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Interview | Beratung zu Zwangsheirat - Online-Beratungsangebot von "Papatya" steht vor dem Aus

"Papatya" aus Berlin kümmert sich seit Jahren um Frauen, die von Zwangsheirat oder Verschleppung betroffen oder bedroht sind. Seit 15 Jahren gibt es auch die Möglichkeit, sich online beraten zu lassen. Doch dieser Bereich steht nun vor dem Aus.

rbb: Frau Schwarz, man denkt, Zwangsehen kann es in Deutschland gar nicht geben, das müssen Einzelfälle sein. Wie groß ist das Ausmaß?

Christine Schwarz: Das weiß leider keiner so genau. Es gibt mit Sicherheit ein großes Dunkelfeld. Das letzte Mal wurde 2008 gezählt und da kam man auf etwas über 3.400 Fälle bundesweit. Dabei handelte es sich um Fälle, die sich bei Beratungsstellen oder Behörden melden oder in Schulen auffallen. Damals war man schon sehr erstaunt über das Ausmaß. Da keiner mehr bundesweit zählt, haben wir in Berlin mit dem Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung wiederholt gezählt – das letzte Mal 2017. Dabei kamen wir auf 570 Fälle.

Dieses Problem hat also schon ein ganz erhebliches Ausmaß. Ich kenne Leute, die sagen, dass das doch gar nicht sein kann, das ist doch in Deutschland verboten. Aber es findet zu großen Teilen auch im Ausland statt, wo andere Regeln gelten und wo Betroffene sich auch kaum Hilfe holen können. Es heißt für sie dann, wenn du jetzt nicht heiratest, siehst du Berlin nie wieder.

Mit welchen konkreten Fällen sind Sie im Moment konfrontiert? Was sind die Schwerpunktländer?

Es ist eigentlich der gesamte arabische Raum, vor allen Dingen auch die Türkei. Aber was die Mädchen angeht, die außer Landes gebracht worden sind, hatten wir letztes Jahr einen deutlichen Schwerpunkt auf Pakistan. Ein Newcomer in dem ganzen Gebiet ist Tschetschenien, weil wir seit ein paar Jahren auch eine verstärkte Einwanderung aus Tschetschenien haben. Auch da sind die Verhältnisse für Mädchen extrem schwierig und die Gewalt ist extrem hoch.

Können Sie einen konkreten Fall beschreiben?

Ich nenne vielleicht mal ein positives Beispiel. Wir hatten im letzten Jahr einen langen Beratungsverlauf mit einem Mädchen. Sie war als 13-Jährige nach Pakistan zu ihrer Tante gebracht worden. Die Familie lebte weiter in Berlin. Sie wurde per Skype mit einem Mann verheiratet, der auch im Ausland lebte, so dass zu ihrem Glück die Ehe nie vollzogen wurde.

Sie hat es geschafft - auch über Freundinnen - auf sich aufmerksam zu machen. Dann haben wir in Zusammenarbeit mit Behörden und mit der Botschaft in Islamabad, aber vor allen Dingen auch mit einer pakistanischen Frauenorganisation erreicht, dass sie nach Berlin zurückkommen konnte. Wobei anfangs die Schwierigkeit bestand, dass sie minderjährig war und abgewartet werden musste, bis sie volljährig war. Dann konnte sie endlich ausreisen. Denn es wäre zu kompliziert geworden, den Eltern auch noch das Sorgerecht zu entziehen. Das hätte man nicht hingekriegt, aber wir haben es geschafft, dass sie wiederkommen konnte.

Nun gibt es diese stationäre Einrichtung, wo die Mädchen sich in Berlin - wenn nötig - verstecken können. Die ist finanziell recht gut abgesichert, aber die Online-Beratung über die wahrscheinlich auch dieser Fall jetzt gelaufen ist, steht vor dem Aus, weil sie im neuen Finanzplan des Senats nicht vorgesehen ist. Was ist da schief gelaufen?

Wir waren nie vollständig vom Senat finanziert, sondern die Senatsverwaltung für Frauen hat uns etwa mit einer halben Stelle unterstützt. Wir brauchen aber für diese gesamte Online-Beratung und auch für die Koordinierung von Verschleppungsfällen zwei Stellen. Die haben wir beantragt. Wir versuchen seit Jahren, diese Stellen mit Stiftungsmitteln, mit Spenden und mit EU-Geldern abzusichern. Das sind aber alles Mittel, die man eigentlich nur bekommnt, wenn man innovativ ist. Mit der Onlineberatung seit 15 Jahren und der Koordinierung von Verschleppungsfällen seit etwa fünf Jahren sind wir nur noch begrenzt innovativ und deswegen auch nur begrenzt innovativ für jemanden, der neue Projekte und neue Ansätze fördern will.

Also haben wir in Absprache mit der Senatsverwaltung für Frauen abgesprochen, dass sie versuchen, uns in den nächsten Haushaltsansatz reinzubringen und mussten dann feststellen, dass wir leider irgendwo unterwegs verloren gegangen sind. Wobei für uns auch nicht transparent ist, an welcher Stelle. Wenn wir es nicht schaffen, jetzt die Abgeordneten zu überzeugen, dass sie unsere Arbeit weiter fördern sollen, sind wir nächstes Jahr einfach tot. Denn wir können uns mit einer halben Stelle nicht über Wasser halten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Christine Schwarz führten Kerstin Hermes und Julia Menger von Radioeins.

Der Text ist eine leicht bearbeitete Version. Das Original-Interview können Sie mit Klick auf das Audiosymbol oben im Artikel nachhören. 

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6 Kommentare

  1. 6.

    Es ist schwierig bis unmöglich, Unmenschlichkeiten anzugehen und eine breite Bevölkerung dafür zu mobilisieren, wenn es um Verbrechen geht, die von anderen als Kaukasiern begangen werden.
    Die Angst vor Rassismus ist so groß, dass man lieber gar nicht helfen will. Mutig von denen, die es dennoch tun.

  2. 5.

    Was für ein Schmarrn!! Ich kann mir natürlich alles schönreden- und dann noch gleich die Sexismus und Rassismus Keule! Schön billig. Und natürlich sind Religionen zum großen Teil auch an die Nationalität gebunden. Und Fakt ist auch, das gerade im muslimischen Bereich das Problem mit der Zwangsehe vorhanden Ist- nicht ausschließlich aber eben doch signifikant. Also, einfach mal die Realität zur Kenntnis nehmen.

  3. 4.

    Hier geht es nicht um Rassismus und Hetze sonden einzig und allein darum , dass innerhalb der Muslime und besonders häufig in Deutschland die Tradition der versprochenen Mädchen an einen jungen Mann eingehalten werden muss.Das verstößt gegen unser Grundgesetz ,den Schutz von Minderjährigen, den freien Willen und die Gleichberichtigung.Abgesehen von den Straftatbeständen die sich daraus ergeben, Gewalt, Verschleppung,Misshandlung ...........Leider haben wir die Paralelgesellschaft hier und werden daran vermutlich nur in Einzelfällen was ändern.Genauso wie viele Gesetzesüberschreitungen geduldet werden, tagtäglich um des lieben Friedens Willen.

  4. 3.

    Wenn es um das Thema Zwangsverheiratung geht, ist immer zu befürchten, dass es von Rassist*innen instrumenatlisiert wird, um Ungleichwertigkeitsideologien gesellschafltich anschlussfähiger zu machen, sprich, gegen Minderheiten zu hetzen - so wie Sie gerade.

    Es gibt keine rechtliche Grundlage, Sorgeberechtigte abzuschieben. Wohin denn auch? V.a., wenn man hier aufgewachsen oder sogar geboren wurde. Sie verbreiten das Narrativ, dass muslimische Menschen ja zwingend aus dem Ausland kommen müssten. Ist mir neu, dass Religionen nationalitätsabhängig sind und dass per Willkür und Sippenhaft Menschen von Grundrechten ausgeschlossen werden sollen. Sie bekämpfen da Feuer mit Feuer und fühlen sich völlig im Recht.

    Sexismus ist Alltag und es gibt keinen Grund für Selbstentlastung. Die "volle Gleichberechtigung"? Die "mittelalterliche Tradition", Frauen eben nicht gleichzuberechtigen, wird in Deutschland gelebt und zwar unabhängig, von Natonalität oder Herkunft.

  5. 2.

    Das allerwichtigste ist, daß Mädchen vor Zwangs- und Kinderehen als auch vor Beschneidung gerettet werden. Wie Sie zurecht sagen, für alles ist Geld vorhanden.
    Ich würde sogar soweit gehen, daß diese Mädchen von ihren Familien getrennt und in D optimal versorgt werden und ihre Familien, sollten sie noch nicht die deutsche Staatsbürgerschaft haben, umgehend abgeschoben werden. Solche Leute und solche Traditionen benötigen wir absolut nicht in Deutschland. Wir haben lange genug gekämpft, bis wir die volle Gleichberechtigung hatten und dann kommen Rückwärtsgewandte mit ihren mittelalterlichen Traditionen und werden von uns auch noch gehätschelt.

  6. 1.

    Das diese Einrichtung- bei der Stellenfinanzierung einfach herausgefallen ist- wenn ich so etwas lese, bleibt mir die Spucke weg. Für fast jeden Schwachsinn ist Geld vorhanden..aber bei diesem wichtigen Thema und aktuell noch dazu fehlen die Mittel? Unglaublich. Ich hoffe das es doch noch gelingt, diese Online Beratung aufrecht zu erhalten. Alles andere wäre ein Armutszeugnis.

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