Wachschutz vor dem Jüdischen Museum (Quelle: imago/Schoening)
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Audio: rbb|24 | 18.09.2019 | O-Ton Kerstin Tonn | Bild: imago/Schoening

Interview | Polizistin beim Zentralen Objektschutz - "Man hofft immer, dass nichts passiert"

Sie tragen Polizeiuniform und stehen Tag und Nacht vor Einrichtungen, die Schutz brauchen: Objektschützer und -schützerinnen. Kerstin Tonn bewacht seit elf Jahren das Jüdische Museum in Berlin-Kreuzberg. Bei Gluthitze, Hagel und Minustemperaturen.

Redaktioneller Hinweis: Dieses Interview wurde vor dem Anschlag in Halle am 9.10.2019 geführt.

rbb|24: Frau Tonn, wenn Sie auf einer Party gefragt werden, welchen Beruf Sie haben: Wie bezeichnen Sie sich dann?

Direktion Einsatz, Zentraler Objektschutz.

Sagen Sie auch, dass sie Polizistin sind? Fühlen Sie sich als Polizistin?

Polizistin in dem Sinne, ja. Dazu muss man dann aber gleich sagen, dass man nur für den
zentralen Objektschutz zuständig ist.

Ist man denn als Objektschützer "richtiger" Polizist oder eher wie von der Gewerkschaft der Polizei in Bayern schon formuliert "Hilfspolizist"? Und sind Sie eigentlich, wie Vollzugsbeamte, verbeamtet?

Wir Objektschützer sind nur Angestellte. Wir haben nur wenige Befugnisse - und auch die nur bezogen auf unsere Sicherheitsbereiche, beziehungsweise auf die mobilen Objektschutzmaßnahmen. Wir können nichts weiter ahnden - oder: Nur an unserem Schutzobjekt können wir überhaupt etwas ahnden. Da geht es dann zum Beispiel um haltende Fahrzeuge im Sicherheitsbereich. Wenn Raubüberfälle oder Einbrüche außerhalb davon stattfinden, haben wir gar keine Befugnisse.

Straßensituation vor dem Jüdischen Museum (Quelle: Jürgen Ritter/imago-images)
Die Wachsituation vor dem Jüdischen Museum in Berlin-KreuzbergBild: www.imago-images.de/Jürgen Ritter

Das heißt, wenn ein Einbrecher oder Bankräuber an ihnen vorbeirennt, dürfen Sie gar nichts tun?

Naja, wir haben ja die Jedermannsrechte, so wie jeder Bürger sie hat. Diese umfassen das Notwehr-, Notstands- und Festnahmerecht in bestimmten Situationen. Aber darüber hinaus haben wir in solchen Fällen keinerlei Befugnisse.

Aber Sie tragen ja im Dienst eine Waffe. Dürften Sie die denn in so einem Fall ziehen?

Nein. Da der Fall nicht objektbezogen ist und die Straftat in diesem Moment nicht auf unser Schutzobjekt gerichtet ist, dürfen wir das nicht.

Ahnden dürfen Sie also nur, was ihr zu beschützendes Objekt tangiert…

Ahnden dürfen wir auch da nicht. Wir dürfen nur unterbinden.

Sie können also jemanden wegschicken der da parken will, Sie können demjenigen aber keinen Strafzettel erteilen?

Genau. Es gibt verschiedene Schutzobjekte, die verschiedene Sicherheitsbereiche beinhalten. Am Jüdischen Museum, wo ich arbeite, gibt es einen ganz großen Sicherheitsbereich mit einem absoluten Halteverbot, wo keinerlei Fahrzeuge halten dürfen. Autos müssen wir wegschicken, Fahrräder sind dort genauso verboten, ebenso E-Roller. Und man muss natürlich aufpassen auf stehengelassene Gepäckstücke, denn daraus könnte sich etwas sehr Unschönes entwickeln: Es könnte sich ein USBV, eine "unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung", darin befinden.

Objektschutz vor dem Berliner Reichstag am 06.01.2019 (Quelle: dpa/Jörg Carstensen)Objektschützer im Winter vor dem Reichstag

Ihr Schutzobjekt ist ja das Jüdische Museum. Dort stehen sie rund ums Jahr. Also bei jeder Art von Wetter…

Oh ja, bei Wind und Wetter. Wir stehen draußen bei über 30 Grad in der Sonne. Und ich habe es im Winter auch schon erlebt, dass, als ich morgens ankam, die Temperatur bei Minus 18,7 Grad lag.

Wie hält man das aus?

Im Sommer sollte man viel Schatten suchen und sich sehr viel zu trinken mit rausnehmen. Es ist nicht gerade angenehm, wenn die Sonne so runterknallt, oder wenn es regnet oder hagelt. Für den Winter haben wir warme Jacken. Es gab jetzt eine neue Winter-Funktionsjacke mit einer Unterjacke aus Daunen, die Überjacke ist regenfest.

Wir haben auch noch eine Strick- und eine Fleecejacke, außerdem Schal und Handschuhe. Man sollte sich auch dem Wetter entsprechend lange Unterwäsche anziehen und dicke, warme Socken. Denn nach einer gewissen Weile draußen fängt man doch an zu frieren. Dann kriecht die Kälte in sämtliche Knochen. Am besten funktioniert das Zwiebelprinzip. Im Sommer ist es ein bisschen schlechter. Auch, weil es an manchen Objekten sehr wenig Schatten gibt. Und selbst im Schatten ist die große Hitze nicht gerade sehr angenehm.

Im Sommer ist es also schlimmer als im Winter?

Jein. Manche Kollegen mögen keine Hitze - und manche keine Kälte. Ich mag zum Beispiel die Kälte nicht, ich möchte nicht frieren. Dafür macht mir der Sommer aber nichts aus, mich stört die Wärme nicht so. Viele Kollegen können in der Wärme aber beispielsweise nicht so lange stehen.

Steht Ihnen denn ein Postenhäuschen als Schutz zur Verfügung?

Wir haben zwei Postenhäuschen, da es relativ viele Sicherheitsbereiche am Jüdischen Museum gibt. Darin sind ein kleiner Tisch, ein kleiner Hocker, ein Feuerlöscher und ein Verbandskasten. Außerdem noch eine Heizung und Licht. Aber in diesen Postenhäuschen kann man keinen Schatten suchen, es wird zu heiß. Und im Winter beschlagen die Scheiben ganz schnell, wenn man drin steht und sich ein bisschen aufwärmen will. Sie sind gut bei Regen. Aber bei Gewitter sollte man sie auch nicht unbedingt aufsuchen...

Sie stehen ja nicht nur tags vor dem Jüdischen Museum, sondern - je nach Schichteinteilung - auch in der Nacht. Wie halten Sie sich denn da wach? Trinken Sie Energie-Drinks oder jede Menge Kaffee?

Aus Energie-Drinks mache ich mir persönlich nichts. Müde ist man schon, denn vorschlafen geht nicht. Am besten ist es, sich am Nachmittag vor dem Dienst ein bisschen zur Ruhe zu begeben, damit man nicht vollkommen geschafft ankommt. Ich selbst trinke im Nachtdienst anderthalb Tassen Kaffee. Es hilft auch, sich in Bewegung zu halten und sich mit irgendwas, wie vielleicht dem kommenden Urlaub, zu beschäftigen. Aber der tote Punkt kommt natürlich.

An den Urlaub zu denken, klingt gut. Zu sehr darf man sich da aber vermutlich nicht vertiefen, denn eigentlich stehen sie ja da für den absoluten Ernstfall. Belastet Sie das eigentlich?

Eigentlich nicht. Ich wusste ja, was auf mich zukommt, als ich diesen Beruf gewählt habe. Leute, die Angst davor haben, dass irgendwas passieren könnte, sind dann eigentlich für diesen Beruf auch nicht ganz geeignet. Es könnte natürlich immer was passieren - an unserem Schutzobjekt oder woanders. Man hofft immer, dass nichts passiert - und meistens passiert ja auch nichts. Gott sei Dank! Ich habe darüber mit mehreren Kollegen gesprochen und sie sagen auch: Im Ernstfall muss man eben reagieren. Da muss man wissen, wie man diese Sache zu handhaben hat - egal was da kommt.

Wir hatten auch schon einmal einen stehengelassenen Rucksack. Da haben wir zuerst die Menschen weggebracht und dann einen Funkwagen angefordert. Der entscheidet dann über weitere Maßnahmen.

Müssen Sie denn Ihr Objekt oder Menschen vor Ort öfter aktiv beschützen? Oder ist der Alltag eher geprägt von großer Normalität und dem Kontakt vor allem mit Touristen?

Ich würde sagen, 80 Prozent besteht aus Normalität. Die Touristen fragen natürlich sehr viel. Aber wir hatten auch schon Randalierer und Sachbeschädigungen. An manchen Objekten gibt es auch Einbrüche. Gerade bei mobilen Streifen, die an nicht ständig besetzten Objekten unterwegs sind, passiert sowas öfter.

Bei uns kommt es vor, dass Personen jüdische Bürger beleidigen. Wir hatten zudem schon Farbschmierereien oder abgestellte Gegenstände. Bombendrohungen hatten wir auch schon. Nicht direkt am Jüdischen Museum, aber außerhalb, wo uns dann andere Leute um Hilfe gebeten haben.

Mussten Sie dann auch schon mal ihre Waffe ziehen?

Noch nicht. Ich stand nicht einmal kurz davor. Gott sei Dank. Aber es gab bestimmt schon einige Situationen, wo Kollegen, auch zur Eigensicherung, die Waffe ziehen mussten, aber nicht benutzt haben.

Wie reagieren die Menschen denn auf Sie? Verstehen sie, dass Sie ausschließlich zum Schutz des Objektes da sind und auch nur hierfür aktiv werden können? Oder holen sie Sie im Zweifelsfall trotzdem, wenn der Spätkauf gegenüber überfallen wird?

Viele - ich würde denken 70 Prozent - wissen, was wir da vor dem Jüdischen Museum tun und dass wir eigentlich gar keine Befugnisse außerhalb des Sicherheitsbereiches des Museums haben. Menschen aus dem Ausland wissen das nicht immer. Sie halten uns meist für Polizeibeamte.

Es passiert aber natürlich immer wieder, dass uns Bürger bitten, uns beispielsweise eines Autos in der Nähe mit eingeschlagener Scheibe anzunehmen. Dann geht ein Kollege hin, schaut sich die Sache an und verständigt den zuständigen Abschnitt. Bis dann jemand kommt, wird das Auto abgesichert.

Wenn jetzt beispielsweise nachts der Spätkauf überfallen wird, kümmern wir uns - im Rahmen des Objektschutzes - durchaus auch darum. Wir können den Bürger ja nicht alleine lassen. Dabei darf man natürlich das zu beschützende Objekt nicht vernachlässigen. Aber wir müssen immer den zuständigen Abschnitt oder Funkwagen benachrichtigen.

Gehören eigentlich die meisten Objektschützer fest zu einem Objekt?

Nein. Es sind so etwa  60 bis 70 Prozent fest in einem Objekt. Das sind meistens dienstältere Kollegen. Die anderen Kollegen sind sogenannte Springer. Sie ersetzen Kollegen, die krank, auf Lehrgängen oder im Urlaub sind.

Fest an einem Objekt zu sein, bietet viele Vorteile. Man kennt den Objekthalter, falls vorhanden, die zuständige Security und man kann sich mit den Leuten verständigen, ob was vorgefallen ist.

Kennt man das Objekt und die Gegend dann quasi in- und auswendig?

Genau. Ich bin jetzt seit elf Jahren am Jüdischen Museum in Berlin. Natürlich kenne ich sehr viele Mitarbeiter und Anwohner, die auch immer freundlich grüßen. Es kam auch schon vor, dass - als ich im kalten Winter draußen stand - eine Dame aus der Nachbarschaft heißen Tee brachte.

Gibt es Begegnungen, an die Sie sich gerne erinnern?

Es gibt viele freundliche Menschen, die sich dafür bedanken, dass wir da stehen und für Sicherheit sorgen. Manche können aber auch nicht begreifen oder einsehen, warum wir dort stehen. Ich hatte einmal eine Begegnung mit einem Texas Ranger - dem war sowas wie der Objektschutz aus Texas gar nicht bekannt.

Dann gab es ein nettes Zusammentreffen mit einem jungen Mann aus Papua-Neuguinea. Er wuselte so zehn Minuten lang immer um mich rum, ging weg und kam immer wieder. Bis er mich dann irgendwann ganz scheu ansprach auf Englisch und fragte, ob er mit mir ein Foto machen könne. Ich fragte ihn dann,  warum er so viel Angst hätte. Da sagte er, in Papua-Neuguinea hätten die Leute alle Angst vor der Polizei. Natürlich hat er das Foto bekommen.

Sprechen Sie eigentlich auch Hebräisch?

Nein. Englisch ja, aber Hebräisch gar nicht. Englisch reicht aber vollkommen aus.

Gehen Sie selbst auch manchmal ins Jüdische Museum?

Nein. Ich weiß zwar einiges über das Museum, aber ich war noch nicht drin. Und in Uniform dürfen wir auch nicht rein - oder vielmehr nur, wenn ein Hilfeersuchen vonseiten des Museums vorliegt.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Sabine Prieß, rbb|24

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8 Kommentare

  1. 8.

    Vergleiche §§ 127 Abs. 1 StPO, 227 BGB, 32 StGB, denn Gesetzeskenntnis erleichtert die Rechtsfindung ungemein.
    Zitat: "Nur ein Gesetz dürfte einschränkend wirken".
    Und was wäre mit einem (mündlichen) Platzverweis = Verwaltungsakt als einschränkende Maßmahme, allerdings auf Basis entspr. landesspezifischen Ordnungsrechts?
    Wieso denn "ex-West-Berlin"? Ist das denn jetzt nicht mehr im Westen verortet sondern in einer der anderen gleichwertigen Himmelsrichtungen?

  2. 7.

    Es gab Zeiten in ex West-Berlin, in denen keine nichtmilitärischen Gebäude bewacht werden mussten. - Was ihre kahles Oberhaupt anbelangt, wird ein "skinhead" (engl.) von vernünftigen Menschen nicht automatisch mit einem asozialen Nazi gleichgesetzt, der sich strafrechtlich verhält. Sie dürfen sogar stundenlang vor solch einem bewachten Gebäude ohne jegliche Behelligung stehen, weil dies zu den Freiheitsgrundrechten gehört. Nur ein Gesetz dürfte einschränkend wirken.

  3. 6.

    Es ist ja alles gut und schön, was Sie schreiben. Schlimm genug finde ich, dass das Museum bewacht werden muss. Da ich eine Glatze trage, komme ich mir auch komisch vor, wenn ich an solchen bewachten Objekten vorbeigehe, weil ich Sorge habe, dass ich mit einem asozialen Nazi verwechselt habe.

  4. 5.

    Ihr Einblick in die Lebensverhältnisse und Fähigkeiten aller Bürger*innen ist faszinierend.

  5. 4.

    Jeder Bürger, der sich ernsthaft interessiert und sich nicht scheut, auch mal eigene Recherchen zu betreiben.
    Die Schützer dürfen, wie es im Artikel erwähnt wurde, ihre Waffe nur nach Paragraf 32 Stgb nutzen. Das sogenannte "Jedermannsrecht" fußt auf Paragraf 127 Absatz 1 StPO.

  6. 3.

    Ihre Fragen und die Antworten von Frau Tonn vermitteln mir doch etwas den Eindruck von: "Was bin ich?" - "Welches Schweinderl hättens denn gern?" - Sagen Sie mir bitte, welcher Normalbürger ohne Rechtskunde könnte wissen, welche Gesetze und deren Paragrafen zu den Notwehr-, Notstands- und FestnahmerechtEN gehören und was sich hinter "Naja, wir haben ja die Jedermannsrechte, so wie jeder Bürger sie hat." verbirgt? - Nur wenige Bürger tragen mit amtlicher Befugnis eine Schusswaffe, sind im Umgang ausgebildet und müssten diese ggf. einsetzen.

  7. 1.

    § 32 StGB Notwehr spricht nicht von einem Objekt sondern von allen Menschen, und der § 323c StGB Unterlassene Hilfeleistung dürfte auch für nicht-objektbezogene Situationen stehen. Mir scheint die Dienstanweisung für die Objektschützer*innen nicht verfassungskonform zu sein.

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