Standbild aus dem Kontraste-Beitrag "Deutschland - der Puff Europas: Brauchen wir ein Prostitutionsverbot?" (Quelle: rbb)
Video: Brandenburg Aktuell | 04.07.2019 | Bettina Malter | Bild: rbb

Brandenburger Rotlicht-Milieu - "Wir sind das Bordell Europas"

Jung, arm, fremdbestimmt: In Brandenburger Rotlicht-Milieus arbeiten Frauen teils unter unwürdigen Bedingungen. Auch wegen Menschenhandels werden in der SPD Stimmen laut, die ein Verbot fordern. Vorbild soll ein Modell aus Schweden sein. Von Benjamin Eyssel

Unterwegs auf der Bundesstraße 1, im Osten Brandenburgs. In einem viel befahrenen Waldstück tauchen sie auf einmal auf: Frauen, die sich am Straßenrand prostituieren. Wie das ARD-Politikmagazin Kontraste erfahren hat, kommen sie meist aus Bulgarien, wie die 31-jährige Alexandra. "Ich bin alleine nach Deutschland gekommen, ohne Sprache, ohne Wohnung. Das alles war nicht gut. Ich hatte Angst, ich war 25 Jahre alt. Das war sehr schwer."

Seit sechs Jahren prostituiere sie sich, erzählt Alexandra, um Geld für die Operationen der herzkranken Mutter zusammen zu bekommen. Armutsprostitution. Immer mit dabei: die Angst, dass sie der Freier, zu dem sie ins Auto einsteigt, schlecht behandelt. "Wenn du nicht möchtest, dass der Kunde dich anfasst oder möchtest, was der Kunde macht und er macht weiter: Das nervt! Das ist viel Stress für den Kopf."

Ordnungsamt kommt nicht mehr

Auch viele extrem junge Frauen stehen hier am Straßenrand. Als Kontraste mit weiteren Prostituierten ins Gespräch kommen will, versucht eine andere Frau das zu verhindern. Die Frage drängt sich auf, ob die Frauen volljährig sind und ob sie alle freiwillig hier sind. Vom Ordnungsamt lässt sich dort niemand mehr blicken.

"Man ist schon frustriert", sagt Roswitha Thiede. Sie ist Amts-Direktorin beim Amt Seelow-Land, im Brandenburger Landkreis Märkisch-Oderland. "Es gibt ja immerhin noch Bürger, die sagen: 'Könnt ihr nicht dafür sorgen, dass dieses Bild von der Straße verschwindet?' Aber da müssen wir leider kapitulieren und sagen, dass uns die Hände gebunden sind, weil der Straßenstrich nun mal in Deutschland erlaubt ist."

"Haben inzwischen einen Ruf wie Thailand"

Die Bundesrepublik hat mit die liberalsten Prostitutionsgesetze in Europa und ist deshalb ein Zielland für Sextourismus geworden. Im Internet werden Sex-Reisen nach Deutschland angeboten. Kritiker sagen, dass das Zwangsprostitution und Menschenhandel fördert – so auch die SPD-Bundestagsabgeordnete Leni Breymaier. "Wir sind das Bordell Europas. Aber nicht nur in Europa. Wir haben auf der Welt inzwischen einen Ruf wie Thailand. Man kommt nach Deutschland, um mit dem Porsche 260 fahren zu können und anschließend kann man noch billig eine Frau ficken. Das ist Deutschland im Ausland und dafür schäme ich mich."

Die SPD-Abgeordnete fordert deshalb, Prostitution in Deutschland zu verbieten und zwar nach dem Modell Schwedens – dort werden Prostituierte nicht bestraft, Freier dagegen schon. Auch andere Länder haben das sogenannte Nordische Modell eingeführt. In Frankreich gilt diese Regelung seit 2016. 

Bundesregierung: Kein Beleg für Rückgang von Menschenhandel

In Deutschland ist diese Forderung derzeit aber nicht mehrheitsfähig. Zitat der Bundesregierung: "Es konnte bisher insbesondere nicht belegt werden, dass die Einführung des Sexkaufverbots in Schweden einen Rückgang der Fälle von Menschenhandel zur Folge hat. (…) Ziel der Politik in Deutschland ist es, Frauen vor Gewalt zu schützen."

Kritiker eines Verbots befürchten außerdem, dass Prostituierte in die Illegalität und an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, so wie die Grüne Bundestagsabgeordnete Ulle Schauws: "Es gibt Menschen die sagen: Ich möchte in diesem Bereich arbeiten. Das als selbstbestimmte Entscheidung zu akzeptieren, finde ich richtig."

Das EU-Parlament hat sich für ein Verbot ausgesprochen und 2014 alle Mitgliedstaaten aufgefordert, ein Sexkaufverbot einzuführen. Eine Studie für die EU-Kommission kam nämlich zu dem Schluss: In den Ländern, in dem Prostitution legal ist, gibt es mehr Nachfrage. Und mehr Nachfrage bedeutet auch mehr Menschenhandel.

Sendung: Kontraste, 04.07.2019, 21:45

Kommentar

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Antwort auf [Ferdinand] vom 05.07.2019 um 10:00
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26 Kommentare

  1. 26.

    Auch ich schließe mich dem Aufruf an, dass bitte nicht die Dienste der Frauen und Mädchen auf dem Strassenstrich (welchem auch immer) in Anspruch genommen werden. Damit werden Menschenhandel und Abhängigkeiten vieler Art unterstützt, diese Frauen erleben in ihrem Job viel schlimmes und die Wenigsten arbeiten nur in ihre eigene Tasche. Viele von ihnen sind drogenabhängig oder stecken anderweitig in der Klemme und das Risiko von Übergriffen ist immens. Keine Kunden-Strassenstrich. Männer, bleibt sauber (symbolisch)!

  2. 25.

    Nochmal zum Abkassieren und Zwang. In Punkt 10 habe ich zwei Fundstellen genannt, wonach Menschenhandel in Deutschland zum Glück ein untergeordnetes Problem ist (trotzdem selbstverständlich ernst zu nehmen). Die in dem Zusammenhang erwähnte Studie wurde von einem Verein in katholischer (!) Trägerschaft erstellt. Wenn das noch zu wenig ist und ich trotzdem falsch liege, bitte ich nochmals um konkrete Unterlagen (Statistiken, offizielle Bericht etc.). Einfach nur behaupten, ich irre, sei ein Träumer und alles wäre faktisch anders, greift da zu kurz. Es ist ein generelles Problem, dass bei dem Thema viel Thesen in den Raum geworfen werden, ohne dass Beweise geliefert werden.

  3. 24.

    Nunja..."den arroganten Frauen" die Schuld dafür zu geben, dass man Prostituierte aufsuchen "muss", das war schon ziemlich daneben. Es ist ein Fakt, dass grade auf dem Strassenstrich massig abkassiert und gezwungen wird, auch innerhalb Berlins (z.b. Kurfürstenstrasse). Viele Frauen betreiben Elends-Prostitution unter inhumanen Bedingungen. Natürlich muss dagegen vorgegangen werden, trotzdem unterstütze ich den Aufruf an alle Männer, sich der Dienste nicht zu bedienen, weil sie den Missstand damit fördern.

  4. 23.

    Bei Ihren etwas umgangssprachlichen Ausführungen gehe ich davon aus, dass Sie Sebastian einen Verlierer nennen wollen und daher "Loser" meinen. Viel wichtiger ist jedoch, Ihren Vorwurf der Zwangsprostitution zu relativieren. Alle hier Diskutierenden distanzieren sich letztlich davon. Es gibt nur Stimmen (meine ist eine davon), die derzeit in Deutschland geltenden, liberalen Gesetze erhalten zu wollen.

  5. 22.

    Da ich zeitweise Interessenvertretung für Prostituierte gemacht habe und viel Kontakt auch privat zu dieser Berufsgruppe pflege, habe ich bereits, wie von Ihnen gefordert, einiges recherchiert. Dabei kam halt immer u. a. die von mir dargestellte Argumentation heraus, dass bei der Straßenprostitution keine Investitionen wie Eintrittsgelder getätigt werden müssten. Wenn Sie wirklich andere Erkenntnisse haben, wäre ich für konkrete Hinweise dankbar. Dann möchte ich aber auch wissen, wieso die Damen den unbequemeren Weg des Straßenstrichs anderen Möglichkeiten wie Laufhäusern oder dem genannten Sauna-Club vorziehen. Prostituierte werden häufig als naiv dargestellt, was ich schon abwegig finde. In jedem Fall weiß ich, dass sie rechnen können. Wenn es wirklich so ist, dass der Straßenstrich auch nennenswerte Abgaben erfordert, wären doch die beschriebenen Alternativen vorteilhaft und müssten von den Damen bevorzugt werden.

  6. 21.

    Es gibt aber auch ethische und moralische Aspekte. Daher sollten Männer Abstand vom "Billig-Sex" nehmen, um die schlimme Situation dieser Frauen nicht noch zu unterstützen. Wo kein Kunde ist...

  7. 20.

    Nur um das mal kurz zu erwähnen. Bei einem Verbot reden wir über eine Rückkehr zu vor 1927, denn seitdem ist in Deutschland Prostitution nicht mehr verboten. Die Änderung unter Rot-Grün betraf nur die Sittenwidrigkeit.
    Leider wird das immer wieder durcheinandergebracht bzw. nicht sauber getrennt. Und die Abschaffung der Sittenwidrigkeit hat im wesentlichen nur etwas mehr an die Öffentlichkeit gebracht, was vorher auch schon da war. Dafür daß es wenigstens gefühlt zugenommen hat, ist zudem die Veränderungen Europas verantwortlich seit dem Fall des eisernen Vorhanges.
    Und daß die Szene in Deutschland am größten ist, liegt einfach daran, daß Deutschland das größte Land ist und zentral liegt.
    Menschenhandel ist im übrigen natürlich strafbar.

  8. 19.

    Eigentlich ist das Thema überhaupt nicht zum Lachen aber damit

    "Frau Hansen, ich gebe üblicherweise 200 EUR pro Stunde aus. Damit fördere ich ganz gewiss keine Armutsprostitution. Sie können sich gerne dafür einsetzen, dass die Berlinerinnen endlich mal von ihrem hohen Ross herunterkommen und auch einem Durchschnittsmann in einem Außenbezirk eine Chance geben, dann brauche ich das nicht mehr."

    haben sie erreicht dass ich eben lauthals lachen mußte. Nur weil sie ein erbärmlicher Looser sind der keine Frau abbekommt (kein Wunder, wenn sie mich fragen, bei dem was sie hier so vom Stapel lassen)muß es Zwangsprostition geben oder glauben sie noch an die Studentin, die das aus "Lust" macht?

    Solche Leute sind so erbärmliche Würstchen, da verschlägt es einem die Sprache...

  9. 18.

    Bitte recherchieren. Sie irren. Die Frauen auf dem Straßenstrich werden abkassiert und sind viel häufiger Übergriffen von Kunden ausgesetzt. Zudem herrschen inzwischen in den meisten Bordellen Hygienevorschriften uvm., denen auf der Straße nicht nachgekommen werden kann.

  10. 17.

    Jedes Bordell hat eine(n) Chef(in).

  11. 16.

    Gegen Menschenhandel muss natürlich vorgegangen werden. In diesem Artikel geht es aber nur darum, dass das Ordnungsamt den Straßenstrich nicht einfach dicht machen kann. Schließlich ist es in Deutschland legal und da sehe ich auch kein Problem. Wenn Leni Breymaier das anders sieht, frage ich mich, wie sie das mit sozialdemokratischen Werten vereinbaren kann. Die genannte kranke Mutter ist sicher nur ein Beispiel. Aber wenn Alexandra ihrer Einnahmequelle durch ein Prostitutionsverbot ihrer Einnahmequelle beraubt wird, geht es der herzkranken Frau bestimmt noch schlechter.

  12. 14.

    Natürlich zeigt das schwedische Modell Wirkung. Die Straßenprostitution ist deutlich zurückgegangen. Inwiefern sich Prostitution jetzt in Hotelzimmer etc. verlagert hat, kann jedoch keiner so genau sagen. Schließlich darf es ja nur noch im Verborgenen stattfinden. Fakt ist aber, es gibt Prostitution in Schweden weiterhin. Dass den insoweit tätigen Damen auf die Weise letztendlich geholfen ist, bleibt ungeklärt. Viele kümmern sich mehr um die Anonymität ihrer Gäste als um ihren eigenen Schutz. Klar stehe ich insgesamt für liberale Gesetze zur Prostitution. Aber selbst diejenigen, die sie insgesamt ablehnen, sollten überlegen, ob es doch besser ist, wenn 10 Damen sichtbar und kontrolliert tätig sind als wenn nur 5 Prostituierte ungeschützt in der Illegalität arbeiten.

  13. 13.

    Auch wenn der Straßenstrich unangenehm sein kann, hat er den Vorteil, dass anders als Sie schreiben, die Damen eben nichts von ihren Einkünften abgeben müssen. In einem Saunaclub kostet der Eintritt für einen Tag beispielsweise zwischen 50 und 100 Euro. Da herrschen natürlich bessere Arbeitsbedingungen. Es besteht aber das Risiko den Tag mit einem Verlust abzuschließen. Des Weiteren frage ich mich, wieso Besucher von solchen Clubs sich besser verhalten. Wenn, wie in den Kommentaren und im Artikel dargestellt, es den Damen auf dem Straßenstrich schlecht geht, sollte mach doch gerade diese unterstützen und zu ihnen gehen.

  14. 12.

    Es ist unglaublich, das die Behörden behaupten, sie können nichts machen. Es verlangt keiner vom Ordnungsamt gegen Legales vorzugehen. Gegen Illegales, wie Menschenhandel aber schon. Auch wenn es unbequemer ist, so kann man doch erwarten, das noch mehr Eifer und Hartnäckigkeit an den Tag gelegt wird, als bei Verkehrsdelikten wie Parken im Halteverbot.

  15. 11.

    Fast genauso verstörend wie Männer, die diesen Billig-Sex in Anspruch nehmen, sind Leute, die sich ahnungs- und empathielos so verächtlich über diese Prostituierten äußern. Diese Mädchen und Frauen tun das sicherlich nicht freiwillig und da sie einen Großteil ihres Verdienstes abgeben müssen und unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten müssen, ist Ihr Kommentar zynisch und respektlos. @Stefan/Potsdam: Ja, es gibt Frauen, die freiwillig als Prostituierte arbeiten. Aber ganz gewiss nicht auf dem Strassenstrich unter solchen Bedingungen. Insgesamt kann ich nicht nachvollziehen, dass Männer das angenehm finden, keiner kann behaupten, er wüsste nicht, was es mit diesem Strich auf sich hat. Die Nachfrage regelt das Angebot. Ich stimme @Doro Hansen zu, lieber in ein Bordell, wo man halbwegs hygienische und humanitäre Arbeitsbedingungen vorfindet. So tut jeder Kunde seinen Teil zur Misere dazu.

  16. 10.

    1. Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung : Hier steht Deutschland gut da. (seit Jahren rückläufig und im Jahr 2017 gab es lt. BKA 489 Opfer). Klar das muss bekämpft werden aber auch in Schweden gibt es solche Verbrechen.
    2. Puff von Europa: Keine Ahnung, ob die Deutschland wirklich so gesehen wird (Breymaier bringt leider nie belastbare Statistiken). Aber auch wenn. Dass die früher als verbissen geltenden Deutschen spätestens seit dem Sommermärchen in 2006 gezeigt haben, dass sie weltoffen und eben liberal sind, ist doch ein Grund stolz zu sein.
    3. Freiwilligkeit: Die zuletzt durch die im Mai von der Landesregierung NRW veröffentliche Studie zeigt eindeutig, dass es eine geordnete Prostitution gibt, in der viele Frauen freiwillig und sebstbestimmt arbeiten.
    4. Liberalstes System: Gibt es auch anderswo (Österreich, Dänemark etc.).
    5. Sexkaufverbot: Die Damen wird der Job erschwert und die Erfahrungen in Schweden zeigen, es geht ihnen insgesamt viel schlechter.

  17. 9.

    Schwieriges Thema, weil es durchaus Leute gibt, die das tun wollen...
    https://www.zeit.de/campus/2018/04/escort-service-sexarbeit-studium-geld-sorgen

  18. 7.

    Das grenzt schon fast an menschenverachtende Satire: Die (jungen) Frauen sollen nicht an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, aber sie stehen an einer Bundesstraße in der tiefsten brandenburgischen Provinz; sinnbildlicher kann der Rand der Gesellschaft kaum sein.
    Und sozialversicherungspflichtig beschäftigt ist von denen sicher auch niemand, obwohl das ja ein Ziel der Liberalisierung der Prostitution war. Meine Meinung: Das Experiment ist gescheitert, Prostitution verbieten und die Freier bestrafen, denn die Frauen stehen ganz am Ende der Nahrungskette. Solange man(n) für Geld über den Körper einer Frau verfügen kann, kann es keine echte Gleichberechtigung geben. Frauen sind keine Ware!

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