Archivbild: Eine entschärfte Weltkriegsbombe wird mit einem Radlader zum Abtransport zu einem LKW gefahren. (Quelle: dpa/Soeder)
Video: Brandenburg aktuell | 30.07.2019 | Kaveh Kooroshy | Bild: dpa/Soeder

Bundesweite Modellregion - Oranienburg will Weltkriegsbomben schneller entschärfen

Keine deutsche Stadt ist stärker von Sprengkörpern im Boden betroffen als Oranienburg. Nun ist die Stadt eine bundesweite Modellregion für die Beseitigung der Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Sie sollen schneller entschärft werden - bevor sie von selbst explodieren.

Oranienburg (Oberhavel) ist seit Dienstag bundesweit einmalige Modellregion für die Entschärfung von Weltkriegsmunition. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke und der Bundesfinanzminister Olaf Scholz (beide SPD) starteten am Nachmittag gemeinsam das Projekt. Die Beseitigung von Blindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg solle damit beschleunigt werden, hatte die Brandenburger Staatskanzlei bereits in der vergangenen Woche mitgeteilt.

"Keine Stadt in Deutschland ist so betroffen von Großbomben mit den besonders gefährlichen chemischen Langzeitzündern wie Oranienburg", sagte der Landesinnenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) am Dienstag. Durchschnittlich 7,4 Stück werden in der Stadt mit ihren gut 45.000 Einwohnern pro Jahr entschärft.

Diese Zahl soll durch das Modellprojekt nochmals deutlich steigen, damit die Bewohner dieses Erbe des Krieges endgültig loswerden können. Experten gehen davon aus, dass noch etwa 300 Blindgänger im Boden liegen. Die Bomben mit chemischen Langzeitzündern sind besonders gefährlich.

Archivbild: Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (l) und der brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke bei einer Pressekonferenz. (Quelle: dpa/Kumm)
Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) und Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke | Bild: dpa/Kumm

13 zusätzliche Mitarbeiter zur Bombenbeseitigung

Um mehr und schneller entschärfen zu können, haben sich die Brandenburger Landesregierung und die Bundesregierung nun beim langjährigen Streitthema Finanzen geeinigt. Das heißt: Der Bund bezahlt mehr, in den kommenden zwei Jahren sollen es 60 Millionen Euro sein. Der Zentraldienst der Polizei in Oranienburg wird zur Sonderordnungsbehörde erklärt, zusammen mit seinem Kampfmittelbeseitigungsdienst (KMBD). So kann der KMBD testweise für drei Jahre auf städtischem Gebiet zusätzliche Aufgaben übernehmen - das reicht von der Auskunft über einen Verdacht bis zu Kontrollen. Zudem bekommt die Behörde mehr Geld und Personal.

Wie der Oranienburger Bürgermeister Alexander Laesicke (parteilos) dem rbb am Dienstag sagte, sind bereits 13 zusätzliche Mitarbeiter zur Bombenbeseitigung eingestellt worden. Innenminister Schröter rechnete am Dienstag als Ziel vor, die Stadt könne "in 35 Jahren bombenfrei sein".

Bei bislang durchschnittlich 7,4 entschärften Bomben pro Jahr kann Oranienburg in 35 Jahren bombenfrei sein. Sicher ist, Oranienburg wird schneller bombenfrei sein, als der BER fertig sein wird."

Brandenburgs Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD)

Einschränkungen für Einwohner werden größer

Brandenburg weist den höchsten Anteil an munitionsbelasteten Gebieten aller Bundesländer auf - und die Bergung ist teuer. Das ist beispielsweise auch bei den großen Waldbränden hochproblematisch, die in diesem und dem vergangenen Jahr in betroffenen Gebieten wie der Lieberoser Heide ausgebrochen sind. Weil noch so viel gefährliche Munition im Boden liegt, kann die Feuerwehr vielerorts nur aus der Luft löschen. Seit 1991 hat Brandenburg rund 400 Millionen Euro für die Beseitigung von Kampfmitteln aufgewendet. Dabei wurden bisher 207 Bomben entschärft oder gezielt gesprengt. Sollte das Modellprojekt erfolreich sein, kündigte der Innenminister an, es aufs gesamte Bundesland ausweiten zu wollen.

Der Bund hatte sein Programm zur Unterstützung der Länder bei der Beseitigung von Kampfmitteln der Alliierten im vergangenen Jahr verlängert - es läuft nun bis 2021. "Wir werden das Problem auf jeden Fall noch Jahrzehnte haben", sagte der Oranienburger Bürgermeister Laesicke. Die Bomben müssten dringend entschärft werden, weil sie irgendwann detonieren könnten. "Wenn wir die Bomben nicht rechtzeitig finden und entschärfen können, werden sie im Boden hochgehen, das steht fest", sagte Laesicke. Deshalb müssten Suche und Beseitigung beschleunigt werden.

Für die Bürgerinnen und Bürger von Oranienburg bedeute der Status als Modellregion noch mehr Einschränkungen als zuvor, sprich: Evakuierungen und große Sperrkreise "Selbst, wenn wir ganz optimistisch sind, wird uns die Bombenbeseitigung bis zur nächsten Generation beschäftigen", sagte der Bürgermeister.

Kein Bundesland leidet so sehr unter Blindgängern

Zwar seien viele deutsche Städte im Zweiten Weltkrieg genauso stark bombardiert worden, hieß es am Dienstag. Oranienburg sei als Standort von chemischer Industrie und Rüstungsbetrieben jedoch zum vorrangigen Ziel der Luftangriffe geworden. Insbesondere die Fabriken für Kampfflugzeuge machten die Stadt zu einem bevorzugten Ziel: Von 1940 bis 1945 hätten die Alliierten mehr als 21.000 Spreng- und Brandbomben abgeworfen. Allein beim schwersten Bombenangriff auf die Stadt am 15. März 1945 seien 5.690 Großbomben auf Oranienburg niedergegangen, mehr als 4.000 davon mit chemischen Langzeitzündern.

Sendung: Inforadio, 30.07.2019, 07.25 Uhr

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1 Kommentar

  1. 1.

    Muss man dazu denn auch unbedingt Modellregion sagen?

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