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Audio: Inforadio | 08.08.2019 | Thomas Rautenberg | Quelle: rbb/Thomas Rautenberg

Spurensuche in der Waldstraße

Warum einst ein Grenzzaun durch Eichwalde lief

Ein gut bewachter Stacheldrahtzaun zerteilte die Eichwalder Waldstraße - und das bereits 1952, neun Jahre vor dem Mauerbau. Thomas Rautenberg hat sich auf Spurensuche einer längst vergessenen Grenze begeben.

Die Waldstraße in Eichwalde, nahe dem Berliner Stadtrand, macht ihrem beschaulichen Namen an diesem Vormittag alle Ehre. Es geht ruhig zu. Viele Anwohner sind wohl bei der Arbeit, andere werkeln in ihren Gärten – Brandenburger Vorstadtidylle am südöstlichen Rand Berlins.

Auch das war einmal die Waldstraße | Quelle: rbb/Rautenberg

In Berliner Konsum in der Waldstraße einkaufen

Und doch war – und ist – die Waldstraße besonders: Bis heute kommen zwei Briefträger hierher – für die Berliner auf der einen Straßenseite und für die Eichwalder auf der anderen. Denn die Waldstraße markiert eigentlich die Grenze zwischen Ost-Berlin und der sowjetischen Zone. Damals sei die Waldstraße so etwas wie das Einkaufs-Mekka für die gesamte Region gewesen, erinnert sich die Eichwalderin Cornelia Lotsch. "Auf der Berliner Seite war ein Konsum, der anders beliefert wurde. Dahin ging ganz Eichwalde und Zeuthen, um etwa H-Milch oder Apfelsinen zu Weihnachten zu kaufen. Der Konsum war eine absolute Institution."

Den Berliner Konsum gibt es heute nicht mehr – wie so vieles, was die Geschichte der Waldstraße als Grenzlinie mitbestimmt hat. Ohne sachkundige Hilfe ist meine Spurensuche also nicht zu machen. Cornelia Lotsch, Ende 60, vom Heimatverein Eichwalde wird mich unterstützen. Mit dabei ist auch Hobbyfotograf Burkhard Fritz, gebürtiger Eichwalder, der selbst in der Waldstraße gewohnt hat. 68 Jahre sei er, sozusagen der "Alte Fritz" fügt er schelmisch hinzu. Dabei wirkt er viel jünger in seinen Jeans, dem hellblauen T-Shirt und der Schiebermütze. Wer verstehen will, wie das beschauliche Eichwalde zu einem Grenzort werden konnte, müsse sich an die Nachkriegsgeschichte erinnern, sagt Fritz.

Burkhard Fritz führt unsere Spurensuche | Quelle: rbb/Rautenberg

Über die Waldstraße konnten die Menschen nach West-Berlin kommen

Die Sowjets kontrollierten die Grenze zwischen der sowjetischen Besatzungszone und den Westsektoren Berlins. Sie passten auf, wer nach West-Berlin wollte oder umgekehrt aus West-Berlin in die Zone kam. Im Ostsektor von Berlin war das viel schwieriger: In der Stadt hatten sich die Alliierten Freizügigkeit zugesichert, es gab also keine Kontrollen an den Sektorengrenzen. Viele Menschen aus der sowjetischen Zone nutzten den Weg über die Waldstraße, um unkontrolliert über den Ostteil in den Westteil der Stadt zu kommen. Häufig auch mit Taschen voller Waren für den Schwarzmarkt.

1952 wurde ein Maschendrahtzaun durch die Straßenmitte gezogen

Die Situation verschärfte sich drastisch, als 1948 in West-Berlin die D-Mark eingeführt wurde. Alles, was auch in der 1949 gegründeten DDR nicht niet- und nagelfest war, wurde aus dem Osten über die Grenze gebracht und in West-Berlin verscherbelt. "Die Leute kamen zum Teil aus dem Spreewald in ihren Trachten und hatten darunter Eier oder Gänse, um dafür ein bisschen Westgeld zu kriegen. Das gefiel der DDR nicht. Also hat man im Frühjahr 1952 mitten auf der Straße einen Maschendrahtzaun hingestellt."

Hier verlief in Eichwalde einmal die Grenze | Quelle: rbb/Thomas Rautenberg

Die Waldstraße in Eichwalde war über Nacht zu einer geteilten Straße geworden. Die Häuser auf der einen Seite gehörten zu Ost-Berlin, der Hauptstadt der DDR, die Anwohner gegenüber wohnten in Brandenburg. Und dazwischen war ein Zaun, gemeinsam bewacht von der kasernierten Volkspolizei und Rotarmisten.

Nach Berlin durfte nur, wer eine entsprechende Genehmigung hatte. Dagmar Schuckar, 69, die als Kind direkt an der Grenze wohnte, erinnert sich: "Wir konnten von der Veranda aus beobachten, wie Leute, die von Grünau unwissend in dieses Gebiet spazierten, abgeführt wurden. Mit aufgepflanztem Bajonett wurden die zur Kommandantur eskortiert, zum Verhör."

"Tante Trudchen ist ermordet worden"

Abenteuerliche Geschichten von Mord und Totschlag in den gesperrten Wäldern machten die Runde. Der Neuköllner Schriftsteller Horst Bosetzky, dessen Oma in Schmöckwitz lebte, griff die Atmosphäre von Misstrauen und Verdächtigungen rund um die Grenze in Eichwalde auf. In seinem Roman "Brennholz für Kartoffelschalen" schrieb er über "Tante Trudchen", eine ältere Dame aus West-Berlin, die im Wald Kienäppel, also Kiefernzapfen, suchen wollte, und nicht wieder nach Hause kam: "Sie zogen los, Tante Trudchen zu suchen. Keiner sprach aus, was alle dachten: Tante Trudchen ist ermordet worden."

Auch die Eichwalder konnten sich nicht an das Leben in der mit Stacheldraht geteilten Straße gewöhnen. Es gab immer mehr Proteste, und schließlich lenkten die Behörden ein: 1953 wurde der Grenzzaun ein paar Meter weiter in den Schmöckwitzer Forst, auf die Berliner Seite, verlegt. Die militärischen Kontrollposten zwischen Ost-Berlin und dem Umland aber blieben.

Der Plumpengraben. Hier verlief die Grenze | Quelle: rbb/Rautenberg

Kindertraum: Mit dem U-Boot über den Plumpengraben

Ohne Passierschein ging nichts. Auf der Suche nach Resten des alten Grenzzauns müssen wir in den Wald. Angeführt von Hobbyhistoriker Burkhard Fritz biegen wir von der Waldstraße Richtung Westen in den Hirtenfließ ab, vorbei am Ortsschild Treptow-Köpenick. Fritz, der die Gegend wie seine Westentasche kennt, wird plötzlich unsicher: "Ich muss jetzt gucken wie ein Kriminalbeamter, weil im Sommer vieles zugewachsen ist." Auf einem schmalen Pfad gehen wir durch eine Senke. Hier verläuft der sogenannte Plumpengraben: "Als Kinder dachten wir, wir nehmen uns ein U-Boot und fahren bis nach Rudow, nach West-Berlin durch."

Drahtspitzen sind die letzten Zeugen der Grenze | Quelle: rbb/Rautenberg

Die Grenzer saßen im Erdbunker

Der Plumpengraben ist heute völlig ausgetrocknet. Gleich daneben entdecken wir den ersten Baum, an dem der alte Grenzzaun einmal befestigt war. Der Baum hat eine schmale Kerbe und rund herum eine dicke Wulst gebildet. An manchen Stellen ragen noch rostige Stacheldrahtspitzen heraus. Mein Jagdfieber ist geweckt. In etwa zehn Metern Entfernung habe ich den nächsten Baum mit den markanten Einschnitten und der wulstigen Rinde entdeckt. Schnurgerade muss sich der Grenzzaun bis runter zu den S-Bahngleisen gezogen haben. Die Narben der Bäume weisen uns den Weg. An der Bahnstrecke selbst haben die Grenzer in einem Erdbunker gesessen, erzählt Dagmar Schuckar: "Die hatten einen Signaldraht in Stolperhöhe. Sobald den jemand berührte, gab es Alarm. Dann kamen die aus ihrem Erdbunker."

An der Waldstraße beginnt Berlin | Quelle: rbb/Rautenberg

An der Grenze wurde auch geschossen

Auch geschossen wurde an dieser Grenze, berichtet Hobbyhistoriker Burkhard Fritz auf dem Rückweg nach Eichwalde. In alten Dokumenten habe er entdeckt, dass ein junger Mann starb, als er den Zaun überwinden wollte. "Der Soldat wollte ihn in die Waden schießen, hat ihn aber im Bauch getroffen. 1997 ist der Soldat dann dafür im hohen Alter nochmals auf Bewährung verurteilt.

Knapp zehn Jahre war Eichwalde Grenz- und Sperrgebiet. Der Stacheldrahtverhau reichte von Rudow im Südosten über Schönefeld und Eichwalde bis hoch nach Pankow im Norden, immer entlang des sowjetisch besetzten Sektors von Berlin. Als 1961 schließlich die Mauer gebaut wurde, hatte die Hinterland-Grenze ausgedient. Die Posten zogen ab. Der Drahtzaun wurde demontiert. In der Waldstraße zog wieder Normalität ein. Und nur die wenigsten Anwohner wissen heute nach 66 Jahrenr, dass hier einmal eine Grenze war.

Sendung: Inforadio, 08.08.2019, 09:25 Uhr 

Beitrag von Thomas Rautenberg

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