Prozessauftakt im Berliner Landgericht zum Geldtransporter-Überfall (Bild: rbb/Ulf Morling)
Video: Abendschau | 19.09.2019 | André Kartschall | Bild: rbb/Ulf Morling

Prozess wegen schweren Raubes - Nach Geldtransporter-Überfall spielt der letzte Akt vor Gericht

Die Räuber kamen am hellilchten Tage mit vollautomatischen Gewehren - und verschwanden mit sieben Millionen Euro. Knapp ein Jahr nach dem spektakulären Überfall auf einen Geldtransporter in Berlin stehen drei Männer vor Gericht. Von Ulf Morling  

In seinem gepanzerten Inneren hat der Geldtransporter an diesem Morgen Millionen von Euro. In der Nähe des Alexanderplatzes wird er am 19. Oktober vergangenen Jahres von einem Audi und einem Mercedes AMG mitten im Berufsverkehr eingekeilt. Mit hydraulischem Spezialwerkzeug werden die gepanzerten Hecktüren geknackt, die beiden Sicherheitsmitarbeiter werden mit Maschinenpistolen in Schach gehalten. Beute: sieben Millionen Euro. Doch die Polizei verfolgt die flüchtenden Täter. Nach zahlreichen Unfällen und einem Schuss aus einer Kalaschnikow verlassen die insgesamt fünf Räuber ihre Autos und setzen ihre Flucht ohne Millionenbeute zu Fuß fort.

Zwei der jetzt unter anderem wegen schweren Raubes Angeklagten werden vor Gericht schweigen, wird am Donnerstag zum Prozessauftakt angekündigt. Der dritte Angeklagte beteuert in einer Erklärung, nicht gewusst zu haben, dass eines der Tatautos und die von ihm besorgten hydraulischen Schneidwerkzeuge für den Überfall des Geldtransporters bestimmt gewesen seien.

Tatwerkzeug kostete 30.000 Euro

Nur zwei der mutmaßlich fünf beteiligten Täter des Geldtransporterüberfalls stehen im Prozess vor Gericht, dem dritten Angeklagten wird lediglich Beihilfe vorgeworfen, weil er Tatwerkzeuge für den Überfall besorgt haben soll. Darunter sind hydraulische Spezialwerkzeuge der Feuerwehr, die zum Aufschneiden von Karosserien nach Unfällen benutzt werden, ein sogenannter "hydraulischer Rettungssatz". Damit haben die Täter die beiden gepanzerten Hecktüren des Geldtransporters wie eine Konservendose aufgeschnitten.

Kostenpunkt allein der Werkzeuge: 30.000 Euro. Die Safebags aus den Geldkisten des Transporters werden in eines der Fluchtautos verladen, während die beiden Sicherheitsmitarbeiter mit Sturmgewehren des Typs Kalaschnikow bedroht werden.

Geldtransporter mit aufgebrochenen Türen auf einer Straße in Berlin-Mitte (Quelle: dpa/Bernd von Jutrczenka)Der im Oktober 2018 überfallene Geldtransporter

Rücksichtslose Flucht

Mitten durch die Innenstadt verläuft die Fluchtroute der Täter. Mehrere andere Fahrzeuge werden gerammt, als die beiden Fluchtautos mit bis zu 100 km/h durch die Straßen rund um den Alex gerast sein sollen. Schließlich sehen die beherzt folgenden Polizisten aus dem geöffneten Schiebedach des Audi den Lauf einer Kalaschnikow, ein Schuss peitscht "gezielt auf den nacheilenden Funkwagen", so die Staatsanwaltschaft. Das Projektil trifft ihn am Kühler. Die Polizisten geben die Verfolgung auf.

"Da war viel Glück im Spiel!", sagt Staatsanwalt Dirk Eckert in einer Prozesspause. Die Kalaschnikow, die in einer Minute 600 Schuss abfeuern könne, habe eine Ladehemmung gehabt. "Nicht auszudenken, was mitten in Berlin im Berufsverkehr passiert wäre, wenn die Waffe funktioniert hätte!"

Tag und Nacht wird ermittelt

In den Wochen nach dem Raubüberfall werten die Ermittler das Tatvideo aus, befragen unzählige Zeugen, sichern DNA an Tatwaffen und Tatwerkzeugen. Genau sechs Wochen nach der Tat gibt es die erste Festnahme: Suphi S. (38) wird verhaftet und gilt bis heute als einer der fünf mutmaßlichen Täter. Nach Informationen des rbb soll er nicht vorbestraft sein.

Eine knappe Woche später wird Abdallah T. (33) von der Polizei verhaftet. Er soll eines der Fluchtautos und das nötige hydraulische Werkzeug für das Aufschneiden des gepanzerten Geldtransporters besorgt haben, gilt also als Helfer der Täter. Vor zwei Monaten dann wird der dritte Angeklagte festgenommen: Aiman S. (33) soll beim Raub ebenfalls mitgemacht haben.

Aus Ermittlerkreisen erfuhr der rbb, dass es während der monatelangen zähen Ermittlungen bis zu 48- Stunden-Schichten bei der Polizei gegeben hat, einige Ermittlungsführer sollen unter der hohen Belastung zusammengebrochen sein. Ein mutmaßlich dritter Beteiligter des Überfalls ist den Ermittlern inzwischen ebenfalls namentlich bekannt, doch der Mann sei wohl untergetaucht. Die beiden fehlenden Mittäter gelten bis heute allerdings als "unbekannt".

Mammutprozess in Sicht

Nachdem in der übernächsten Woche aller Voraussicht nach der Prozess gegen zehn mutmaßliche Hells Angels wegen Mordes im selben Gerichtssaal zu Ende geht, ist in dem Indizienprozess wegen des Überfalls des Geldtransporters voraussichtlich auch mit erheblichen Längen zu rechnen. Vorerst sind bis Ende Februar nächsten Jahres 37 Verhandlungstage vorgesehen. "Das wird sicher viel länger dauern", prophezeit bereits am ersten Prozesstag ein Verfahrensbeteiligter - der Hells-Angels-Prozess dauerte fünf Jahre.   

Beitrag von Ulf Morling

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