Verteilung von Lebensmitteln an Bedürftige in einer Kirchengemeinde in Berlin (Quelle: dpa/Kay Nietfeld)
Video: Abendschau | 18.09.2019 | Frank Drescher | Bild: dpa/Kay Nietfeld

Berlin und Brandenburg - Immer mehr alte Menschen sind auf die Tafel angewiesen

Immer mehr Menschen sind auf Lebensmittel-Spenden angewiesen. Wie die Tafeln am Mittwoch mitteilten, sind es 1,65 Millionen, zehn Prozent mehr als vor einem Jahr. Vor allem Senioren sind betroffen - und in Berlin und Brandenburg besonders viele von ihnen.

Die Zahl der Menschen, die auf Lebensmittel-Spenden angewiesen sind, ist in den vergangenen zwölf Monaten deutlich gestiegen. Wie der Tafel-Bundesverband am Mittwoch in Berlin mitteilte, stieg die Zahl der Tafel-Nutzer in den vergangenen zwölf Monaten um rund zehn Prozent auf aktuell 1,65 Millionen. Zum Vergleich: 2007 lag die Zahl der Tafel-Nutzer noch bei rund 700.000.

Vor allem in Berlin viele ältere Tafelnutzer

Wie die Pressesprecherin des Verbandes, Anna Verres, rbb|24 am Nachmittag sagte, beruhen die Angaben auf einer Umfrage unter den 947 Mitgliedstafeln. Deren Zahlen seien in Zusammenarbeit mit der Universität Hohenheim für ganz Deutschland hochgerechnet worden.

Besonders dramatisch sei der Anstieg unter bedürftigen Menschen, die sich bereits im Ruhestand befinden. Ihre Zahl sei im vergangenen Jahr überproportional gestiegen, nämlich um 20 Prozent. "Wir sehen eine starke bis sehr starke Zunahme bei alten Leuten", sagte die Sprecherin. Grund sei die steigende Altersarmut.

Berlin und Brandenburg sind nach Angaben des Verbandes Hochburgen dieser Altersarmut. So liege der Anteil der Menschen, die im Rentenalter sind und zur Tafel kommen, in Berlin und Brandenburg insgesamt bei 32 Prozent. Im Bundesdurchschnitt seien es nur 26 Prozent. In Berlin, aber beispielsweise auch in Bernau würden überdurchschnittlich viele alte Menschen die Tafeln nutzen, sagte Verres.

Altersarmut kommt "mit großer Wucht"

Der Vorsitzende des Tafel-Bundesverbandes, Jochen Brühl, sprach von einer "alarmierenden Entwicklung". Die Tafeln seien "eine Art Seismograph der Gesellschaft". Niedrige Renten seien nach Langzeitarbeitslosigkeit der zweithäufigste Grund, eine Tafel aufzusuchen. "Altersarmut wird uns in den kommenden Jahren mit großer Wucht überrollen", warnte Brühl.

Völlig inakzeptabel sei aber auch die Zunahme von Kindern und Jugendlichen. Fast 50.000 junge Menschen mehr, ein Plus von zehn Prozent, sind demnach auf die Unterstützung mit Lebensmitteln angewiesen. Insgesamt liegt der Anteil von Kindern und Jugendlichen bei 30 Prozent der Tafel-Nutzer. Der Anteil erwerbstätiger Erwachsener bewege sich bundesweit bei rund 44 Prozent. Einen Rückgang hat es dagegen bei Flüchtlingen gegeben - um sechs Prozentpunkte auf 20 Prozent.

Fast 30 Prozent Kinder und Jugendliche

Mit insgesamt 500.000 bedürftigen Kindern und Jugendlichen würden die "Altersarmen von morgen" heranwachsen, führte Brühl bei der Vorstellung der Jahreszahlen weiter aus. Auch Armut werde vererbt, sagte Brühl, das zeige sich immer deutlicher. Es sei gefährlich für die Gesellschaft, wenn sich ein Teil generationenübergreifend als abgehängt betrachte.

Brühl kritisierte, diese Entwicklung sei seit zehn Jahren absehbar, seit vier Jahren würden die Tafeln darauf hinweisen - ohne ein Echo in der Politik. "Das Thema Armut braucht lösungsorientierte Vorschläge und muss ganz oben auf die politische Agenda gepackt
werden", forderte der Tafel-Chef.

20,4 Millionen Stunden ehrenamtliche Arbeit pro Jahr

Die bundesweit erste Tafel wurde vor 26 Jahren, 1993, in Berlin gegründet. Bundesweit gibt es derzeit 947 Tafeln mit 60.000 Mitarbeitern. 90 Prozent der Mitarbeiter engagieren sich demnach ehrenamtlich. "Sie spenden 20,4 Millionen Stunden Zeit pro Jahr", sagte Brühl. Bekämen sie Mindestlohn, entspräche das einem finanziellen Gegenwert von 180 Millionen Euro. Gleichzeitig gehe die Zahl der Ehrenamtsstunden leicht zurück.

Die Mehrheit der Helferinnen und Helfer sind Frauen (61 Prozent) und Senioren (63 Prozent). 20 Prozent sind Bedürftige oder frühere Bedürftige. Nur sechs Prozent der Ehrenamtlichen sind unter 30-Jährige. Manches freiwillige Engagement scheitere schon am zu teuren Busticket, das sich mögliche Helfer nicht täglich leisten können, sagte Brühl. Auch deshalb fordert er staatliche Unterstützung für die Tafeln.

Bundesweit fehlen mindestens zehn weitere Lager-Standorte

Mit ihrem Engagement retteten die Tafeln gut 265.000 Tonnen Lebensmittel im Jahr, sagte Tafel-Geschäftsführerin Evelin Schulz. Doch es könnte noch mehr sein, denn vernichtet würden in Deutschland bis zu 18 Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr.

Erst in dieser Woche hatten rbb|24 und das rbb-Verbrauchermagazin Super.Markt berichtet, dass auch die Berliner Supermärkte noch zu wenig für die Tafeln tun. Zwar würden sie jeden Monat 600 Tonnen Lebensmittel spenden. Doch doppelt so viel, also rund 1.200 Tonnen, landen nicht bei den Tafeln - das ergibt sich aus bundesweiten Zahlen des Thünen-Instituts, die der rbb auf Berlin heruntergebrochen hat.

Allerdings könnten die Tafeln deutlich mehr Lebensmittelspenden derzeit gar nicht bewältigen. Es fehle "an Geld für mehr Kühlfahrzeuge und Lagerkapazitäten - und vor allem brauchen sie mehr Helferinnen und Helfer", sagte Schulz. Bislang hätten die Tafeln bundesweit zehn kleinere und größere Logistik-Lager. Nötig wären mindestens zehn weitere Standorte. Der Unterhalt eines Logistikzentrums koste aber alleine an Betriebs- und Verwaltungskosten 50.000 Euro im Jahr.

Sendung: Inforadio, 18.09.2019, 16.00 Uhr

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17 Kommentare

  1. 16.

    Sie sagen es--Milliarden werden dafür-----die Rettung der restlichen Welt- ---ausgegeben,
    statt den Bedürftigen im eigenen Land zu helfen

  2. 15.

    Genau, der meiste Anteil des Reichtumes liegt bei den Flüchtlingen. *augenroll*
    Dass das Problem viel komplexer ist, ahnen Sie bestimmt nicht. Wie schon gesagt worden ist, hier gilt es unsere Gesellschaft, unser System, unser Zusammenleben zu hinterfragen. OHNE einen Sündenbock zu suchen.

  3. 14.

    Wenn ich hier lese, wieviel Lebensmittel wieder und wieder weggeworfen wird, kommt mir die Galle hoch. Dann gehe ich in den neu eröffneten Edeka Markt um die Ecke und bin geplättet von den Preisen an den Waren. Hübsch auf Bio und Vegan getrimmt. Schaut man genauer hin, ist es nur eine glatte verarsche dem Kunden gegenüber. Ohne die Tafel und ihre vielen freiwilligen Mitstreiter hätten wir ein viel größeres gesellschaftliches Problem. Früher und sicher auch heute noch ist die Heilsarmee hier Vorreiter gewesen.

  4. 12.

    Hartz IV Erhöhung: Mehr Geld ab Januar 2020 -
    https://www.hartziv.org/news/20190918-hartz-iv-erhoehung-mehr-geld-ab-januar-2020.html

  5. 11.

    Nicht ganz richtig, weil https://www.bundesrat.de/DE/homepage/homepage-node.html

  6. 10.

    "wohltätigkeit ist das ersäufen des rechs im mistloch der gnade!" bevor sich wer darüber erregt, dies sagte weiland ein gewisser herr pestalozzi. es lohnt, über den inhalt RICHTIG nachzudenken. nicht nach zu denken. die schande, das in einem reichen land wie unserem, lebensältere auf tafel, flaschensammeln und und und angewiesen sind, zeigt eines-das versagen der GESAMTEN gesellschaft.

  7. 9.

    Aber immer gegen die alte DDR sticheln.

  8. 8.

    Die nächste Diätenerhöhung erst, wenn die letzte Tafel geschlossen hat.

  9. 6.

    Mit dem Welt retten, sollte die Bundesrepublik erst mal bei der eigen Bevölkerung anfangen.

  10. 5.

    Ein Tafel für Brandenburger oder Berliner ist doch bei der hervorragenden Landespolitik in Berlin und Brandenburg kaum möglich.

  11. 4.

    Dazu kommt, dass prozentual die finanziellen Ausgaben für die soziale Arbeit mit Senioren nicht im Etat festgeschrieben sind. In Seniorenbegegnungsstätten ist es in Berlin so durchaus legitim , Geld von den Senioren und Seniorinnen für Bewegungs- und Freizeitangebote und gesellige Nachmittage zu kassieren und so ärmere auszugrenzen.
    Mitmenschliches Verständnis scheint den Verantwortlichen abhanden gekommen zu sein.

  12. 3.

    "Immer mehr alte Menschen sind auf die Tafel angewiesen" Na bei den hohen Mieten ist ja klar.

  13. 2.

    Wir sind ein Reiches Land .....Kinderarmut, Altersarmut, Wohnungsnot usw. Wir sind ca . 1% der Weltbevölkerung wollen aber diese Welt retten, egal was es kostet, wer regiert in diesen Land . Solidarität ja , doch bitte nicht um jeden Preis .

  14. 1.

    Danke GroKo.

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