Einsatzwagen der Feuerwehr rast zu einem Großbrand in Treuenbrietzen am 24. August 2018 (Quelle: Imago/Marius Schwarz)
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Unser Wald | Effizient löschen - "Feuer mit Gegenfeuer zu bekämpfen, ist das beste Mittel"

Die aktuellen Waldbrände sind ein Härtetest für die Freiwilligen Feuerwehren in Brandenburg. Es brauche künftig radikalere, mutigere Strategien, sagt der Feuer-Experte Johann Goldammer. Denn wirklich ausgebildet für diese Brände ist derzeit kaum einer der Helfer.

rbb|24: Herr Goldammer, die vergangenen zwei Jahre haben Brandenburg extrem viele und besonders große Waldbrände gebracht. Wird das so bleiben?

Johann Goldammer: Das Feuer wird ein Dauerbrenner bleiben. Alles, was dieses und letztes Jahr passiert ist, wird sich wiederholen. Wir müssen uns neue Gedanken machen. Die Feuerwehren sind noch nicht richtig auf die Landschaftsbrände eingestellt – nicht nur in Brandenburg, sondern in allen Bundesländern.

Ist eine freiwillige Feuerwehr überfordert – braucht man mehr Profis?

Das ist ein ganz kritischer Punkt. Das Ehrenamt der Feuerwehren ist sehr wichtig für den Zusammenhalt und die Leistungsfähigkeit der Zivilgesellschaft und deren Beitrag zur Katastrophenvorsorge und -bewältigung. Ein Standard-Feuerwehreinsatz ist nicht unbedingt ein Problem. Ein größerer Waldbrand ist aber oft ein sehr dynamischer Brand, der sich innerhalb von Minuten und Stunden mit raschem Ortswechsel über die Landschaft bewegt und mehrere Tage andauern kann. Dazu braucht es Spezialkenntnisse. Und die werden im Moment auf den deutschen Feuerwehrschulen nicht vermittelt. Die theoretischen Grundlagen sind wohl vorhanden, werden aber nicht genutzt. Das liegt daran, dass wir in den vergangenen 40 bis 50 Jahren nicht mehr so richtig herausgefordert wurden. Hier muss etwas passieren.

Die Innenminister wollen verstärkt Löschhubschrauber einsetzen. Ist das der richtige Weg?

Unsere Wald- und Heidegebiete sind durch Fahrwege gut erschlossen. Das Problem fängt jenseits der Straße an, wenn wir mit Kampfmitteln belastete Flächen haben. Hier ist der Einsatz von Löschflugzeugen – oder Hubschraubern – eine Maßnahme, die man in Erwägung ziehen muss. Doch dazu gehört ein zweiter Schritt: Jede Löschladung, die von einem Hubschrauber oder Löschflugzeug abgeworfen wird, ist nur dann effektiv, wenn sie von den Bodenkräften sehr zeitnah ausgenutzt werden kann. Die Feuerwehrleute müssen am Zielpunkt des Abwurfs einen Sicherheitsabstand halten. Um unmittelbar nach dem Abwurf den Lösch- oder Kühleffekt nutzen zu können, braucht es eine hochgradige Koordinationsfähigkeit. Diese ist im Führungs-Portfolio der Feuerwehren, der Bundespolizei oder Bundeswehr noch nicht vorhanden. Das lässt sich durch ein gezieltes Training aber problemlos ändern.

Könnte man Feuer mit Feuer bekämpfen, indem die Feuerwehr ein Gegenfeuer legt?

Eigentlich ist das genau die richtige Art, mit einem Wildfeuer klar zu kommen. Aber nicht nur in Deutschland haben Behörden Bedenken, die Lage könnte sich dadurch verschärfen und unkontrollierbar werden. Für wirklich gut ausgebildete Spezialkräfte der Feuerwehren ist das Legen eines Gegenfeuers aber ein entscheidendes Werkzeug in der ''Toolbox". Aber dazu müssen notwendiges Vertrauen und Fähigkeiten vermittelt werden. Dann stellt sich sehr schnell heraus, dass mit einem Gegenfeuer ein Heide- oder Wildbrand durchaus effizienter und schneller unter Kontrolle gebracht wird, als mit dem Hubschrauber oder Löschflugzeugen.

Gerade in Brandenburg liegt häufig alte Munition in Waldgebieten. Funktioniert ein Gegenfeuer auch auf solchen Flächen?

Hierzu haben wir vor etwa zehn Jahren ein Konzept entwickelt. Wir haben ein mittelständisches Unternehmen aus Sachsen-Anhalt gefunden, das einen Löschpanzer entwickelt und umgebaut hat. An der Stelle des früheren Geschützturms hat dieser Panzer einen Wassertank mit zwei Wasserwerfern. Wir haben außerdem einen Kommandopanzer von der tschechischen Armee erworben und mit einer Zündvorrichtung versehen, sodass wir damit ein Gegenfeuer legen können. Die Methode ist sicher und hat sich bereits bewährt. Leider wird diese Technik bislang nur selten eingesetzt.

Kann ein kontrolliertes Abbrennen auch beim Beräumen einer Fläche helfen?

Ja, wir haben da in unserem Forschungsprojekt eine ganze Reihe von Lektionen gelernt. Wenn wir zum Beispiel in einem Heide- oder Waldgebiet kontrolliertes Feuer einsetzen, dann tun wir das hauptsächlich im Februar oder März, also vor der Vegetationsperiode. Zu dieser Jahreszeit haben wir in Brandenburg oft Ostwetterlagen, die Frost mit sich bringen. Wir haben gesehen, dass während des winterlichen Brennens die Munition nur selten explodiert, weil sie sehr kalt ist. Nach dem Brennen wurde Munition sichtbar, die bislang unsichtbar im Gestrüpp der Heide lag. Der Kampfmittel-Beseitigungsdienst konnte diese Munition leicht und kostengünstig beräumen. Wo es kritisch war, wurde vor Ort gesprengt.

Ist die Fläche dann sicher?

Wir haben gesehen, dass etwa alle 20 Jahre eine nächste Generation von Kampfmitteln buchstäblich an der Oberfläche erscheint. Und dieses Phänomen ist ganz schlicht der Frosteffekt. Auch auf den Äckern drückt der Frost über Jahre hinweg immer wieder die Steine aus den tieferen Schichten der Sandböden nach oben. Das ist bei den Kampfmitteln ganz genauso – vor allem im märkischen Sand. Hier liegen die Bomben und Granaten häufig viele Meter in der Tiefe. Dort sind sie relativ ungefährlich, aber sie kommen nach und nach an die Oberfläche.

Wenn wir innerhalb von 15 bis 20 Jahren Flächen gezielt abbrennen, hilft das dem Naturschutz – durch Verjüngung und Re-Vitalisierung der naturschutzfachlich wertvollen Zwergstrauchheiden – und gleichzeitig kann die nächste Generation Kampfmittel beräumt werden. Das ist preiswert und relativ ungefährlich. So können wir über lange Zeiträume hinweg, Hand in Hand mit dem Kampfmittelräumdienst, die Altlasten beseitigen.

Was passiert, wenn man die Wildnisflächen sich selbst überlässt?

Wenn jetzt in einem solchen Waldgebiet der Totalschutz ausgeübt wird – also der Mensch überhaupt nicht in die natürlichen Abläufe eingreift – wächst die Munition in die Vegetation ein. Wenn es dann brennt, sind eigentlich alle zur Untätigkeit verurteilt, weil man nicht an das Feuer herankommt. Die Munitionsreste sind Altlasten einer Kulturlandschaft, die von Kriegen oder von militärischen Übungen überzogen wurde. Einen Standort mit diesen Altlasten in ein naturgemäßes Regime zu überführen, erscheint mir wenig sinnvoll. Es gibt genügend andere Standorte, wo dies ohne Gefährdung gemacht werden könnte.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview mit Johann Goldammer führte Wolfgang Albus.

Sendung: rbb-Fernsehen, 09.09.2019, 21:00 Uhr

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