Kollage: Das Logo von <<Exit-Deutschland>> und rechts ein Archivbild von Maik Scheffler, ehem. Mitglied bei der NPD Sachsen. (Quelle: rbb/Abendschau)
Bild: rbb/Abendschau

Aussteiger Maik Scheffler - Früher Neonazi, dann Deutschlehrer für Flüchtlinge

Maik Scheffler war "Hammerskin", hoher NPD-Funktionär, verurteilt wegen Körperverletzung. Sein Ausstieg aus der Neonazi-Szene war lang und steinig – ohne die Organisation Exit hätte er es nicht geschafft. Nun ist Exit akut bedroht. Von Norbert Siegmund

Eine Ladenwohnung in Friedrichshain. Exit-Gründer Bernd Wagner, ehemals Polizist und Staatsschützer und Maik Scheffler beraten Strategien für Nazi-Aussteiger. Scheffler, heute Referent in der Jugendarbeit, war einst selbst gefährlicher Rechtsextremist mit Verbindungen bis hinein ins NSU-Umfeld.

"Als ich noch in der freien Kameradschaftsszene gewesen bin, bin ich ein durchschnittlicher Gefährder gewesen", sagt Scheffler der rbb-Abendschau. "Es hätte nichts draus werden können, es hätte aber auch das Schlimmste draus werden können. Alles ist möglich, wenn man in diesem Teich schwimmt."

"Mit 40 hatte ich zum ersten Mal Kontakt mit Ausländern"

Scheffler radikalisiert sich in sogenannten Kameradschaften in Sachsen, wird verurteilt wegen Körperverletzung und Besitzes einer Schusswaffe, zählt sich alsbald zur rechtsextremen Elite der Hammerskins - bald auch Seite an Seite mit Rechtsextremisten in Berlin. Sein Talent als Rekrutierer macht ihn interessant für die NPD. Bald wird er Stadtrat, dann sogar stellvertretender Partei-Chef in Sachsen.

Schließlich folgt das persönliche Zerwürfnis mit den NPD-Bundesspitzen. Und der höchst frustrierte Parteiaustritt. "Es war ein Postendenken, es war ein Geschacher, es war eine Ellbogengesellschaft in einem vorgeblich kameradschaftlichen Denken," erinnert sich Scheffler.

Als er aus der Partei austritt, hat er aber noch nicht mit dem rechtsextremen Gedankengut gebrochen. Ein Auskommen findet der Noch-immer-Rechtsextremist 2015 ausgerechnet als Deutsch-Lehrer für Flüchtlinge. "Es war ein sehr harter Schritt für mich. Ich hatte zum ersten Mal den Kontakt mit Ausländern, den ich vorher nie hatte", erzählt Scheffler.

"Die Szene hat ins Internet gestellt, wo meine Kinder zur Schule gehen"

"Ich hatte bis zu meinem 40. Lebensjahr keinen persönlichen Kontakt gehabt. Und über diesen Kurs, den ich dort gemacht habe, ist sehr viel in meinem Kopf passiert. Die Ideologie ist davon nicht so betroffen gewesen, aber sehr viele Fragen haben sich gestellt. Und es hat mich mehr weggezogen aus meinem Umfeld", sagt Scheffler.

Derweil sinnt die Szene auf Rache. "Es gab mehrere Aufrufe, mich zu besuchen. Mein Auto wurde ins Internet gestellt, meine Adresse wurde ins Internet gestellt, wo meine Kinder in den Kindergarten gehen." Scheffler wurde für die Ex-Kameraden zur persona non grata. "Der ist ein Polizeispitzel gewesen, der hat für den Verfassungsschutz gearbeitet, der war homosexuell", lauteten die Vorwürfe.

"Wenn man an die Wand gerückt wird, wird man irgendwann zum Angreifer"

Mehr und mehr geläutert, aber geplagt von psychischen Krisen findet Scheffler offene Ohren und Halt bei Exit. "Ich habe Menschen gefunden, die genau gewusst haben, wie ich als Extremist ticke. Ich bin heute noch der festen Überzeugung, wenn Exit nicht dagewesen wäre, wäre ich im Leben nicht mehr zurechtgekommen."

Doch die älteste deutsche Initiative für Extremismus-Aussteiger steht alle Jahre wieder vor dem finanziellen Aus. So auch jetzt. "Es ist für normale Bürger gefährlich, es ist aber auch für viele Ausgestiegene und Aussteiger gefährlich, die dann der Meute da draußen zum Fraß vorgeworfen werden."

Zudem könnten sich viele, die sich mit dem Gedanken beschäftigt haben, auszusteigen, dann gerade sagen: "Die Szene hatte recht. Der Staat und das System ist uns gegenüber nicht wohlgesonnen. Wir haben keine Chance. Und wenn man chancenlos ist und an die Wand gedrückt wird, wird man irgendwann gerade zum Angreifer. Und das macht es für beide Seiten sehr gefährlich."

Beitrag von Norbert Siegmund

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7 Kommentare

  1. 7.

    Wenn Sie sich statt Ihrer Vorurteile lieber mal mit den Fakten befasst hätten, wäre Ihnen aufgefallen, dass der Sinneswandel völlig unabhängig von irgendwelchen Medien stattgefunden hat. Ja, es gibt genügend Fälle, bei denen die Isolation aus dem alten Umfeld ein grundlegendes Nachdenken über die eigene Lebenseinstellung nach sich zieht. Das nennt man Resozialisierung und hat kein bisschen mit Show und Märchenerzählen zu tun.
    Wenigstens haben Sie jetzt mal die Notwendigkeit von Aussteigerprogrammen anerkannt.

  2. 6.

    Vom Sauls zum Paulus - was soll uns hier erzählt werden? Scheffler, der Bedrohte, wandelt durch die Medien und wird hergezeigt wie eine Trophäe?
    Entweder ist er lebensmüde oder die herbeigeschriebene Bedrohung gibt es gar nicht.
    Ein Aussteigerprogramm muss es geben, darin besteht kein Zweifel, für Rechts- wie Linksradikale.
    Und, wenn der Staat es ehrlich meint, msüßen diese auch finanziert werden.

  3. 5.

    Sie haben recht, es gehört zu einer Abkehr von grundgesetzfeindlichen Organisationen, die Abkehr von der Ideologie als zentrales Moment dazu. Das ist die Kernmaxime der Arbeit von EXIT-Deutschland.

  4. 4.

    Was wollen Sie mit diesem zusammenhanglosen (sorry) Gestammel aussagen? Extremistisch ist tatsächlich nicht, wer Gewalttätig ist sondern derjenige, der sich gegen die Freiheitliche Grundordnung wendet. Das geht weit über Gewalt hinaus, ganz im Gegenteil sind die nicht gewalttätigen Extremisten für die gesamte Gesellschaft die größere Gefahr. Im Gegensatz dazu trifft die Gewalt Individuen, selbst wenn das Viele sein können.
    Wenn ein Verein Menschen aus diesem extremen Gedankengut herausholt, weil dort die Kompetenz vorliegt, wie das zu machen ist, weil man dort die verquere Gedankenwelt von Extremisten kennt, dann ist das uneingeschränkt zu würdigen und ein Gewinn für unsere Gesellschaft und unsere Demokratie. Ein Extremist muss seine Denkweise überdenken, nicht nur der Gewalt abschwören. Und genau da leistet Exit wertvolle Arbeit.

  5. 3.

    Die Verfahrensweise von Exit ist, "dank" Wagner, vom behördlichen Extremismusverständnis geprägt und daher oftmals sehr undifferenziert. Das sog. Hufeisenmodell zeichnet extremistische Kräfte, links wie rechts, an den äußeren Enden, radikale Kräfte an den Rändern und eine demokratische Gesellschaft in der Mitte. Rechte Einstellungen wären demnach radikal, entsprechende, aktiv gegen die Verfassung gerichtete Handlungen rechtsextrem. Die demokratische Mitte bliebe davon unberührt - so die Fehlannahmen seitens Behörden.

    Das führt dazu, dass Rechtsextreme als "Austeiger*innen" bezeichnet und so gelabelt werden, ohne dass das dies auf soziologisch, politologisch festen Füßen stünde. Rechtsextrem ist nicht nur, wer gewalttätig wird.

    Was gab es nicht alles für Selbstbehauptungen von Rechtsextremen, sie seien nun geläutert: Eine Loslösung von Strukturen aber, bedeutet keine Überwindung der Ideologie.

    Die Adressat*innen des Hasses bedürfen Solidarität, nicht die Absender*innen!

  6. 2.

    Umso beschämender ist die Tatsache, dass der Verein Exit schon wieder ums finanzielle Überleben kämpft. Da wird der Kampf gegen den Rechtsextremismus von der Politik ständig propagiert, wenn es um konkrete und wirklich wirksame Projekte geht, hapert es dagegen mal wieder. Darf man das verlogen nennen? Mit Gratiskonzerten bekämpft man ganz sicher keine Extremisten.

  7. 1.

    "Nun ist Exit akut bedroht. Von Norbert Siegmund"

    Lieber Herr Siegmund, könnten Sie "Exit" bitte in Ruhe lassen? :-D

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