nimmt. Außerdem ist der Zug relativ schnell unterwegs: Um 20:56 Uhr geht die Fahrt in Berlin los und  um 9 Uhr morgens kommt man am nächsten Tag in Zürich an. Vorher kann man im Abteil noch gemütlich frühstücken und danach entspannt die Stadt erkunden.

Das einzige Problem: Die Reise im Schlafwagen ist mit circa 219 Euro pro Person ziemlich teuer und damit keine kostengünstige Alternative zum Flugzeug. Das liegt aber auch daran, dass Bahnunternehmen 19 Prozent Mehrwertsteuer für die Tickets berechnen müssen, auch für Strom- und Dieselkraftstoff müssen sie Steuern zahlen. Das müssen Billigfluganbieter nicht.

Nur noch wenige Strecken von Berlin

Von Berlin aus gibt es nur noch wenige Nachtzugverbindungen. Immerhin fährt in der Sommerzeit zwei Mal die Woche der sogenannte Berlin-Night-Express in 14 Stunden von Berlin ins schwedische Malmö. Das Besondere: Einen Teil der Strecke erklimmt der Zug per Fähre. Eine Strecke kostet circa 100 Euro pro Person. Man schläft in einem etwas in die Jahre gekommenen Liegewagen, was nicht die bequemste Art des Reisens ist. Trotzdem finde ich in Anbetracht des Aufwands den Preis ziemlich fair. Außerdem spart man sich eine Nacht im Hotel. Zudem gibt es noch einen russischen Zug, der zwei Mal pro Woche von Berlin nach Paris fährt - und in die andere Richtung von Berlin über Warschau nach Moskau. Die Fahrt dauert circa 23 Stunden.

Der schönste Urlaub seit Langem

Zum Schluss habe ich mich mit meiner Freundin für einen Nachtzug nach Polen entschieden. Die ÖBB hat nämlich neben der Berlin-Zürich-Verbindung eine weitere Strecke aktiviert, die in mehrere osteuropäische Städte fährt. Es handelt sich um eine Zusammenarbeit zwischen der ungarischen, österreichischen und der polnischen Bahn. Und es funktioniert so: Ein Nachzug rollt täglich um 18:30 Uhr am Berliner Hauptbahnhof los und wird dann im polnischen Breslau geteilt. Ein paar Wagen fahren nach Wien, ein paar andere nach Budapest, und der Rest fährt über Krakau ins polnische Przemyśl – bis an die ukrainisch-slowakisch-polnische Grenze, also gefühlt bis ans andere Ende der Welt.

Genau dorthin bin ich gefahren, in die Beskiden, in einen naturbelassenen Nationalpark im südöstlichen Polen, wo ich wandern, Wanderhütten besuchen und großartig essen konnte. Auch ein günstiges 5-Sterne-Hotel gibt es dort. Jetzt kann ich sagen: Es war der beste Urlaub seit Langem. Ich schlief mit meiner Freundin im polnischen Schlafwagen im Zweierabteil. Wir hatten also eine eigene Kabine, jeweils ein eigenes, gemütliches Bett, ein Waschbecken, und haben pro Person 65 Euro gezahlt.

Es war bequem und morgens gab es einen Snack und Kaffee dazu. Einen Speisewagen gibt es nicht, aber der ungarische Schaffner hat in seiner provisorischen Küche ein Mikrowellen-Ananas-Frikassee aufgewärmt. Um 8 Uhr sind wir ausgeruht in Przemyśl angekommen und konnten gleich in den Urlaub starten. Meine nächste Reise geht im September mit dem Nachtzug nach Lissabon.

Beitrag von Tomasz Kurianowicz

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10 Kommentare

  1. 10.

    Wenn Sie Fairness erreichen wollen, dann bitte auch die externen Kosten einberechnen: Umweltverschmutzung durch CO2-Steuer einpreisen! Mal schauen, welches Verkehrsmittel dann noch seine Berechtigung hat. Ich bin in den Ferien 40 Std. Zug an einem Stück gefahren: Von Dallas nach Los Angeles um Verwandte zu besuchen. Wunderbare Landschaft. Viele Amis wissen nicht, dass man in ihrem Land so weite Strecken mit der Bahn zurücklegen kann. Und erst recht nicht, wie schön es sein kann. War nicht teurer als der Flug und wesentlich komfortabler. Den Flug über den Teich wollte ich durchs Schiff ersetzen, wofür meine Urlaubszeit aber leider nicht gereicht hat. Aber ein Flug innerhalb von 15 Jahren ist vielleicht zu verzeihen?

  2. 9.

    Sie haben recht wie auch alle anderen!
    Jedoch bitte alle zu gleichen Bedingungen! Fairen Lohn und Beförderungstarifen ohne Quersubventionen. Es hat jede Beförderungsart ihre Berechtigung.

  3. 8.

    Auch Autozüge gab es mal. Das war uns vor einigen Jahren viel zu teuer und nicht kompatibel mit dem Ziel im Süden. Aber heute denke ich über manches anders. Angebote und Kosten, um nach Italien (oder auch viel näher) - im Vergleich zur Zeitersparnis und weniger Stress, mit einem Gedanken an die Umwelt. Das wäre was vernünftiges.
    Mal etwas Spinnerei: Autozüge innerhalb Deutschlands, dann hätten die LKW mehr Platz. Denn die werden wohl nie wieder auf die Schiene kommen, auch nicht deren Fracht.

  4. 7.

    Ich finde auch das dies ein sehr stimmiger Beitrag ist. Es gibt traumhafte Strecken in ganz Europa aber der Norden hat für uns den größten Reiz. Von Oslo aus kann man mit dem Zug fast überall hinfahren. Die schönsten Strecken waren jedoch für uns von Oslo nach Bergen mit der Bergensbahn und von Oslo nach Trondheim. Die Rücktour jedesmal mit dem Nachtzug. Aber Ihre Route werden wir uns für einen der nächsten Trips genauer anschauen. Vielen Dank für den Tipp.

  5. 6.

    "früher", also vor ca. 12 Jahre, bin ich mit dem Autoreise-Nachtzug nach Österreich gefahren. Schlafwagen, sogar mit eigenem Bad! Und unschlagbarer Preis. Erfolgsmodell - wurde von der Bahn eingestampft. Ende. Dann bin ich also nach Österreich geflogen. Vor Ort den Hantier ohne Auto, kaum Gepäck (die sperrigen Wandersachen...). Über Umweltsünden bitte gar nicht erst nachdenken. Diese Flüge wurden dank mehrerer Pleiten auch eingestampft.

    Nun komme ich nicht mehr nach Österreich, außer mit dem Auto. Das geht aus div. Gründen nicht.

    Ich fahre also an die Müritz. Da, wo Blühstreifen an den Felder-Rändern gesät werden. Wo viel geradelt wird. Wo man ohne Flieger hinkommt - und ohne Bahn.

    Die Strecke nach Österreich hat der ÖBB leider nicht wieder aufgenommen (warum eigentlich??). Und die Bahn war so blöd, das wegzulassen. Wie hießen die Mehdorns noch alle, die das geschafft haben?

  6. 5.

    Für die Reise im Nachtzug nach Lissabon wünsche ich viel Spaß. Die Bahn gibt die Reisezeit ab Frankfurt mit 32 h an. Wenn sie über Irun in Spanien fahren sind es immer noch mehr als 25 h. Dazu muss man schon Liebhaber von Zugreisen sein.
    Der Flug dauert 3,5 h, da ich im Internet einchecke, die digitale Bordkarte habe und entweder Handgepäck dabei habe oder mein Gepäck selbst aufgebe, muss ich nur 1 h vor Abflug da sein.

    Während Sie also im Zug durch die Lande rumpeln, und augenscheinlich Ihren Spaß dran haben, genieße ich im Lissaboner Clube del Fado bereits meinen Rotwein und den Fado. Saúde!

  7. 4.

    Ein schöner Beitrag! Aber wie der Autor schreibt, gab es das früher alles schon mal. Und früher ist etwa 20-30 Jahre her. Da wussten wir alle schon um den Klimawandel (Club of Rome, Stichwort Grenzen des Wachstums, war 1972!!), sind trotzdem bereitwillig in hinsichtlich ihrer Ökobilanz fragwürdige Kurzstreckenflieger gestiegen und haben somit dem Nachtverkehr auf der Schiene das Grab geschaufelt. London, Paris, Rom, Athen, Belgrad, Budapest, Warschau, Moskau, Kopenhagen, Stockholm, Oslo waren alle mal von den großen Städten Deutschlands über Nacht (plus manche Tagfahrt) erreichbar. Das war uns aber irgendwann zu langsam. Jetzt entdecken wir eine neue Kultur der Langsamkeit. Das wäre schön. Innehalten täte uns gut. Small is beautiful. Gute Fahrt!

  8. 3.

    Reisen bildet, ist aber selten klimaneutral. Die E-Lok mag zwar augenwischend mit Ökostrom fahren, dafür bekommen andere mehr Kohlestrom, gerade in Polen. Man muss aufpassen, dass man nicht wegen der Werbesprüche häufiger reist als früher. Die Fernbusse haben so ihren eigenen Markt mit neuen Reisenden geschaffen.

    Wenn aus den 219€ für das Ticket nach Zürich alle Steuern herausgerechnet, ist der Nachtzug noch teurer als der Preis, der für viele Tickets der Billigflieger zu zahlen ist. Die Nachtzüge müssen fast die gleiche "Schienenmaut" bezahlen wie Tagesszüge, können die aber auf weniger Passagiere umlegen. Der ICE von Berlin nach Zürich hat mehr Plätze, die zudem oft mehrfach verkauft werden können. Die ÖBB hat übrigens viele der alten DB-Wagen übernommen.

  9. 2.

    Warum wird das Thema "Inlandsflug" in den Medien für die Masse der Bevölkerung immer wieder aufgegriffen? In anderen renommierten Medien kann man mittlerweile lesen, dass es hier nur um 8% der Bundesbürger geht! Ganz vorneweg die Leute vom Bundestag, Bonn / Berlin! Der Rest sind Geschäftsleute, wobei der normale Bürger gar nicht mehr auffällt. Möchte man jetzt der Bevölkerung ein schlechtes Gewissen einreden? Wenn ich fliegen möchte, dann mache ich das eben! So lange Politiker bei der sogenannten "Klimakrise" Gigabyte mit Kilowatt verwechseln und 2% mit 2°C, solange muss man sich keine Gedanken darüber machen!

  10. 1.

    Vielen Dank für den Text; es klingt sehr interessant und das Ziel in Polen kann ich mir gut vorstellen.

    Zur weiteren Info: vor zwei Jahren bin ich mit der Schwedischen Bahn mit dem Nachtzug von Stockholm nach Lappland (und später wieder zurück) gereist. Eine der wunderbarsten Reisen die ich unternehmen durfte. Im kommenden Jahr steht die Tour wieder an. Die Vorfreude ich jetzt schon da :-).

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