Zelten mit Blick in den Himmel (Quelle: rbb/ Susanne Hakenjos)
Audio: Antenne Brandenburg | 22.08.2019 | Susanne Hakenjos | Bild: rbb / Susanne Hakenjos

Zeltsurfen in Brandenburg - In fremden Gärten frei campen

Wild-Campen oder Biwakieren sind verboten. Outdoor-Fans finden aber Möglichkeiten, ihr Zelt legal und sogar kostenfrei auf fremden Grundstücken aufzuschlagen - über eine digitale Landkarte. Das findet immer mehr Unterstützer. Von Susanne Hakenjos

Unter einer riesigen alten Kiefer dürfen Wildfremde ihr Zelt bei Hannes in Bergholz-Rehbrücke südlich von Potsdam aufschlagen. Kostenlos für eine Nacht. Platz genug gebe es in seinem langgestreckten, etwas wilden Garten, sagt Hannes: "Hier vorne in der Ecke wäre Platz. Oder hinten links, da würde auch ein Vier-Mann-Zelt hinpassen. Das Größte, was hier schon stand, war ein Sechs-Mann-Zelt." Hinter seinem kleinen Einfamilienhaus bauten bislang allerdings bislang nur Bekannte ihre Zelte auf. Dann kam vor kurzem der erste Anruf eines Fremden. Denn Hannes' Garten findet sich seit wenigen Wochen auf der digitalen Plattform für Couchsurfer mit Zelt: "1Nite Tent" - übersetzt "Eine Nacht im Zelt". Die Landkarte auf dem Portal zeigt kostenlose Übernachtungsplätze im Grünen für eine Nacht.

Wer auf Hannes' Standort klickt, erfährt weitere Details: Wer vorbeikommen möchte, muss sich vorher per Mail oder telefonisch anmelden. Dem 30-Jährigen gefalle das Konzept, sagt er: "Ich bin selbst auch viel mit dem Rucksack unterwegs, ohne großen Plan. Und da macht sich das natürlich gut: Man ruft an. Und wenn es passt, dann passt es." Während es in Ländern wie Schweden, Norwegen oder Finnland kein Problem ist, sein Zelt so gut wie überall für eine Nacht nach dem "Jedermannsrecht" aufzustellen, ist Wildcampen in Deutschland verboten, und kann je nach Bundesland mit bis zu 500 Euro geahndet werden. Es sei denn, man hat die Erlaubnis vom Eigentümer einer Wiese oder eines Waldstücks: "Doch der ist in der Regel vor Ort ja nicht leicht aufzuspüren", berichtet er aus eigener Erfahrung. Der Klick auf die roten Punkte der Online-Karte von "1 Nite Tent" dagegen verschafft unkompliziert legale Möglichkeiten für Outdoorfreunde, Reisende und Wanderer.

Gastgeber Hannes in seinem Garten in Bergholz-Rehbruecke (Quelle: rbb/Susanne Hakenjos)
Gastgeber Hannes in seinem Garten in Bergholz-Rehbruecke | Bild: rbb/ Susanne Hakenjos

Etwas Gastfreundschaft zurückgeben

So wie Hannes haben bereits über 100 Besitzer eines schönen Fleckchens Erde die Koordinaten ihrer Übernachtungsmöglichkeit an die digitale Landkarte von "1Nite Tent" übermittelt. Mit ihrem Portal fürs freie Zelten auf fremden Wiesen und Gärten wollen die Erfinder des Zeltsurfens, Anne-Sophie Hußler und Patrick Pirl, zwei junge Oberlausitzer, zum freien Reisen, zum Naturerleben, zu Begegnung und zum Teilen anstiften. Die Idee stehe gerade auch für Gastfreundschaft und Weltoffenheit, erläutert Christiane, eine pensionierte Lehrerin aus Marzahna im Kreis Teltow-Fläming. So findet sich auf ihrem alten Vierseit-Hof in dem 400-Einwohner-Dorf südlich von Treuenbrietzen nicht nur Natur in Hülle und Fülle, sondern auch ein kostenloses Eine-Nacht-Biwak.

Gecampt wird hier wahlweise auf einem großen Wiesengelände unter alten Obstbäumen oder im geschützteren Innenhof - unter einem wunderbar klaren Sternenhimmel. "Ich dachte, da liegt man dann da draußen im Gras vor dem Zelt und kuckt in den Nachthimmel", erläutert Christiane ihren Portal-Eintrag unter dem Pseudonym Mondsichel. Bedenken von Bekannten haben die 67-Jährige nicht abgeschreckt. Bei früheren Reisen in fremde Länder habe sie so viel Gastfreundschaft erlebt, sagt Christiane, jetzt wolle sie etwas zurückgeben, ebenso wie Hannes: "Dabei hat man das auch – im Unterschied etwa zum Couch-Surfing – etwas kontrollierter: Wenn man zuhause ist, kann man die Leute ins Bad lassen. Wenn man nicht zuhause ist, müssen sie halt gucken".  

Kostenlos zelten - nach den Vorgaben der Gastgeber

Schließlich kann, wer sein Grundstück oder seinen Garten ins Portal "1Nite Tent" einträgt, auch Vorgaben machen. Bei Christiane etwa dürfen Toilette und Bad nur tagsüber benutzt werden. Zu den grundsätzlichen Bedingungen zählt aber: Menschen aus aller Welt sind willkommen. Und: Eine Nacht mit Zelt gibt’s ohne Geld oder alternativ für eine andere Gegenleistung. Wer sich bei Gastgeberin Christiane revanchieren möchte, kann ihr im Gemüsebeet helfen, muss das aber auch nicht. Das Konzept des Teilens hat sie überzeugt: "Vielleicht reisen damit dann auch besonders viele Leute, die es sich sonst nicht leisten können, und das möchte ich auch unterstützen". Und weil sie selbst wegen ihrer Hoftiere relativ wenig wegfahren kann, freut sie sich darüber, neue Menschen kennenzulernen: "Wenn ich schon nicht mehr reisen kann, dann möchte ich gerne andere Leute hier empfangen, das ist dann so ein bisschen ein Ausgleich für meine Sesshaftigkeit".

Zeltplatz mit Holzbank im Garten in Rehbrücke (Quelle: rbb/Susanne Hakenjos)Zeltplatz mit Holzbank im Garten in Rehbrücke

Schon über 100 Übernachtungsplätze

Als Unterstützer der Idee der freien Wiese für eine Nacht hat sich auch der Jagelhof nahe am Elberadweg im Unesco Biospärenreservat Elbtalaue in der Prignitz bereits in die Online-Karte eingetragen. Hier erwarten auf die Biwak-Reisenden Außentoiletten und -duschen, denn: Luxus und Komfort ist sowieso nicht das, was Outdoorfans benötigen, erklärt Hannes aus Rebrücke. Wer bei ihm sein Zelt aufbaut, findet eine Garten-Dusche, zwischen zwei Fichten steht ein selbstgezimmerter Holztisch mit Bänken, außerdem gibt es eine Feuerstelle.

Auf eher spartanische Weise zu reisen, dafür aber in persönlichen Kontakt zu kommen, findet Hannes besser als jeden noch so günstigen Campingplatz: "Man sitzt dann abends gemeinsam am Feuer und quatscht miteinander. So lernt man auch die Lebensstile von anderen Menschen kennen." Und so nutzt Outdoor-Fan Hannes die neuen Möglichkeiten gleich selbst: Schon plant er mittels der Plattform-Einträge seine nächste Touren. Die Gemeinschaft der Anbieter auf der Plattform wächst: Nach einem Jahr online sind auf der digitalen Landkarte bereits über 100 Übernachtungsplätze verzeichnet, die Tendenz steigend. Nicht nur in Bergholz-Rehbrücke, Marzahna oder Jagel, sondern auch in Polen, Frankreich uns seit neustem sogar in Irland und sogar Weißrussland.

Sendung: Antenne Brandenburg, 22.08.2019, 17:20 Uhr

Beitrag von Susanne Hakenjos

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1 Kommentar

  1. 1.

    Mein Kenntnisstand war, dass in Brandenburg eine Nacht Campen immer erlaubt ist, sofefern es bei einer Nacht bleibt und alles nur zu Fuß herangebracht wird. Also keine Rumfahrerei per Auto mit Kind und Kegel zu den Plätzen, sondern nur das, was in einen Wanderrucksack passt.

    https://www.zitty.de/wildes-campen/

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