SYMBOLBILD: Ein moderner ICE steht im Hauptbahnhof München (München)
Bild: imago/Winfried Rothermel

Interview | Sicherheit auf Bahnhöfen - "Eisenbahnen bremsen vergleichsweise schlecht"

Nach dem Tod eines Achtjährigen im Hauptbahnhof Frankfurt am Main stellt sich die Frage: Kann man solche Fälle durch technische Lösungen verhindern? Leider sei das nicht so einfach, sagt der Ingenieur Sven Hietzschold von der TU Dresden im Interview.

Am Montag hat ein Mann auf dem Bahnhof in Frankfurt eine Mutter und dann ihr Kind vor einen einfahrenden ICE gestoßen. Die Mutter konnte sich retten, der Junge wurde von dem Zug erfasst und getötet. Ein ähnlicher Fall ereignete sich im Januar 2016 in Berlin: Auf dem U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz stieß ein psychisch kranker Mann eine 20-Jährige vor die einfahrende U-Bahn. Die junge Frau starb.

Herr Hietzschold, können Bahnsteige vor solchen Attacken gesichert und die Reisenden geschützt werden?

Sven Hietzschold: Aus Bahn-Systemsicht ist es sehr schwierig, dort eine sinnvolle technische Lösung zu finden, weil so ein unabsehbares Verhalten nicht wirklich kalkuliert werden kann. Der Mann hätte auch jemanden auf die Straße schubsen können – auch da gibt es keine absolute Sicherheit. Und man muss sich immer vorstellen: Je mehr technische Einrichtungen man in ein System einbaut, desto teurer wird das Ganze natürlich.

Wenn man sich in den verschiedenen Ländern Europas umschaut, gibt es nur sehr wenige Fälle, wo zum Beispiel Bahnsteigtüren eingesetzt werden -  wo also das Fahrzeug hält, dann geht eine Tür im Fahrzeug auf, die Tür am Bahnsteig geht auf. Das wäre natürlich eine Möglichkeit, aber das ist nicht realistisch.

Dieses Türsystem gibt es am Frankfurter Flughafen bei der Bahn, die die Reisenden auf die Terminals verteilt. Warum ist das nicht überall möglich?

Wenn man solche Bahnsteigtüren einbaut, hat man seine Anlage auf die Abstände und die Kommunikation von Tür zu Fahrzeug ausgerichtet. Das heißt: Ich muss dann immer Fahrzeuge kaufen und betreiben, die genau mit diesen Türen kommunizieren können, die diesen Türabstand haben. Im Netz der Deutschen Bahn verkehren natürlich verschiedene Verkehrsunternehmen mit verschiedenen Fahrzeuggarnituren. Ich kann mein System nicht so zubauen, dass ich keine anderen Fahrzeuge nutzen kann. Das ist aus der Praxis unrealistisch.

Es gibt Systeme bei U-Bahnen oder Straßenbahnen, die bemerken, wenn jemand auf den Schienen liegt, und dann automatisch bremsen. Wäre das eine Option?

In Nürnberg gibt es bei der fahrerlosen U-Bahn im Bahnsteigbereich ein Sicherungssystem, bei dem verschiedene Systeme – mechanisch, optisch und sensorisch – zum Einsatz kommen, um festzustellen, ob sich Gegenstände oder Personen im Gleisbett befinden, und dann eine Bremsung einzuleiten. Bei U-Bahnen und Straßenbahnen sind die Fahrzeuge relativ gut ausgestattet und können gut bremsen, auch weil Straßenbahnen ja mit dem Autoverkehr bremsen können müssen. Bei Eisenbahnen ist das erstmal nicht der Fall – Eisenbahnen bremsen vergleichsweise schlecht und lange Bremswege sind da eigentlich üblich. Es würde aus Systemsicht auch viele andere Probleme nach sich ziehen, um diesem sehr speziellen – und natürlich auch sehr tragischen Fall – zu begegnen.

Es war ein tragischer Angriff, der genauso unberechenbar ist wie auch Suizide. Technisch ist das im Bahnverkehr also nicht zu verhindern. Wäre es vielleicht möglich, den Bahnsteig für Fahrgäste erst freizugeben, wenn der Zug schon eingefahren ist?

Das ist eigentlich nicht realistisch, weil man ja im Fernverkehr von ziemlich langen Bahnsteigen spricht und auch von großen Zuglängen. Wenn ich alle Leute an nur zwei oder drei Zugängen pro Bahnsteig gruppieren würde, müssen die quasi hochsprinten, um zum Zug zu kommen. Dadurch bekommt man ziemlich lange Aufenthaltszeiten auf den Stationen und ich denke, es ist gerade für Reisende mit Gepäck, Kinderwagen und so weiter sehr schwierig, dann im Pulk die Treppen zu benutzen, um auf den Bahnsteig zu kommen. Das heißt: Für den praktischen Betriebsablauf wäre das Warten außerhalb der Bahnsteigflächen nicht sinnvoll.

In Tschechien ist es so, dass keine festen Gleise zugewiesen sind, die Leute warten also im Informationsbereich – und wenn dann klar ist, auf welches Gleis der Zug einfahren wird, bekommen die Reisenden einen Hinweis und gehen dann dorthin – aber auch schon vor der Einfahrt des Zuges.

Das Interview führte Nina Michalk, Hessischer Rundfunk.

Sendung: Antenne Brandenburg, 30.07.2019, 13:00 Uhr

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32 Kommentare

  1. 32.

    Medienberichte haben geschwiegen maximal was von arabischer Sprache geschrieben, also es kommt JEDER in den Verdacht, es kommen Studierende die arabisch sprechen gelernt haben in Frage (Ironie off).
    Medienberichte sind nicht ausreichend.

  2. 31.

    „ ich lese heute bei jedem Primärereignis nur noch Erstkommentare aus der braunen Ecke,“. Dann lesen Sie eindeutig die falschen Medien oder suchen gezielt danach. Paranoia?

  3. 30.

    Ob "Wut und Hass" das Motiv des Täters waren, wissen Sie doch gar nicht. Laut Medienberichten befand er sich in psychologischer Behandlung. Für Sie mag es ja "Multikultivernarrtheit" sein, ich lese heute bei jedem Primärereignis nur noch Erstkommentare aus der braunen Ecke, deren einzige Problemlösung "Abschiebung" heißt. Dass ich dagegen bin, weil ich solche Vorfälle in gesellschaftlichen Ursachen verorte, habe ich versucht zu skizzieren. Und nicht aus Gefallsucht, sondern weil ich dachte, dass es gut passt, habe ich das Zitat ergänzt, welches übrigens die bemerkenswerte politische Reaktion auf die Bluttat von Utøya war. Verbohrt und blind sind diejenigen, die schnelle Lösungen in der Vergangenheit suchen. Begreift endlich, dass die Welt sich weiter gedreht hat. Deal with it.

  4. 29.

    Ist leider weder technisch noch sicherheitstechnisch so einfach umsetzbar. Eine solche Konstruktion darf die Haltbarkeit der Bahnsteigkante ja nicht beeinflussen, die Kante darf unter der Belastung nicht abbrechen. Damit müsste man solch ein System wahrscheinlich vor den Bahnsteig setzen. Dann passt der Zug aber nicht mehr rein, so dass die Bahnsteigbreite vor Einbau verringert werden müsste. Unter dem Bahnsteig ist oft ein Sicherheitsbereich, um sich vor einfahrenden Zügen in Sicherheit zu bringen, wenn man ins Gleis fällt. Der wäre dann nicht mehr zugänglich. Ist das Gitter nicht hoch genug, kann man trotzdem darüber stürzen. Dann käme man aber nicht wieder auf den Bahnsteig hinauf. Das vierte Problem ist, sicherzustellen, dass sich keine Menschen im Bereich befinden, wenn das Gitter hoch- oder runtergefahren wird.
    Technische Lösungen sind also durchaus umsetzbar, einfach und preiswert ist es aber nicht. Die Störanfälligkeit kommt dann im täglichen Betrieb noch dazu.

  5. 28.

    Man könnte vielleicht so etwas wie versenkbare Poller oder Gitter an den Bahnsteigen installieren, die erst runterfahren wenn der Zug steht.

  6. 27.

    Gegen Mord gibt es keinen umfassenden Schutz.
    Aber gegen Wut und Hass gibt es einen:
    Eine dem Verbrechen zumindest EINIGERMASSEN angemessene Strafe.
    Wohlgemerkt:
    Ich behaupte nicht, dass es für eine solche Wahnsinnstat ein tatsächlich adäquates Strafmaß gibt und bin ein entscheidener Gegner der Todesstrafe.
    Aber wer ein Kind ermordet, sollte nie wieder die Sonne sehen.

  7. 26.

    Amüsant wie sich hier über die Mitte des Bahnsteiges gestritten wird. Wer nicht lebensmüde bei heutiger Mordlust anderer ist, der stellt sich in die Mitte des Bahnsteiges. Das ist sicherer als an der Kante. Oder vielleicht auf der Treppe?

  8. 25.

    Es mag zu rational klingen, doch wer nach einer solchen Bluttat reflexartig darauf hinweist, was nun NICHT getan werden sollte, hat ein anderes Verständnis von angemessenen Reaktionen als ich.
    Kunterbunte Multikultivernarrtheit mag einem heutzutage viel Zustimmung einbringen, zeugt letztendlich aber nur von Gefallsucht und Unbelehrbarkeit.
    Ich behaupte, dass es mit angemesseneren Strafen (z. B. einem TATSÄCHLICHEN Lebenslänglich) deutlich weniger Gewalttaten und andere Schwerverbrechen gäbe, und dass jemand, der nun von allem abrät, das über Unverständnis, Trauer und folgenlose Empörung hinausgeht, den Klang der eigenen Worte mehr liebt als die Gerechtigkeit.
    Inwiefern die Herkunft des Täters eine Rolle spielt, kann ich in diesem Fall bislang nicht beurteilen.
    Doch wer alles berücksichtigen will, darf nichts ignorieren.

  9. 24.

    Die Aussage des Experten zum Thema Straßenbahnen "(...) können gut bremsen, auch weil Straßenbahnen ja mit dem Autoverkehr bremsen können müssen " bedarf der richtigen Einordnung:
    Das mag im Vergleich zum ICE stimmen, tatsächlich benötigt eine Straßenbahn aber einen DREIMAL so langen Bremsweg wie ein Bus: https://www.br.de/mediathek/video/bremsweg-bus-und-tram-tram-braucht-3-fache-strecke-av:5a3c50d3d8070c0018f2c119

  10. 23.

    Hallo Diana.
    Leider gibt es nicht überall auf Bahnsteigen Wände, an denen man sich zurückziehen kann. Somit hat der User Mirko gar nicht mal so unrecht mit seiner Äußerung. Besser mittig stehen, als zu nah an den Gleisen.

  11. 20.

    Sehr richtig, was Sie beschreiben. Viele sind jetzt der Ansicht, das eine Absperrung an den Bahngleisen Schutz und mehr Sicherheit bieten könnte. Aber es ist ein Trugschluss. Solch irre Täter könnten ebenso im Straßenverkehr solch schändliche Taten vollbringen. Leider müssen wir auch weiterhin damit Leben. Ich wage gar nicht daran zu denken, wieviele psychisch gestörte Nachahmer es noch geben könnte.

  12. 19.

    Im jetzt wieder aufgeführten "Schauspiel" offenbart sich wieder einmal die Unmöglichkeit, soziale Probleme und Herausforderungen technisch zu lösen. Das war zu jeder Zeit eine Illusion. Überall.

  13. 17.

    Wow, einen so passenden Kommentar habe ich hier lange nicht mehr gelesen. Es gibt nichts hinzuzufügen!

  14. 16.

    ...und wenn man nun die Züge (Loks) mit einer Art Sicherheitssystem ausstatten würde, dass der Lokführer vor dem Zug einen Mechanismus betätigen kann, dass Personen oder Gegenstände, die im Gleisbett liegen, nicht überrollt sondern wie mit einer Art Baggerschaufel aufgehoben werden können?

  15. 15.

    Mag etwas geschmacklos klingen, aber wie heißt es: Das Leben ist lebensgefährlich. So lange wir alle nicht in der Matrix leben wollen, sollten wir weniger über immer neue Überwachungs-, Bestrafungs- und Behütungs-/"Selbstschutz"maßnahmen nachdenken. Statt dessen braucht es eine wache, offene, soziale und solidarische Gesellschaft, die nicht der Hysterie verfällt und den durch braune Rattenfänger geschürten Ängsten gehorcht. Sicherer wird eine Welt, in der es gerechter zugeht, weniger Ressentiments und Vorurteile Konfikte befeuern und Dialog überhaupt wieder möglich ist.

    -- „Noch sind wir geschockt, aber wir werden unsere Werte nicht aufgeben. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.“

  16. 14.

    Jetzt wieder über technische Lösungen zu diskutieren, ist völlig zwecklos. Seit Anbeginn der Eisenbahn funktioniert es weitestgehend störungsfrei, Unfälle sind im statistisch nicht messbaren Bereich. Wegen eines Kriminellen, der meint, ein Leben auslöschen zu können, nun in Panik zu verfallen und alles technisch absichern zu wollen, kann doch auch nicht die Lösung sein. Einerseits steht einfach die Kostenfrage, andererseits die Umsetzbarkeit - technisch und zeitlich. Es gibt tausende Bahnsteige in Deutschland. Es ist gar nicht möglich, die in einer überschaubaren Zeit nachzurüsten. Hinzu kommt, dass eine Nachrüstung oft auch gar nicht möglich sein wird, weil es an Platz fehlt und verschiedene Züge halten. Letzteres ließe sich mit rückversetzten Systemen zwar bewerkstelligen, aber dafür sind oft die Bahnsteige zu schmal. Es läuft also darauf hinaus, am Bahnsteig jederzeit wachsam zu sein, um das Risiko wenigstens zu minimieren. Auszuschalten geht es leider nicht.

  17. 13.

    Sehr gutes Beispiel wäre auch die Tube in London. Erstaunlich wie es dort mit den festen Glaswänden auf den Bahnhöfen mit dem ein - und aussteigen klappt. Auch die Zugänge sowie die Ausgänge sind nur mit gültigem Ticket zu benutzen.

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