Archivbild: Eine Roma-Familie befindet sich am 31.08.2011 im Görlitzer Park in Berlin. (Quelle: dpa/Pedersen)
Audio: 15.08.2019 | Inforadio | David Donschen | Bild: dpa/Britta Pedersen

Campierende obdachlose Familien - "Der Familienzusammenhalt gehört zum Kindeswohl"

Obdachlose gehören zum Straßenbild Berlins. Doch wenn Kinder dabei sind, wirkt das verstörend. Aber auch daran müsse man sich gewöhnen, so Charlottenburg-Wilmersdorfs Sozialstadtrat. Aus den Familien nehme man die Kinder fast nie. Von David Donschen

Man will sie nicht anstarren und kann doch nicht wegsehen. Auf einer Matratze an einer der orangegekachelten Wände der Fußgänger-Unterführung am Berliner Messedamm sitzen zwei Frauen. Um sie herum liegen Decken. Es riecht streng nach Urin. Und zwischen all dem spielt auf der Matratze ein vielleicht fünf Jahre altes Mädchen.

Sie kommen aus Rumänien, erzählen sie. Ein Mann, der auch zur Familie gehört und eine Flasche Schnaps vor sich stehen hat, streckt auf die Frage, wie lange sie schon in der Unterführung leben, alle zehn Finger hoch. Mehr will er, ohne dass Geld fließt, nicht sagen. Seit knapp zwei Wochen campiert die Familie also in der Unterführung. Zwischendurch war auch noch eine zweite Gruppe ebenfalls mit Kind dort. Wie kann das sein?

Ein freiheitliches Land muss vieles akzeptieren

Detlef Wagner (CDU), Sozialstadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf, weiß von den beiden Roma-Familien. Er sagt, der Bezirk kümmere sich um sie. Sie seien inzwischen in familiengerechten Unterkünften untergebracht. "Frauen und Kinder haben in der Obdachlosigkeit nichts zu suchen. Da haben wir schnell Angebote gemacht", sagt Wagner, der selbst Familienvater ist. Die Familien hätten aber nicht sofort auf die Angebote reagiert. Sie seien am nahe gelegenen Busbahnhof angekommen und hätten sich von diesem nicht weit entfernen wollen. Wagner betont, wie mobil die Menschen heute seien. "Nach Deutschland zu kommens ist kein großes Problem. Die Fahrt ist mit dem Bus machbar und gar nicht teuer."

Dass zumindest eine der Familien tagsüber weiter in der Unterführung campiert und wohl rund um den Zentralen Omnibusbahnhof bettelt, kann ihnen niemand verbieten. Es seien Bilder, so der Sozialstadtrat, an die man sich gewöhnen müsse. Obwohl es wirklich traurig sei, das in "so einem reichen Staat zu sehen". Doch gerade ein so freiheitliches Land wie Deutschland wie Deutschland müsse auch akzeptieren, dass es Menschen gibt, die keine Hilfe annehmen.

Das Jugendamt überprüft den Zustand der Kinder

Aber Kinder, die zwischen Gestank und Dreck spielen - muss der Bezirk da nicht mehr tun? Das Jugendamt prüfe in solchen Fällen sehr genau, wie es dem oder den Kindern gehe. Nur wenn es einem Kind nicht gut gehe, seine Gesundheit gefährdet sei, könne es "als Ultima Ratio" untergebracht werden. "Doch auch der Familienzusammenhalt gehört zum Kindeswohl", gibt Wagner zu bedenken. "Ein Kind ist bei seiner Familie, die es liebt, im Endeffekt immer besser aufgehoben als in einer staatlichen Institution".

Auch im Fall der beiden Familien schaue das Jugendamt genau hin, sagt Wagner. Unterstützt wird der Bezirk von Amaro Foro, einem Verein, in dem sich junge Roma engagieren. "Diese Ehrenamtlichen unterstützen die Familien, zeigen ihnen Möglichkeiten auf." Denn der Staat könne nicht alles machen.

Familiärer Zusammenhalt als höchstes Gut

Von der Möglichkeit, die Kinder herauszunehmen, sei zumindest im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf im vergangen Jahr bei ähnlichen Fällen kein einziges Mal Gebrauch gemacht worden, sagt Wagner. Das sei ein schwieriger Abwägungsprozess für die Jugendämter. Doch das höchste Gut, betont Wagner noch einmal, "ist der familiäre Zusammenhalt".

Das ist sicher nicht für jeden nachvollziehbar, der die Kinder auf der Straße campieren oder betteln sieht.

Sendung: rbb 88.8, 15.08.2019, 17:50 Uhr

Beitrag von David Donschen, rbb 88.8

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18 Kommentare

  1. 18.

    Unterkunftsfreie Sippenhaftung zum (Un)Wohl der Kinder. - That`s Germoney!

  2. 17.

    Straße als Schule des Lebens? Dann kann das Containern später nicht mehr schwerfallen. Aber wenn sich die betreffenden Stellen um diese Kinder kümmern würde, hätten sie noch eine Chance auf ein besseres Leben z.B. mit Schulbildung etc.

  3. 16.

    Wo bleibt die Hilfe des Vertreters der Sinti und Roma in Deutschland. Wofür erhält so ein Funktionär das Bundesverdienstkreuz Mo Nur er könnte sinnvollen Einfluss auf seine Landsleute nehmen und Hilfe einfordern.

  4. 15.

    Das es in einem der reichsten Länder der Welt Obdachlose, alte Menschen die Leergut sammeln müssen, Kinder die an der Armenspeisung anstehen müssen, ... ist mehr als beschämend und unerträglich.

  5. 14.

    Die bettelnden Kinder stammen vorwiegend aus Rumänien, was mich regelmäig beim Anblick natürlich traurig macht. Ich soll mich also daran gewöhnen. Ich dachte wir haben eine Schulpflicht , gilt wahrscheinlich nicht mehr in Berlin. Weiterhin ist Rumänen ein EU Staat mit einhergehenden Rechten und Pflichten. Wie kann man Kindergeld für EU Bürger zahlen und das Betteln von Kinder aus EU Staaten zu lassen. Ich meine Rumänien bekommt doch auch von der EU genug Geld , um sich seiner gestrandeten Rumänen in Berlin zu kümmern.

  6. 13.

    Die Kinder sollen ja auch nicht aus den Familien genommen werden, sondern für die Familie muss gemeinsam eine Perspektive entwickelt werden. Man kann nicht nur Ärzte, IT-Spezialistinnen und Pflegekräfte dankend in Deutschland aufnehmen und arme Familien auf der Straße leben lassen. Die Schulpflicht gilt für alle in Deutschland lebenden Kinder und jedes Kind hat ein Recht auf Bildung!

  7. 11.

    Deutschland ist laut Smartphone auf der ganzen Welt wunderschön und reich, der Anziehungspunkt Nr. 1 in Europa. Ein Auto hier zu besitzen ist ganz wichtig. Nachgefragt zur Stabilität, Einwanderung birgt Risiken, höre ich, kann nicht sein, weil Deutschland ein reiches Land ist. Erzähl es den Leuten die in Deutschland arm sind - Ost wie West! Ich weiß worüber ich schreibe, auch wenn es manchmal hier nicht genehm ist. Ich schreibe nur Erlebtes - Ost wie West. Und jetzt geht's nach Köln/Bonn ... die Arbeit ruft.

  8. 10.

    Bei ihrer Antwort wird mir übel, wie viele arme obdachlose Rumänen wollen Sie dennn aufnehmen und so richtig gut sozial ,mit allen Möglichkeiten ausstatten, statt sich um unsere recht zahlreichen obdachlosen Mitbürger zu kümmern. Wenn sich dieser Umstand in diesem Land herumspricht und von Iher Sorte, der zahlreichen Weltverbesserer, noch gefordert wird, dann gute Nacht! Aber bestimmt zahlen Sie selbst, soviele Steuern ,durch ein seriöses Einkommen, das Sie diesen Umstand zu Recht fordern dürfen !

  9. 9.

    "Frauen und Kinder haben in der Obdachlosigkeit nichts zu suchen."

    Bei Männern ist das nicht so schlimm??

  10. 8.

    Die Bemerkungen dieses Stradtrates (CDU) lassen mir den Unterkiefer herunterklappen. Männer als Obdachlose hält er für normal. Aber auch an den Anblick von Frauen und Kindern müsse man sich gewöhnen. So viel Sexismus und Menschenverachtung in so wenigen Worten habe ich selten erlebt. Wie kann so jemand zum Sozialstadtrat gemacht werden?

  11. 5.

    So, so. Sie finden, dass Betteln mit Kindern verboten sein sollte.
    Das findet Berlin übrigens auch und deshalb ist es verboten.

    Man schaue sich mal die Herkunft an, was das für Menschen (meistens Frauen) sind, die mit Kindern an der Hand und Kinderwagen (wo oft kein Kind drin ist) betteln.

    Im übrigen können wir nicht die ganze Welt retten. Es hat sich schon genug rumgesprochen, wie schön es in Deutschland ist.

  12. 4.

    "ein so freiheitliches Land wie Deutschland" - Sicherlich kein HartzIV-Bezieher!

  13. 3.

    Warum liegt keine Gefährdung des Kindeswohls vor, wenn ein Kind im Schmutz und in einer Umgebung als Bettler aufwächst? Welche Vorbilder werden hier generiert? Ich finde, dass das Betteln mit Kindern grundsätzlich verboten sein sollte. Was passiert eigentlich, wenn die Kinder im schulpflichtigen Alter sind? Bleibt es dann auch beim Zuschauen? ich selbst habe erlebt, wie Kinder von ihren Eltern gezielt auf Restaurantbesucher "angesetzt" werden. Sollen wir uns wirklich daran gewöhnen?

  14. 2.

    Ein Sozialstadtrat der meint Mann müsse sich in Berlin an obdachlose Familien gewöhnen gehört abgewählt. Obdachlosigkeit ist ein Symptom des (neoliberalen) Kapitalismus. Und Armut (meist) keine Obdachlosigkeit.

    Bei solchen Sprüchen lese wird mir übel. Schande über diesen Stadtrat!

  15. 1.

    "Frauen und Kinder haben in der Obdachlosigkeit nicht zu suchen. Da haben wir schnell Angebote gemacht"

    Aha. Obdachlose Männer sind aber akzeptabel?

    Ich dachte Männer und Frauen sind in Deutschland gleichgestellt ...

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