Riesen-Baerenklau (Quelle: dpa/F. Hecker)
Video: rbb|24 | 15.07.2019 | Material: Archiv | Bild: dpa/F. Hecker

Invasive Arten - Was den Riesenbärenklau so problematisch macht

Groß, robust und giftig: So lässt sich der Riesenbärenklau kurz beschreiben. Derzeit steht die Pflanze insbesondere im südlichen Brandenburg in Blüte. Dass er Allergien auslöst und Verbrennungen verursacht, ist nicht das einzige Problem. Von Oliver Noffke

Ein gerader Stängel, an dessen Ende sich mehrere Arme zu einem flachen Dach aus weißen Blütenständen aufspannen. Wäre die Pflanze nicht so hoch wie ein Haus und ihre Dolden nicht so breit wie ein Regenschirm, könnte man sie glatt für harmlosen Wiesenbärenklau halten. Was derzeit vielerorts im Osten und Südosten Brandenburgs vier Meter oder mehr in den Himmel ragt, ist allerdings sein giftiger Verwandter: der Riesenbärenklau, auch bekannt als Herkulesstaude.

Der Saft des Riesenbärenklaus enthält Furocumarine - phototoxische Abwehrstoffe. Der bloße Hautkontakt löst meist noch keine Reaktion aus. Sonnenlicht aktiviert das Gift jedoch. Die Folge können schmerzhafte Rötungen und große Quaddeln sein, die einer Verbrennung ähneln. Deshalb ist es wichtig, Kontaktstellen gründlich zu reinigen. An heißen Tagen gibt Riesenbärenklau die Furocumarine auch an seine Umgebung ab. Wer sich in der Nähe aufhält, kann Atemnot bekommen. Das Einatmen kann sogar zu akuter Bronchitis führen.

Wie das Jahr 1492 die Natur teilt

Die Pflanze ist aber nicht allein wegen ihres Gifts problematisch. "Der Riesenbärenklau hat das Potenzial große Schäden anzurichten, wenn er in Flussauen oder Hochstaudenflure eindringt und dort Vegetation verdrängt", sagt Andreas Piela. Von Amt wegen ist Piela Naturschützer. Er kümmert sich im Brandenburger Umweltministerium um die Bekämpfung invasiver Arten. Das sind Pflanzen und Tiere, die ursprünglich nicht in unserer Region heimisch waren, hier aber ideale Bedingungen vorfinden und nun heimische Arten verdrängen.

Dass Arten neue Ökosysteme erobern, liegt vor allem am Menschen. Handel, Tourismus und Verkehr haben auch die Natur globalisiert. Beschleunigt hat sich diese Entwicklung, als es gelang Ozeane zu überwinden. Das Jahr 1492 gilt als Zäsur. Pflanzen, denen es vor Christoph Kolumbus' erster Amerikareise gelang neue Lebensräume einzunehmen, werden als Archäophyten bezeichnet. Pflanzen, die später neue Gebiete fanden, Neophyten. Bei Tieren spricht man von Archäozoen und Neozoen. Das Bundesamt für Naturschutz zählt in Deutschland 808 Neophyten und Neozoen, die sich dauerhaft etablieren konnten. 59 davon gelten als invasiv [neobiota.bfn.de].

Tiere und Pflanzen, die Brandenburg nicht braucht

Das überrannte Vogelparadies

Ein Beispiel verdeutlicht die potenzielle Gefahr invasiver Arten: Bevor der Mensch die Inseln Neuseelands besiedelte, waren sie ein Paradies für Vögel. Viele Arten fühlten sich in den dichten Regenwäldern so wohl, dass sie über die Jahrtausende das Fliegen verlernten und ihre Nester sich selbst überliesen. Dann kam Europas unheilvoller Exportschlager: Rattus rattus, die Hausratte. Viele der behäbigen neuseeländischen Vögel sowie deren schutzlose Eier waren ihr ein gefundenes Fressen. Heute wankt das Land von einer Rattenplage zur nächsten. Mit Unterstützung von Kaninchen, Hund und dem australischen Buschpossum hat die Ratte der Vogelwelt Neuseelands fast den Garaus gemacht. Damit der Nationalvogel Kiwi ungestört leben kann, versuchen Umweltschützer ihn auf vorgelagerten kleinen Inseln anzusiedeln. In der Hoffnung, dass sich dort die stark dezimierten Populationen wieder erholen.

Natürlich gibt es auch andere Faktoren, die ursprüngliche Lebensräume gefährden. Verstädterung, Pflanzenschutzgifte oder der Anbau von Monokulturen sind einige von ihnen. Letzteres kann aber auch die Ausbreitung von invasiven Arten befördern.

Der Riesenbärenklau ist nicht allein

Der Riesenbärenklau wuchs ursprünglich nur im Westkaukasus. Ab Ende des 19. Jahrhunderts gelangte er nach Mitteleuropa als Studienobjekt in botanischen Gärten oder Zierpflanze. Da jedes Exemplar 10.000 bis 30.000 Samen ausbildet, kann sich der Riesenbärenklau in kurzer Zeit ausbreiten. Insbesondere an Bächen und Flussläufen fühlt er sich wohl. Dass er in Brandenburg eine ähnliche Wucht entwickelt, wie die Ratte in Neuseeland, ist aber erst einmal unwahrscheinlich. Denn mit Trockenheit kommt der Riesenbärenklau nicht gut zurecht. "Die Länder, die an Nord- und Ostsee liegen, sind weitaus stärker betroffen", sagt Piela.

Die Europäische Union hat den Riesenbärenklau auf ihre Liste gebietsfremder invasiver Arten von unionsweiter Bedeutung gesetzt [ec.europa.eu]. Darauf befinden sich 26 Tier- und 23 Pflanzenarten, die Ökosysteme und Artenvielfalt gefährden. Auch für die Landwirtschaft können sie zum Problem werden. 16 Arten von dieser Liste sind auch in Brandenburg vorhanden. Es gibt jedoch mehrere Kritikpunkte an der EU-Liste. Zum einen ist sie zu kurz. Das weiß die EU. Sie nimmt explizit nur Arten auf, deren Vorkommen in Europa sie als umfangreich erforscht einstuft. Neudeutsch könnte man sagen: Wenn ein Schadens-Assesment vorliegt. Dies ist aufwendigt, geschieht aber permanent. Weswegen die EU ihre Liste immer wieder erweitert. Das nächste Mal voraussichtlich im September.

Mangelnder Umfang ist nicht der einzige Kritikpunkt. "Wir haben uns auch gefragt, was hat die EU geritten, diese Liste so zu veröffentlichten", sagt Andreas Piela. "Einige dieser Arten sind mittlerweile bei uns weit verbreitet und die werden wir auch nie wieder wegbekommen." Zumal die EU, diese Arten nur benennt. Die Bekämpfung liegt im Ermessen der EU-Länder, die dafür überhaupt erstmal Mittel bereitstellen müssen. Die EU liefert also lediglich eine standardisierte Blaupause, die aber auch als eine Art Diskussionsforum dienen kann. Außerdem wird die Einfuhr verboten.

Speisen für die Artenvielfalt

Wie mit den invasiven Tieren umgegangen werden soll, lässt die EU ebenfalls offen, wohl wissend um die Schwierigkeiten. Giftfallen sind zu ungenau, die präzisere Jagd mit Schusswaffen ist aufwendig, kann nur außerhalb von Siedlungen stattfinden und ist zudem der breiten Öffentlichkeit oftmals gar nicht zu vermitteln. Selbst der Naturschutzbund Nabu merkt an, der Waschbär "polarisiert die Bevölkerung" [brandenburg.nabu.de]. Ein Blick in sein süßes Antlitz und es wird klar, in Berlin und Brandenburg wird auch in absehbarer Zeit nicht zur Hatz auf Waschbären geblasenen werden - da können die Raubtiere noch so viele Nester von Kiebitz oder Rotmilan leerfressen.

Als vor zwei Jahren Horden Roter Amerikanischer Sumpfkrebse im Berliner Tiergarten über die Wege wanderten, wurden 4.000 Exemplare eingesammelt und geschreddert. Ein Jahr später durften Fischer sie aus den Teichen des Parks ziehen und an Restaurants verkaufen. Ob der Appetit der Berliner mit der Vermehrung der Krebse mithalten kann, bleibt abzuwarten. Ende November vergangenes Jahres teilte die Berliner Umweltverwaltung mit, man habe 38.000 Rote Amerikanische Sumpfkrebse eingesammelt. Fast zehnmal mehr als 2017.

Abschlagen ist zu wenig, kompostieren ein kapitaler Fehler

Andreas Pielau weiß bereits, dass auf der nächsten EU-Liste mindestens drei Arten stehen werden, die derzeit in Brandenburg Ökosysteme zersetzen: Der Sonnenbarsch, der wahrscheinlich einfach von Teichbesitzern ausgesetzt wurde; ebenso hat sich wahrscheinlich die Muschelblume verbreitet; sowie der Götterbaum, ein aus Ostasien stammender Laubbaum, der im Mittelmeerraum mit Glyphosat bekämpft wird.

Für Brandenburger Auen ohne Riesenbärenklau sieht Piela schwarz. Es reicht nicht, die giftige Pflanze einmal abzuschlagen, denn sie treibt nach. Haben sich bereits Samen gebildet, muss man besonders vorsichtig vorgehen, um nicht unfreiwillig zu deren Verbreitung beizutragen. Kompostieren wäre ein kapitaler Fehler. Man würde den Riesenbärenklau ins bequeme Bett legen. Wirklich hilfreich ist nur die Verbrennung.

Beitrag von Oliver Noffke

Kommentar

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7 Kommentare

  1. 6.

    Das Bild 10 paßt nicht zur Bildunterschrift. Dort ist kein Tanuki, Enok oder Obstfuchs zu sehen, sondern ein Waschbär. Damit sind 2 Waschbär-Bilder in der Galerie.

  2. 5.

    Gut recherchiert! Interessanter Beitrag!

  3. 4.

    da war vor kurzem ein Bericht in der ARD-Mediathek, Schnecken sollen es bringen statt verbrennen

  4. 3.

    Den bitteren Humor teile ich.

    Gar nicht ironisch sei an dieser Stelle angemerkt, dass gerade Natur- und Umweltschutz ein vermeintlich politisch unverdächtiger Themenkomplex sind, in dem sich rechtspopulistische bis -extreme Akteur*innen zu etablieren, zu normalisieren versuchen. Man achte schon auf die Sprache: Einheimische/ Autochthone vs. Gebietsfremde/ Allochthone. Man muss in der Tat in biologischer Sicht invasive Arten bekämpfen. Nur ist das genau ein Narrativ von Rassist*innen, es gäbe eine Invasion von "Anderen". Eine deutlichere Analogie zum Thema Migration bzw. Rassismus gibt es sonst kaum.

    Das gilt auch für andere notwendige umweltpolitische Veränderungen, wie etwa dem Wolf angemessen viel Raum zuzugestehen, statt ihn zu verbannen, wie teils sogar durch die Bundesregierung fatalerweise beschlossen. Das, was man nicht kennt, wird kategorisch abgelehnt, dämonisiert, delegitimiert, entrechtet - ob Wolfsgegnerschaft oder Pegida, Zukunft Heimat, AfD und Co.

  5. 2.

    Die AfD der Pflanzenwelt.....
    Man weiß um die Gefahren, aber handelt nicht dagegen und in absehbarer Zeit ist die Chance vertan.

  6. 1.

    Interessanter Artikel. Doch die Muschelblume überlebt hier keinen Winter.

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