Der Angeklagte im Fall der mutmaßlich ermordeten Georgine sitzt im Gerichtssaal (Bild: rbb/Ulf Morling)
Video: Abendschau | 07.08.2019 | Norbert Siegmund | Bild: rbb/Ulf Morling

Schülerin seit 13 Jahren verschwunden - Angeklagter im Georgine-Mordprozess schweigt

Seit 2006 ist Georgine verschwunden. Obwohl bisher keine Leiche gefunden wurde, ist der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder fortgesetzt worden. Der Angeklagte schweigt weiter zu den Vorwürfen. Am Mittwoch nun sagte ein Ermittler aus. Von Ulf Morling

Gleich nach der Schule war Georgine in den Bus der Linie M27 gestiegen. Die Haltestelle ist knapp 200 Meter von ihrer Haustür entfernt. Als aber die 14-Jährige gegen 14 Uhr immer noch nicht da ist, beginn ihre Oma sich Sorgen zu machen. Sie wartete und hatte das Essen bereits auf dem Tisch.

Als dann zwei Klassenkameraden klingeln und sich ebenfalls wundern, dass Georgine noch nicht zu Hause ist, ruft die Großmutter ihre Enkelin auf dem Handy an. Doch es war abgeschaltet. In den 16 Minuten zwischen dem Aussteigen aus dem Bus und dem Abschalten des Handys muss die Tat passiert sein, davon sind die 6. Mordkommission und die Staatsanwaltschaft überzeugt.

Anklage zwölf Jahre später

Am 30. April 2019 hatte dann die Staatsanwaltschaft gegen Ali K. (44) Anklage erhoben, knapp zwölfeinhalb Jahre nach der Tat: K. wohnt wenige Häuser von dem mutmaßlichen Opfer in Moabit entfernt. Er soll unter dem Vorwand, beim Tütentragen Hilfe zu brauchen, die 14-Jährige in den Keller gelockt, sie geprügelt, vergewaltigt und erwürgt haben. Georgines Leiche wurde bis heute nicht gefunden. Aber einem verdeckten Ermittler gegenüber soll der Angeklagte Jahre später ein Geständnis abgelegt haben.

Mühsame jahrelange Ermittlungen

Noch am Tag des Verschwindens von Georgine am 25. September 2006 hatte die 6. Mordkommission des Berliner Landeskriminalamts von dem Verschwinden der Schülerin erfahren. Nach umgehender Würdigung sei entschieden worden, diesen Fall als "suspekt" einzustufen und bereits drei Tage später habe die 6. Mordkommssion die Ermittlungen übernommen, so Hauptkommissar Thomas R. (56), der als erster Zeuge im Prozess aussagt.

Es seien Familie und Nachbarschaft, Mitschüler und Freunde des Mädchens befragt worden, Wohnungen, Keller und Dachböden der umliegenden Häuser seien durchsucht worden, aber alles ohne Erfolg. Einer der Hauptgründe für die Annahme, dass Georgine einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein könnte, ist ein Termin am Tattag: eine Castingagentur hatte dem Mädchen, das unbedingt Model oder Schauspielerin werden wollte, eine Rolle in der Fernsehserie "Türkisch für Anfänger" angeboten. An jenem Montag hätte sie zusagen müssen, rief aber nie dort an.

"Sie ist ein nettes, höfliches Mädchen!"

Georgine hatte die 8. Klasse besucht und war, so berichteten ihre Lehrer, eine "normale Schülerin", wie der Kripo-Beamte vor Gericht berichtet. "Sie ist ein nettes, höfliches Mädchen", habe es von vielen geheißen, sie sei zuvorkommend und kontaktfreudig. Als man dann bei der Spurensuche nicht weiterkommt, geht die Polizei auch die Kartei der vorbestraften Sexualstraftäter durch. Neben dem jetzt angeklagten sind circa 150 weitere Männer in dieser Karte enthalten – alle im Umfeld Georgines wohnend. Doch auch diese Nachforschungen hätten dann nichts Konkretes ergeben.

Decken sich Handydaten von Angeklagtem und Georgine?

Ein entscheidender Punkt bei der Anklageerhebung war die Überzeugung der Staatsanwaltschaft, dass zur Tatzeit sowohl der Angeklagte als auch Georgine in derselben Funkzelle in Moabit eingeloggt waren. "Der Durchmesser des Umkreises, in dem ihre Handys registriert waren, liegt bei circa 290 Meter", so Thomas R. von der Mordkommission. Wichtigstes Indiz ist für die Mordkommission aber der Einsatz eines Kollegen als verdeckter Ermittler, als sich die Hinweise verdichteten, dass Ali K. die Tat begangen haben könnte.

2018 soll sich nach Informationen des rbb dann der als Krimineller getarnte Polizist beim Angeklagten erkundigt haben, ob der nicht die Freundin des Nachbarn umbringen könne. Eine hohe Summe sei geboten wurden. Teile des mutmaßlichen Geständnisses wurden aufgenommen. Nach seiner Festnahme dann im Dezember aber bestritt der Angeklagte K. den Mord Georgines. Gegenüber dem verdeckten Ermittler jedoch soll er mit seiner Tat geprahlt haben und wohl auch Täterwissen preisgegeben haben, zum Beispiel, dass er die Leiche der Schülerin in ein teppichähnliches Tuch eingewickelt und in den Hausmüll geworfen habe. Nachdem die Polizei ursprünglich davon ausgegangen war, dass dieses Vorgehen in der Müllverbrennungsanlage aufgefallen wäre, mussten sich die Ermittler bei ihren Nachforschungen eines Besseren belehren lassen, wie es hieß.

Mutter hofft bis heute, dass Georgine noch lebt

Mutter und Bruder Georgines treten in dem Verfahren zwar als Nebenkläger auf, fühlen sich aber emotional noch nicht in der Lage, dem mutmaßlichen Täter gegenüber zu sitzen. Rechtsanwalt Roland Weber vertritt die Mutter der 14-jährigen Georgine im Prozess: "Meine Mandantin erhofft sich von dem Verfahren vor allem nähere Sachverhaltsaufklärung. Sie will wissen, ob der Angeklagte ihre Tochter wirklich ermordet hat, oder ob sie nicht vielleicht doch noch am Leben ist." Sie werde das Verfahren genau verfolgen und auch daran teilnehmen, aber wann das möglich sei, könne man noch nicht sagen.

Derzeit sind noch 22 weitere Verhandlungstage bis Anfang November geplant. Der Ausgang des Indizienprozesses ist völlig offen. Der Angeklagte hält sich bislang in Schweigen und will sich nach Ausssagen seines Verteidigers "zum gegenwärtigen Zeitpunkt" nicht äußern. 

Das rätselhafte Wegbleiben von Georgine war über Jahre einer der bekanntesten Vermisstenfälle in Deutschland. Der erste Prozesstag in der vergangenen Woche war nach wenigen Minuten vertagt worden.  

Chronologie "Fall Georgine"

  • 2006

  • 2009

  • 2011

  • 2014

  • 2016

  • 2017

  • 2018

  • 2019

Sendung: Abendschau, 07.08.2019, 19:30 Uhr

Beitrag von Ulf Morling

Kommentar

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8 Kommentare

  1. 8.

    Da hilft auch kein Schweigen: Die Schlinge zieht sich langsam zu.

  2. 7.

    Viel hat meine Recherche nicht ergeben, aber etwas mehr als Zutreffendes. ;-)

    "Die Annahme, jemand stimme zu, wenn er schweigt, ist bis heute weit verbreitet. Dies liegt wohl daran, dass seit 700 Jahren keinerlei soziale Bildung stattfindet, die der Masse eine differenziertere Betrachtungsweise ermöglicht."

  3. 6.

    Die Gedanken sind selbstverständlich frei.

    Wer sie aber im Zusammenhang mit einem Straßprozess äußert, der zeigt nur, er hat unser Rechtssystem nicht verstanden.

  4. 5.

    Wer wen zitiert, ist jedem selbst überlassen, oder?
    Raten Sie mal, von wem dieses Zitat stammen könnte - jedenfalls nicht von Bonifatius dem sonstwievielten. Dies ist zwar in meinem Kommentar aus dem eigentlichen Kontext gezogen worden, aber dies fand ich in diesem Berichtsfall gedanklich interessant zu erwähnen. So - viel Spaß bei der Recherche :-)
    Und dies war ergo kein xxxx-Spruch, sondern, abgesehen von "jeder hat das Recht zu schweigen" - nur ein Gedankengang - oder ist der auch schon xxxx?

  5. 4.

    Bitte Bonifatius VIII richtig zitieren: Wer schweigt, scheint zuzustimmen.
    Solche Sprüche sind immer äußerst xxxx. Fast wie der von den bellenden Hunden.

    Jeder Angeklagte hat das Recht zu schweigen.

  6. 3.

    Wer schweigt, stimmt zu.
    Altes Sprichwort und doch so wahr.

  7. 2.

    Prahlen ist wohl eher dem eigenen Glauben, man werde nicht erwischt, zuzuordnen und nicht innerer Anspannung. Eine solche Anspannung hätte eher dazu führt, sich zu stellen und nicht damit zu prahlen.

  8. 1.

    Ich meine, wer mit solcher Tat prahlt, steht unter enormer innerer Anspannung.

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