Elch Bert mit GPS-Senderhalsband. (Quelle: Kerstin Kruse)
Audio: Antenne Brandenburg | 02.08.19 | Susanne Hakenjos | Bild: Kerstin Kruse

Auswertung von GPS-Daten - Auch ohne Kühe bleibt Elch Bert Brandenburg treu

Seit Jahren kommen Elche aus Polen nach Brandenburg. Ihre exakte Zahl kann nur geschätzt werden. Licht ins Elch-Dunkel soll "Bert" bringen, Brandenburgs einziger Elch mit GPS-Sender. Erste Datenauswertungen zeigen Überraschendes. Von Susanne Hakenjos

Prächtig ist der Kopfschmuck des mittlerweile dreijährigen Elchbullen, stärker als noch im Vorjahr ist sein Geweih in diesem Frühjahr neu gewachsen. In gemütlichem Tempo ist Bert an diesem Tag nur wenige Kilometer in einem Waldgebiet südwestlich von Trebbin herumgestreift. Das weiß Wildbiologe Siegfried Rieger so genau, weil ihm Berts Halsband mit GPS-Sender alle zwei Stunden Daten sendet. Ein Rechner am Fachbereich Wald und Umwelt der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) ortet Bert nicht nur, er auch zeigt exakt, welche Strecken der Elch zurücklegt.

Seit 2018 im Fokus der Wissenschaftler

"Sternchen markieren Berts Standort in der Nacht, Kreise den Aufenthalt bei Tag", erklärt Rieger mit Blick auf die Karte. “Genauigkeit der Ortungen ist enorm gut, wir sind auf rund 15 Meter genau. Wir können uns das auf der normalen topographischen Karte anschauen oder wir schalten um auf Satellit." Je nach Einstellung bildet das Programm Berts Routenverlauf über 24 Stunden, sieben Tagen oder mehreren Wochen oder Monaten ab. Das auffällig gelbe Halsband mit dem Sender trägt der Elch seit Februar 2018. Die Gelegenheit war einmalig: Der Jung-Elch verbrachte mehrere Tage bei einer Kuhherde auf Weiden bei Schlalach im Hohen Fläming. Nach der Narkotisierung durch einen Tierarzt legte ihm Riegers Kollege Frank-Uwe Michler das Band aus stabilem gelbem Kunststoff um und verpasste ihm auch seinen Namen.

GPS-Bänder für Tiere (Bild: rbb/Susanne Hakenjos)
Verschiedene Sende-Halsbänder für Wildtiere | Bild: rbb/Susanne Hakenjos

Was sucht der Elch, was meidet er?

Seine Sommertage verbringt Bert in einem knapp fünfhundert Quadratkilometer großen Gebiet, in dem er in kleinen Kreisen herumwandert. Siedlungen meidet Bert komplett, respektvoll hält er Abstand zu großen Bundesstraßen, vierzehn Kilometer im Schnitt sogar zu Autobahnen, wie etwa bei seiner zügigen Frühjahrswanderung aus dem fernen Vorfläming bei Dessau in Sachsen-Anhalt. Zur Querung nutzte er dabei gekonnt eine Wildbrücke an der Autobahn 9.

All das und noch mehr haben die Forscher aus den vielen Daten herausgefiltert. In offener Landschaft, wo er gut zu sehen wäre, steht er ganz wenig. Auch Kiefernwald findet dieser Elch wenig attraktiv, er bevorzugt Mischwald. Und Bert liebt ganz offensichtlich die einsamen schilfbestandenen kleinen Gewässer in der Region zwischen Nuthe und Nieplitz. "Wasserflächen, Moorflächen, Feuchtflächen - also in Feuchtlebensräumen ist eine deutliche Präferenz zu sehen", erläutert Rieger seine Diagramme. Ganz offenbar findet der Elch in der Region zwischen Nuthe und Nieplitz ausreichend Ruhe, er bewegt sich vorsichtig und findet passende Nahrung. Elche fressen frisches Laub wie Weidenblätter, Knospen. Und in Uferbereichen auch Wasserpflanzen wie Algen. 

Wanderweg von Elch "Bert" (Quelle: rbb/Susanne Hakenjos)
Auf Schritt und Tritt dokumentiert: Berts Wanderroute | Bild: rbb/Susanne Hakenjos

Bert ist ein Brandenburg-Fan

500 Quadratkilometer groß ist Berts "Sommer-Einstandsgebiet": Zwischen Trebbin, Beelitz und Treuenbrietzen bewegt er sich über Wochen hin- und her, auch in kleinen Kreisen. Für die Forscher ein Signal, dass er in diesem "stabilen Streifgebiet“ sogar bleiben könnte. "Würde er sich nicht wohlfühlen, würde er ein anderes Gebiet aufsuchen. Das hat er auch schon durchaus bewiesen, dass er durchaus deutliche Strecken zurücklegen kann. Auch dass er bereits seinen zweiten Sommer hier verbringt, all das deutet schon darauf hin, dass er hier gut leben kann und sich hier über längere Zeit aufhalten könnte," so ein erstes Fazit von Rieger. Immerhin war der europäische Elch in früheren Zeiten einst einheimisch, auch im Gebiet des heutigen Brandenburg.

Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde (Quelle: rbb/Susanne Hakenjos)
Die Daten-Sammelstelle: Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) | Bild: rbb/Susanne Hakenjos

Bert steht auf Kühe – und flieht vor Bullen

Obwohl Brandenburgs einziger Elch mit GPS-Sender durch sein gelbes Halsband extrem auffällig ist, bewegt er sich unbemerkt durch die Gegend und wird selten gesehen, weiß Kornelia Dobias, Leiterin der Forschungsstelle für Wildökologie und Jagdwirtschaft im Landesbetrieb Forst. Bei der Biologin gehen alle Elch-Meldungen ein, darunter eine zu Bert von Ende Juni 2019 aus der Nuthe-Nieplitz-Region: "Von einer Frau, die plötzlich im hohen Gras vor Bert stand. Und der hat sich dann ganz gemächlich aufgestellt, hat sie betrachtet, hat sich umgedreht und ist langsam seiner Wege gegangen."

Bewohner der Naturpark-Region wissen auch: Gezielt sucht der Elch nach wie vor die Gesellschaft großer Weidetiere. Ende Mai stand er zwei Tage lang friedlich bei einer großen Mutterkuh-Herde. Mit seinen zwei Metern Schulterhöhe deutlich größer als jeder Rothirsch hat der dunkle Riese mit der langen Nase keinerlei Problem mit Weide-Zäunen "Da steigt der drüber wie ein Storch", weiß der Landwirt, der sich bereits im zweiten Jahr über Berts Besuch freut. Nachdem zu den Kühen allerdings dann auch Bullen auf die Weide gestellt wurden, verschwand der Elch.

Für die Forscher bleibt Berts ungewöhnliche Liebe zu Kühen - und selbst zu Pferden -  allerdings komplett ein Rätsel. Ihre Forschungsfrage beschäftigt sich aber auch nicht mit diesem auffälligen Verhalten. Grundsätzlich sind Elche normalerweise Einzelgänger, keine Herdentiere, bestätigt aber Wildbiologe Rieger. Lediglich Jungtiere bilden manchmal kleine Grüppchen, nachdem sie von der Mutter abgestoßen wurden. "Aber dafür ist er schon ein bisschen alt jetzt. Ich glaube, es ist nicht unsere Aufgabe hier zu spekulieren," betont der Wissenschaftler.

Elch Bert inmitten einer Kuhherde (Bild: Ralf Engelhardt)
Bert Ende Mai 2019 mitten einer Mutterkuh-Herde | Bild: Ralf Engelhardt

Elch-Nachwuchs dank Bert?

Spekulieren lässt sich aber durchaus darüber, ob Bert im Herbst für Elch-Nachwuchs sorgen könnte: Zwei weitere Artgenossen wurden ganz in seiner Nähe am 4. Juli 2019 im Großschutzgebiet Naturpark Nuthe-Nieplitz gesichtet, weiß Dobias. "Einer der beiden anderen definitiv ein Bulle, aber bei dem anderen Tier, das nur wenige Minuten später auftauchte, ist leider nicht bekannt, ob es ein Geweih hat oder nicht. So lässt sich natürlich mutmaßen, dass es sich um eine Elch-Kuh handelt. Spannung ist also vorprogrammiert, denn im September ist Brunftzeit. Möglichweise erleben wir jetzt in diesem Jahr eine neue Qualität der Elche in Brandenburg!"

Die Angst vor Elch-Tourismus

Aktuell geht Elch-Expertin Dobias von bis zu vier Tieren in Brandenburg aus. Doch die Zahl der Elch-Sichtungen in der Mark steigt seit Jahren ständig. So gingen allein im ersten Halbjahr 2019 beim Landeskompetenzzentrum Forst bereits zehn Meldungen ein, darunter sind dann auch Doppelmeldungen. Eine eigenständige Population - aus mehreren Tieren und deren Nachwuchs - gibt es in Brandenburg bislang aber nicht. Der Zuzug von Elchen wächst aber seit Jahren, so Dobias. "Denn die polnische Elchpopulation wächst erheblich an in den letzten Jahren, also der Druck ist vorhanden. Zugleich werden Elche immer weiter im Westen gesichtet. Im Moment ist es so, dass nur in den ganz westlichen Landkreisen, im Havelland und der Prignitz, keine Elch-Sichtungen stattgefunden haben."

Damit auch Ausnahme-Elch Bert bleibt, weiter beforscht werden kann und bald vielleicht endlich sogar eine Partnerin trifft, die wirklich zu ihm passt, ist es wichtig, dass er ungestört bleibt, betonen die Experten und warnen eindringlich vor Elch-Tourismus. "Die größte Gefahr für ihn ist wirklich, dass er aufgescheucht würde und auf eine Straße läuft", sagt Christa Schmidt vom Landschaftsförderverein Nuthe-Nieplitz-Niederung. Ein Zusammenstoß mit einem Auto wäre vermutlich sein Ende: Drei Artgenossen kamen seit 2012 in Brandenburg so bereits zu Tode.

Sendung: Antenne Brandenburg 01.08.2019, 16:12 Uhr

Kommentar

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Antwort auf [Lucky] vom 04.08.2019 um 08:45
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5 Kommentare

  1. 4.

    Irgendwie sympathisch der Kerl.
    "Bert steht auf Kühe – und flieht vor Bullen"
    ... geht mir ähnlich ;-).

    Ich durfte bisher nur einmal einen Elch in freier Wildbahn sehen. Überaus beeindruckend.

  2. 3.

    Einer von uns halt-ich mag ihn.

  3. 2.

    Der "Einzelfall" zeigt, wie wichtig Wildbrücken sind. Von der HNE Eberswalde hatte ich zuvor noch nie gehört: gut, dass es so etwas gibt!

  4. 1.

    Ich bin gespannt, ab welchem Zeitpunkt das Tier als gefährlich abgestempelt und dann weggeballert werden darf, weil sich irgendein Depp wichtig macht und Mimimi anmeldet.

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