Archivbild von 2014: Ein Rettungssanitäter in Berlin steigt aus dem Stroke-Einsatz-Mobil (STEMO) für Schlaganfall-Patienten. (Quelle: dpa/Jörg Carstensen)
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Machtwort von Müller - Schlaganfall-Mobile der Feuerwehr sollen nun doch bleiben

Der Berliner Innenausschuss will die Schlaganfall-Mobile der Feuerwehr ab 2020 streichen. Nach heftiger Kritik von verschiedenen Seiten hat der Regierende Bürgermeister am Dienstag nun ein Machtwort gesprochen. Demnach sollen die "Stemos" vorerst bleiben.

Im Streit um die Schlaganfall-Mobile der Berliner Feuerwehr hat der Regierende Bürgermeister ein Machtwort gesprochen. "Die beteiligten Ressorts befinden sich weiterhin miteinander im Gespräch. In diesem Kontext hat der Regierende Bürgermeister unmissverständlich deutlich gemacht, dass das Projekt bis mindestens 2021 weitergeführt wird", bestätigte Claudia Sünder, die Sprecherin der Senatskanzlei, rbb|24 am Dienstag. Zuerst hatte der "Tagesspiegel" darüber berichtet.

Innenausschuss wollte Spezial-Fahrzeuge stoppen

Um eine endgültige Entscheidung treffen zu können, sollen Ergebnisse aus dem Evaluationsprozess hinzugezogen werden, sagte Sünder. Mit seiner Entscheidung stellt sich Müller gegen die Innenpolitiker der rot-rot-grünen Koalition.

Erst am Montag hatte der Innenausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses beschlossen, das Projekt mit den sogenannten Stroke-Einsatz-Mobilen (Stemo) nicht fortzusetzen. Statt der seit 2011 eingesetzten drei Stemo-Fahrzeuge wolle die Koalition Rettungsfahrzeuge für die Feuerwehr erwerben, bestätigte der Sprecher von Innensenator Andreas Geisel (SPD), Martin Pallgen, dem rbb.

Es geht um drei Millionen Euro pro Jahr

Herkömmliche Rettungswagen könnten die Schlaganfall-Patienten schneller in die Krankenhäuser bringen als die Stemo-Einsatzfahrzeuge, hatte Pallgen der rbb-Abendschau am Montag gesagt. Die Entscheidung gegen die Weiterfinanzierung der Stemo-Fahrzeuge war im Zuge der aktuellen Beratungen für den Dopppelhaushalt 202/21 gefallen. Demnach geht es um drei Millionen Euro pro Jahr. Begründet wurde die Entscheidung unter anderem mit dem bisher nicht belegten Nutzen der Mobile und den Bedenken der Feuerwehr.

Linke sind gegen die Stemos, die CDU will sie erhalten

Ein Stemo fahre im Schnitt rund sieben Einsätze pro Tag, davon nur in der Hälfte der Fälle auch tatsächlich zu Schlaganfallpatienten, erklärte der gesundheitspolitische Sprecher der Linken-Fraktion, Wolfgang Albers. Zudem werde es bei seinen Einsätzen deshalb regelmäßig noch von einem gewöhnlichen Rettungswagen begleitet. Mit der Modernisierung des Feuerwehr-Fuhrparks, die auch zu kürzeren Hilfsfristen bis zum Eintreffen bei Patienten beitragen soll, handle man "im Sinne der schnellstmöglichen Hilfe berlinweit".

Burkard Dregger, CDU, spricht am 10.08.2018 mit dem rbb für das Sommerinterview (Bild: rbb-Fernsehen/Abendschau)
CDU-Fraktionschef Burkard Dregger | Bild: rbb-Fernsehen/Abendschau

Dregger fürchtet um das Leben tausender Menschen

Dagegen hatte CDU-Fraktionschef Burkhard Dregger Rot-Rot-Grün davor gewarnt, "leichtfertig das Leben und die Gesundheit Tausender aufs Spiel" zu setzen. Das Machtwort Müllers, so Dregger am Dienstag, komme viel zu spät. Die Linke tanze ihm auf der Nase herum, indem sie die "Stemo"-Streichung in einer Pressemitteilung verteidige. "Wer hat in dieser Chaos-Regierung eigentlich das Sagen?", fragte Dregger.

Auch die Sprecherin der Senatsverwaltung für Gesundheit, Lena Högemann, hatte Kritik geübt. Ihre Verwaltung könne die geplante Einstellung der Stemos "nicht gutheißen". Högemann plädierte dafür, das Projekt wie geplant wissenschaftlich zu evaluieren - dafür sei der Weiterbetrieb bis 2021 nötig. Die "Stemos" seien eine "sinnvolle Ergänzung" zu den Schlagfall-Spezialabteilungen an Kliniken. Mit diesen 16 Stationen sei die Versorgung in Berlin "in jedem Fall gut".

Hintergrund

Der Schlaganfall gilt als häufigste Ursache für Behinderungen in Deutschland und ist eine der häufigsten Todesursachen. In etwa 80 Prozent der Fälle ist die Ursache ein Blutgerinnsel, das ein Hirngefäß verstopft.

Damit droht eine Unterversorgung der Hirnzellen mit Sauerstoff. Schnelle Diagnostik und Therapie gelten als entscheidend, um unumkehrbare Folgen zu vermeiden.

Die Patienten bekommen Medikamente, die das Blutgerinnsel auflösen. Falls das nicht gelingt, leidet der Patient oft dauerhaft an den bekannten Folgen des Hirn-Infarktes: Halbseitenlähmung, Bewegungs- und Sprachstörungen bis hin zu Koma und Tod.

Je früher die Behandlung, desto mehr Gehirnzellen lassen sich vor dem Untergang retten. Bevor die Behandlung erfolgen kann, muss aber sichergestellt werden, dass es sich wirklich um ein Blutgerinnsel handelt. Und genau das kann, im Gegensatz zu anderen Rettungsfahrzeugen, in den "Stemos" festgestellt werden. Besodners verbreitet sind sie bislang nicht; ein weiteres Projekt gibt es zum Beispiel im Saarland.

25 Minuten zwischen Schlaganfall und Behandlungsbeginn

Für einen Schlaganfall-Patienten ist die Dauer bis zum Behandlungbeginn von entscheidender Bedeutung. Eine Studie hatte bereits 2013 ergeben, dass sich diese Zeit durch die "Stemos" um 25 Minuten verkürzen lässt. Fraglich ist jedoch, ob dieser Zeitvorsprung ausreicht, um die Langzeitfolgen eines Schlaganfalls zu verringern und das Behandlungsergebnis damit nachhaltig zu verbessern. Die Beantwortung dieser Frage ist Gegenstand der geplanten Evaluation, die bislang nicht abgeschlossen werden konnte. Das "Steomo"-Projekt war 2011 gestartet.

Sendung: Abendschau, 24.09.2019, 19.30 Uhr

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10 Kommentare

  1. 10.

    Es wird Zeit, sich mal ehrlich zu machen. Seit Februar 2011 ist das erste STEMO im Einsatz und noch immer ist kein Nachweis gelungen, dass es wirklich ein Gewinn für die Versorgung ist. Häufig entsteht die paradoxe Situation, dass der RTW, der ja immer parallel mit dem STEMO alarmiert wird und von der nächstgelegenen Wache ausrückt, viel früher beim Patienten eintrifft als das STEMO und dann da auf das Ding warten muss, weil dessen Eintreffzeit bis zu 20 Minuten beträgt (2014 gemittelt 17,39 Minuten). In der Zwischenzeit hätte der Patienten längst ins nächstgelegene Notfallkrankenhaus mit einer der 16 Stroke Units gebracht werden können. Wer verzögert hier die Therapie? Warum?Die Analyse der Charité weist zudem aus, dass von Februar 2017 bis zum 31.1.2019 nur bei 372 von 616 Patienten Lysen im STEMO durchgeführt wurden. Warum eigentlich Spezialfahrzeuge nur für Schlaganfallpatienten? Sind Herzinfarkte weniger dringlich?

  2. 9.

    Ein Arbeitskollege hatte einen Schlaganfall, das STEMO kam, er hat sich wieder "zurückgekämpft". Dies hätte er vermutlich nicht geschafft, wenn es diese Wagen nicht gegeben hätte. Meine Frage an die Ärmelschonerträger wäre - wieviel ist ihnen ein Menschenleben wert? Es ist unbezahlbar! Jetzt sitzen wir uns wieder gegenüber oder schlappen in die Serverräume und machen "Flachwitze". Besser gehts nicht.
    "Müllerchen" - hart bleiben!

  3. 8.

    Von unserem Bürgermeister kommt ja nicht allzu viel, aber das war jetzt wirklich mal etwas sinnvolles.

  4. 7.

    Hoffentlich kommen die Gegner für das "Stemo" nicht einmal in die Situation für die Hilfe (ich hatte Glück). Für Bauten werden 400 Mio als Notwendig ausgewiesen.
    Was haben wir nur für Politiker. Hauptsache die Diäten stimmem

  5. 6.

    Man wählte die Stadt Berlin als Studienort (wir erinnern uns - die STEMOs laufen aktuell noch als Studie) für diese Fahrzeuge, da in Berlin viel mehr Probanden mit Schlaganfall flächendeckend vorhanden sind. Mehr Schlaganfälle, mehr Probanden, eindeutigere Studienergebnisse.

  6. 5.

    Übrigens: In Flächenländern wie Brandenburg - zur Erinnerung an Berliner: Brandenburg ist die normale Welt um Berlin! - ist solch ein Teil noch mehr von Nöten. In Berlin ist man mit einem Notarztwagen nur 15 Min. bis zum nächsten Krankenhaus entfernt. In Brandenburg bis zu 30 Min. und mehr!

  7. 4.

    Wie kann man gegen diese so wichtigen Stemos sein? Wichtiger wäre es weitere bei den Stroke-Kliniken einzurichten

  8. 2.

    Gut, wenn der Regierende hier sein Veto einlegt, zumal die zugehörige Studie noch läuft. Allerdings haben alle damit befassten Mitarbeiter und auch die Besatzungen der Wagen nur Verträge bis zum 30.09.19. Wenn da nicht sofort etwas entschieden wird, ist das Kind in den Brunnen gefallen und ab nächster Woche sind die Mobile nicht mehr im Einsatz.

  9. 1.

    Dass man die Spezialfahrzeuge bei Schlaganfall abschaffen wollte, ist ein Skandal !
    Ich weiss nicht- gibt diese Stadt nur noch Geld für den Bau von Eigentumswohnungen und Spielhallen aus?

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