Historische Aufnahme der Breiten Straße in Pankow (Bild: privat)
Video: Abendschau | 12.07.2019 | Sabrina N'Diaye | Bild: privat

Projekt "Mapping the Lives" - In diesen Berliner Häusern wohnten die Opfer der Nazis

Roderick Miller wollte wissen, ob in seinem Haus in Neukölln Verfolgte des Nazi-Terrors wohnten. Die Recherche ließ ihn nicht mehr los. Mit dem Projekt "Mapping the Lives" hat Miller fast allen Opfern der Nazis im Dritten Reich einen digitalen Stolperstein gelegt.

"Der Junge hat im selben Haus gewohnt. Er ist jeden Tag durch denselben Flur gegangen, hat denselben Boden und dieselbe Haustür gesehen. Das ist schon ein merkwürdiges Gefühl". Roderick Miller steht vor seinem Haus in der Hobrechtstraße in Berlin. In der Hand hält er ein Foto von dem Jungen, der im dritten Reich im selben Haus gewohnt hat, wie Miller jetzt.

Gert Kahan, 1925 geboren, verfolgt, weil er Jude war. Als er 15 Jahre alt war, wurde sein Vater in Dachau ermordet. Seine Mutter wurde über Theresienstadt nach Auschwitz deportiert. Gert schaffte es, 1941 mit 16 Jahren nach Palästina zu fliehen. Später emigrierte er nach Kanada.

Ein Foto von Gert Kahan, der von den Nazis verfolgt wurde und 1942 nach Palästina und dann Kanada floh. (Quelle: rbb)
Gert Kahan war 16 als er vor den Nazis fliehen musste. Seine Eltern wurden im KZ umgebracht. | Bild: rbb

Miller hat diese Informationen aus Gedenkbüchern und Daten aus dem Bundesarchiv zusammengetragen. Nicht nur für sein Haus, sondern für fast jedes in Berlin und ganz Deutschland. Auf der digitalen Stadtkarte "Mapping the Lives" [mappingthelives.org] hat er die jüdischen Schicksale mit schwarzen Punkten markiert. So kann jeder recherchieren, wer in seinem Haus oder der Nachbarschaft gewohnt hat.

"Als ich 2004 nach Berlin kam, habe ich die Stolpersteine bemerkt und ich wollte auch wissen, wer in meinem Haus gewohnt hat", sagt Miller. Die Suche war nicht leicht. Miller konnte nicht einfach nach der Adresse suchen, sondern musste das Berliner Gedenkbuch mit zehntausenden Namen durchgehen. So entstand die Idee für das Projekt Mapping the Lives, die digitalen Stolpersteine. 

Portrait-Aufnahme von Roderick Miller, der das Projekt "Mapping the Lives" leitet. (Quelle: rbb)
Roderick Miller hat das Projekt "Mapping the Lives" gegründet. | Bild: rbb

"Wir wohnen in denselben Häusern, das schafft eine Verbindung"

"Ich wollte, dass es leicht möglich ist, zu sehen, wer in welcher Straße gewohnt hat", sagt Miller. Viele wüssten nicht über das Ausmaß der Verfolgung Bescheid. "Aus fast jedem zweiten Haus wurde jemand vertrieben", sagt Miller. "Ich finde es wichtig, dass die Menschen, die heute hier wohnen, das verstehen. Wir wohnen in den gleichen Häusern wie damals, das schafft eine Verbindung, das vergisst man nicht."

Hinter jedem schwarzen Punkt stecken Lebensgeschichten

Auf dem Ausschnitt einer Stadtkarte sind die von den Nazis im dritten Reich verfolgten Opfer eingetragen. (Quelle: rbb)
Hinter den schwarzen Punkten sind Biografien und Fotos hinterlegt. | Bild: rbb

Daten basieren auf Volkszählung von 1939

Auf der Karte, die es auch als App geben soll, sind nicht nur Verfolgte jüdischen Glaubens vermerkt. Miller und seine Kollegen des gemeinnützugen Vereins "Tracing the Past" wollen alle bekannten Opfer des NS-Regimes, die aufgrund ihrer Nationalität, Religion, politischer Überzeugung, sexueller Orientierung, sozialer Ausrichtung, körperlicher oder geistiger Behinderung oder als Widerstandskämpfer verfolgt wurden, dokumentieren. So wollen sie die zwischen 1933 und 1945 existierenden Wohngegenden in ganz Europa nachbilden. Die Arbeit am Projekt wird durch Spenden finanziert.

Die Daten für Deutschland basieren auf der durch Hitler angeordneten Volkszählung von 1939, ergänzt durch Informationen aus dem Bundesarchiv. "Fast alle Akten sind von Nazi-Behörden erstellt worden", sagt Miller, damit müsse man vorsichtig umgehen. Auf Todesurkunden aus Konzentrationslagern stünde beispielsweise "Herzschwäche", obwohl die Opfer ermordet wurden. Die Ergebnisse aus der Volkszählung seien allerdings fast die einzige Möglichkeit um die Adressen zu recherchieren.

Post aus Israel und Brasilien

Eine Möglichkeit zur Recherche ist Mapping the Lives auch für Nachfahren von Opfern des Holocaust. So meldete sich eine Familie aus Israel, die Angehörige auf der digitalen Karte entdeckt und dann in Israel wiedergefunden hatte. Auch aus Brasilien erhielt Miller einen Brief von einer Frau, deren Großvater aus Deutschland nach Brasilien ausgewandert war. Lange fehlten ihr die Dokumente um seine Flucht zu beweisen, erst über Mapping the Lives fand sie die richtigen Daten.

Miller hofft, dass die Karte auch für Menschen, die heute verfolgt werden, Empathie weckt. "Je mehr man von der Vergangenheit Deutschlands weiß und sieht was es bedeutet, verfolgt zu werden, desto mehr Verständnis hat man für die Lage der heutigen Flüchtlinge", sagt Miller.

Sendung: Abendschau, 12.07.2019, 19:30 Uhr

Kommentar

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17 Kommentare

  1. 17.

    Was für eine Arbeit! Bewundernswert.
    Und so gut. So eine Karte veranschaulicht das Ausmaß.
    Toll, dass es Angehörigen noch weiterhilft.

  2. 16.

    Vielen Dank für diese große, wundervolle und wichtige Arbeit! Meine volle Unterstützung und Hochachtung.

  3. 14.

    Sehr geehrter Herr Miller,
    vielen Dank für Ihr Interesse und reges Engagement gegen das Vergessen (verbunden mit der Hoffnung, dass trotz allen Geschreis gegen vermeintliche "Gruppen" so etwas nie wieder passieren kann). Sehr wahrscheinlich haben Sie "Wir waren Nachbarn" in Ihre Recherchen mit eingebunden - Sie tragen zur weiteren Verbreitung von Menschlichkeit im positiven Sinne bei.
    Mit sehr (!) herzlichen und dankbaren Grüßen
    Christiane Heier

  4. 13.

    Eine Suche per Anschrift ist doch möglich, die Ergebnisse sind mittig unten und müssen erst aufgeklappt werden...

  5. 11.

    Die Suchfunktion funktioniert auch nur mit der Adresse. Versuchen Sie mal statt „Straße“ Str. einzugeben. Damit hat es bei mir funktioniert.

  6. 10.

    Liebe Christine, aber das geht: Sie gehen über die Seite "Mapping the Lives" und den gleichnamigen Link zur Karte und ziehen sie immer weiter auf, bis Sie den Ort sehen, den Sie suchen: dort finden Sie die Punkte, die in der Abbildung zum Artikel gezeigt sind und erhalten, wenn Sie daraufklicken, Namen und alle z.Zt. vorhandenen Angaben angezeigt!

  7. 9.
    Antwort auf [Peter M.] vom 13.07.2019 um 08:54

    Wer ist Thomas Schwartz ? Im Internet findet mann/frau nichts über ihn. Gepostet wird der Artikel bei "RT" bei einem ehemaligen Stasi Spion (Rupp) .

    Vieleicht kann uns der rbb beim Autor helfen !

  8. 8.

    „Danke“ für soviel Engagement mit Herz

  9. 7.

    Ich hoffe das er die Mapping App auch auf Opfer der heutigen Nazis erweitert. Wehret den Anfängen.

  10. 6.

    In "meinem" Wohnhaus lebte auch eine jüdische Familie, was ich bisher nicht wusste. Anscheinend fehlen vor meiner Tür die zwei Stolpersteine. :(

    Von der Idee und Umsetzung her ein bemerkenswert leidenschaftlicher Beitrag für die Menschen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft! Danke!

  11. 5.

    Meinen ganz großen Respekt, Mr. Miller. Da muss erst ein Ami kommen, um so was zu erstellen!? Sehr sehr traurig, dass das Jüdische Leben in Deutschland und insbesondere in Berlin so nachhaltig vernichtet wurde. Aber es gibt jetzt einen James-Simon-Bau - sehr schön!

  12. 4.

    Ich finde es sehr schade, dass die Suchfunktion anscheinend nur mit Namen funktioniert. Nur eine Anschrift reicht nicht aus. Ich finde das sehr traurig, da wahrscheinlich jeder Mensch schon einmal darüber nachgedacht hat welche Menschen zuvor ein Haus oder ein Grundstück bewohnt ,und auch welches Schicksal sie wohl hatten. Aber natürlich ist das auch ein riesiger Aufwand so etwas zu erstellen.

  13. 3.

    Danke für diese Übersicht.

  14. 2.

    Eine sehr beeindruckende Sache. Ich kann so gut nachvollziehen, wie es Ihnen ging, Herr Miller. Das Gefühl der Verbundenheit mit den Opfern, die in diesen Häusern lebten, dieselben Straßen benutzten, geschweige denn, wenn man Gedenkstätten besucht. Solche Aktionen halten die Opfer lebendig, machen, dass nie vergessen wird. Mir geht das Thema, wie immer, sehr nah. Gerd Kahans Geschichte und Leidensweg bricht mir das Herz. Mein Kind ist 16... Vielen Dank für diese beeindruckende Aktion.

  15. 1.

    Meine Hochachtung für Ihre Arbeit,Herr Miller

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