Kind gestikuliert mit Händen vor dem Gesicht (Quelle: imago images/Photocase)
Video: Abendschau | 11.09.2019 | Dagmar Bednarek | Bild: imago images/Photocase

Interview | Betreuung durch Verein "Freestyle" - "Geschätzt gibt es bis zu 2.000 Systemsprenger in Berlin"

Im Film "Systemsprenger" von Nora Fingscheidt rastet ein Kind regelmäßig aus. Mehrere soziale Einrichtung hat das Mädchen bereits erfolgslos durchlaufen - niemand kann es bändigen. Benjamin Zwickel vom Verein "Freestyle" sieht viele Parallelen zu realen Schicksalen.

rbb: Sie haben den Film "Systemsprenger" gesehen, der auf der Berlinale gezeigt wurde. Wie nah kommt er dem, was sie aus Ihrer täglichen Arbeit kennen?

Benjamin Zwickel: Es gibt viele Parallelen zu dem, was wir im Alltag erleben: Jugendhilfe-Einrichtungen sind mit diesen Kindern und Jugendlichen überfordert, Sozialarbeiter können sie nicht greifen. Jugendämter sind ratlos, weil sie merken, dass das, was sie an Repertoire und an Einrichtungen haben, irgendwie nicht passend ist. Denn das Klientel ist nicht mehr gruppenfähig, ist vielleicht noch zu jung, nimmt schon Drogen oder ist auf Trebe [ist von zu Hause weggelaufen, Anm.d.Red.]. Das ist eine ganz schwierige Zusammenstellung von Problemen für Jugendhilfe-Einrichtungen oder auch für das Jugendamt, um eine adäquate Hilfe zu geben.

Wo endet das, was man einen schwierigen Jugendlichen nennen würde und beginnt dann das, was Sie als "Systemsprenger" bezeichnen?

Es sind vor allem die Verhaltensweisen, die die Kinder und Jugendlichen an den Tag legen. Sie sind einfach nicht mehr in der Lage, Beziehungen zu führen, weil sie schon so viele Beziehungsabbrüche hinter sich gebracht haben, einfach schon so viele Jugendhilfe-Einrichtungen durchgebracht haben. Viele der "Systemsprenger", die wir heute kennen, sind Jugendliche, die schon von klein auf in Jugendhilfe-Einrichtungen groß geworden sind und dann die Systeme von klein auf 'gesprengt' haben. Vielleicht gab es auch schon in der Familie Verhaltensweisen, die sie übernommen haben oder Dinge, die sie nicht gelernt haben und die dazu geführt haben, dass junge Menschen einfach nicht in der Lage sind, Regeln zu beachten und auch Grenzen zu akzeptieren.

Wie viele dieser "Systemsprenger" gibt es in Berlin?

Das ist schwierig einzuschätzen. Wir als Verein "Freestyle" gehen davon aus, dass es rund 1.500 bis 2.000 "Systemsprenger" in Berlin gibt oder auch Obdachlose, minderjährige Jugendliche, die auf der Straße leben, wo keine Jugendhilfe-Einrichtung greift.

Wie versuchen Sie, diesen Menschen zu helfen, wieder Tritt zu fassen im System?

Ich glaube, es ist ganz wichtig, und - das machen wir - diesen Jugendlichen verlässliche Beziehungen anzubieten. Das heißt auch zu akzeptieren, dass die Jugendlichen ihre Probleme mitbringen. Es ist ganz wichtig, ihnen einfach wirklich etwas Verlässliches zu geben, eine Kontinuität zu geben und auch deeskalierend zu wirken. Das heißt, wir versuchen Hilfen so zu installieren, dass sie wenig, aber klare Regeln und Strukturen haben.

Unser Verein "Freestyle" betreut rund 120 junge Menschen in Wohnungen. Davon sind auch einige dabei, die vorher auf der Straße gelebt haben. Wir gestalten die Hilfen beziehungsintensiv, aber von den Regeln sehr minimal.

Dass das tatsächlich am Ende auch gelingt, ist das Ausnahme oder Regel?

Man kann das nicht irgendwie pauschal sagen, alle gelingen oder es geht nicht. Aber womit man sich als Mensch einfach zurechtfinden muss, ist, dass viele dieser Jugendlichen eben nicht irgendwie in diesen Normalitätszustand kommen. Sie stehen mit 18 oder 20 nicht an einem Punkt, wo sie selbstbestimmt, eigenverantwortlich, gesunde Entscheidungen für ihr Leben treffen können.

Das, was wir als "Freestyle" machen, ist: Wir leiten über in Erwachsenen-Hilfen, wo die Jugendlichen gut angebunden sind. Wir versuchen, sie in die Reflektion reinzubringen, dass sie selber merken, dass diese Hilfe, die man ihnen gibt, keine Einschränkung für ihr Leben sind, sondern es ihnen hilft. Dabei stehen ihnen gesetzliche Betreuer oder Therapeuten zur Seite.

Aber es gibt natürlich auch diese Fälle - und die haben wir auch -, dass junge Menschen von der Straße über ein verlässliches Beziehungsangebot und einem sicheren Wohnplatz, wieder ins Leben reinfinden und ihre Ausbildung beginnen oder ihren Schulabschluss vorher fertig bekommen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Der Film "Systemsprenger" von Nora Fingscheidt kommt am 19. September in die deutschen Kinos.

Das Interview mit Benjamin Zwickel führte Martin Krebbers für Inforadio. Bei dem Interview handelt es sich um eine redigierte Fassung.

Was ist ein "Systemsprenger"?

Wenn bei schwer erziehbaren Kindern oder Jugendlichen keine pädagogische Maßnahme mehr hilft, wenn sie aus jedem Wohnheim oder Hilfsangebot rausgeflogen sind, sprechen Pädagogen unter der Hand von "Systemsprengern". Ein offizieller Begriff ist es nicht.

Genauso gut könnte man aber auch von "Systemversagen" sprechen, findet Menno Baumann, Professor für Intensiv-Pädagogik an der Fliedner-Fachhochschule Düsseldorf. Das bedeutet, dem Kinder- und Jugendhilfesystem Unvermögen vorwerfen, das es nicht geschafft hat, ein passendes Angebot für betroffene Kinder und Jugendliche zu schaffen. Baumann hat den Begriff "Systemsprenger" ausführlich beschrieben. Seiner Definition nach ist "Systemsprenger" keine Charaktereigenschaft, Kinder werden nicht als soche geboren.

Viele sogenannte "Systemsprenger" haben Gewalt erfahren, Missbrauch, haben kein stabiles Zuhause, keine Familie, die sich um sie kümmert. Der Pädagoge Baumann schätzt, dass fünf bis acht Prozent aller Kinder und Jugendlichen, die im Hilfesystem der Kinder- und Jugendhilfe unterwegs sind, sich im Laufe der Zeit zu "Systemsprengern" entwickeln.

Zusammengefasst von Henrike Möller

Sendung: Inforadio, 11.09.2019, 07:45 Uhr

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Nett. Genau die richtige Methode, um mit solchen Kindern und Jugendlichen umzugehen, das wird bestimmt klappen.

    Bin ich froh, dass die Pädagogik heute andere Wege geht...

  2. 3.

    Vor Jahren nannte man sowas renitent und aufsässig. Da wurden auch Lösungen für die Kinder gefunden, manche konnten dann einige Tage nicht sitzen.

  3. 2.

    Systemsprenger werden nicht geboren, sie werden durch das Versagen der Gesellschaft gemacht. Personalmangel, ungenügende Ausbildung und fehlende spezielle Einrichtungen tragen ihren Teil dazu bei. 2000 Betroffene Kinder sind eins zu viel! Hier hat sich eine unmenschliche , fehlgeleitete Spar-Politik schuldig gemacht. Frau Schweres muss endlich gehen !

  4. 1.

    Beziehungsabbrüche sind wahrscheinlich ein wichtiges Thema. Das ist ja auch häufig nach Trennungen der Fall, wo Kinder nicht bei Mama bleiben dürfen sondern durch irre Experimente wie dem 50/50 Wechselmodell und das noch erzwungenermaßen zerrissen werden.

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