Mahnwache an der Stelle, an der am Freitag vier Menschen bei einem Verkehrsunfall gestorben waren © dpa/Paul Zinken
Mahnwache an der Stelle, an der am Freitag vier Menschen bei einem Verkehrsunfall gestorben waren | Bild: dpa/Paul Zinken

Nach dem tödlichen Unfall in Berlin - So gefährlich sind SUVs wirklich

Schwere Geländewagen und große SUVs im dichten Stadtverkehr stehen in der Kritik – nicht zuletzt nach dem tödlichen Unfall in Berlin vergangene Woche. Doch zumindest in Sachen Fußgängerschutz sind moderne SUVs tatsächlich besser als ihr Ruf. Von Claudia Stern

Der schwere Verkehrsunfall mit einem SUV am vergangenen Freitag in Berlin-Mitte, bei dem vier Fußgänger – darunter ein dreijähriger Junge – getötet wurden, hat eine öffentliche Debatte um die Gefährlichkeit der schweren Sportgeländewagen ausgelöst. Vor allem im dichten Stadtverkehr stellen sie eine Gefahr für Fußgänger und Radfahrer dar – so zumindest die These, die diverse Berliner Stadtpolitiker vertreten.

So forderte Grünen-Verkehrspolitiker Oliver Krischer im [Tagesspiegel] eine Obergrenze für SUVs, weil sie eine besondere Gefahr für Fußgänger und Radfahrer seien.

Bereits am Wochenende hatte Stephan von Dassel (Grüne), Bezirksbürgermeister von Mitte, auf Twitter geschrieben: "Solche panzerähnlichen Autos gehören nicht in die Stadt." Jeder Fahrfehler werde zur "Lebensgefahr für Unschuldige".

Greenpeace: Hohe Front wirkt wie eine Mauer

Auch die Umweltschutzorganisation Greenpeace sieht in den bulligen Schwergewichten ein Sicherheitsrisiko für andere Verkehrsteilnehmer. In einer Pressemitteilung vom Samstag heißt es: "Bei Fußgängern steigt das Risiko eines tödlichen Unfalls aufgrund der höheren Motorhaube um die Hälfte an." Kinder seien dabei besonders gefährdet, da sie aus einem SUV schlechter zu sehen seien und bei einer Kollision auf Kopf- und Brusthöhe getroffen würden.

In Greenpeace-Report 2019 ist weiter zu lesen, die hohe Front und die oft kürzere Motorhaube wirke wie eine Mauer. "Deshalb stürzen Fußgänger, die von einem SUV oder Geländewagen angefahren werden, gefährlicher, weil sie häufiger weggestoßen werden." Als Quelle nennt Greenpeace eine amerikanische Studie über die Gefährlichkeit von SUVs für Fußgänger aus dem Jahr 2010, die in der Fachzeitschrift Traffic Injury Prevention veröffentlicht wurde (Ausgabe 11/2010, S. 48–56).

Unfallforscher: SUV nicht gefährlicher als ein Smart

Der These vom Sicherheitsrisiko SUV widersprochen hat am Wochenende der Unfallforscher der Deutschen Versicherungswirtschaft, Siegfried Brockmann: "Man kann nicht einfach sagen: Ein SUV ist grundsätzlich gefährlicher als ein Polo oder als ein Smart." Entscheidend sei vielmehr die Geschwindigkeit, so der Experte. "Alles was jenseits von 50 Stundenkilometern ist, ist für einen menschlichen Körper mindestens lebensgefährlich, meistens aber auch tödlich, egal mit welchem Fahrzeug", so Brockmann.

Mit dieser Aussage löste Brockmann einen Sturm der Entrüstung im Netz aus. Doch Brockmann steht mit seiner Einschätzung keineswegs alleine da. Der ADAC teilte rbb|24 auf Anfrage mit: "Auch wenn SUVs optisch den Eindruck erwecken mögen, dass sie gefährlicher sind als Kompaktwagen, gibt es in der Unfallforschung keine Erkenntnisse darüber. Tatsächlich besteht nämlich kein direkter Zusammenhang zwischen der Unfallschwere und der Bauform oder dem Gewicht von Fahrzeugen. Maßgeblich bei einem Unfall sind vielmehr die Geschwindigkeit und Art des Zusammenstoßes."

Fiat Panda und BMW X5 im Vergleich

Sowohl der ADAC als auch die Unfallforschung der Deutschen Versicherungswirtschaft stützen ihre Aussagen unter anderem auf die Testergebnisse des Europäischen Neuwagen-Bewertungs-Programms Euro NCPA (European New Car Assessment Programme), einer Gesellschaft europäischer Verkehrsministerien, Automobilclubs und Versicherungsverbände mit Sitz in Brüssel. Die Organisation führt Crashtests mit neuen Automobiltypen durch und bewertet danach und anhand der verfügbaren Sicherheitssysteme ihre Sicherheit – sowohl für erwachsene Insassen und Kinder als auch für ungeschützte Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger.

Die Ergebnisse der Tests sind auf der Website des NCPA einsehbar. Und man stellt fest: Während der Fußgängerschutz von Geländewagen und SUVs früher tatsächlich oft äußerst schlecht beurteilt wurde, sind sie heute in diesem Punkt besser als ihr Ruf. Das zeigen Bewertungen aus dem Jahr 2018, die einen Vergleich zwischen dem SUV BMW X5 und dem Kleinwagen Fiat Panda ermöglichen.

BMW X5 punktet mit Notbremssystemen

Der BMW X5 erreicht im NCPA-Test in Puncto Fußgängersicherheit 36,2 von insgesamt möglichen 48 Punkten und damit einen Wert von 75 Prozent [Testergebnis: euroncap.com]. Sieht man sich die Bewertung im Detail an, stellt man fest, dass vor allem Kopf und Beine des Fußgängers bei einem Zusammenprall mit dem SUV relativ gut geschützt sind. Eine schlechte Bewertung gibt es in diesem Fall beim Beckenaufprall. Sehr positiv wirkt sich die serienmäßige Ausstattung mit automatischen Notbremssystemen für Fußgänger und Radfahrer aus, die mit zwölf von zwölf Punkten zu Buche schlägt.

Der Fiat Panda hingegen erreicht bei der Fußgängersicherheit insgesamt nur 22,9 von insgesamt 48 Punkten und damit einen Wert von lediglich 47 Prozent [Testergebnis: euroncap.com]. Hauptgrund für das vergleichsweise schlechte Abschneiden ist, dass der Kleinwagen serienmäßig mit keinerlei Sicherheitssystemen für ungeschützte Verkehrsteilnehmer ausgestattet ist. Dafür gibt es null von zwölf möglichen Punkten in diesem Bereich. Doch auch beim Fußgängeraufprallschutz allein schneidet der Kleinwagen leicht schlechter ab als der SUV: Besonders die Gefahr schwerer Kopfverletzungen ist demnach beim Zusammenprall mit einem Panda deutlich höher als bei einem BMW X5. Und auch im Bereich der Beine ist ein Zusammenprall mit einem Panda gefährlicher als mit dem SUV. Lediglich im Bereich des Beckens drohen bei der Kollision mit den Kleinwagen erheblich weniger Verletzungen.

Deutliche Verbesserungen durch weichere Materialien

Für die positive Entwicklung beim Fußgängerschutz in den vergangenen zehn Jahren sind bei den SUVs laut ADAC vor allem Verbesserungen bei den sogenannten passiven Sicherheitssystemen verantwortlich. Dazu zählt beispielsweise, dass die Materialien im Frontbereich weicher geworden sind und so die Aufprallenergie besser aufnehmen können. Viele SUVs verfügen auch über eine verformbare Motorhaube, die sich im Crashfall beispielsweise aktiv aufstellt und den Fußgänger so vor schweren Kopfverletzungen schützt. Und Motorhaube, Kühler- sowie Stoßfängerbereich sind dem ADAC zufolge heute meist so gebaut, dass es weniger Kanten gibt, an denen sich angefahrene Fußgänger schwer verletzen könnten.

Hinzu kommen neue technische Lösungen: So ist beispielsweise der Volvo V40 als erstes Fahrzeug überhaupt mit einem Fußgänger-Airbag ausgestattet, der sich bei einer Kollision blitzschnell über das untere Drittel von Windschutzscheibe und A-Säule entfaltet. Gleichzeitig hebt sich automatisch die Motorhaube an, um die Verletzungsgefahr für Fußgänger weiter zu reduzieren.

ADAC sieht weiteres Optimierungspotenzial

Trotz der Fortschritte der letzten Jahre sieht der ADAC "im Bereich des Fußgängerschutzes nach wie vor Optimierungspotenzial". Dabei gehe es vor allem um die Weiterentwicklung von Notbremssystemen, die Unfälle ganz verhindern oder die Kollisionsgeschwindigkeit erheblich reduzieren sollen.

Bis das in allen Autos Standard ist, wird es aber wohl noch eine ganze Weile dauern. Und mindestens solange sollte gelten: Fuß vom Gas im dichten Stadtverkehr. Nicht nur aber vor allem auch in den SUVs, die vielleicht keine Panzer sind, aber doch eine dicke Hülle, unter der so mancher Fahrer weder Geschwindigkeit noch andere Verkehrsteilnehmer wahrzunehmen scheint.

Beitrag von Claudia Stern

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48 Kommentare

  1. 48.

    Da sich die Energie E zu E=0,5 m (Masse)*v² (Geschwindigkeit²) berechnet, ist die Energie E eines SUV bei gleicher Geschwindigkeit 1,4 mal höher, als bei einem normalen Pkw. Daher sollte insbesondere die Geschwindigkeitsbegrenzung in Städten auf 30 km/h festgelegt werden. In Innenstädten mit hohem Verkehrsaufkommen sollte man diese „Kfz-Monster“ überhaupt verbieten. Sicherheitstechnisch könnten die Kfz-Konzerne Knautschzonen im Frontalbereich der SUV installieren, so dass die Energie beim Aufprall von Personen wirkungsvoll absorbiert werden kann.
    Siegfried Marquardt, Königs Wusterhausen

  2. 47.

    Epileptiker muss das Führen eines Kfz verboten werden!
    Unabhängig davon, ob der Fahrer vom besagten SUV in Berlin kurz vor dem Eintritt des tragischen Unfalls, wo auf dramatischer Weise vier Menschen, darunter ein Kleinkind getötet wurden, einen epileptischen Anfall erlitten hatte, sollte Epileptiker (und insulinpflichtigen Diabetiker) das Führen eines Kfz verboten werden, weil von einer auf die andere Sekunde bei diesem betroffenen Personenkreis abrupt das Bewusstsein schwinden bzw. aussetzen kann! Daher dürfen diese Personen, insbesondere Epileptiker in Betrieben auch keine Maschinen bedienen. Anderseits: Die SUV haben in Vergleich zu normalen Pkw im Durchschnitt eine Tonne mehr an Masse. Das Verhältnis beträgt ca. 1,4:1.

  3. 46.

    Sicher, dass es den U-Bahnhof gibt? Der sollte unter das zweite Hauptterminal kommen. Den Bau der U-Bahn hatte damals auch vehement die AL bekämpft. Schließlich hat Kreuzberg nichts davon.

    Derzeit wehrt sich vor allem die die Linke, dass überhaupt über einen Ausbau der U-Bahn nachgedacht wird. Frau Lompscher unterstützt aber Comedians wie Frau Pop, die deshalb Wassertaxis als Lösung für die Verkehrsprobleme Berlins vorgeschlagen hat.

  4. 44.

    Viele sind überrascht, wenn ich erzähle, dass Tegel einen U-Bahnhof besitzt. Die Schienen zur Anbindung nach Jungfernheide, wurden aber nie gelegt. Vielen ist noch nie wirklich aufgefallen, das es in Jungfernheide ein abgesperrtes Gleisbett gibt. Eine Gewinnmaximierung zwischen Taxi-Innung und der BVG. Seit Nichtfertigstellung des Flughafens BER im Jahre 2011, hätte man schon längst die Strapazen der Reisenden erheblich verbessern können. Aber die Lobby des Extra Geldes lässt sich die BVG nicht nehmen.Ich sage nur: Wo Geld regiert.....
    Ich behaupte nichts, ich hatte jahrelang am Flughafen Tegel gearbeitet. Die U-Bahnverbindung dufte nicht nach außen getragen werden.

  5. 42.

    Liebe Evy,
    Sie haben schon Recht, es geht um die Diskussion um ein SUV-Verbot. Aber wennn noch Redebedarf über den Unfall selbst besteht, wollen wir mal ne Fünf gerade sein lassen.
    Viele Grüße
    rbb|24

  6. 41.

    Die FAQ sagt dort aber nur Zahlen ohne genaue Quelle, damit kann man nichts anfangen. Und warum darf man nicht auf SUV's schimpfen? Diese Autos sind nunmal gefährlicher und hinzu auch noch umweltschädlicher. Bei einem tötlichen Unfall mit einem normalen PKW, stirbt der in dem PKW und nicht der im SUV, d.h. die Bezeichnung, man fährt wie in einer geschützten Kapsel herum stimmt nunmal.
    Und jeder der nicht ihre Meinung teilt, ist nicht gleich ideologisch verblendet. Es zeigt eigentlich, dass nur sie in solchen Kategorien denken.

  7. 40.

    Schade nur, dass in Berlin der ÖPNV nicht gut erschlossen ist... 20-Minuten-Takt ab Zone C, überfüllte Züge und ständig Ausfälle, sobald es regnet, schneit, die Sonne scheint oder Wind weht... Erstaunlich eigentlich, dass in Kanada Eisenbahnen funktionieren... aber die haben ja auch die richtig fetten SUVs da... gibt es einen Zusammenhang!!? Dann bitte mehr SUVs in die Innenstadt! Vielleicht fährt dann ja auch der Berliner ÖPNV besser :-)

  8. 39.

    Hallo RBB. Redaktion
    ist das Forum verrutscht? Die Kommentare beziehen sich nicht auf den Artikel, sondern auf den suv-unfall

  9. 37.

    Bei der Tagesschau gibt die FAQ zum SUV.
    Den Fiat 500 gibt es mit knapp 150PS, den 500x mit 170. Das reicht dann doch für den Ampelmast. Einseitig auf SUV zu schimpfen und die Augen vor den Fakten zu verschliessen zeugt jedoch in diesem (Un)Fall von ideologischer Verblendung.

  10. 36.

    Vergleichen Sie den Porsche Macan mit der entsprechenden Variante des Tesla Model 3 (sog. Mittelklassewagen) bzgl. Masse und Beschleunigungsvermögen. Sie werden überrascht sein. Glücklicherweise optimieren andere Elektroauto-Hersteller ihre Produkte nicht unbedingt auf brutale 0-100, denn das würde den Stadtverkehr der Zukunft tüchtig aufmischen.

  11. 35.

    Ja richtig, ein SUV mit nur 100 PS stellt nicht so die Gefahr dar. Im Prinzip stellt sich die Frage, warum braucht man ein Auto mit 200+ PS. Und die Kombination Gewicht und PS macht solche Autos definitiv gefährlich. Weil man sich auch selber Überschätz. Die gleiche Überschätzung gibt es ja teilweise auch mit den E-Rollern.

  12. 34.

    Was denn für eine Ideologie? Das KBA ist eine Bundesbehörde und nun? Auf der Seite des KBA's finde ich ihre Zahlen nicht, wo stehen die denn genau?

  13. 33.

    Den Glauben kann man nur schwer mit Fakten beikommen. Der Panda hätte den Ampelmast wohl nur deshalb nicht geknickt, weil er deutlich schwächer beschleunigt. Das gilt übrigens auch für seinen SUV-Plattformbruder Fiat 500X oder Jeep Renegade. Dafür funktionierte deren Abgasreinung teilweise bloß für 22 Minuten, da der Test nur 20 Minuten dauert.

  14. 32.

    Das Gewichtsargument besteht den Faktencheck nicht. Ein normaler Audi A6 wiegt je nach Austattung etwas weniger oder sogar mehr als der hier von pietätlosen Ideologen ausgeschlachtete Porsche Macan und verkauft sich viel besser. Eine Mercedes E-Klasse wiegt ähnlich viel, ebenso ein 5er BMW.

    Gerade die hochwertigen Fahrzeuge sind zudem schon mit Assistenzsystemen auch zum Fußgängerschutz ausgestattet, die nichtmals auf der Zubehörliste vieler Kleinwagen auftauchen. Aber das steht ja eigentlich schon im Artikel.

  15. 31.

    Richtig aber der ADAC behauptet ebenso, dass die Bauform keine Auswirkung hat, warum hat Volvo dann die Bauform abgeändert um Fußgänger besser zu schützen? Ich denke mit ihrem physikalischen Wissen können das besser beurteilen, als die Top Ingenieure von Volvo.

  16. 30.

    In welchem Teil habe ich denn geschrieben, dass ich dafür bin irgend etwas zu verbieten? Die Aussage des ADAC ist schlicht falsch. Und natürlich gehen von LKWs und Bussen eine größere Gefahr aus, richtig.
    Überinterpretieren Sie bitte nicht.

  17. 29.

    Das Land der Verbote? In anderen Ländern sind die Gesetze viel härter und Strafen um ein Mehrfaches höher, besonders im Verkehr. So eine blöde Floskel. Klar, es müssen Dinge immer klarer reglementiert werden, je mehr Probleme sie verursachen. Völlig legitim.

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