Die Sicherungsverwahrung in der JVA Tegel (Quelle: dpa, Hannibal Hanschke)
Video: Abendschau | 09.07.2019 | Störmann/Kell | Bild: dpa

Mann hatte schon 900 Mal Ausgang - Sicherungsverwahrter Gefangener in Tegel verschwunden

Wegen Vergewaltigung war der Mann zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden. Danach musste er in die Sicherungsverwahrung, durfte für seine Berufsausbildung die JVA tagsüber aber verlassen. Am Montag ist er von einem Freigang nicht zurückgekommen.

Die Berliner Polizei fahndet nach einem wegen Vergewaltigung verurteilten Mann, der nach einem Freigang nicht ins Gefängnis in Berlin-Tegel zurückgekehrt ist. Der Mann befand sich in Sicherungsverwahrung für gefährliche Täter, hatte aber Vollzugslockerungen, wie ein Sprecher der Senatsjustizverwaltung am Dienstag sagte. Er werde seit Montagabend vermisst, die Fahndung laufe.

Mehr als 900 Ausgänge

Nach Angaben der Justizverwaltung war der Mann 2005 wegen mehrfacher Vergewaltigung in Tateinheit mit Raub und Erpressung zu 12,5 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Seit 2017, nach Ablauf seiner Haftstrafe, galt für ihn die Sicherungsverwahrung. Diese kann für Gefangene nach Ablauf ihrer Strafe angeordnet werden, wenn weiterhin Gefahr von ihnen ausgeht. Doch weil das Recht auf Freiheit ein Grundrecht ist, haben Sicherungsverwahrte umfangreiche Ansprüche. "Wir sind gesetzlich und durch das Bundesverfassungsgericht dazu verpflichtet, dass auch Sicherungsverwahrten Männern die Möglichkeit gegeben werden muss, irgendwann wieder in Freiheit zu leben.", sagte Michael Reis von der Senatsverwaltung für Justiz dem rbb.

2018 begann der nun Vermisste eine berufliche Weiterbildung. Dafür durfte er tagsüber das Gefängnis verlassen. In den vergangenen Jahren kam er so auf insgesamt mehr als 900 Ausgänge aus dem Gefängnis und aus der Sicherungsverwahrung.

FDP: "Gesellschaft hat Anspruch auf dauerhaften Schutz"

Der FDP-Abgeordnete Holger Krestel kritisierte: "Warum wird Sicherungsverwahrung angeordnet, wenn jemand dann 900 Tage Ausgang bekommt?" Der Anspruch auf Resozialisierung von Tätern sei wichtig. "Aber es gibt in der Gesellschaft auch den Anspruch, vor manchen Fällen dauerhaft geschützt zu werden."

Die CDU erklärte, "schlimmste Befürchtungen" im Zusammenhang mit einem Neubau für derartige Straftäter in der JVA Tegel hätten sich bestätigt. Der Abgeordnete Stephan Schmidt betonte: "Der Vorfall ist nicht dazu geeignet, das Vertrauen in die Sicherheit der neuen Einrichtung zu erhöhen. Jetzt müssen die Konzepte dringend offen diskutiert werden, insbesondere alles, was das Sicherheitsbedürfnis der Nachbarn betrifft."

Berlin plant momentan eine neue Unterkunft für Häftlinge in Sicherungsverwahrung. Bis zu zehn Menschen sollen in Tegel im offenen Vollzug leben. Dafür soll bis zum Spätsommer 2020 ein Gebäude vor der JVA Tegel saniert und umgebaut werden. Justizsenator Behrendt will Insassen dort durch Therapie und intensive Betreuung schrittweise an ein Leben außerhalb der Gefängnismauern heranführen.

Sendung:Inforadio, 09.07.2019, 12 Uhr

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13 Kommentare

  1. 13.

    Sicherheitsverwahrung und "Freigang".

    Eigentlich ein Widerspruch in sich. Aber schön das wir das Recht auf Freiheit so hoch halten. Zum Leidwesen der restlichen Bevölkerung? Wem interessiert es schon.....

  2. 11.

    12 Jahre inkl. Sicherheitsverwahrung - da war dessen Tat nicht unbedeutend. 900 Tage davon könnte er in Freiheit - noch Fragen?
    Resozialisierungsprogramm hin oder her.
    Die Verurteilung zu so einer langen Haftzeit zeigt doch auch, wie gefährlich dieser Mann war/ist.
    Da kann man nur hoffen, dass es zu keinem Rückfall gekommen ist.
    Mal sehen, wie dass dann der Justizsenator dem Opfer erklärt.

  3. 9.

    Nun ist er in Sicherheit.

  4. 8.

    Also bei dieser Praxis fehlen mir echt die Worte und ich kann nur die Daumen drücken, dass dieser Sicherheitsverwahrte mit unbeaufsichtigtem Freigang keine neuen Opfer findet. Da verliert man echt das Vertrauen in die Justiz.
    Aber selbst Sicherheitsverwahrte in Begleitung konnten ja schon flüchten.

  5. 7.

    Sicherungsverwahrung, weil ein Vergewaltiger immer noch gefährlich ist, mit FREIGANG??? Das ist kein Strafvollzug, dass ist bitterste Realsatire... Kurze Nachfrage, losgelöst vom Einzelfall: Wie resozialisiert man jemanden, der nie sozialisiert war?

  6. 5.

    Sicherungsverwahrung mit über 900 Ausgängen! - Joke of the day!

  7. 4.

    Mir wäre es peinlich, Menschen so vorzuführen. Schamgrenzen sind halt sehr unterschiedlich.

  8. 3.

    Worin besteht in diesem Fall die Sicherungsverwahrung?

  9. 1.

    Warum werden die Artikel vor der Veröffentlichung nicht noch einmal gelesen? Rechtschreibung wird zum Fremdwort!
    ... Im Jahr 2015 dann war seine Haft gelockert worden ... ???
    ... Seit 2017 dann galt für ihn die Sicherungsverwahrung, ... ???
    Wäre mir als rbb peinlich - euch scheinbar nicht.

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