Kiefern- und Fichtenholzstämme (Quelle: dpa/Jens Büttner)
Bild: dpa/Jens Büttner

Unser Wald | Interview mit Privatwaldbesitzer - "Sie müssen sich um ihren Wald stetig kümmern"

Rund 100.000 Menschen besitzen 61 Prozent des Brandenburger Forstes. Warum ist das so? Liegt die Zukunft des Waldes vor allem in Privathand? Ein Gespräch mit Martin Hasselbach vom Waldbesitzerverband Brandenburg.

rbb|24: Herr Hasselbach, rund 100.000 Privateigentümer besitzen 61 Prozent des Brandenburger Waldes. Warum ist der Anteil so hoch?

Martin Hasselbach: Das ist historisch gewachsen. Wer etwa zu DDR-Zeiten in der LPG gearbeitet hat, wurde aus den Flächen, die den Mitgliedern aus der Bodenreform zugesprochen worden waren, nach der Wende wieder bedacht. Das ist ein sehr breiter Teil der Bevölkerung. Auch an die Waldbesitzer, die etwa in der NS-Zeit enteignet wurden, ist einiges zurückgegangen.

Bei den Niedrigzinsen legen viele Leute ihr Geld in Immobilien an. Geht der Trend auch zum Waldkauf?

Ein bisschen färbt der Immobilien-Run auf die Forstwirtschaft ab, aber in deutlich geringerem Maße. Dieser Markt ist im Osten Deutschlands deutlich agiler als im Westen – auch weil hier durch die Wende Eigentümer zu Wald gekommen sind, die wenig oder gar keine Beziehung dazu oder Interesse daran haben. Aber einen richtigen Hype haben wir nicht.

Was muss ich denn für einen Hektar Wald hinlegen?

Das fängt bei 1.000 Euro an und kann bis zu 40.000 Euro und mehr gehen – je nach dem Forstbestand, der darauf steht. Bei einer jungen Kultur werde ich in den nächsten 20, 30 Jahren viel Geld reinstecken und keine Erträge erwirtschaften. Kaufe ich jedoch ein stehendes Furnierholzlager, also qualitativ hochwertige Bäume, die ich noch zu Lebzeiten ernten kann, hat dieser Wald einen deutlich höheren Wert.

Welche Pflichten hat ein Privatwaldbesitzer?

Sie müssen den Wald nach den gesetzlichen Rahmenbedingungen bewirtschaften: vom Bepflanzen über Kulturpflege bis hin zur Ernte. Aber jeder kann für sich und seinen Wald entscheiden, wann und wie intensiv er damit umgeht. Bei einem kleineren Betrieb muss man vielleicht nicht jedes Jahr losziehen und mit der Axt irgendwelche Fällungen vornehmen. Aber sie müssen sich um ihren Wald stetig kümmern.

Also kann ich meinen Wald nicht einfach sich selbst überlassen und ihn als Naturschutz stehen lassen?

Wald hat drei große Funktionen: Nutzen, Erholung und Schutz. Alle drei Funktionen müssen in vollem Umfang umgesetzt werden, damit sich eine erweiterte Nachhaltigkeit ergibt. Nur so genügen wir dem Anspruch einer multifunktionalen, ordnungsgemäßen und nachhaltigen Forstwirtschaft im Sinne der Rio-Konvention. [Auf der UNCED-Konferenz von Rio de Janeiro im Jahr 1992 wurde die erste internationale Walddeklaration (Waldgrundsatzerklärung) unterzeichnet. Diese stellte Leitsätze für die Bewirtschaftung, Erhaltung und nachhaltige Entwicklung der Wälder der Erde auf. Anm.d.Red.]

Außerdem ist Wald - übrigens auch für das Finanzamt - ein Unternehmen mit Aus- und Abgaben. Ihre Kosten dürfen Sie nur über den Holzverkauf ausgleichen. Alle anderen Segnungen des Waldes - frische Luft, Erholungsfläche, Schutzraum für Tiere und Pflanzen - kriegt der Eigentümer nicht bezahlt. Alle Bäume verrotten zu lassen ist weder forst- noch volkswirtschaftlich sinnvoll. Denn Holz ist der einzig nachwachsende und nachhaltige Rohstoff in Mitteleuropa, der zudem weltweit sehr gefragt ist. Eine ganze Industrie und viele tausend Arbeitsplätze hängen daran.

 

Das große Thema der letzten beiden Sommer in Brandenburg sind Waldbrände. Was bedeutet es für einen Eigentümer, wenn sein Wald brennt?

Das ist ein handfester Vermögensschaden. Auf staatliche Fördermittel in solchen unverschuldeten Notsituationen hat man zunächst keinen Rechtsanspruch. Zudem ist der bürokratische Aufwand für die Antragsteller sehr hoch. Auch private Versicherungen decken in der Regel nur die Kosten, die im Zusammenhang mit dem Brand entstanden sind: etwa das Beräumen und Sichern der Flächen. Nach einem Brand sind aber nicht nur die Waldflächen futsch, sondern man hat zugleich die Verpflichtung der Wiederaufforstung.

Wie diese vonstatten geht, darüber scheiden sich die Geister. In Treuenbrietzen etwa haben Privatwaldbesitzer die verbrannte Fläche komplett abholzen lassen, um sie schnell neu zu bepflanzen. Der Förster im Stadtwald hingegen lässt das Totholz stehen, und setzt darauf, dass sich der Wald selbst verjüngt.

Die gesetzliche Vorgabe ist für alle Eigentumsverhältnisse klar: Innerhalb von drei Jahren muss die verbrannte Fläche aufgeforstet werden. Das kann auf unterschiedliche Weise geschehen. Sie können sagen: Ich lasse die abgestorbenen Bäume stehen und hoffe auf Naturverjüngung. Aber: Dieses Holz hat einen Wert. Und den Ertrag brauchen Privateigentümer oft, um die Neuaufforstung zu bezahlen. Deswegen ist es nachvollziehbar, dass ein Waldbesitzer dieses Holz sehr schnell erntet. Die Kommunen oder der Staat können das anders sehen, und es sich vielleicht auch eher leisten, das Totholz stehen zu lassen. Für beides gibt es gute Gründe und unterschiedliche Fachmeinungen.

Als wichtigste Forderung, um Waldbrand und Schädlingsprobleme in den Griff zu bekommen, wird der Waldumbau genannt: weg von den eng bepflanzten Kieferkulturen, hin zu mehr Mischwaldkulturen. Was halten Sie davon?

Da kann ich nur müde hüsteln und sagen: Guck doch mal, was hier wächst. Der Waldumbau in Brandenburg ist schon seit 30 Jahren in vollem Gange. Die jungen Baumgenerationen haben ein deutlich anderes Artenspektrum, mit viel mehr Laubhölzern als die Altbestände. Aber Sie müssen den Bäumen Zeit geben, zu wachsen. Das braucht zwei, drei Förster-Generationen.

Ist die Debatte über den Waldumbau also hinfällig?

Der Waldumbau ist nach wie vor von hoher Bedeutung. Die Debatte wird zurzeit vielleicht etwas populistisch geführt. Der Umbau der Wälder findet seit der Wende massiv statt. Forstpolitisch ist das Thema ein alter Hut, es wurde nur noch nicht so in die Öffentlichkeit getragen. Die klassische Kiefernwirtschaft, wie man sie in der DDR-Zeit hatte, wird irgendwann selten oder gar nicht mehr zu finden sein. Man kann dieses Thema also wesentlich entspannter angehen, als es gerade in der angeheizten Diskussion geschieht. Auch ist zu berücksichtigen, dass die waldbaulichen Bedingungen für den Umbau nicht ohne fachliche Grundlage vernünftig zu beurteilen sind. Denn nicht alles, was da jetzt gewünscht und geraten wird, ist biologisch möglich oder nachhaltig sinnvoll.

Wo sind die Eigentümer in der Pflicht, um Waldbrände zu verhindern?

Der Waldumbau hin zu mehr Baumartenvielfalt und laubholzdurchsetzten Beständen ist das langsamste, aber auch nachhaltigste Mittel – auch wenn wir auch heute noch nicht absehen, wie der Klimawandel zuschlagen wird. Ansonsten gibt es eine breite Palette von Maßnahmen: Katastrophenschutzwege unterhalten und Brunnen zur Löschwasserversorgungen bauen, Waldbrandschutzriegel, also spezielle Anpflanzungen mit feuerhemmender Wirkung, anlegen und einiges mehr. Das kostet alles Geld und Arbeit, auch wenn es finanziell gefördert wird.

Und: Die munitionsbelasteten Flächen sind tickende Zeitbomben. Da muss ein strategischer Generalplan her, wie sie zu räumen sind. Das Wichtigste ist, sich bewusst zu machen, dass Waldbrand noch immer ein Thema ist und es künftig wahrscheinlich auch sein wird.

Es muss den Leuten in Erinnerung gerufen werden, dass das, was im ländlichen Raum passiert, auch Auswirkungen auf das Leben in der Stadt hat: Unsere Lebensadern entspringen direkt dem Land und dem Wald.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Martin Hasselbach sprach Ula Brunner, rbb|24.

Sendung: rbb Fernsehen, 09.09.2019, 21 Uhr 

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