Ein Mann sitzt mit seinem Rad in der Natur (Quelle: imago images/Sigrid Gombert)
Audio: rbb|24 | 23.08.2019 | O-Ton des Psychiaters Mazda Adli | Bild: imago images/Sigrid Gombert

Interview | Tabu-Thema Einsamkeit - Warum man in Berlin eher vereinsamt als in Brandenburg

Etwa 15 Prozent der Deutschen fühlen sich einsam. In der Single-Hauptstadt Berlin dürfte die Quote noch höher sein. Denn die Anonymität, die viele anzieht, bedeutet auch, dass man im Zweifelsfall keine soziale Unterstützung bekommt, so Mazda Adli von der Charité.  

rbb|24: Guten Tag, Herr Adli. Welche drei Dinge würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen, um nicht so einsam zu sein?

Mazda Adli:
Ein Smartphone wäre jetzt irgendwie geschummelt. Also würde ich mir Gesangsnoten mitnehmen. Ich würde mir außerdem ein paar Fotos von Menschen mitnehmen, die mir wichtig sind und als drittes einen Städte-Reiseführer.

Da wir gerade über die sprichwörtliche einsame Insel sprechen, auf der man nichts hat außer Palmen, Sand und rundherum Meer. Ist man da dann einsam oder allein?

Allein. Nur wenn man wie Robinson Crusoe schiffbrüchig und unfreiwillig auf so eine Insel gespült wird, könnte auch die Gefahr drohen, dass man einsam wird.

Gibt es eigentlich eine Definition, die Einsamkeit von Alleinsein unterscheidet?

Alleinsein ist etwas, das viele sogar als großen Luxus ansehen: Dass man mal allein sein und sich aus der Betriebsamkeit des Alltags ausschalten kann. Dass man mal Zeit für sich hat. Als selbstgewählter Zustand kann uns Alleinsein auch mal gut tun. Einsamkeit hingegen ist so etwas wie ein seelischer Mangelzustand, den wir als unangenehm empfinden. Einsamkeit entsteht dann, wenn die gewünschte Intensität von sozialer Einbindung in die Gemeinschaft nicht mit der realen Einbindung übereinstimmt und man das Gefühl hat, dass es einem an Menschen mangelt, die einen mögen, mit denen man Zeit verbringen kann und die einem helfen, wenn man sie braucht. Das ist Einsamkeit, so etwas wie ein Seelenschmerz. Einsam ist man übrigens in der Regel unter Menschen, nämlich dann, wenn man das Gefühl hat, um einen herum läuft das Leben, man selbst aber gehört nicht dazu. Wenn wir ganz alleine einen Spaziergang durch die Natur unternehmen, fühlen wir uns in der Regel nicht einsam.

Als einsam galten früher vor allem alte Menschen. Inzwischen sagt man, dass auch viele junge Menschen – und besonders die "Millennials" - zunehmend vereinsamen. Ist das so? Gibt es Generationen, die von dem Thema besonders betroffen sind?

Viele denken, dass mehr ältere Menschen einsam sind als jüngere. Doch wir wissen aus neueren Studien, dass das gar nicht so ist. Sondern dass gerade die um die 30-Jährigen besonders häufig einsam sind. Und gerade die jüngeren Alten – die Mitte 70-Jährigen – 
gar nicht so häufig. Erst ab dem Alter von 80 Jahren steigt die Einsamkeitsrate steil an. Das heißt, Einsamkeit steigt nicht einfach linear mit dem Alter, sondern das Risiko für Einsamkeit verläuft in Wellen.

Sind denn Eltern eher seltener einsam, weil sie ja im Regelfall einen Partner und Kinder um sich herum haben?

Das kann man so nicht sagen. Wir sehen ja gerade um das Alter von 30 herum besonders hohe Einsamkeitswerte. Aus der Erfahrung als Psychiater kann ich berichten, dass gerade Eltern, die ein Kind bekommen und die aus dem Beruf ausscheiden und in Elternzeit sind, viel um die Ohren haben. Doch es leiden häufig auch die sozialen Kontakte. Oft werden Freundschaften in dieser Zeit sozusagen auf Reserve gestellt. Wenn andere ausgehen, bleiben junge Eltern häufiger zuhause. Und so höre ich eigentlich häufig gerade von jungen Eltern, dass sie sich einsam fühlen. Ganz besonders natürlich von Alleinerziehenden.

Symbolbild: Schülerin wird gehänselt und gemobbt (Bild: imago/photothek.net)
Einsamkeit trifft oft Menschen, die von anderen Menschen umgeben sind, aber nicht dazugehören |Bild: imago/photothek.net


Sind eigentlich die Eltern der "Millennials" Schuld, dass da eine ganze Generation junger Erwachsener den Blick nicht vom Smartphone wenden kann und dabei vereinsamt?

Man kann dafür den Eltern weniger die Schuld geben und es ist auch nicht so, dass die Smartphones alleine die Menschen in die Einsamkeit treiben. Sondern es ist vielmehr eine ganz grundlegende gesellschaftliche Entwicklung zu beobachten. Wir sind hier in Deutschland – und in den anderen reichen Ländern – eine Gesellschaft, in der Individualität eine ganz große Rolle spielt. Persönliche Entfaltung und persönliche Freiheit  gehören zu unseren höchsten Werten. Die Gesellschaft hat sich in den letzten 30 Jahren anders organisiert. Wir sind weniger in starren sozialen Gefügen verankert als zuvor. Aufgabenteilung und Kooperation, zum Beispiel in der Familie, spielen keine so große Rolle mehr, sondern die persönliche Entwicklung spielt die größte Rolle. 

Wir sind eine Ich-Gesellschaft. Das hat viele Vorteile, weil wir unser Leben so gestalten können, wie wir es gerne möchten und wir viele Chancen haben - es birgt aber gleichzeitig
auch ein Risiko: nämlich Einsamkeit. Zur Rolle des Smartphones: es schützt uns natürlich nicht vor Einsamkeit und kann das Gefühl von Einsamkeit befeuern. Gerade, wenn Social Media "das schillernde Leben da draußen" suggerieren und man das Gefühl bekommt, dass das alles ohne einen selbst stattfindet. Smartphones können aber auch die Kontaktaufnahme erleichtern. Denken Sie nur an die vielen Flirt-Apps.

Wer ist besonders gefährdet, einsam zu werden?

Gefährdet sind Menschen, die – aus welchem Grund auch immer - ein größeres Risiko haben sozial isoliert zu sein.  Dazu gehören Menschen die einen Migrationshintergrund haben oder auch ältere Menschen, wenn sie ihre Mobilität einbüßen. Deswegen gibt es dann im hohen Alter ab 80 auch viele einsame Menschen. Es sind aber auch die vielen Alleinlebenden in Großstädten betroffen. Das sind übrigens entgegen dem Klischee nicht die urbanen Karrieristen. Großstadtsingles beziehen überdurchschnittlich häufig Hartz-IV-Leistungen und sind auf soziale Unterstützung angewiesen– das erhöht auch das Risiko für Einsamkeit.

Berliner haben also ein höheres Einsamkeitsrisiko als Brandenburger?

Man kann in der Stadt und auf dem Lande einsam sein. Doch wie man weiß, ist das soziale 
Netz zwischen den Menschen auf dem Land traditionell stärker ausgeprägt. Soziologen sprechen da von Sozialkapital. Auch wenn die Menschen weiter voneinander weg wohnen auf dem Land, sind die Unterstützungsstrukturen zwischen ihnen traditionell stärker als in der Stadt, wo ein sehr viel höheres Maß an Anonymität herrscht. Was auch nicht nur schlecht ist und was viele sogar attraktiv finden. Denn Anonymität bedeutet weniger soziale Kontrolle. Doch genau die stellt auf dem Dorf auch sicher, dass man soziale Unterstützung bekommt, wenn man sie braucht.

Welche Folgen kann Einsamkeit denn haben?

Einsamkeit kann negativ für unsere psychische und körperliche Gesundheit sein, vor allem wenn sie  - wie meist - mit sozialer Isolation einhergeht. Wir wissen, dass soziale Isolation einer der stärksten negativen Gesundheitsprädikatoren ist, die man überhaupt in der Gesundheitsforschung kennt. Menschen, die isoliert sind, haben eine kürzere Lebenserwartung. Viele Krankheiten verlaufen komplizierter, wenn man sozial isoliert lebt. Einsamkeit ist, wenn man so will, das "Schmerzsignal",  das Isolation anzeigt. Bei welchem Ausmaß an Isolation wir anfangen uns einsam zu fühlen, ist allerdings sehr unterschiedlich. Die Schmerzgrenze kann sich von Mensch zu Mensch erheblich unterscheiden.

Was hilft gegen Einsamkeit?

Einsamkeit ist ein riesiges Tabuthema in unserer Gesellschaft. Und das, obwohl sie so häufig ist: Rund 15 Prozent der Deutschen leiden unter Einsamkeit. Ich stelle immer wieder fest, dass es vielen Menschen extrem schwer fällt, beim Arzt - ja selbst beim Psychiater - zu sagen, dass sie sich einsam fühlen. Deswegen ist mein Rat: Vertrauen Sie sich jemandem an. Dem Hausarzt, dem Pfarrer, Angehörigen, Kollegen oder Nachbarn. Das ist der erste wichtigste Schritt, um Einsamkeit zu durchbrechen und Unterstützungsstrukturen aufzubauen.

Wenn jemand in eine fremde Stadt zieht, vielleicht das erste Mal in die Großstadt, ist es hilfreich, sich schnell  mit der neuen Nachbarschaft vertraut zu machen, sich in der eigenen Straße genau umzuschauen, mal zu gucken, wie die Leute heißen, die im eigenen Haus wohnen. Oder zu schauen, wer die Menschen sind, die in den Geschäften rund um den eigenen Wohnort arbeiten. So kann man sich erstmal eine kleine, übersichtliche Heimat aufbauen. Das hilft.

Es ist auch hilfreich sich klarzumachen, ob es jemanden gibt, den oder die man jederzeit anrufen könnte, wenn man Hilfe braucht. Sonst könnte man versuchen, jemandem im Umfeld diese Rolle zu geben. Und wenn man eine Person hat, hilft es, dessen oder deren Telefonnummer auswendig zu kennen. Es ist überhaupt hilfreich, das eigene Telefonbuch gelegentlich durchzublättern und zu schauen welche Menschen man vielleicht etwas näher an sich binden will. Und sich so ein soziales Netz aufzubauen, Menschen, auf die man zugehen kann, wenn man Hilfe braucht – oder wenn man einfach mal Zeit mit jemandem verbringen möchte. Das hört sich vielleicht banal an, aber es hilft ungemein.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Sabine Prieß, rbb|24

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3 Kommentare

  1. 3.

    :)

    Herr Adli war auch neulich bei scobel zum Thema Städte der Zukunft o.ä. Einsamkeit unter v.a. Städter*innen war dabei auch ein Thema.

  2. 2.

    Wie ich finde ein sehr wichtiger und vor allem auch informativer Beitrag. Danke an Sabine Prieß von rbb24.
    Ich lebe gerne alleine und genieße es sogar. Möchte ich Menschen um mich herum haben, gehe ich aus, unterhalte mich oft sogar mit wildfremden Personen. Habe mein Stammlokal, wo ich freundlichst behandelt werde. Hat der Wirt Zeit, unterhalten wir uns. Mein Nachbar gegenüber ist ein aufgeschlossener junger Mann und wir sind uns näher gekommen. Doch kenne ich auch den Moment von Einsamkeit. Das war, als ich noch berufstätig war und ein Burnout hatte. Hier half mir mein Hausarzt besonders. Sein Satz lautete schlichtweg, wenn Ihnen die Decke auf den Kopf fällt, gehen Sie unter die Leute, suchen Sie sich Kontakte. Recht hat er.

  3. 1.

    ... und die rbb Kommentar Funktion...;)

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