GSG9-Spezialeinsatzkräfte und weitere Bundespolizisten lassen sich in Berlin beim Besuch des Bundesinnenminsters fotografiernen und filmen. Quelle: dpa/Kay Nietfeld
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Interview | ARD-Terrorismusexperte - "Die Berliner Polizei wird für das GSG9-Standbein dankbar sein"

Extremismus, Razzien, Clans: Das Spektrum potenzieller Einsätze für die Spezialeinheit der Bundespolizei ist wohl nirgendwo so groß wie in Berlin. ARD-Terrorismusexperte Michael Götschenberg spricht über spezielle Fähigkeiten der GSG9 und die Unterschiede zum LKA.

rbb|24: Eine von insgesamt vier GSG9-Einheiten soll dauerhaft in Berlin stationiert sein. Warum wurden die Spezialkräfte jetzt in die Hauptstadt geholt?

Michael Götschenberg: Diese Entscheidung, hier eine GSG9-Einheit aufzubauen, ist der Entwicklung der europäischen Sicherheitslage geschuldet. Eine konkrete Bedrohung gibt es hier aktuell laut Bundespolizei zwar nicht. Allerdings haben wir den letzten Jahren in Europa mit einer Vielzahl islamistisch motivierter Anschläge zu tun gehabt. Die Täter haben häufig in den Hauptstädten an prestigeträchtigen Orten zugeschlagen. In Berlin will man im Fall einer akuten Bedrohung in Zukunft auch näher am Geschehen sein.

Wodurch unterscheidet sich die GSG9 etwa vom Spezialeinsatzkommando des Berliner Landeskriminalamts?

Die GSG9 ist als Eliteeinheit der Bundespolizei nicht unmittelbar den Bundesländern unterstellt. Die Einsatzkräfte gehören bundesweit zu den besten, die die Sicherheitsbehörden aufbieten können. Einerseits ist die GSG9 deutlich größer als die Spezialeinsatzkommandos der Länder. Zum anderen verfügt der Verband über besondere Fähigkeiten: Die Einheiten können etwa Luft-Landungs-Operationen durchführen oder mit Schnellbooten und Taucheinheiten im Wasser agieren. Das unterscheidet sie wesentlich von den Spezialeinheiten der Landeskriminalämter.

Wie muss man sich den Arbeitsalltag einer solchen Einheit vorstellen, wenn es nicht gerade Einsätze bei akuten Bedrohungslagen gibt?

Die GSG9 ist wesentlich öfter im Einsatz als man gemeinhin vermuten würde, pro Jahr etwa 50 Mal. Die Einheit ist oft beteiligt, wenn die Polizei damit rechnen muss, dass Verdächtige bewaffnet sind, oder die Einsatzlage kompliziert ist. Abgesehen von solchen Einsätzen wird sehr viel trainiert, zum Beispiel, wie die Einheiten mit speziellen Herausforderungen in der Realität umgehen müssen.

Islamistische Terrororganisationen propagieren seit einigen Jahren, Anschläge mit chemischen und biologischen Waffen durchführen zu wollen. Deshalb soll sich die GSG9 in Berlin vor allem auf die Abwehr solcher Attacken spezialisieren.

Inwiefern könnte die GSG9 die Berliner Polizei im Kampf gegen kriminelle Clans unterstützen?

Ich gehe davon aus, dass die Senatsinnenverwaltung dankbar ist für dieses GSG9-Standbein in Berlin, vor allem weil hier das ganze Spektrum an denkbaren Einsatzbereichen für eine solche Einheit vorhanden ist: Vom Rechtsextremismus über Islamismus bis hin zur Clankriminalität. Es wird wahrscheinlich eine Entlastung sein für die Polizei in Berlin, diese Einheit bei anstehenden Operationen zu nutzen. Etwa auch bei Razzien und anderen Einsätzen gegen kriminelle Clans.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Michael Götschenberg führte Roberto Jurkschat, rbb|24.

Sendung: Inforadio, 10.07.2019, 13 Uhr

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9 Kommentare

  1. 9.

    Sehr richtig! Habe ich auch nicht in Frage gestellt. Das Problem stellt sich so nicht, außer Ignoranz steht jeden Tag an der Spitze des Denkens. Guten Tag!

  2. 8.

    Die Bundespolizei und auch das BKA sind nicht nur für Berlin zuständig. Das BKA hat den Hauptsitz in Wiesbaden. Wo ist das Problem? Für Auslandseinsätze zb ist die Nähe zu Frankfurt besser als in Berlin zu sein.

  3. 7.

    Wo haben Sie das „noch“ her? Da steht dankbar sein, ein noch ist schon Ihre Interpretation. Außerdem ist die GSG eben eine Einheit der Bundespolizei. Insofern wird allein die Bundespolizei in Berlin froh sein, eine solche Einsatzgruppe zu haben. Das reicht schon. Und bitte immer bedenken, die Bundeswehr darf im Inland nicht eingesetzt werden. Daher sind solche Gruppen notwendig. Auf Landesebene gibt es ja die SEK. Für den Bereich Ausland haben die Polizeilichen Bundesbehörden auch Bedarf an der GSG. Das KSK der BW kann nur bedingt unterstützen.

  4. 6.

    Die Stationierung einer gut ausgebildeten Spezialeinheit ist in Berlin dringend nötig. Kein regulärer Polizist ist für Geiselnahmen wie im Bataclan, Terroranschläge o.ä. Szenarien ausgebildet, ausgerüstet oder vorbereitet. Selbst für den normalen Streifendienst hapert es oftmals an Ausrüstungsgegenständen. Somit sind die normalen Einsatzkräfte völlig überfordert. Die meisten mir bekannten Polizisten haben z.B. ihre eigenen Schuß- und Stichschutzwesten, da die regulären Westen den Anforderungen gar nicht genügen.

    In Deutschland, und das haben Protokolle der Nachrichtendienste klar gezeigt, befinden sich militärisch ausgebildete und bewaffnete Personengruppen, denen die Polizei hoffnungslos unterlegen wäre. Das linksgerichteten Personen ein Problem mit der Etablierung einer solchen Einheit haben, liegt in der Natur der Sache. Mir ist aber eine GSG9 Einheit bei einem Anschlag oder einer Geiselnahme erheblich lieber als linke "Aktivisten".

  5. 5.

    "Eine konkrete Bedrohung gebe es zwar nicht", aber Berlin werde für die Stationierung von Paramilitärs in der Bundeshauptstadt noch "dankbar sein" - Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

  6. 4.

    "Vom Rechtsextremismus über Islamismus bis hin zur Clankriminalität": alles richtig! Aber ein größerer Posten fehlt doch noch, oder?
    Obwohl Anschläge oft so schnell ablaufen, dass effektive Hilfe schwer ist, finde ich, dass eine solche Einheit in der Hauptstadt vertreten sein sollte. Direkt zentral liegen Sankt Augustin/Bonn ja auch nicht. Es bleibt zu hoffen, dass der Großeinsatz nie nötig wird.

  7. 3.

    Seltsam? Wir haben immer noch nach fast '30 Jahren' (Ende der Teilung) zwei Hauptstädte, Bonn und Berlin. Egal was es kostet und kritische Medien ... rbb ...

  8. 2.

    "Es wird wahrscheinlich eine Entlastung sein für die Polizei in Berlin, diese Einheit bei anstehenden Operationen zu nutzen. Etwa auch bei Razzien und anderen Einsätzen gegen kriminelle Clans."

    Na die GSG9 wird sich bedanken. Ich glaube die haben anderes zu tun, als sich von der Berliner Polizei bei ihren Alltagsaufgaben verfrühstücken zu lassen.

  9. 1.

    Seltsam was die GSG9 immer noch in Bonn wollen, weil Berlin ist ja jetzt die Hauptstadt. Aber egal wo die Bedrohung ist, ohne die GSG9 kann man die Demokratie nicht verteidigen!

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