Archivfoto: Demonstration für Frauenrechte, sexuelle Selbstbestimmung und gegen den Paragraphen 219a auf dem Internationalen Frauentag am 08.03.19 in Berlin (Quelle: imago / Stefan Boness / Ipon).
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Demo am Donnerstag in Berlin - Protest gegen Schwangerenberatung von "Pro Femina"

"Pro Femina" betreibt seit kurzem auch in Berlin eine Beratungsstelle für ungewollt Schwangere. Gegner werfen dem Verein vor, nicht ergebnisoffen zu beraten, sondern zu manipulieren. Den für einen straffreien Abbruch nötigen Schein stellt "Pro Femina" nicht aus.

Im Juli hat der Verein "Pro Femina" eine neue Beratungsstelle für Schwangere eröffnet, in bester Lage auf dem Kurfürstendamm, gleich beim U-Bahnhof Adenauerplatz. Wenige Wochen nach der offiziellen Eröffnung gab es dort Protest: Am Donnerstagnachmittag demonstrierte ein Bündnis aus feministischen Initiativen gegen die Aktivitäten des Vereins, organisiert von der Initiative "What the fuck". Angemeldet waren 50 Teilnehmer, sagte eine Polizeisprecherin rbb|24. Die Veranstalter zählten am Ende etwa 250 Menschen, von der Polizei gab es keine weiteren Zahlen. 

Der Vorwurf der Demonstrantinnen und Demonstranten: "Es geht 'Pro Femina' nicht darum, mit einer schwangeren Person gemeinsam herauszufinden, was die sinnvollste Handlungsoption für sie ist und ihr verschiedene Wege aufzuzeigen. Es geht nur darum, sie dazu zu bewegen, die Schwangerschaft auszutragen", sagte Lisa Müller, Sprecherin der Initiative, rbb|24 vorab am Donnerstag.

Verpflichtendes Beratungsgespräch

Schwangerschaftsabbrüche sind in Deutschland noch immer bis auf bestimmte Ausnahmen verboten. Wer sich vor der 13. Schwangerschaftswoche zu einem Abbruch entscheidet, muss zuvor ein Beratungsgespräch geführt haben und sich dieses bescheinigen lassen. Damit soll sichergestellt werden, dass man sich seine Entscheidung sehr gründlich überlegt hat.

Diese Gespräche dürfen nur staatlich anerkannte Beratungsstellen führen. Sie dürfen die Betroffenen nicht in eine bestimmte Richtung lenken, sondern müssen ergebnisoffen beraten, so ist es gesetzlich vorgeschrieben [externer Link: gesetze-im-internet.de]. Die bekanntesten dieser Stellen sind vom Verband "Pro Familia" [externer Link: profamilia.de], was auffällig ähnlich klingt wie "Pro Femina". Doch dieser Verein stellt die für einen straffreien Abbruch nötige Bescheinigung nicht aus - seine "Schwangerenkonfliktberatung" hat keine Berechtigung dazu, weil sie nicht anerkannt ist.

"Die schwangere Frau steht dabei immer im Mittelpunkt unserer Beratungsarbeit", heißt es in einer immer noch aktiven Stellenanzeige für die neue Zweigstelle [externer Link: 1000plus.net]. Dem widerspricht Lisa Müller im Gespräch mit rbb|24: "Bei anderen Beratungen steht der Schutz des ungeborenen Lebens ebenfalls im Vordergrund, so, wie es das Gesetz auch verlangt. Aber zugleich berücksichtigen sie die individuelle Lebenssituation der schwangeren Person - das ist hier nicht so." Der Vorstandsvorsitzende des Vereins, Kristijan Aufiero, wirbt in öffentlichen Vorträgen mit dem Slogan "Hilfe statt Abtreibung". Die nötigen Beratungsnachweise für Abbrüche bezeichnete er in einem Interview als "Tötungslizenzen".

Dritte Zweigstelle nach München und Heidelberg

"Pro Femina" berät Schwangere seit 1999 unentgeltlich und auf Wunsch anonym. Nach Vereinsangaben nutzten im vergangenen Jahr 16.204 Frauen die Angebote, meist die Online-Beratung. Durch professionelle Suchmaschinenoptimierung landet die "Pro Femina"-Website bei den Treffern zu Fragen wie "Wie funktioniert eine Abtreibung?" weit oben, ohne dass die grundsätzlich ablehnende Position des Vereins gleich klar werden würde. 

Die Eröffnung seines Berliner Standorts, des dritten nach München und Heidelberg, begründete der Vereinsvorsitzende mit der überdurchschnittlichen Zahl von Anfragen aus der Hauptstadt. Außerdem machten "Kräfte, die teils aus ideologischen teils aus ökonomischen Motiven beinahe alles tun, um ihre Agenda voranzutreiben und Abtreibungen zu propagieren" der Informationsplattform des Vereins "das Leben schwer". Deshalb baut "Pro Femina" also seine Offline-Aktivitäten aus.   

Finanziert werden diese nach Aussagen von Aufiero ausschließlich durch Spenden, Erbschaften und Nachlässe. Im Jahr 2017 hatte "Pro Femina" laut Rechenschaftsbericht Einnahmen in Höhe von 3,42 Millionen Euro. Man erhalte keine institutionelle Unterstützung von den Kirchen, sagte Aufiero der "KNA". Mehrere Bischöfe hätten aber privat teilweise vierstellige Beträge gespendet.

Medienberichte: Verein geht manipulativ vor

Recherchen von "Buzzfeed" [externer Link: buzzfeed.com/de] und dem öffentlich-rechtlichen Format "Strg_F" legten nahe, dass "Pro Femina" in Gesprächen manipulativ vorgegangen war - mit dem einzigen Ziel, Abtreibungen zu verhindern. Der Verein habe Beratungstermine vereinbart, ohne den Frauen mitzuteilen, dass sie keinen Nachweis bekommen und die Beratungsstelle nicht staatlich anerkannt ist.

Eine Reporterin gab sich als Betroffene aus - Beraterinnen sollen ihr eine monatliche Zahlung als Unterstützung angeboten haben, falls sie sich für das Kind entscheide. Der Vorwurf von anderen zitierten Beraterinnen: "Pro Femina" spiele auf Zeit und versuche, die Beratung zu verlängern - bis die Frist für einen gesetzlich straffreien Schwangerschaftsabbruch verstrichen ist. Der Vereinsvorsitzende hatte "Buzzfeed" auf Nachfrage angekündigt, ausführlich Stellung zu den Rechercheergebnissen nehmen zu wollen. Das ist aber offensichtlich nicht geschehen.

Zahl der Abbrüche in Berlin und Brandenburg gegen dem Bundestrend

Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche ist im vergangenen Jahr in Brandenburg leicht, in Berlin etwas stärker angestiegen. 2018 haben in der Hauptstadt 9.939 Frauen ihre Schwangerschaft beenden lassen. Das waren rund zwei Prozent mehr als im Jahr zuvor. In Brandenburg ließen 3.821 Frauen einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen, ein Prozent mehr.

In ganz Deutschland dagegen sinkt die Zahl der Abtreibungen seit mehreren Jahren deutlich: Seit 2004 hat sie sich um mehr als ein Fünftel verringert. Das liegt besonders daran, dass es schlichtweg deutlich weniger Stellen gibt, die Abtreibungen durchführen und melden. 2003 gab es bundesweit noch 2.050 solcher Kliniken und Praxen, Ende 2018 waren es noch 1.173.

Nach einer Reform des umstrittenen Paragraphen 219a in diesem Jahr stellt die Bundesärztekammer nun eine öffentlich einsehbare Liste von Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung, die sie monatlich erweitern will - noch sind darauf aber nicht einmal 90 Adressen eingetragen [externer Link:familienplanung.de]. Auf ihren eigenen Internetseiten dürfen die Arztpraxen und Kliniken nur eingeschränkt über ihr Angebot zu Schwangerschaftsabbrüchen informieren, wenn sie sich nicht strafbar machen wollen.

Sendung: Abendschau, 01.08.19, 19:30 Uhr

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17 Kommentare

  1. 17.

    Verstehe ich Ihre Andeutung richtig, dass aufgrund der aufgebrauchten Ressourcen es OK ist, wenn Menschenleben beendet werden? Wenn man dieses Verständnis weiterführt, dann kann man es auch gut heißen, dass Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken, da dann ja auch die Ressourcen länger reichen. Das kann doch nicht wahr sein!

  2. 16.

    Gibt es nicht jetzt schon zu viele Menschen auf der Welt, siehe letzte Meldung das alle Ressourcen für dieses Jahr schon aufgebraucht wurden.
    Wieso werden dann noch solche, meist religiös unterwanderten, Vereine auch noch unterstützt, verstehe ich nicht.

  3. 15.

    Es ist ja schön dass Sie den Unterschied zwischen "Pro Familia" und "Pro Femina" kennen, und wissen dass letztere religiös motiviert handeln, aber ich glaube nicht dass das allen Frauen in einer Notlage klar ist. Der Name ist ja bewusst so gewählt dass man nicht auffällt... hinterhältig.

  4. 14.

    Keine staatliche Genehmigung, kein Schein für die Frauen - wie praktisch, wenn sich die Vorschriften mit der religiös-fundamentalistischen Weltanschauung überschneiden.

  5. 13.

    Ihre Einlassung wäre überzeugender, wenn Sie sie statistisch belegen könnten.

    Soweit ersichtlich, ist "Pro Femina" gerade deswegen gegründet worden, weil, wie es im Text heißt, "Kräfte (gibt), die teils aus ideologischen teils aus ökonomischen Motiven beinahe alles tun, um ihre Agenda voranzutreiben und Abtreibungen zu propagieren".
    Wer hier nun "manipulative Beratung für Schwangere" macht, ist ein weites Feld.

  6. 11.

    Es wäre vielleicht besser für Sie, wenn Sie sich bei solchen Themen Ihre Kommentare sparen.
    Ich denke das es einzig die Entscheidung der Frau, die "betroffen" ist, was für Sie das Beste ist.
    Und Ihre Aufklärung à la Kleinkind über Verhütung ist hier überhaupt nicht angebracht. Es geht hier um Frauen und nicht um Allgemeinwissen.

  7. 9.

    Kai, der rbb hat schon ausreichend geantwortet. Beraten, das heißt, ich gehe da raus und bin noch schwanger. Was ich danach mache, bleibt meinem Hirn und Herz überlassen. Waren die Angebote $$ klasse, und ich behalte das Kind - alles gut. Waren die Angebote / Geldspenden nix für mich, und ich will immer noch abtreiben, geh ich zu pro familia. Dort bekomme ich den Schein. Ich weiß nicht, warum MÄNNER sich immer erdreisten, Frauen fehlendes Hirn zu unterstellen. Als Frau, die sich ein Kind nicht leisten kann, weil beispielsweise der Kerl es nicht bezahlen will, geh ich zu den üblichen, lebensfreundlichen Organisationen (Caritas, Kirche, pro dingens, Steuerberater) und lasse mir die Unterstützungsmöglichkeiten $$€€ aufzählen. Und vielleicht "rechnet es sich" ja dann. Wenn nicht, geh ich woanders hin. Wenn ich von Anfang an weiß, ich will nur den Schein, geh ich gleich dort hin.

  8. 8.

    Das ist falsch, die Zitate der Sprecherin besagen das an keiner Stelle.

    Wie im Text beschrieben geht es um ergebnisoffene Beratung, die das Gesetz vorschreibt. Damit ist sowohl ein von vornherein beabsichtigtes Befürworten eines Abbruchs als auch eine klare Ablehnung eines Abbruchs verboten. Das Gespräch muss sich an der individuellen Lebenssituation der Betroffenen orientieren. Nur darum geht es.

  9. 7.

    Das frage ich mich auch manchmal. Eigentlich sollte die Aufklärungsarbeit schon so weit fortgeschritten sein, dass jeder/jede weiß, dass Sex zur Schwangerschaft führen kann und das es Mittel (Kondome, Pille, Spirale, Spritzen, Sterilisation...) gibt, eine solche einigermaßen zuverlässig zu verhindern. Damit wäre das Thema Abtreibung eigentlich keins mehr.

  10. 6.

    Es ist immer wieder erschreckend wie viel Geld diese christlichen Fundamentalisten haben. Diesen religiösen Fanatikern muss das Handwerk gelegt werden.

  11. 5.

    Ihre Einlassungen sind bestenfalls unüberlegt, schlimmstenfalls abwertend. Schauen Sie mal über Ihren Tellerrand hinaus.
    Eine Schwangere, die sich mit dem Gedanken an Abtreibung befasst, ist i.d.R. in einem emotionalen Ausnahmezustand. Und in ebendieser Zeit benötigt die Frau Hilfe und Unterstützung.
    Die kath. Kirche steht seit Jahrhunderten zu ihren Prinzipien, ob sie einem gefallen oder nicht. Pro Femina hingegen verschleiert seine Intention und manipuliert die hilfesuchenden Frauen. Das ist hochgradig widerlich und verwerflich.

    Und zum Thema "wer länger als 1 Jahr in D lebt [...]" Mal ganz abgesehen von Ihrer Überheblichkeit, habe ich täglich mit Menschen zu tun die teils seit 10, 15 Jahren in D leben und unsere Sprache gerade mal rudimentär sprechen.

    Auf welche Art und Weise Leben zu schützen ist, hat der Gesetzgeber festgelegt. Diese Gesetze manipulativ auf dem Rücken der Frauen aushebeln zu wollen, ist widerwärtig.

  12. 4.

    Der Veranstalter "What the fuck" scheint sich daran zu stören, dass es Einrichtungen gibt, die nicht nur in Richtung Abtreibung beraten.

  13. 3.

    Ich versteh das Problem nicht. WEnn ich zur Kirche gehe, um mit in der Notsituation Schwangerschaft beraten zu lassen, WEISS ich, dass ich keinen ABbruchsschein bekomme, sondern Tips, wie man auch MIT Kind überleben kann. Gleiches gilt für diesen Verein. Der bietet sogar offenbar Geldunterstützung an. Immerhin.

    Will ich einen Abbruch und KEINE Beratung, wie man MIT Kind überleben kann, geh ich weder zur kath. Kirche, noch zu diesem pro-Leben-Verein, sondern zu pro familia.

    jede frau, die nicht ausschließlich chinesisch spricht, und länger als 1 jahr hier in D lebt, kann pro familia von pro femina unterscheiden.

    Wo ist da das Problem, warum protestiert man dort, aber nicht vor der Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche unweit des Adenauerplatztes? Da gibts nämlich auch Lebensschützer. Und verboten ist das Schützen des Lebens auch nicht wirklich...

  14. 1.

    Teilweise bin ich immer wieder entsetzt, in was für ein furchtbar rückständigen Land ich lebe!!!

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