Dicht an dicht sind Fahrzeuge am Abend auf der Frankfurter Allee in Richtung Lichtenberger Brücke unterwegs. Quelle: dpa/P. Zinken
Audio: rbb 88.8 | 05.07.2019 | Ricardo Westphal | Bild: dpa/Paul Zinken

Zukunftsatlas 2019 - Berlins Arbeitsmarkt boomt - aber die Armut bleibt groß

Berlin ist eine der dynamischsten Städte Deutschlands - zumindest wenn es um den Arbeitsmarkt geht. Auch Brandenburg profitiert davon, sagen Wirtschaftsforscher. Doch auch die Armut in der Hauptstadtregion bleibt groß. Von Marc Langebeck

Die Zahl der Arbeitnehmer in Berlin ist innerhalb von drei Jahren um 12,6 Prozent gestiegen. Das geht aus dem Zukunftsatlas 2019 hervor, den das Forschungsunternehmen Prognos am Freitag vorgestellt hat [prognos.com]. Das ist fast doppelt so viel Zuwachs wie im Bundesdurchschnitt (6,8 Prozent). Vor allem im Dienstleistungssektor sind mehr sozialversicherungspflichtige Beschäftigte tätig, aber auch in der Industrie. Außerdem gibt es durch die Hochschullandschaft viele Akademiker.

Teltow-Fläming profitiert von "Überschwappeffekten"

Noch besser als Berlin schneidet in der Region nur Teltow-Fläming ab mit 12,8 Prozent mehr Beschäftigten. Die regionalen Spitzenreiter schaffen es damit in die deutschen Top Ten. Teltow-Fläming profitiert von "Überschwappeffekten" aus Berlin, so Projektleiterin Kathleen Freitag. "Wenn beispielsweise in Berlin keine passenden Gewerbeflächen mehr verfügbar sind, gehen Unternehmen ins Umland."

Insgesamt habe Teltow-Fläming laut Freitag eine enorme Entwicklung hingelegt: starkes Wachstum des Bruttoinlandsprodukts, viele Unternehmensgründungen und vor allem im Bereich Forschung und Entwicklung deutlich mehr Beschäftigte. Inwiefern die Entwicklung auf einzelne Unternehmen, wie etwa den Weltkonzern Rolls-Royce in Dahlewitz, zurückzuführen ist, ließ sich allerdings nicht beantworten. Das starke Abschneiden Teltow-Flämings spiegelt sich auf jeden Fall in der Rangliste wider. Der Landkreis hat in der Region von allen den größten Sprung nach vorne gemacht und verbessert sich um 115 Plätze auf Platz 170. Nach Potsdam und Berlin ist das der beste Platz für die Region.

Arbeitsmarkt, Verschuldung, Infrastruktur

Alle drei Jahre legen die Wirtschaftsforscher von Prognos gemeinsam mit dem "Handelsblatt" ihren Zukunftsatlas vor, in dem sie alle 401 Landkreise und kreisfreien Städte Deutschlands vergleichen. Bewertet wird etwa der Arbeitsmarkt, die kommunale Verschuldung, die Zusammensetzung der Bevölkerung, die Anzahl der Schulabbrecher, das Verkehrsnetz oder die Kriminalitätsrate der vergangen drei bis fünf Jahre.

Aus insgesamt 29 Kriterien ermitteln die Forscher eine deutschlandweite Rangliste. Die unangefochtene deutsche Nummer Eins kommt seit jeher aus Bayern, nämlich die Stadt und der Landkreis München - wobei nun erstmals die Stadt den Landkreis überholt hat. 

Berlin und Potsdam in der Region vorne

Nach der Region Berlin-Brandenburg muss man lange suchen. Erst auf Rang 92 wird man fündig, mit der Landeshauptstadt Potsdam. Zwar ist sie im Vergleich zu 2016 um sieben Plätze gefallen, doch das sei nicht problematisch, sagt Kathleen Freitag. "Potsdam hält sich stabil in der Gruppe mit hohen Zukunftschancen. Andere holen etwas stärker auf. Aber Potsdam macht nichts falsch."

Demografisch und auf dem Arbeitsmarkt entwickle sich die Stadt sehr gut. Die Kaufkraft der Einwohner liege über dem Brandenburger Durchschnitt. Aufgeholt hat Berlin: Die Bundeshauptstadt verbessert sich um 21 Plätze und liegt jetzt direkt hinter Potsdam auf Rang 93.

Cottbus und Frankfurt (Oder) haben nichts vom Berlin-Boom

Frankfurt (Oder) rutscht dagegen am stärksten ab. Die Stadt fällt um 48 Plätze auf Rang 361 aller deutschen Landkreise und kreisfreien Städte. "Frankfurt schafft es nicht, genügend Beschäftigung aufzubauen", sagt Wirtschaftsgeografin Freitag. Die Oderstadt liegt mit drei Prozent mehr Beschäftigung deutlich unter Bundes- und Landesniveau.

Ebenso Cottbus: Die Stadt kommt auf zwei Prozent bei der Beschäftigungsentwicklung. "In der Braunkohle kann die Zahl der Beschäftigten maximal stabilisiert werden", heißt es. Cottbus liegt dicht hinter der Oderstadt auf Rang 363. Inwiefern eine Verbesserung der Verkehrsanbindung an Berlin Regionen wie Cottbus und Frankfurt (Oder) helfen könnte, lasse sich schwer voraussagen. "Eine leichte Verbesserung wäre möglich. Am Beispiel großer Ballungsräume sieht man, dass durch Pendler das Umland profitieren kann. Eine Stunde Pendeln geht. Darüber hinaus wird es schwierig", sagt Potsdamerin Freitag, die selber nach Berlin zum Arbeitsplatz pendelt.

Wohlstand und soziale Lage: Berlin fast Schlusslicht

Insgesamt konnten sich die meisten Landkreise und kreisfreien Städte unserer Region im Zukunftsatlas 2019 verbessern. Die meisten von ihnen rangieren jedoch nach wie vor auf Plätzen, die die Forscher mit leichten bis sehr hohen Zukunftsrisiken verbinden. "Mit Berlin und Potsdam gibt es gute Wachstumspole. Das strahlt aufs Umland aus, sowohl wirtschaftlich als auch bei der Bevölkerungsentwicklung. Regionen, die in Brandenburg Probleme haben, sind die, die keine Verbindung zu Berlin haben", fasst Projektleiterin Kathleen Freitag zusammen, die seit 12 Jahren an den Untersuchungen mitarbeitet.

Sie versteht den Zukunftsatlas als erste Orientierungshilfe, um mit den Regionen ins Gespräch zu kommen. "Ein Patentrezept gibt es nicht. Nötig sind individuelle Strategien, wo und wie einzelne Regionen ansetzen können, um Zukunftsrisiken zu vermeiden." So hat bei aller wirtschaftlichen Dynamik der vergangenen Jahre auch Berlin nach wie vor seine Herausforderungen.  

Wenn es nur um die soziale Lage und den Wohlstand in der Stadt geht, landet die Bundeshauptstadt auf dem drittletzten Rang 399. Das liegt an der Kriminalitätsrate und daran, dass mehr Menschen in Bedarfsgemeinschaften leben. "Großstädte schneiden im Bereich Wohlstand häufig schlechter ab", erklärt Freitag. Auch Potsdam landet in diesem Bereich nur auf Rang 292. Spitzenreiter München liegt dagegen auf Rang 11. Allerdings drückt in Berlin nach wie vor auch die hohe kommunale Schuldenlast das Abschneiden. "Das ist nicht typisch für Großstädte. Dresden zum Beispiel ist schuldenfrei."

Sendung: Brandenburg Aktuell, 05.07.2019, 19.30 Uhr

Beitrag von Marc Langebeck

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4 Kommentare

  1. 4.

    "... aber die Armut bleibt groß" - Wenn ich einige Kausalitäten hier verknüpfen dürfte? https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2019/06/armut/armut-berlin-arbeit-hartz-iv-aufstocker-ejs.html

  2. 3.

    Da die Firmen Betriebsstätten in Berlin unterhalten, fällt auch hier Gewerbesteuer an. Dazu kommt noch der Anteil an der Einkommensteuer der hier wohnenden Arbeitnehmer. Deshalb sollte man angesichts der weiterhin nicht optimalen Haushaltssituation froh über jeden besser bezahlten Arbeitsplatz ersz recht von von Gewinnen erwirtschaftenden Unternehmen sein.

    Zudem steht es vielen jungen Menschen frei, eine besser bezahlten Beruf außerhalb des sozio-öku-kulturellen Bereich zu ergreifen. Solche Stellen im öffentlichen (subventionierten) Bereich und erst recht politische Ämter für Berufsstudenten sind rar gesät. Der RBB hat gerade zwei Beispiele geliefert, wie man es nicht machen sollte.

  3. 2.

    Berlins Arbeitsmarkt boomt - klar aber die Steuern zahlen die Unternehmen wo sie den Hauptsitz haben, nicht in Berlin. Meist bringen sie selbst ihren eigenen Arbeitskräfte mit.

  4. 1.

    Dass die Stadt Dresden schuldenfrei ist, liegt am größten Fehler ihrer jüngeren Geschichte, nämlich dem Verkauf des gesamten kommunalen Wohnungsbestandes mit allen negativen Folgen. Ich hoffe Frau Freitag meint nicht, dass Berlin diesen Weg gehen sollte. Anders als von Frau Freitag dargestellt, ist der leichte Anstieg der Beschäftigung in Frankfurt und Cottbus eine enorme Leistung, denn im gleichen Zeitraum sind (Industrie-)Arbeitsplätze in Größenordnungen weggefallen, siehe Solarindustrie und Abschaltung von Kraftwerksblöcken.

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