Symbolbild - Ein Atuo steht in Brand (Bild: imago images/Becker&Bredel)
Audio: rbb|24 | 06.08.2019 | O-Ton Isabella Heuser | Bild: imago images/Becker&Bredel

Interview | Psychologin zu Brandstiftern - "Vielleicht zündelt da jemand mit ungeheurem Hass"

Immer wieder stehen in Berlin Autos in Flammen. In Brandenburg ebenso. Doch hier brennen auch die Wälder - und jeder fünfte dieser Brände soll vorsätzlich gelegt worden sein. Was treibt solche Brandstifter an? Ein Gespräch mit Charité-Psychologin Isabella Heuser.

rbb|24: Frau Heuser, hier in Berlin haben wir es gerade sehr oft mit Autos zu tun, die in Brand gesteckt wurden, in Brandenburg brennen neben Autos vor allem die Wälder – auch hier vermutet man oftmals Brandstifter. In Berlin soll, so Innensenator Geisel, sogar ein Serientäter unterwegs sein. Zündeln Brandstifter nicht nur einmal, sondern im Regelfall öfter?

Isabella Heuser: Brandstifter zündeln tatsächlich gerne öfter. Wobei man genau überlegen muss, über wen man da redet. Auch Förster oder Landwirte legen ja – aus guten Gründen und weil das ihre Arbeit erfordert - Feuer. Wir reden jetzt jedoch über Menschen, die Brände legen, um etwas anderes zu bewirken.

Was denn?

Die Motivation, einen Brand zu legen, ist ganz unterschiedlich. In den Nachrichten wird meist über Menschen berichtet, die einen Brand stiften und dabei jemand anderem schaden. Die also ein etwa ein Auto zerstören oder einen Waldbrand auslösen. Aber auch bei denen, die bewusst einen Brand legen, muss man unterscheiden, ob es sich dabei um einen der ganz selten auftretenden sogenannten Pyromanen handelt. Das sind dann Menschen, die aufgrund einer psychischen Störung einen Brand legen. Es gibt aber noch eine ganze Palette von Gründen, warum jemand einen Brand legt. Das kann beispielsweise aus Rache, aus Experimentierfreude oder um ein prickelndes Erlebnis zu haben, geschehen. Oder aber um ein politisches Statement zu setzen. Das sind die häufigsten Gründe, aus denen Brände gelegt werden.

Sie erwähnten ja gerade die "echten" Pyromanen, die sehr selten seien…

Ja. Von einem Pyromanen im wissenschaftlichen psychiatrischen Sinne sprechen wir nur, wenn es um einen Menschen geht, der bewusst und meistens häufiger Brände legt, weil er so Spannung abbauen möchte. Solche Menschen verspüren, wenn das Feuer brennt, eine Art Entlastung. Sie können ihre Gefühle nicht anders regulieren.  Diese reinen psychiatrischen Pyromanen gibt es aber extrem selten.

Gibt es den "typischen" Brandstifter?

Pathologische Brandstifter sind in der Regel jüngere Männer zwischen 18 und 45 Jahren. Sie leben oft sozial isoliert, tendenziell sind sie eher arbeitslos. Sie haben eher ein mangelndes Selbstwertgefühl und keine wirklichen Bindungen an andere. Bei fast der Hälfte dieser Männer ist der IQ reduziert.

Sehr viel häufiger als von Pyromanen werden Brände von Menschen gelegt, die unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stehen. Viele Feuer werden auch aus Rache, aus Vergeltungswut, gelegt. Das sind aber eher Menschen, die nicht immer wieder Brände legen. Sie machen das vielleicht zwei, drei Mal und hören dann damit auf. Außerdem handeln viele eben auch aus politischen Motiven.

Legen auch Frauen Brände?

Ja, es kommt aber extrem selten vor. So selten, dass man über das Profil und die Motive dieser Frauen kaum etwas aussagen kann. Warum Frauen seltener Brände legen, ist ein großes Mysterium. Ich kann mich nicht einmal an eine Frau erinnern, die überführt worden wäre. Das ist schon interessant. Frauen sind natürlich insgesamt weniger aggressiv als Männer. Und ein Feuer zu legen ist ja durchaus ein aggressiver Akt.

Haben Menschen, die Brände vorsätzlich legen, im Grunde irgendetwas gemeinsam? Muss jemand, der diese Folgen für Leib und Leben anderer in Kauf nimmt, eine schlimme Kindheit gehabt haben?

So kann man das nicht verkürzen. Natürlich nimmt ein Brandstifter schlimme Folgen in Kauf. Gerade bei politischen Taten ist die Zerstörung und der Schaden des Anderen ja gewissermaßen auch das Ziel.

Wer könnte wohl Wälder anstecken?

Das ist Spekulation. Aber Wälder anzuzünden ist schon eine hohe Eskalationsstufe. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ein pathologischer Brandstifter ist. Da könnte Brandstiftung einerseits durch Nachlässigkeit passiert sein. Andererseits könnte der Wald bewusst an allen vier Ecken angezündet worden sein, um dem Landkreis zu schaden. Da könnte jemand am Werk gewesen sein, der einen ungeheuren Hass auf die Allgemeinheit hat. Das wäre dann jemand, der vermutlich eine Persönlichkeitsstörung hat. Wenn so gezielt Feuer gelegt worden ist.

Und wer käme für die angezündeten Autos in Frage?

Da kann man sich ja alles mögliche vorstellen. Das können Linke sein. Vorstellbar ist aber auch, dass das Rechte sind, die das nachmachen, was Linksautonome mal angefangen haben, und die das diesen in die Schuhe schieben wollen. Was ich für das Wahrscheinlichste halte ist, dass da durchaus ein pathologischer Brandstifter am Werke ist, der aber in den politisch motivierten Brandstiftungen untergeht. Man muss sich immer wieder anschauen, welche Autos da in welchen Gebieten angezündet werden.

Gibt’s bei Bränden denn oft Nachahmer?

Auf jeden Fall! Nachahmung gibt es leider bei allen schrecklichen Taten. Denn es gibt eben genug "Gestörte", die sich, wenn sie davon lesen oder es sehen, ermutigt fühlen. Sie haben vielleicht vorher schon mit dem Gedanken gespielt, sich aber nicht getraut.

Nachahmer kämen dann ja vielleicht auch wieder für die Brandenburger Wälder in Frage…

Durchaus. Ich glaube auch, dass es Leute gibt, die trotz der Verbote immer noch im Wald ein Feuerchen anzünden. Weil sie es vielleicht romantisch finden.

Sind Brandstifter eigentlich therapierbar?

Pathologische Brandstifter sind durchaus therapierbar. Man muss natürlich sorgfältig schauen, ob da möglicherweise noch eine andere psychische Störung vorliegt wie eine Psychose, eine Depression oder eine Abhängigkeitserkrankung. Wer als einziges psychisches Symptom die Kontrollstörung hat, dass ein aufkommendes unangenehmes Gefühl damit verbunden ist, rausgehen und ein Feuer legen zu "müssen", um Enstpannung zu erfahren, ist psychologisch behandelbar. Aber es ist eher schwierig. In der Regel wird eine intensive Psychotherapie verordnet.

Gibt es unter den Tätern auch tatsächlich öfter zündelnde Feuerwehrmänner?

Nein. Obwohl es immer wieder so beschrieben wird. Der zündelnde Feuerwehrmann, der erst ein Feuer legt, um es dann zu löschen, ist glücklicherweise genauso eine Rarität wie der Krankenpfleger, der Intensivpatienten eine Todesspritze verabreicht, um sich dann als Reanimateur hervorzutun.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Sabine Prieß, rbb|24

Sendung: Abendschau, 05.08.2019, 19:30 Uhr

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8 Kommentare

  1. 8.

    Ich finde, Isabella Heuser (Prof. Dr. in ihrem Bereich) hat das sehr treffend, weil sehr differenziert gesagt. Dass es nicht nur eine einzige Ursache gibt, mag Vielen als Unklarheit und Schwammigkeit daherkommen, doch im Grunde widerspiegelt das die Haltlosigkeit dieses Weltbildes. Die Verhältnisse, die mit Menschen zu tun haben, sind mehrdeutig.

    Allerdings glaube ich eben auch, dass Frau Heuser die Wirkmächtigkeit der Faszination etwas unterschätzt. Wird sie, diese Faszination an etwas, übergroß, sind die Seiten und Richtungen oft genug beliebig: Feuer legen und Feuer löschen - zweitrangig. Hauptsache eben: Feuer.

  2. 7.

    Korrekturvorschlag: "Vielleicht zündelt da jemand mit enormer Planmäßigkeit"

  3. 6.

    Bei diesem Text frage ich mich wieder, warum man zig Jahre Zeit und Geld fuer einen Titel in Psychologie investieren muss. Denn die Essenz der Worte von Prof. Dr. Heuser? "Nichts Genaues weiss man nicht!" Na bravo. Das krieg ich auch in meiner Kueche analysiert. So viel Beliebigkeit in so wenigen Zeilen ist allerdings beachtlich: Den Wald KOENNTE jemand angezuendet haben, der voller Hass ist. Der KOENNTE eine Persoenlichkeitsstoerung haben. Wieviel Hass braucht denn eine "offizielle" Stoerung? Zuendeln an nur einer Ecke ist also noch gesund? KOENNTE aber auch ein romantisch veranlagter Nachahmungstaeter sein - was es nicht alles gibt! KOENNTE jedenfalls therapierbar sein...  Autos KOENNTEN von politisch Rechten oder auch von Linken oder auch von Soziopathen oder auch von Pyromanen angezuendet werden. Auch wieder GANZ was Neues! - Na ja, immerhin eins weiss ich nun: Es war mit grosser statistischer Wahrscheinlichkeit keine Frau von der Feuerwehr.

  4. 5.

    Welche Erkenntnis versucht uns die Psychologin mitzuteilen ? Die Personen, die Autos anzünden haben Lust Verlust (Frust ). Die Ursachen mögen vielzeitig sein. Sicherlich sind es Menschen, die sich vom Staat und der Gesellschaft betrogen fühlen und da gibt es sicherlich sehr viele.

  5. 4.

    Es ist nur ein Scherz, aber wenn man so schaut welchen Hass die grüne VerkehrSenatorin auf Autos hat...

  6. 1.

    Quatsch mit Pyromane und so. Deutsche Autos halten einfach zu lange.

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