Der frühere Gefechtsbeobachtungspunkt auf dem Bombodrom-Gelände bei Fretzdorf, aufgenommen am 28.06.2012 (Quelle: dpa/Bernd Settnik)
Audio: Inforadio | 09.07.2019 | Interview mit Rainer Entrup | Bild: dpa/Bernd Settnik

Interview | Munitionsräumung auf Bombodrom-Areal - "Ein Gelände wie eine offenstehende Waffenkammer"

Rainer Entrup, Leiter des Bundesforstbetriebs Brandenburg-West, überwacht die Räumungsarbeiten auf dem Bombodrom-Areal im Norden Brandenburgs. Im Interview spricht er über aufwändige Einsätze - und die Ruhe der Heidelandschaft.

rbb: Wie belastet war das Bombodrom-Gelände als die Bundesregierung es 2011 übergeben hat?

Rainer Entrup: "Flächig und extrem", ein Zitat damals eines Ordnungsamtsleiter, der in Abstimmung mit uns die ersten Besichtigungen durchgeführt hat. Das Gelände konnte man sozusagen mit einer offen stehenden Waffenkammer vergleichen. Jeder Jäger in Deutschland muss seine Gewehre und seine Waffen getrennt und verschlossen verwahren. Das war dort nicht der Fall und hat dazu geführt, dass man damals sehr schnell entschied, die Fläche kann nicht öffentlich betreten werden. Die hat eine Sperrverordnung damals bekommen, um Sicherheit für die Menschen im Umfeld und vor allen Dingen für Menschen, die die Flächen nicht kennen, zu erzeugen. Heute sind wir allerdings schon ein ganzes Stück weiter und stehen besser da.

Wie aufwändig ist und war es, diese alten Sprengsätze zu entschärfen?

Entschärfen kann man vieles gar nicht, weil man dafür Zugriff auf einen Zünder haben müsste. Dann könnte man mit den zuständigen Kampfmittelräumdienst des Landes Brandenburg so etwas vollziehen. Es gibt aber hier Munition, die sich nicht entschärfen lässt, sondern nur gesprengt werden kann. Das tun wir bis heute, wie auch in den vergangenen Jahren massiv, weil es auch besondere Munition gibt. Die nennt sich salopp "Streuwaffen-Munition" und ist international geächtet. Die Beseitigung bedeutet einen erheblichen Aufwand. Wir werden einen hohen zweistelligen Millionenbetrag ausgeben, um das zu leisten.

Das heißt, Sie durchforsten dieses riesige Areal, haben das in weiten Teilen auch schon getan, mit Detektoren und sprengen.

Richtig. Die Streuwaffen-Fläche ist eine Teilfläche, die ungefähr zehn Prozent dieses 120 Quadratkilometer großen Areals beträgt. Das sind etwa 15.000 Fußballfelder am Stück, um es verständlicher zu machen. Fast jede Woche sind dort Sprengungen zu unternehmen, um die Munition zu beseitigen, die man nicht transportieren kann oder darf. Andere Munition wird transportiert, in Verlege-Betriebe gebracht und dort delaboriert. Die anderen Flächen, außerhalb dieser zehn Prozent, haben wir grundsätzlich untersucht, ob dort Gefährdungslagen für die anliegenden Dörfer existieren. Dies konnte weitgehend ausgeschlossen werden. Im Rahmen unserer naturschutzfachlichen Aufgaben brennen wir beispielsweise Heideflächen ab, um sie als Schutzgebiete zu erhalten. Da entdecken wir auch Munition, die wir vorher in der halbmeterhohen Heide nicht sehen konnten. Das heißt für uns automatisch: bergen, beseitigen, sprengen, Kampfmittelräumdienst, ordnungsgemäßer Umgang.

Wer bezahlt diesen aufwändigen Prozess?

Für das Thema Munition ausschließlich der Bund auf der bundeseigenen Fläche. Ansonsten ist es ein kompliziertes Rechtskonstrukt. Da trennt man zwischen alliierter Munition und Wehrmachtsmunition. Im Fall der Wehrmacht zahlt immer der Bund. Alliierte Munition zahlen die Bundesländer, was immer wieder eine sehr strittige Frage im Bundestag ist, weil natürlich die Belastung der Länder sehr unterschiedlich ist. Brandenburg hat extrem viele solche Fälle. Mecklenburg-Vorpommern anteilig und natürlich alle die Flächen, die intensiv im Kriegsgeschehen belastet wurden, also zum Beispiel auch das Ruhrgebiet.

Was finden und suchen die Touristen, die heute zum Wandern und Entspannen in die Heide kommen?

Sie finden ein einmaliges Naturerlebnis in einer der größten existierenden Heide-Landschaften Deutschlands und Europas. Wir arbeiten eng dort zusammen mit der Heinz-Sielmann-Stiftung, die 4.000 Hektar in die naturschutzfachliche Betreuung im Sinne des Nationalen Naturerbes übernommen hat. Dort kann ich vollständige Ruhe genießen. Ich kann Sterne ohne Störung erleben. Ich kann seltene Arten des Lebensraums Heide erleben und auch noch Arten, die sich zurückgezogen haben, weil unsere intensive Landwirtschaft leider viele Arten gezwungen hat, in die Heide auszuwandern.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Martin Krebbers für Inforadio. Der Text ist eine redigierte und gekürzte Fassung. Das ganze Interview können Sie hören, wenn Sie auf das Abspielsymbol im oberen Bild klicken.

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