Helgard Gammert, Leiterin des Zehlendorfer Kinos Bali (Quelle: rbb/Annekatrin Mücke)
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Teltower Damm in Zehlendorf - Kiezgefühle in der bürgerlichen Mitte

Filmkunst vom Feinsten, Traditionsgeschäfte, Wohnzimmerkonzerte und samstäglicher Schwatz auf dem Markt. Noch gibt es das alles am Teltower Damm in Berlin-Zehlendorf. Einige Anwohnerinnen tun vieles dafür, dass es so bleibt. Von Annekatrin Mücke

Ein schmuckloser Flachbau, im einzigen Vorführraum steht ein Klavier und die Toilette ist im Nachbarhaus: das Kino Bali am S-Bahnhof Zehlendorf lässt in vielerlei Hinsicht nostalgische Gefühle aufkommen. Seit 40 Jahren leitet Helgard Gammert mit energischem Idealismus diese Kiezinstitution am Teltower Damm 33.

Es ist ein kalter Wintermorgen, als sie am 1. Januar 1979 vor dem Kino Bali in Berlin-Zehlendorf steht. Eigentlich steht sie nicht wirklich vor dem Kino, sondern vor einem riesigen Berg Schnee. Die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern hat ihre sichere Existenz in Mannheim aufgegeben, um sich in West-Berlin in ein risikoreiches Abenteuer zu stürzen. Doch nun kommen ihr Zweifel, ob dies die richtige Entscheidung war: "Ich musste das Kino ganz allein mit einer Schaufel ausbuddeln, und ich kann nicht sagen, dass ich glücklich war. Mir standen die Tränen in den Augen", erinnert sie sich.

Kino Bali am Teltower Damm in Zehlendorf (Quelle: rbb/Annekatrin Mücke)
Kino Bali am Teltower Damm in ZehlendorfBild: rbb/Annekatrin Mücke

"Das ist ein kreativer Schaffensprozess"

Das Bali - eigentlich Bahnhof-Lichtspiel - entpuppt sich für Gammert nicht sofort als Insel des Glücks. Ihr Vorgänger Manfred Salzgeber hat in dieser großbürgerlichen Gegend versucht, mit linkem Politkino das passende Publikum aus Kreuzberg und Neukölln hierher zu ziehen. Doch Gammert ist schnell klar, dass diese Strategie nicht funktioniert. Sie muss die eher konservativen Anwohner aus der Umgebung für sich gewinnen, will aber auf keinen Fall Mainstream zeigen. Also entwickelt sie anspruchsvolle Programme, präsentiert mal französische Klassiker, dann wieder Filme zum Thema Frieden oder Umwelt. "Daran sitze ich wochenlang, das ist wie ein kreativer Schaffensprozess", sagt Gammert. Ihre künstlerische Arbeit als Programmgestalterin schließt auch ein tägliches Kinder- und Jugendprogramm mit ein.

Buchhandlung Holzapfel in Berlin-Zehlendorf (Quelle: rbb/Annekatrin Mücke)
Die Buchhandlung Holzapfel am Teltower Damm Bild: rbb/Annekatrin Mücke

Diese klare, cineastische Linie zahlt sich aus: Das Bali gilt nicht nur bei den Zehlendorfern schnell als ein besonders gutes Programmkino. Nach dem Mauerfall kommen immer mehr Leute aus dem Umland und den östlichen Bezirken dazu. In ihrem Kino veranstaltet Helgard Gammert auch Konzerte, Diskussionsabende, Tanznächte, Dichterlesungen, Vorträge und Theaterveranstaltungen. Ihr Stammpublikum dankt es ihr mit großer Treue, mehrfach wird Gammert ausgezeichnet: 2005 sogar mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande und 2019 mit dem Berlinale-Friedensfilmpreis.

Die Nachbarschaft schafft sich ihre eigene Kultur

Immer wieder sucht sie nach Mitstreitern, denen Kultur, Bildung und niveauvoller Genuss genauso wichtig sind – und findet sie in der Nachbarschaft. Mit Sabine Hansen, Inhaberin der seit über 90 Jahren existierenden Traditionsbuchhandlung "Holzapfel", organisiert sie gemeinsame Lesungen. Der Chor der Musikschule Zehlendorf tritt einmal im Jahr im Kino Bali auf, und bei den Diskussionsabenden geht es auch um Zehlendorf und den Teltower Damm. Denn der historische Kern des Bezirks droht in Beliebigkeit zu versinken. Alteingesessene Läden müssen schließen. Denn die Mieten steigen weiter und viele Immobilienbesitzer nehmen in Kauf, dass die Straße zunehmend von Filialen großer Ketten beherrscht wird – selbst wenn sie die Ladeninhaber schon lange kennen.

Der Teltower Damm gehört zu den kaufkräftigsten und damit auch teuersten Straßen Berlins. Während man etwa am Tempelhofer Damm 20 bis 30 Euro Gewerbemiete pro Quadratmeter zahlt, werden am Teltower Damm mittlerweile längst schon zwischen 100 und 120 Euro genommen. Auch die Mietwohnungen sind teuer: Durchschnittlich zwölf Euro kalt und mit drei Euro für Nebenkosten 15 Euro warm zahlt man hier, häufig deutlich mehr. Trotzdem findet hier meist keine Vertreibung der alteingesessenen Mieter wie in anderen Berliner Kiezen statt. Denn teuer war es hier schon immer.

Klavierlehrerin Annette Spitzlay aus Berlin-Zehlendorf (Quelle: rbb/Annekatrin Mücke)Annette Spitzlay richtet Konzerte für die Nachbarschaft aus

Private Konzertabende und Wochenmarkt

Außerdem gibt es Idealisten wie Helgard Gammert, Sabine Hansen und Annette Spitzlay. Sie verhelfen der Zehlendorfer Mitte zu einem eigenen Esprit und machen den Kiez damit attraktiver als jedes luxussanierte Haus.

Klavierlehrerin Spitzlay kam 1979 aus Köln nach Berlin, um hier Musikwissenschaften und das wilde West-Berliner Leben zu studieren. Mitte der 1980er-Jahre zieht sie nach Zehlendorf. Hier, in einer eigens für sie umgebauten Lagerhalle des Bahnhofs, erfüllt sich Spitzlay einen langgehegten Traum: Sie holt junge Musiker zum Konzert, lädt Freunde und Bekannte ein, den Künstlern zu lauschen, hinterher mit ihnen zu reden, sich auszutauschen und damit auch die Nachbarschaft im Kiez zu beleben. Obwohl die Einladungen nur privat im kleinen Kreis erfolgen, finden sich regelmäßig Musiker und Gäste ein, manchmal sogar bis zu 50. Dann wird es eng bei Annette Spitzlay, und ihre beiden Katzen verziehen sich in den Garten. Aber für die passionierte Klavierlehrerin gibt es nichts Schöneres, als solch ein anregender Abend. Sie glaubt an Zehlendorf: "Kommen Sie mal an einem Samstagvormittag vorbei, wenn auf dem KleinenTeltower Damm der Wochenmarkt aufgebaut ist. Da gehen wir Anwohner alle hin, treffen uns und reden bei einer unglaublich guten Tasse Kaffee miteinander." Allerschönstes Berliner Kiezleben also - und das fast ohne Touristen.

Sendung: Radioeins, 16.08.2019, 13 bis 17 Uhr

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1 Kommentar

  1. 1.

    Meine alte Heimat. Eine der wenigen Oasen in Berlin, wo sich tatsächlich in den letzten 30 Jahren wenig verändert hat und noch eine gesunde Atmosphäre herrscht. Kaum Tourismus, wenig Hipster und Yuppies, viel altes Berlin, hoffentlich bleibt das alles noch lange so. Wenn es nach der Bezirksregierung geht, soll ja der Tourismus aus dem Zentrum in die Randbezirke geschwemmt werden, was am Ende nur heißt, dass in der Tourismushölle, die mit dem BER losgetreten wird, die gesamte Stadt untergeht. Hoffnung macht mir da nur die Unfähigkeit der Politiker und der Flughafenbauer...

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