Chinesische chistliche Gemeinde Berlin. (Quelle: rbb/U. Vosshenrich)
Bild: rbb/U. Vosshenrich

Reportage | Gemeindeleben in Berlin - Chinesische Mission

Mittwochs Bahnhofmission, freitags Bibelkreis, sonntags Gottesdienst: Unter den knapp 11.000 chinesischen Staatsbürgern in Berlin sind nur wenige Christen – doch viele von ihnen sind im Gemeindeleben besonders aktiv. Von Ursula Voßhenrich

Kurz vor dem Gottesdienst der Chinesischen Christlichen Gemeinde Berlin CCGB muss in der Kirche am Hohenzollernplatz die Tonanlage noch gecheckt werden. Lieder werden geübt, Programmflyer verteilt, und um all das kümmern sich junge Mitglieder der freikirchlichen Gemeinde. Auf den gelben Flyern steht das Programm des Gottesdienstes, und bis auf wenige Worte ist alles auf Chinesisch: Fast alle, die sonntags um 14 Uhr hierher kommen, können die Schriftzeichen lesen.

Etwa 200 Gläubige haben sich zu dem Gottesdienst versammelt, der jetzt mit Musik und Gesang beginnt – Lobpreis auf Chinesisch. Heute ist ein taiwanesisch-amerikanischer Gastprediger in die Gemeinde gekommen: Pastor Mujie Yu predigt über Verse aus dem Brief an die Römer aus dem Neuen Testament, selbstverständlich auf Chinesisch. Er spricht darüber, dass man jeden Tag mit einem Ziel vor Augen leben solle. Die Bibelverse sind in chinesischen Schriftzeichen auf eine Leinwand projiziert, der Pastor markiert die von ihm besprochenen Zitate mit einem Laserpointer. Den Dolmetscher-Service – eine Simultanübersetzung ins Deutsche – nutzen nur drei der Gäste.

Gottesdienst ist doppelt so lang

Der Gottesdienst ist feierlich, aber nüchtern, so ähnlich wie in anderen evangelischen Gemeinden. Allerdings ist er doppelt so lang: Allein die Predigt dauert eine Stunde.

Fides Dürr ist die Dolmetscherin. Die Sinologiestudentin hat eine chinesische Mutter und ist zweisprachig aufgewachsen. Das Simultan-Übersetzen hat sie im Gottesdienst gelernt. Fides gehört zu dem aktiven Kreis der jungen Gemeindemitglieder der zweiten Generation: Berliner Kinder, deren Eltern aus China nach Deutschland gekommen sind. Die Studentin hängt sehr an der Gemeinde, hier hat sie auch ihren Freundeskreis. „Wenn der Glaube das Leben ausmacht, ist es wichtig, Gleichgesinnte zu haben“, sagt die junge Frau.

Chinesische chistliche Gemeinde Berlin. (Quelle: rbb/U. Vosshenrich)
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Bahnhofsmission und Bibelkreis

Fides Dürr hilft regelmäßig bei der Bahnhofsmission, und samstags geht sie zum Bibelkreis. Zu dieser Gruppe gehört auch Ze Zhao. Der 21-Jährige kümmert sich um die Tontechnik in der Kirche und ist Jugendkreisleiter. Auch er ist zweisprachig aufgewachsen. Allerdings musste er als Kind in der chinesischen Schule seine Sprachkenntnisse perfektionieren, wie viele der Kinder hier. „Das war ganz schön anstrengend“, gibt er zu.

In ihrem christlichen Glauben sind Fides Dürr und Ze Zhao unerschütterlich. Und den wollen sie auch weiter verbreiten, an Berliner Unis zum Beispiel. Dort sprechen sie chinesische Studierende an.

Chinesische chistliche Gemeinde Berlin. (Quelle: rbb/U. Vosshenrich)
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Gezieltes Missionieren

So ist auch Liqiong Wang zur Gemeinde gestoßen. Als Studentin kam sie vor 5 Jahren aus Shanghai nach Deutschland. Inzwischen ist sie Interface-Designerin in Berlin. Vor zwei Jahren wurde sie von einem Gemeindemitglied angesprochen und zum Bibelkreis mitgenommen. Sie war vorher überhaupt nicht christlich. Jetzt ist die Gemeinde zu ihrer neuen Heimat geworden und sie hat sich taufen lassen.

Liqiong Wang ist kein Einzelfall. Diese Art der Mission wird von der chinesischen Gemeinde in Berlin gezielt betrieben: Studierende, Restaurant-Angestellte, chinesische Neu-Berliner werden angesprochen, zu Bibelkreisen und Gottesdiensten mitgenommen, später in speziellen Kursen intensiv auf die Taufe vorbereitet. Zweimal im Jahr findet so eine Taufe statt, mit jeweils fünf bis sechs chinesischen Neu-Christen.

Gemeindemitglieder aus allen Teilen Chinas

Auch Liu Cuk hat in der Berliner Gemeinde zu ihrem Glauben gefunden. Sie kam in den 90er Jahren als Künstlerin aus der Volksrepublik China nach Berlin. Damals hatte die chinesische Regierung die  Ausreiseregelungen für Intellektuelle und Künstler gelockert. „Es war damals eine richtige Mode, eine Zeitlang ins westliche Ausland zu gehen“, erzählt sie. Liu Cuk blieb in Berlin, auch wegen der christlichen Gemeinschaft, die sie hier fand. Heute arbeitet Liu Cuk an der Universität der Künste in Berlin – und im Gemeindevorstand der CCGB.

Die Gemeindemitglieder, die nicht in Berlin geboren wurden, stammen aus allen Teilen Chinas: aus der Volksrepublik und Taiwan, aus Shanghai und Hongkong. Sie kamen als Bootsflüchtlinge aus Vietnam, sie kamen nach der Niederschlagung der Protestbewegung 1989 am Tiananmen-Platz in Peking, andere kamen später als Studierende.

„Die unterschiedliche Herkunft ist kein Problem“, versichert Liu Cuk. Es gebe keine Streitigkeiten etwa wegen politischer Ansichten. Man bete gemeinsam für eine friedliche Lösung aller politischen Konflikte. Vielleicht wird die aktuelle Politik auch aus der Gemeinde herausgehalten.

Chinesische chistliche Gemeinde Berlin. (Quelle: rbb/U. Vosshenrich)
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Eng getakteter Wochenplan

1990 hat sich die Chinesische Christliche Gemeinde in Berlin gegründet, inzwischen ist sie auf 300 Mitglieder angewachsen. Am Mittwoch werden viele von ihnen wieder zur Bahnhofsmission gehen, am Donnerstag zum Gebet, am Freitag oder Samstag zum Bibelkreis.

Der Gottesdienst ist zu Ende, doch viele bleiben sitzen, denn jetzt beginnt die Sonntagsschule.

Beitrag von Ursula Voßhenrich

Kommentar

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Antwort auf [Sven] vom 08.09.2019 um 21:03
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1 Kommentar

  1. 1.

    Wenn ich eins hasse, dann sind es Missionare. Und aufdringlicher wie bei Zeugen Jehovah, die seit JAHREN and JEDER Ecke stehen, geht es nicht. Wer dann bei solcher aufdringlicher "Bekehrung" noch weich wird, dem kann man nicht helfen. Da sollten alle Alarmglocken läuten.

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