08.06.2017: Das Forschungsschiff "Polarstern" in der Antarktis an einer Eiskante (Quelle: Alfred-Wegener-Institut, AWI/Stephan Schoen)
Alfred-Wegener-Institut, AWI/Stephan Schoen
Video: rbb Wissen | 17.09.2019 | Sanaz Saleh-Ebrehimi interviewt Markus Rex | Bild: Alfred-Wegener-Institut, AWI/Stephan Schoen

Interview | "Polarstern"-Expeditionsleiter - "Wir sind sicher, dass wir nicht zerdrückt werden"

Das Forschungsschiff "Polarstern" bricht am Freitag in die Arktis auf - um sich im Eis einfrieren zu lassen. Ein Jahr lang soll das Schiff mit Besatzung durch das Nordpolarmeer driften. Eine einzigartige Expedition, sagt Leiter Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut.

rbb: Herr Rex, was passiert bei der "Expedition Mosaic" in diesem Jahr?

Markus Rex: Wir haben uns die größte Arktis-Expedition unserer Zeit vorgenommen. Wir möchten zum ersten Mal einen modernen Forschungs-Eisbrecher ganzjährig in der Umgebung des Nordpols betreiben, um auch im Winterhalbjahr - in der Polarnacht, wenn es richtig kalt wird - wissenschaftliche Daten zu erheben. Dadurch versuchen wir, das arktische Klimasystem besser zu verstehen.

Professor Markus Rex (Quelle: AWI/Jan Pauls)
Markus Rex ist Wissenschaftler am Alfred-Wegner-Institut und Leiter der "Mosaic"-Expedition | Bild: Alfred-Wegener-Institut, Helmhol

Welches Forschungsziel haben Sie?

Was in der Arktis an Veränderungen geschieht, das bleibt ja nicht in der Arktis und deshalb müssen wir das arktische Klimasystem besser verstehen. Die Arktis ist die Region des Planeten, die sich am schnellsten und dramatischsten erwärmt. Sie ist aber auch die Region des Planeten, in der unsere Klimamodelle die größten Unsicherheiten haben. Die wesentlichen Klimaprozesse, die sich in der Arktis abspielen, konnten wir noch nie beobachten. Und alle Klimamodelle "rät" ein bisschen was anderes, da kommen sehr unterschiedliche Prognosen bei raus. Das ist aber ein Zustand, der nicht akzeptabel ist, denn wir brauchen robuste arktische Klimavorhersagen, um auch unser Wetter und das Klima in der Zukunft besser vorhersagen zu können.

Wie wird der Forschungsalltag auf dem Schiff aussehen?

Jeden Tag gehen Wissenschaftler raus aufs Eis, bohren in das Meereis, nehmen Proben, untersuchen, wie die Struktur des Eises ist. Wir untersuchen auch, welche kleinen Lebewesen im Ozean und an der Eisunterkante noch leben. Andere Wissenschaftler bauen Instrumente aufs Eis, um sich meteorologische und atmosphärenphysikalische Prozesse anzugucken.

Andere Teams bleiben auch an Bord und werden mit Messinstrumenten von Bord aus tief in die Atmosphäre nach oben gucken - mit Messinstrumenten, die ganze Container ausfüllen und die mit viel Energie Radarstrahlung und Laserpulse in die Atmosphäre schießen.  

Das ist ein Gewusel um das Schiff herum. In einem Umkreis von 700 Meter wird wohl die meiste Arbeit stattfinden. Da wird es ziemlich voll, es wird sehr viel passieren - und das jeden Tag.

Und das ein ganzes Jahr lang. Geht das nicht schneller?

Das geht nicht schneller, denn das Eis ist in der Zentralarktis im Winter so dick, dass es auch die besten Forschungseisbrecher nicht durchbrechen können. Wir sind da immer ausgeschlossen gewesen und deswegen haben wir ja keine Daten aus dem Winterhalbjahr. Wenn wir im Winter Forschung machen wollen, dann müssen wir uns bereits im Herbst in das Eis einfrieren lassen und dann mit der natürlichen Drift des Eises mitschieben lassen - vom Wind wird das Eis von der sibirischen Arktis über den Nordpol bis in den Atlantik hinein geschoben.

Was ist denn das Besondere an dem Schiff Polarstern?

Die Polarstern ist immer noch, obwohl sie ja nicht mehr ganz jung ist, einer der weltweit besten Forschungseisbrecher. Die Polarstern widersteht jedem Eisdruck, den wir da oben in der Arktis erwarten. Wir sind also sicher, dass wir nicht zerdrückt werden, wie viele frühere Forschungsschiffe, die dort in den Breiten gescheitert sind.

Trotzdem brauchen wir Unterstützung von Eisbrechern - fünf weitere werden im Einsatz sein, vier davon aus anderen Nationen -, dazu zusätzlichen Hubschraubern und Logistik-Flugzeugen.

An der konkreten Vorbereitung sind wir seit 2011 dran.

Und wie läuft das dann ab, wenn Sie an Bord sind, wie werden die Menschen da versorgt?

Wir haben natürlich genügend Nahrungsmittel dabei. Aber wir müssen auch heizen, wir müssen sehr viel Strom produzieren. Viele der Messinstrumente haben einen sehr hohen Strombedarf und damit verbrennen wir Treibstoff. Wir haben aber nicht genügend Bunkerkapazität auf der Polarstern, um den Treibstoff für ein ganzes Jahr mitzunehmen. Deswegen werden wir am Anfang, wenn das Eis noch dünn genug ist, von Versorgungs-Eisbrechern besucht. Von denen übernehmen wir Treibstoff. Und auch am Ende - so ab Sommer 2020 - kommen wieder Versorgungs-Eisbrecher vorbei, um uns die Tanks, die bis dahin bis auf den letzten Tropfen leer sein werden, wieder aufzufüllen. Und bei der Gelegenheit werden sicher auch ein paar frische Tomaten und Salatblätter vorbeigebracht. Dazwischen gibt es Tiefkühlnahrung.

Forscher auf dem Eis (Quelle: rbb/Stefanie Stoye)

Was passiert, wenn jemand krank wird an Bord?

Wir müssen natürlich mit allen Eventualitäten an Bord selber zurecht kommen. Wir sind mehr als 1.000 Kilometer weg von der nächsten menschlichen Siedlung. Wir haben einen Operationssaal, ein Krankenhaus an Bord. Wir haben einen Chirurgen mit Zusatzausbildung in anderen medizinischen Disziplinen und wir haben eine Krankenschwester, die auch die Anästhesie machen kann.

Was ist Ihr größter Wunsch für die Expedition?

Zunächst einmal, dass alle Teilnehmer – wir werden um die 600 Leute sein – sicher und wohlbehalten wieder zurückkommen. Und dann, dass wir die bahnbrechende Wissenschaft, die wir uns vorgenommen haben, auch wirklich in Gänze machen können und mit einem reichen Schatz an Daten zurückkommen, um das Verständnis des arktischen Klimasystems so weit voranzubringen, wie wir uns das im Moment erträumen.

Eisbär auf einer Eisscholle (Quelle: rbb)
Bild: rbb

Und was ist Ihre größte Angst?

Wir sind in einer lebensfeindlichen Umgebung. Ein Großteil unserer Leute arbeitet ständig auf dem Eis - und das ist eine sehr dynamische Oberfläche: Es wird vom Wind geschoben, es reißt auch immer mal auf. Wir müssen natürlich Sorge dafür tragen, dass keiner unserer Wissenschaftler durch eine Spalte im Eis in diesen Ozean fällt, der ja tödlich ist.

Dazu machen wir im Lebensraum des Eisbären unsere Forschung. Wir haben ein gestaffeltes Sicherheitssystem, um die Annäherung von Eisbären rechtzeitig zu detektieren: Es geht los mit einer thermischen Infrarotkamera, die die ganze Zeit den Horizont vom höchsten Punkt des Schiffes aus abscannt und guckt, ob da etwas ist, was warm ist und sich bewegt. Und wenn da was Warmes ist, das sich bewegt und es keiner unserer Wissenschaftler ist  - von denen wir wissen, wo sie sind - dann wird es wohl ein Eisbär sein. Und dann zieht sich jeder an Bord des Schiffes zurück, um eine Begegnung zu vermeiden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Sanaz Saleh-Ebrahimi, rbb Wissen. Ein Filmteam begleitet die Expedition und wird auch den rbb mit Bildern versorgen. Wir berichten regelmäßig über die Expedition und für November 2020 ist ein 90-minütiger Film im Ersten geplant.

Grafik: Transpolardrift (Quelle: AWI GRAPHIC)
Bild: AWI GRAPHIC

Forschungsschiff "Polarstern"

Die "Polarstern" ist mit 118 Metern Länge das größte deutsche Forschungsschiff. Am 9. Dezember 1982 wurde die Polarstern in Dienst gestellt und hat bis zum Frühjahr 2017 an 104 Expeditionen in der Arktis und Antarktis teilgenommen.

Neben der 44-köpfigen Mannschaft bietet das Schiff Platz für 50 Forscher und Forscherinnen. An Bord befinden sich neun Labore für Geologie, Meteorologie, Biologie, Geophysik, Glaziologie, Ozeanographie sowie Chemie. Auf die "Polarstern" passen auch zwei Hubschrauber und Tauchroboter.

Mit fast 20.000 PS kann die "Polarstern" bis zu 1,5 Meter dickes Eis durchfahren, dickeres Eis kann sie durch Rammen aufbrechen. Normalerweise befindet sich die Polarstern mehr als 300 Tage pro Jahr auf See. Den Winter verbringt sie in den antarktischen Gewässern. Zu dieser Zeit herrscht auf der Südhalbkugel Sommer. In den Sommermonaten bereist sie das Nordpolarmeer, da dann das Meereis dünn genug für einen Eisbrecher ist.

Kommentar

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7 Kommentare

  1. 7.

    Viele neue Erkenntnisse über das Forschungsschiff erlangt. Guter Artikel. Danke

  2. 5.

    :-) ich finde solche Berichte absolut interessant. Ich hoffe das man auch hier auf der Seite vielleicht noch das Eine oder Andere über diese Mission erfährt.

  3. 2.

    Ich finde das auch sehr spannend und kann den Artikel dazu aus dem aktuellen "Spiegel" sehr empfehlen.

  4. 1.

    Ich danke für dieses sehr interessante Gespräch und wünsche der Besatzung der Polarstern bei ihrer Mission viel Erfolg.

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