Archivbild: Ein Paar sitzt in einem Stadtgarten am Hohen Weg in Werder. (Quelle: dpa/Bernd Settnik)
Video: Brandenburg Aktuell | 11.09.2019 | Majerowitsch Theresa | Bild: dpa/Bernd Settnik

Baumblütenfest fällt für zwei Jahre aus - "Sie können auch Olympia nicht einfach absagen"

Eigentlich sollte das Baumblütenfest in Werder/Havel nur im kommenden Jahr ausfallen. Einen Tag nach der Bekanntgabe heißt es nun aus dem Rathaus: Auch 2021 soll das Fest nicht stattfinden. Derweil regt sich der Protest der Obstbauern. Von Lisa Steger

Das Baumblütenfest in Werder an der Havel fällt nicht nur im kommenden Jahr aus, sondern für mindestens zwei Jahre. Das sagte ein Stadtsprecher am Mittwoch auf rbb-Anfrage. Unter anderem hohe Sicherheitsauflagen hätten dazu geführt, dass die Suche nach einem Veranstalter erfolglos geblieben sei.

Das Baumblütenfest findet seit 140 Jahren statt, es ist mit Hunderttausenden Besuchern Ostdeutschlands größtes Volksfest.

Noch am Dienstag war in einer Pressemitteilung der Stadtverwaltung von einer einjährigen Pause die Rede gewesen, einen Tag später jedoch teilt die Verwaltung nun mit: "Eine Neuausschreibung könnte im Sommer 2021 stattfinden" – also erst für den Mai 2022. Zuvor soll es eine Bürgerbefragung und Workshops geben.

Wie Rathaussprecher Henry Klix auf rbb-Anfrage sagte, scheiterte die Vergabe des Auftrages unter anderem an hohen Sicherheitsauflagen. Dabei sei es um die häufigen Schlägereien unter Alkoholeinfluss, die unterbunden werden sollten, aber auch um Anti-Terror-Maßnahmen gegangen. "Der Anschlag auf dem Breitscheidplatz hat da auch eine Rolle gespielt."

Bauern fürchten finanziellen Einbruch

Obstbauer Michael Schultz, der in Werder mit Frau, Vater und sechs Mitarbeitern 75 Hektar bewirtschaftet, hat von der Absage aus dem Autoradio erfahren. Er habe es erst nicht glauben wollen, erzählt er. "Das ist eine bodenlose Frechheit, die Leute hier so vor vollendete Tatsachen zu stellen. Sie können auch Olympia nicht einfach absagen."

Probleme mit betrunkenen Besuchern – die Polizei zählte zuletzt mehr als 100 Körperverletzungen – habe es gegeben, räumt Schultz ein. "Aber die gibt es auch beim Oktoberfest und beim Kölner Karneval. Dann muss man das Konzept verändern." Er regt sich auf: "Wenn man in Köln den Karneval absagen würde – ich möchte nicht wissen, was da wohl los wäre. So geht es nicht."

Zudem wundert sich Schultz, dass die Stadt dieses Argument – zu viele Schlägereien - ausgerechnet jetzt präsentiert. "Man hätte vor zehn Jahren schon anfangen können, etwas zu verändern, aber da hat keiner einen Ton gesagt."

An dem Baumblütenfest hängen in und um Werder viele Familienbetriebe, so Schultz: Bäcker, Fleischer, Hoteliers, Busunternehmer. Am Donnerstag kommender Woche, kündigt Schultz an, wird eine Demonstration vor dem Rathaus abgehalten, denn an diesem Abend tagen dort die Stadtverordneten. "Die Leute werden aufbegehren, jetzt bin ich gespannt", sagt Schultz. "Es kann nicht sein, dass diese Obstbauregion, die es so schwer hat, jetzt so mit Füßen getreten wird."

Schultz wird emotional. "Das Fest gibt es seit 140 Jahren, selbst zu DDR-Zeiten gab es das, wenn auch in kleinerer Form.  30 Jahre mache ich das hier schon." Sein Vater Günter Schultz zeigt sich besorgt: "Das Fest wird nicht mehr stattfinden." Da gibt er sicher. "Wenn es einmal weg ist, dann wird das nichts mehr", sagt Schultz senior.

Krisensitzung geplant

In zwei Wochen treffen sich die Obstbauern der Region mit der Rathausspitze, kündigt der Obst- und Gartenbauverein an. "Es war neu für uns", kritisiert Obstbauer Stefan Lindicke. "Das Problem von vielen wird sein, dass sie ihre Weine schon vorbereitet haben. Die gären, die Bauern investieren. Jetzt stehen sie vor der Frage: Was passiert im nächsten Jahr?" Der wirtschaftliche Schaden sei noch gar nicht abzuschätzen, "das wird gravierend sein, wir werden weniger Gäste auf dem Hof haben", sagt Lindicke, der auf 20 Hektar Fläche ausschließlich Obst anbaut und auch einen Hofladen betreibt.

Schultz und Lindicke wollen im nächsten Mai ihre Höfe für Besucher offenhalten, auch wenn in der Innenstadt kein Fest stattfindet. "Wir hoffen, dass die Besucher uns Bauern unterstützen", so Schultz. "Ich sehe die Stadt auch in der Pflicht, mit uns im Gespräch zu bleiben", so Lindicke.

Die Stadt weist die Kritik, zu spät informiert zu haben, zurück. In einer Pressemitteilung der Stadt heißt es am Mittwoch, die Stadtverwaltung habe die Stadtverordneten bereits am 23. August in Kenntnis gesetzt, dass das Fest zweimal ausfallen werde.

Das war gut eine Woche vor der Landtagswahl. Offenbar hat aber kein Abgeordneter die schlechte Nachricht weiterverbreitet.

Sendung: Antenne Brandenburg, 11.09.2019, 15 Uhr

Beitrag von Lisa Steger

Kommentar

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Antwort auf [Falk] vom 12.09.2019 um 01:27
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39 Kommentare

  1. 39.

    Ein Fest, das einmalig in seiner Art war und in der Art eben nicht mehr gewünscht ist. Eine Kirmes kann überall stattfinden, der Besuch von Obstgärten ist davon nicht abhängig. Baumblüte mit Obstwein auf Höfen und in Gärten - ohne die Auswüchse in der Innen- und der Inselstadt. Es ist an der Zeit, die Art des Festes zu ändern. Passt, nebenbei bemerkt, auch besser zum Tourismuskonzept.

  2. 37.

    "Das Pseudo-Argument eines terroristischen Angriffs"

    Die Kosten für die hohen Sicherheitsauflagen sind laut Rathaussprecher Henry Klix ein Grund für die Absage des Festes gewesen, denn wörtlich der Rathaussprecher "Der Anschlag auf dem Breitscheidplatz hat da auch eine Rolle gespielt."

  3. 36.

    Sie brauchen nur all die kritischen Kommentare derer zu lesen, die mit Insiderkenntnissen konkrete Dinge benennen. Das Pseudo-Argument eines terroristischen Angriffs halte ich für überzogen, weil die innere Sicherheit Brandenburgs zweifelsfrei besteht. Liegen Ihnen anderweitige Erkenntnisse vor? - Zumindest sollte es für Obstbauern und deren Freunde kulinarischer Köstlichkeiten möglich sein, in gepflegter Atmosphäre zu feiern. Dazu bedarf es keines großen Polizeiaufgebots sondern auf Streife befindliche Polizist*innen, die ggf. Personen nach § 118 OWiG disziplinieren.

  4. 35.

    Bürgermmeisterin Sass schrieb noch am 6. Mai 2019 eine Eloge als "Resümee zum 140. Baumblütenfest"

    http://www.werder-havel.de/content/aktuelles/aktuelles_news.php#news_1497

    Alkohol-Exzesse gibt's, so Sass, halt auch bei so einem Fest und bis zu einem gewissen Grade sind sie unvermeidbar.

  5. 34.

    Es geht um das unprofessionelle arrogant anmutende Gebaren der Verwaltung. Es reicht eben nicht, vom Schreibtisch aus gönnerhaft Aufträge zu vergeben, mit Bedingungen die keiner erfüllen kann und will. Die Verwaltung versteht nicht, das ein Blütenfest in Werder ein Fest ist, das einmalig in seiner Art war und weiter so gewünscht ist. Eine Kirmes kann überall stattfinden, der Besuch von Obstgärten so nicht. Die Verwaltung wurde also zu Recht kritisiert, nun "schlägt man zurück". Das kommt gelegen, weil man kein Verkehrskonzept hat: die wichtige Margarethenstr. wird bestimmt die nächsten 2 Jahre gesperrt sein und steht nicht zur Verfügung. Die wird ja schon sinnlos wegen nichtiger Arbeiten in wenigen Stunden am Tag, wie Rohrspülung, tagelang gesperrt. Es rächt sich: kein Flächennutzungsplan, kein Stadtarchitekten, kein Verkehrskonzept aber arrogantes Auftreten.

  6. 33.

    Wo hat "der Staat" versagt? Wo sehen Sie die Schuld bei der Politik? Warum machen Sie nicht die Menschen verantwortlich, die sich daneben benahmen?

  7. 32.

    Wenn der Staat versagt, hat das Volk zu leiden. Eine politische Versagernummer!

  8. 31.

    Was die betroffenen Einzelhändler betrifft, würde ich sagen:
    Wer Umsatz machen will, muss halt auch in die erforderlichen Maßnahmen investieren.
    Und wer das nicht will, weil es sich für ihn nicht rechnet, der soll es halt bleiben lassen.
    Aber es fehlte noch, dass der Steuerzahler dafür bezahlen muss, dass ein solches Massenbesäufnis befriedet und vor Leuten beschützt wird, die den Ausdruck "die Party sprengen" zu wörtlich nehmen.

  9. 30.

    Wenn ich mich recht entsinne geht dieses Fest auf höchste königliche Order zurück, nämlich das Recht "Weine und Getränke" zur Zeit der Baumblüte direkt am Gartenzaun verkaufen zu dürfen.

  10. 29.

    Ja! Das sagen auch die Betroffenen "Schultz und Lindicke wollen im nächsten Mai ihre Höfe für Besucher offenhalten, auch wenn in der Innenstadt kein Fest stattfindet." Und ich vermute, die anderen machen es auch. Die bisherigen Gäste werden wieder dort hin gehen, auch in die geöffneten privaten Gärten. Mit einem guten Marketing und attraktiven Dienstleistungen werden die Höfe sicher noch mehr Zulauf als bisher erfahren. Ich fahre wieder mit dem Fahrrad hin. Und freue mich auch auf eine schöne, friedliche und gesellige Innenstadt.

  11. 28.

    Ich verstehe die Reaktion, aber wo generieren unsere Obstbauern denn die Umsätze und Erträge? In den Plastikzelten Unter den Linden? Auf den Obsthöfen? Beim Straßenverkauf auf gesperrten Straßen? Bitte die Zahlen auf den Tisch (sind ja auch für die Steuer sauber aufgelistet).
    Und ja, vielleicht gibt es weniger Besucher - auf den Straßen vom Bahnhof zur Insel, auf der Kirmes auf dem großen Parkplatz und an der Regattastrecke, weil es dort keine Bühne mehr gibt und weil die Fahrgeschäfte nicht mehr da sind.
    Obstbauern, vereinigt euch! Beantragt, auf den Uferwiesen an den Wochenenden und am 1. Mai ausschenken zu dürfen Und baut auf dem großen Parkplatz ein paar Festzelte auf, dann kann man auch bei schlechtem Wetter was verkaufen. Es muss ja nicht gleich ein zweites Oktoberfest werden.
    Und der ÖPNV mit Baumblütenfahrplan zu den Höfen!
    Durch die Woche bleibt alles wie es ist, ohne Sperrungen, mit nutzbaren Bahnhof für Werderaner und so...
    Schankgenehmigungen erteilt die Stadt.

  12. 27.

    Einwohnerzahlen von Werder mal mit den genannten Städten vergleichen... Werder ist sowie Nürburg oder Wacken - die haben die Feste auf einem Gelände außerhalb. Und das BAUMBLÜTENFEST feiert man auch am besten unter Baumblüten ;-), so wie es viele andere Kommentarschreiber mögen.

  13. 26.

    Vielen Dank also an unsere Mitbürger, die fröhlich feiern mit Kampfsaufen, Randale und dissozialem Verhalten verwechseln. @Crane/Steglitz: Genauso empfinden wir. Wegen der oft aggressiven Vorfälle haben wir darauf verzichtet, mit den Kindern und Enkeln hinzugehen. Das Bauernfest in der Domäne Dahlem war eine kleine Alternative. Man könnte so viel Tolles in Werder auf die Beine stellen. Eingezäunt mit Security und entsprechendem Eintritt wäre aber wohl künftig unumgänglich.

  14. 25.

    Machen wir uns nichts vor. Gesoffen, gepöbelt und mal eine Klopperei gab es dort auch schon vor 80 Jahren. Aber dennoch ist das alles aus dem Ruder gelaufen. Als ehemaliger West-Berliner war ich direkt nach der Wende, Ende der 90er und vor zwei, drei Jahren auf dem Baumblütenfest. Ein Unterschied wie Tag und Nacht. Eine Pause tut der Sache gut.

  15. 24.

    Also ich steh nicht auf Säufer und Kotzer, insofern habe ich es mir tunlichst verkniffen, dieses Fest zu besuchen oder zu der Zeit Reiher-Bahnen zu benutzen - igitt! Werbung für Werder ist es schon mal gar nicht. Und nein, mir ist nicht bekannt, dass man - wie auch immer - zu Bauern gehen kann und unter Bäumen philosophierend Obstwein in Maßen genießen kann. Solange man dorthin durch die Massenkirmes in Werder laufen muss, dankschön. Also lieber weiter keine Kirmes, gerne aber lauschige Abende bei Obstbauern, vielleicht reihum, mit live-Musik in kleinem Rahmen. Aber Kirmes, oder wie man in meiner Heimat auch gern mal sagte "Rummel", ne danke. Ich geh ja auch nicht aufs Deutsch/Amerikanisches/Französiches Volksfest...

  16. 22.

    Hey wenn die Bauern was tolles alternatives auf die Beine stellen, lohnt sich nächsten Frühling vielleicht endlich mal der Besuch auch mit den Kindern.
    In der Absage sehe ich soooo viel Potential. Da krieg ich gleich Lust dran mitzuarbeiten und was schönes zu gestalten.

  17. 21.

    Die Identität der Stadt Werder besteht also in einem an Niveaulosigkeit nicht zu unterbietenden Massenbesäufnis und hunderten vollgepinkelter und -gekotzter Privatgrundstücke?

  18. 20.

    Es ist schade das so ein Tradionsfest einfach ausfällt. Etwas Negatives gibt es doch bei jedem Fest zu berichten. Hoffentlich wird ein Weg gefunden für weitere Baumblütenfeste.

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