Kommissar Bluhm in der Johannes-Basilika (Quelle: rbb)
Bild: rbb

Kirchendiebstähle in Berlin und Brandenburg - Wenn der Messkelch auf dem Schrottplatz landet

In Kirchen und Kapellen haben es Diebe meist einfach: Die Türen stehen offen, kaum jemand kommt vorbei - und drinnen lassen sich wertvolle Kunstwerke und Metalle einsacken. Die Ermittler haben es umso schwerer. Von Nadja Tenge

Vergoldete Kelche, Gemälde, edelsteinbesetzte Kreuze oder mittelalterliche Skulpturen - in Kirchen wird geklaut, was abzugreifen geht. Oft steigen die Diebe nachts ein, wenn die Kirchen schlecht bewacht sind, aber auch tagsüber, wenn die Türen für Passanten und Gläubige offen stehen.

So verschwanden beispielsweise Kunstschätze aus der Johannes-Basilika in Berlin-Kreuzberg, der Marienfelder Dorfkirche und der Martinskirche im südbrandenburgischen Gröden. Trotz aufwändiger Ermittlungen konnten sie nur zum Teil wieder beschafft werden. Die Spuren führten allerdings nicht nur zu Kriminellen, sondern auch zu Kunstsammlern.

Vortragekreuz in der Johannes-Basilika (Quelle: rbb)
St. Johannes Basilika in Berlin-Kreuzberg | Bild: rbb

Für Kriminalhauptkommissar André Bluhm von der Spezialeinheit Kunst des Landeskriminalamtes Berlin geht es bei der Aufklärung von Kirchendiebstahl auch nicht allein um die Täterfindung. Ihm sei wichtig, dass die Gemeinden die gestohlenen Kunstwerke zurückbekommen, sagt er. "Wenn es gelingt, ist es ein ganz besonderer Erfolg, den man ansonsten nur selten im Polizeialltag erlebt."

Spur führte zu jugendlichen Kriminellen

In der katholischen St. Johannes Basilika in Berlin-Kreuzberg kommt es immer wieder zu Diebstählen - vor fünf Jahren zu einem besonders dreisten Fall: Zwei jugendliche Kriminelle entwendeten damals mehrere sakrale Gegenstände, darunter ein wertvolles zweihundert Jahre altes Vortragekreuz, erzählt der Pfarrer der Gemeinde, Oliver Cornelius. Offensichtlich wussten sie, dass man das Kreuz von der Haltstange abschrauben kann. Ihr nächstes Ziel: der Tabernakel auf dem Hauptaltar. Die Täter brachen die Türen auf und erbeuteten wertvolle Kelche und Schalen.

Nach einem Hinweis aus der Bevölkerung konnten die Diebe gefasst werden. In einer Wohnung fand man das gestohlene Kreuz, es kehrte wieder in die Kirche zurück. Die heiligen Gefäße landeten auf dem Schrottplatz - als Altmetall zum Kilopreis.

Dem Pfarrer steckt der Diebstahl noch heute in den Knochen: "Es ist, wie wenn man nach Hause kommt - die Tür ist offen, alles ist durchwühlt. Fremde waren da. Man guckt natürlich: Was wurde gestohlen?" Um weiteren Einbrüchen vorzubeugen, hofft der Pfarrer nun auf Hilfe von der Kriminalpolizei. Mit Kommissar Bluhm berät er sich über Vergitterungen und Alarmanlagen.

Dorfkirche geplündert

Auch in Alt-Marienfelde kam es zu einem Kunstdiebstahl. Die idyllisch gelegene Dorfkirche ist die älteste Dorfkirche von Berlin - und auch die Heimatgemeinde von André Bluhm. Hier brachen die Täter durch ein kleines Seitenfenster ein und erbeuteten sieben wertvolle alte Gemälde. Die Tat konnte bislang nicht aufgeklärt werden - auch weil polizeiliche Ermittlungen in Kirchen schwierig sind: "Das Problem bei Kirchen ist, dass das Spurenbild sehr schlecht ist", sagt Bluhm. "Fingerabdrücke auf Mauerwerk oder auf Bilderrahmen sind oftmals nicht dafür geeignet gesichert zu werden, wenn sie dort überhaupt vorhanden sind."

Die Straftat ist inzwischen verjährt. Der Kriminalhauptkommissar sucht jedoch weiter nach den Gemälden.

Die verschwundene Madonna

Auch in Gröden (Elbe-Ester) verschwanden Kunstwerke, hier ist der Fall allerdings weitaus dubioser. Vor knapp 60 Jahren kamen vier besonders wertvolle mittelalterliche Schnitzfiguren aus der barocken Martinskirche abhanden, offenbar durch einen zwielichtigen Handel.

Gerüchten darüber, wie die Skulpturen abhanden gekommen sein sollen, ist der 35-jährige Kunsthistoriker Sebastian Rick nachgegangen. Er wurde in Gröden geboren und ist mit dem Ort und der evangelischen Gemeinde fest verwurzelt. Vor zwei Jahren begann er mit einer intensiven Suche nach den Kunstwerken. Während seiner Nachforschungen erfuhr er, dass die einzigartigen Figuren 1961 von dem damaligen Pfarrer für 600 Westmark unter der Hand verkauft worden sein sollen.

Zwei Männer an seiner Haustür gaben demnach vor, die Figuren für das Kunstmuseum Moritzburg erwerben zu wollen. Der Pfarrer, der das Geld dringend für die Aufbesserung der Not leidenden Gemeinde brauchte, ging auf den Deal ein. Leider landeten die Kunstschätze im Westen und wurden dort für ein Vielfaches zum Verkauf angeboten.

In Stuttgart versteigert

Sebastian Rick forschte weiter: 2002 wurde die schönste der Figuren, "Anna selbdritt" - eine Darstellung der Jungfrau Maria, ihrer Mutter Anna und dem Jesuskind - für 13.000 Euro in einem Stuttgarter Auktionshaus versteigert. Eine anwaltliche Nachfrage beim Auktionshaus blieb erfolglos. Die Kontaktdaten von Verkäufer und Käufer seien inzwischen gelöscht, hieß es.

Nun will Rick über gezielte Suchanzeigen und Spendensammlungen versuchen, den jetzigen Besitzer zu ermitteln, um die verschwundene Kirchenkunst wieder zurückzukaufen. Für ihn steht fest: "Die Figuren gehören nach Gröden. Sie sind für die Grödener Kirche gemacht worden, und aus dem Grund gibt es keinen besseren Platz für die Figuren als Gröden."

Sendung: rbb Fernsehen, 21.09.2019, 17:25 Uhr

Hintergrund - Diebstähle aus Kirchen und von Friedhöfen

Kirchendiebstähle sind kein neues Phänomen. Im Mittelalter wurden Söldnerhaufen wie die Brabanzonen, die auch vor Kirchenplünderungen nicht Halt machten, zu einer Plage. Das dritte Laterankonzil im 12. Jahrhundert belegte darauhin mit einem Kirchenbann, wer seine Kriegsführung auf diese gedungenen Kämpfer stützte. Kirchendiebstähle wurden damals mit der Todesstrafe geahndet. Heute stehen auf schwere Fälle bis zu zehn Jahre Freiheitsentzug.

In den vergangenen Jahren verzeichneten die Landeskriminalämter bundesweit im Jahresmittel um die 2.000 Fälle von Kirchendiebstahl. Nicht dazugerechnet werden Buntmetalldiebstähle auf Friedhöfen, die zuletzt stark zunahmen.

Beitrag von Nadja Tenge

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1 Kommentar

  1. 1.

    Schlimme Sache und sehr traurig. Allerdings: wenn ich in Deutschland im Urlaub mal unangemeldet eine Kirche besichtigen will, sind diese meistens verschlossen. Warum macht man das nicht überall? An der Ostsee war ich mal an einer Kirche und da gab es eine Handynummer an der Kirche. Wenn man die anrief, kam u.U. sogar der Pfarrer persönlich und hat die Kirche zur Besichtigung aufgesperrt.

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