Polizisten der Bereitschaftspolizei bei einer Kontrolle (Quelle: imago/Oelbermann/deutzmann.net)
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Interview | Attacken gegen Polizisten - "Selbstkontrolle spielt eine sehr große Rolle"

Seit dem Wochenende kursiert ein Video, das den Rapper Fler bei harten verbalen Ausfällen während einer Polizeikontrolle zeigt. Polizisten lernen schon in der Ausbildung, wie sie mit solchen Attacken umgehen, sagt der Psychotherapeut Sven Steffes-Holländer. 

rbb|24: Herr Steffes-Holländer, am Wochenende wurde ein junger Polizist aus Berlin bei einer Kontrolle über sechs Minuten lang unflätig vom Rapper Fler beschimpft und bedroht. Der Beamte blieb ruhig. Gehört das zur Ausbildung?

Steffes-Holländer: Polizisten müssen sehr gute kommunikative Fähigkeiten haben. Sie lernen bereits in ihrer Ausbildung, sich deeskalierend auf ihr Gegenüber einzustellen, und nicht die Spirale von verbaler Gewalt anzuheizen. Es ist leider das tägliche Brot der Polizeiarbeit, mit solchen unflätigen Beleidigungen umzugehen. Von daher sind die meisten Beamten schon darauf eingestellt.

Wie lerne ich das als Polizistin oder Polizist – gerade, wenn ich von Natur aus eher cholerisch bin? 

Natürlich haben auch Polizisten unterschiedliche Persönlichkeiten und Temperamente. Dem einen fällt es leicht, ruhig zu bleiben. Ein anderer muss sich das während der Ausbildung erarbeiten. Bin ich cholerisch und reagiere auf Beleidigungen sehr schnell emotional, ist das im Polizeidienst wenig hilfreich. In der Ausbildung lernen sie: Wann schreite ich ein, wann lasse ich die Situation laufen? Wie gehe ich damit um, wenn ich persönlich beleidigt werde. Es werden Strategien vermittelt, wie ich mich regulieren kann. Die Selbstkontrolle spielt dabei eine sehr große Rolle. Polizeiarbeit geht immer in die Richtung, weitere Gewalt zu verhindern. Das wurde in der Video-Situation erfolgreich absolviert. Bei dem Rapper war im Gegensatz dazu eine begrenzte Frustrationstoleranz zu beobachten.

Was heißt das?

Menschen haben unterschiedliche Grade von Frustrationstoleranz. Sie hängt von Persönlichkeit und Erziehung ab, von Gefühlen, die entstehen, wenn ein Bedürfnis nicht sofort befriedigt werden kann. Frustrationstoleranz hat auch sehr viel mit den eigenen Glaubenssätzen zu tun. Der Glaubenssatz des Rappers in den Moment war vielleicht: "Die Dinge müssen so laufen, wie ich es möchte, sonst kann ich es nicht ertragen." Er wollte an dem Tag etwas anderes machen, die Polizei hat ihn davon abgehalten, und er hatte Schwierigkeiten, emotional damit umzugehen. Eine verstärkte Frustrationstoleranz habe ich etwa dann, wenn ich sage: "Ich wünsche mir, dass das alles glatt läuft, aber ich kann es auch tolerieren, wenn nicht alle Wünsche erfüllt werden." An diesen Glaubenssätzen kann man arbeiten. Man kann sie modifizieren, und damit die Frustrationstoleranz steigern.

Nun werden Polizistinnen und Polizisten häufiger beleidigt. Unabhängig davon, dass sie solche Situationen erfolgreich meistern: Inwiefern belastet dies die Psyche langfristig?

Dazu haben wir Erfahrungswerte. Tatsächlich gibt es ein Phänomen, die "kumulative Traumatisierung". Sie entsteht, wenn mir nicht das einzelne Ereignis Schwierigkeiten macht, sondern die Tatsache, dass ich fortlaufend solchen Situationen ausgesetzt bin. Das kann irgendwann dazu führen, in eine Sinnkrise zu kommen, sich zu fragen: Warum mache ich das überhaupt?

Solche Pöbel-Ereignisse landen oft im Netz, gerade wenn ein Promi dabei ist. Verstärkt es den Beleidigungseffekt?

Polizisten arbeiten - wie etwa auch Lehrer - immer mit Zuschauern und unter Beobachtung der Öffentlichkeit. Man wird bei der Arbeit permanent beobachtet und bewertet, auch kritisiert. Auf diese Situation sind Polizeibeamte eingestellt.

Gewerkschaften klagen seit längerer Zeit über eine Zunahme von Attacken gegen Einsatzkräfte. Was führt dazu, dass Polizisten, Feuerwehrleute und Sanitäter vermehrt angegriffen werden?

Man muss sich in den Statistiken genau angucken, welche Formen von Gewalt auftreten. Bei verbalen Beleidigungen beobachtet man eine Zunahme. Meist handelt es sich um gruppendynamische Phänomene: Täter fühlen sich in der Gruppe geschützt und stacheln sich gegenseitig an. Dann muss man bei den Tätergruppen differenzieren: Körperliche und verbale Gewalt gegen Einsatzkräfte geht größtenteils von jungen, alkoholisierten Männern aus. Das zeigen alle Untersuchungen zum Thema. Werteverschiebungen, der abnehmende Respekt vor der Autorität der Uniform, sind sicher Gründe. Es gibt aber wenige zweifelsfreie Untersuchungen zum Thema, es handelt sich um Hypothesen, warum und wodurch es zunimmt.

Halten Sie es für gut, wenn die Polizei solche Fälle zur Anzeige bringt?

Aus meiner Erfahrung ist es wichtig, dass auch bei verbaler Gewalt gegen Polizisten deutlich Unrecht markiert wird. Nur weil man eine Uniform trägt, muss man sich nicht alles bieten lassen. Auch durch das Künast-Urteil haben wir einen gesellschaftlichen Diskurs darüber, welche Beleidigungen etwa im Netz zulässig sind und welche nicht. [Das Landgericht Berlin entschied am 9.9., auf Künast gemünzte Kommentare bei Facebook wie "Drecks Fotze" bewegten sich "haarscharf an der Grenze des von der Antragstellerin noch Hinnehmbaren", Anm.d.Red.] Wenn es nicht geahndet wird, ist zu befürchten, dass es zu einer weiteren Verrohung von Sprache und Umgangsformen führt. Von daher finde ich es richtig, es zur Anzeige zu bringen. Es kann positive Auswirkungen auf die nachträgliche Verarbeitung der Geschehnisse durch die betroffenen Beamten haben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Sven Steffes-Holländer sprach Ula Brunner, rbb|24.

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8 Kommentare

  1. 8.

    Es geht gar nicht!! Respekt den beiden Polizisten! Bitte diesen Typen richtig bestrafen - hohe Geldstrafe und Sozialstrafe (Toiletten in Polizeistationen putzen) - sonst lernt er nicht. Bitte das Video vom Putzen veröffentlichen.

  2. 7.

    Ich kann nur hoffen das die Justiz beim Prozess wegen Beleidigung etc. auch so locker ist und dem „Möchtegern“Grösus entsprechend empfindlich bestraft. Und bitte nicht wegen „schwerer Kindheit“ eine milde Geldstrafe auf Bewährung aussetzt. Er sollte schon die Grenzen empfindlich aufgezeigt bekommen.
    Achtung vor dem Polizeibeamten.

  3. 6.

    Respekt vor den Polizisten, so die Ruhe zu bewahren andere hätten diesen Typen zu Boden gebracht und die 8 angelegt, solche Typen verrohen die Gesellschaft nur noch mehr, ich hoffe er bekommt eine ordentliche Geldstrafe und Sozialstunden aufgebrummt.

  4. 5.

    Lieber rbb, bitte bleibt an dem Fall dran. Ich denke es besteht ein gewisses öffentliches Interesse, insbesondere was das Strafmaß betrifft.

  5. 4.

    Muss man den Typen kennen? Hat der irgendetwas mit Musik zu tun? Ach nee - der quatscht ja nur dummes Zeug. Genauso, wie er versucht hat die Polizisten aus der Fassung zu bringen - Respekt den Beamten - baldiges Versinken in der Versenkung dem Doofen.

  6. 3.

    Ich habe mir das Video auch zweimal angeschaut.
    Wahnsinn wie cool die beiden Beamten geblieben sind...mein höchsten Respekt.
    Er selbst hat sich ins Abseits gestellt und bis auf die Knochen blamiert. Solche Typen braucht niemand.

  7. 2.

    Ich finde die Polizisten haben sehr professionell auf die wahrscheinlich geplante werbewirksame primitive Provokation des Agromusikers reagiert. RESPEKT !

  8. 1.

    <Respekt vor der Autorität der Uniform,>
    Respekt vor einer Uniform - mitnichten - das wäre ein echter "Rückfall". Derjenige, der sie trägt, ist aber ein Mensch, so wie ich. Ich will als solcher "behandelt" werden - folglich werde ich meinem "Gegenüber" auch entsprechend antworten. Egal ob Uniform oder nicht. Wenn ich aber "Mist mache" muss ich einfach dazu stehen. Bezogen auf den Rapper - es ist eine Frage der Ehre - nicht der Oberarme oder der möglichen "Likes". Ich bin nicht unbedingt ein Polizeifreund, habe mir dieses Video aber mehrmals reingezogen. Coole Socken - diese "Bullen". Bitte mehr davon - die Videos sind nicht gemeint.

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