Ölgemälde der Gebrüder Posin, das die 1. Gemeindevertreter 2003 nach der Gemeindegebietsreform vor dem Flughafen BER zeigt. (Quelle: rbb|24/Ursula Brunner)
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Video: rbb|24 | 02.07.2019 | Bild: rbb|24/Ursula Brunner

Riesiges BER-Gemälde - Als der Pannenflughafen schon einmal fertig war

Im Rathaus Schönefeld hängt ein gewaltiges Gemälde: Das Hauptterminal des BER ist darauf zu sehen. Davor blicken 25 Menschen zuversichtlich nach vorne, denn über ihnen wird geflogen. Wie kann das sein? Die Geschichte eines Bildes. Von Ula Brunner

Wir haben das Bild zufällig entdeckt. In den Tiefen der rbb|24-Bilddatenbank stößt Kollege Mitya eines Tages auf das alte Foto eines gewaltigen Gemäldes. Das Monumentalbild zeigt den BER samt jenen, die ihn mitgeplant haben. Ein Bild, groß wie eine in Gold gerahmte napoleonische Schlacht.

Sofort beugt sich die halbe Redaktion über Mityas Bildschirm. Gibt es das Prachtwerk noch? Wer hat es initiiert, und wer warum gemalt?

Das Bild

Menschen auf zehn Quadratmetern Leinwand: Die komplette erste Gemeindevertretung Schönefelds schaut in dem Ölschinken fest nach vorn. Unter die niederen Chargen der Politik haben sich Matthias Platzeck (SPD), damals noch amtierender Ministerpräsident, und der scheidende Landrat Martin Wille (SPD) gemischt. Sie alle stehen wie beim gemeinsamen Konfirmationsfoto stolz aufgereiht und blicken der Zukunft zuversichtlich ins Auge: Berlin kann auch Airport.

Im Hintergrund ragt das Hauptterminal des Großflughafens wie eine Verheißung in den blauen Himmel, an dem Flugzeuge ihre Bahnen ziehen. Das Sorgenkind der Region, die endlose Baustelle, das Milliardengrab – auf diesem Gemälde ist der Großflughafen schon in Betrieb.

Eine erste Recherche ergibt: Das Bild wurde 2008 gemalt – zwei Jahre nach dem ersten Spatenstich und drei Jahre vor der geplanten Eröffnung im Herbst 2011, einer von vielen. Aber existiert das Werk überhaupt noch? "Natürlich!", sagt Udo Haase, der parteilose Bürgermeister der Gemeinde Schönefeld. "Das können Sie sich jederzeit bei uns im Rathaus anschauen."

Schönefeld - Rathaus in der Hans-Grade-Allee (Quelle: rbb|24/Ursula Brunner)
Das Schönefelder Rathaus. | Bild: rbb|24/Ursula Brunner

Schönefeld

Wer zu Haase die S-Bahn nimmt, fährt bis zum Bahnhof "Flughafen Berlin Schönefeld" und folgt dann dem großen Pfeil "Rathaus". Dann kommen knapp ein Kilometer Fußweg, quer durch Wiesen und Brachen, bis zur Hans-Grade-Allee. Es ist nicht zu übersehen, dass der Ort vor nicht allzu langer Zeit ein Dorf war. Doch überall wird gebaut, Wohnviertel, Schulen, Einkaufszentren. Schönefeld wächst und wächst – auf mittlerweile knapp 16.000 Einwohner. 

Der Schönefelder Bürgermeister Dr. Udo Haase am Schreibtisch (Quelle: rbb|24/Ursula Brunner)
Der Schönefelder Bürgermeister Udo Haase mit einem Foto des Bildes in seinem Amtszimmer. | Bild: rbb/Ula Brunner

"Vor dem Zaun"

Udo Haase ist seit 2003 hier Dauerbürgermeister. Der 67-Jährige ist ein Macher, der viel Häme wegen des verpatzten Flughafens erdulden muss. Zahlreiche Verschiebungen hat er miterlebt, vier Flughafenchefs kommen und gehen sehen – und noch immer kein Großflughafen: "Wir in Berlin haben sechs interkontinentale Verbindungen, London hat 160, Paris 140. Da wissen wir, wo wir international stehen." Doch im Gegensatz zum BER erlebt die Gemeinde "vor dem Zaun", wie es Haase nennt, einen Höhenflug. Wegen der exponierten Lage am Autobahnkreuz und der Berliner Stadtgrenze haben sich wirtschaftlich starke Firmen hier angesiedelt. Die Einnahmen aus Grund- und Gewerbesteuern füllen die Kassen. Schönefeld ist die reichste Gemeinde Brandenburgs: Allein 2018 führte man 38,7 Millionen Euro in den kommunalen Finanzausgleich ab.

Werbung von dem Flughafen BER (Quelle: rbb|24/Ursula Brunner)
Flughafengemeinde mit ungebrochenem Selbstbewusstsein. | Bild: rbb|24/Ursula Brunner

Die erste Schönefelder Gemeindevertretung

Allen Widrigkeiten zum Trotz versteht man sich als Flughafengemeinde: Im neuen Rathaus sind überall Fotos, Zeichnungen, Modelle von Flugzeugen, auch aus der Zeit als Schönefeld noch DDR-Airport war. Das imposante BER-Gruppenbild hängt seit rund elf Jahren im großen Brandenburg-Saal, wo bis heute die Sitzungen der Gemeindevertretungen stattfinden. Es zeigt "die erste Schönefelder Gemeindevertretung, die für die 2003 neu gegründete Gemeinde zwischen 2001 und 2008 zahlreiche Beschlüsse fasste und für die Zukunft der Flughafengemeinde die entscheidenden Weichen stellte", informiert das Täfelchen links daneben.

Engelbert Lütke Daldrup unterhält sich im Rathaus Schönefeld mit einem Gemeindemitglied (Quelle: dpa/Wolfgang Kumm)
25 Menschen vor dem Großflughafen. | Bild: dpa/Wolfgang Kumm

"Willkommen und Abschied"

Das Bild war ein Abschiedsgeschenk, "ein großer Spaß", eine Überraschung für den scheidenden Schönefelder Ortsteilbürgermeister Joachim Wolff und Landrat Martin Wille. Frei nach Goethe habe man damals den Titel "Willkommen und Abschied" gewählt, um die Aufbruchsstimmung von 2008 in Worte zu fassen. Auf fünf mal zwei Metern behält die alte Gemeindevertretung in Schönefeld seither stets die neuen Entwicklungen im Auge. Vier der Porträtierten sind mittlerweile verstorben.

Für Haase ist das Bild eine "schöne Erinnerung". "BBI" prangt in Großbuchstaben über dem Hauptterminal. So sollte der Flughafen einst heißen. Er habe das Gemälde bei den Brüdern Posin in Auftrag gegeben, die es nicht nur mit ihrem Namen, sondern auch mit ihrer Handynummer signiert haben. 

Berliner Gebrüder Posin in Atelier (Quelle: rbb|24/Ursula Brunner)
Eugen Posin (li) und sein Bruder Michael vor ihrer Galerie. | Bild: rbb|24/Ursula Brunner

In Neukölln

Der Besuch bei den Schöpfern führt nach Berlin-Neukölln. Die Exilrussen Michael, Eugen und Semjon Posin sind eine Klasse für sich. Mit Siebzigerjahre-Schlaghosen, Lederjacken, langen Haaren und starkem Akzent pflegt das Trio ein stilsicheres Künstler-Image zwischen Renaissance-Mensch und Cowboy. Auch ihre Galerie in der Wipperstraße ist beachtlich aus der Zeit gefallen: ein atmosphärischer Eklektizismus mit tiefroten Wänden, weißlichen Styropor-Deckenplatten, zerknautschten Ledermöbeln, halbvollen Weinflaschen, überquellenden Aschenbechern. Und überall hängen und stapeln sich Bilder: van Gogh, Franz Marc, Da Vinci, wohin das Augen blickt. 2001 eröffneten die Brüder den Kunstsalon Posin und machten sich bald als "Fälscher" einen Namen. Von hier aus beliefern sie solvente Kunden weltweit mit Kopien berühmter Gemälde.  

Berliner Gebrüder Posin in Atelier (Quelle: rbb|24/Ursula Brunner)
Der Kunstsalon Posin in Berlin-Neukölln. | Bild: rbb|24/Ursula Brunner

Die Künstler

Auch die Schönefelder Gemeindevertretung wurde hier in Öl auf Leinwand verewigt. "Es sollte ein Gruppenbild werden. Aber es gab kein Foto, auf denen alle zusammen zu sehen waren, und sie haben uns auch nicht Porträt gesessen", erzählt Eugen Posin mit seiner leisen Stimme. Vorlage waren Passfotos und Familienbilder der einzelnen Protagonisten.

Das Gemälde ist quasi ein Retortenprodukt: "Von manchen hatten wir nur den Kopf, von anderen auch den Oberkörper. Wir haben sie so platziert, dass sie zusammenpassen, dass es natürlich aussieht. Aber das ist schwer, wenn man sie nicht kennt." Deswegen hat mancher der Dargestellten im wirklichen Leben eine andere Statur als auf dem Gemälde. So karottenrot wie auf dem Foto hat wohl auch der Haarschopf von Ex-Landrat Martin Wille nicht geleuchtet.  

Ölgemälde der Gebrüder Posin, das die 1. Gemeindevertreter 2003 nach der Gemeindegebietsreform vor dem Flughafen BER zeigt. (Quelle: rbb|24/Ursula Brunner)
Ausschnitt (v. li nach re): Gemeindevertreterin Renate Pillat (AfE), Gemeindevertreter Wolfgang Fieber (PDS), Vorsitzender der Gemeindevertretung Olaf Damm (AfE), Bürgermeister Udo Haase (AfE), Ex-Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), Ex-Landrat Martin Wille (SPD), Wilfried Kind (AfE). | Bild: rbb|24/Ursula Brunner

Die Arbeit zog sich hin. Einer der Porträtierten, der Gemeindevertreter Frank Groth, musste noch nachträglich in das bereits aufgehängte Bild hinzugefügt werden. Man hatte ihn wohl anfänglch vergessen. "Ich hatte nur wenig Zeit. Auf dem Foto von Groth waren nur Kopf und Schulter zu sehen, und ich musste irgendwo für ihn Platz finden. Das war kompliziert, denn ich stand auf der Leiter und musste ihn in das Bild hineinmalen."

Ölgemälde im Rathaus (Quelle: rbb|24/Ursula Brunner)
Frank Groth, 3. von links, wurde erst eingefügt, als das Bild schon hing. Man hatte ihn wohl vergessen. Warum, weiß Bürgermeister Haase auch nicht mehr. | Bild: rbb|24/Ursula Brunner

Notre Dame

Ungewöhnlich finden die Posins indes ihr Kompositionsverfahren nicht. Das sei eben Kunst. Früher seien solche Personen-Collagen absolut verbreitet gewesen, sagt Eugen und verweist auf Raffaels berühmtes Fresko "Die Schule von Athen". Für die Neuköllner Exilrussen ist auch die lange Bauzeit des BER nicht weiter der Rede wert: "Wenn man früher Kirchen baute, hat das manchmal 200 Jahre gedauert, wie bei Notre Dame. Solange wird der Flughafen hoffentlich nicht brauchen." 

Hoffentlich nicht. Oder hat dieses Bild vor dem Background des Pannen-Airports für die Betrachtenden im Schönefelder Rathaus schon Symbolcharakter, als Mahnmal, als Studie von Hoffnung und Vergeblichkeit? Ach was, winkt Bürgermeister Udo Haase ab. "Darauf achtet niemand, das ist einfach immer da. Wenn das Gemälde mal Wert kriegt, dann durch die Gebrüder Posin. Die sind die besten Fälscher in Deutschland, die können alles fälschen." Sogar einen funktionierenden BER.

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10 Kommentare

  1. 10.

    "Die Hauptauftraggeber haben beretis sogar Ihre Mafia geschickt, die Drohungen ausgesprochen haben."

    Das BER-Desaster in allen Ehren, aber: Hätten Sie noch Belege zu dieser Aussage zur Hand? Beste Grüße

  2. 9.

    Auftraggeber könnte die Staatsanwaltschaft gewesen sein. Ansonsten haben die Strafverfolgungsbehörden ja alle schon da. Das ist kein Kunstgemälde. Das sind Phantomzeichnungen der Polizie für Fahnungsaufruf.
    Der BER ist eines der größten Korruptionsprojekte in Deutschland. Die beiteiligten Großfirmen haben bewußt Korruption betrieben und gehören allen auf die Anklagebank, müssen eingesperrt werden und den Millardenschaden ersetzen.
    Das Thema ist bekannt. Doch keiner traut sich. Die Hauptauftraggeber haben beretis sogar Ihre Mafia geschickt, die Drohungen ausgesprochen haben.

  3. 8.

    Wer hat das Bild bezahlt?

  4. 7.

    nicht jeder Traum muss in Erfüllung gehen , wichtig ist nur , dass man träumt..............

  5. 5.

    Was für eine schöner Artikel, hat mich gut unterhalten. Danke dafür!

  6. 4.

    Frage: Wer ist der Maler?

  7. 3.

    Zwei der Hauptverantwortlichen Wowereir und Platzeck gehören für diese Leistungen beim BER lebenslänglich eingesperrt.

  8. 2.

    Angesichts früheren Jahrhunderte, in denen bildhaft die Mitte zwischen Dichtung und Wahrheit getroffen wurde, wirkt das Bild schon fast rührend. Wenn die betreffenden Herren und die vier Frauen nicht so stocksteif und verkniffen da stehen würden, als wären sie zu SED-Zeiten gemalten worden.

    Die Eklat tut sich m. E. auf, weil ein Flughafen als ausschließlich technische Einrichtung so überhaupt nichts von Lyrik hat. Deshalb geht das Bild eher in die Reihe propagandistischer Machwerke ein bzw. in die Nichtssagenheit, die Glückwunschadressen ggf. für alle Jene vorzuformulieren, die bei einer Wahl einen Posten erringen könnten, nur, um beim tatsächlichen Glückwunsch der Erste zu sein.

  9. 1.

    Das nennt man wohl stalinistische Kunst. Solls in Nordkorea auch geben, Postkarten mit Hochhäusern die nie fertig gebaut wurden...

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