Übergangswohnheim in Berlin Köpenick. Alfred-Randt-Str. (Quelle: Imago/Hans Scherhaufer)
Video: Abendschau | 27.09.2019 | Sylvia Wassermann | Bild: Imago/Hans Scherhaufer

Interview | Fünf Jahre Containerdorf - "Wir mussten viel Aufklärungsarbeit leisten"

Vor fünf Jahren wurde in Berlin-Köpenick das erste Containerdorf für Geflüchtete eröffnet. Der Kiez zeigte sich gespalten. Ein Gespräch mit dem Einrichtungsleiter Peter Hermanns über Akzeptanz – und warum es wichtig ist, dass alle im Viertel seine Handynummer haben.

rbb: Herr Hermanns, Sie leiten seit fünf Jahren das erste Containerdorf für geflüchtete Menschen in Berlin-Köpenick. Der Jahrestag wird dort mit einem Bürgerfest gefeiert. Doch vor gut zwei Wochen hat es in Ihrer Einrichtung gebrannt, ausgelöst durch falsch angeschlossene Kühlschränke. Haben Sie das Schlimmste hinter sich?

Peter Hermanns: Ja. Aber zum Glück war es nicht ganz so schlimm, wenngleich der Materialschaden doch erheblich ist. Wir mussten ungefähr 200 Menschen evakuieren und in anderen Einrichtungen unterbringen. Die meisten werden in dieser Woche zurückkommen, also rechtzeitig zum Jubiläum. Insofern ist es ein doppelter Grund zu feiern.

Anfangs hatten Sie mit diesem Containerdorf keinen leichten Stand. Wie haben Sie diese Zeit damals erlebt?

Es war eine sehr aufgeheizte Atmosphäre – nicht nur in Köpenick, sondern bundesweit, weil immer mehr Menschen nach Deutschland kamen. Bereits vor der Eröffnung gab es Demonstrationen mit deutlich rassistischem Hintergrund – aber es gab auch Gegendemonstrationen. Zum Glück haben damals einige Anwohnerinnen und Anwohner gesagt: Wir wollen diesen Kiez befrieden. Die Initiative "Allende 2 hilft" hatte die gute Idee, einfach ein Adventssingen auf der Demonstrationsroute anzumelden. Damit konnten die Demonstrationen nicht mehr direkt bei uns vorbeiführen. Aber wir mussten natürlich noch sehr viel Aufklärungsarbeit leisten. Wir sind in alle Einrichtungen gegangen, Altenpflegeheime, Kindergärten, Schulen, haben geredet und signalisiert, dass wir ansprechbar sind für die Bürgerinnen und Bürger. Und das haben wir auch eingelöst. Ich glaube, die 3.000 Menschen, die im Kiez wohnen, haben mittlerweile alle meine Handynummer und können mich fast rund um die Uhr anrufen.

Hat das dann wirklich geholfen?

Ja, ich glaube schon. Zwar hatten wir noch bis ins Jahr 2016 Mahnwachen vor der Tür. Aber es hätte sehr viel schlimmer bleiben können, wenn es die Initiative nicht gegeben hätte. Und wenn wir nicht mit vereinten Kräften immer wieder auf Kritikerinnen und Kritiker zugegangen wären. Wenngleich es für uns immer ganz klar war: Wo ein massiver Rassismus geäußert wird, brauchen wir uns nicht zu unterhalten. Es gibt aus meiner Sicht Menschen, die sind einfach nicht mehr erreichbar.

Wenn man sich heute im Kiez umhört, ist vom "Dorf der Hoffnung" die Rede. Wie haben Sie es geschafft, dass Ihre Einrichtung integriert wurde?

Wir gehen davon aus, dass alle Menschen lernfähig sind. Aber man muss zunächst ein Setting, eine Atmosphäre schaffen, in der das überhaupt möglich ist. Wir haben von Anfang an gesagt: Wir haben keine starke Hierarchie in der Einrichtung, sondern wir bemühen uns, auf Augenhöhe mit den Menschen zu sein. Jedem, dem ich am Tag begegne, gebe ich die Hand und frage, wie es ihm geht. Das hat sich auf unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter übertragen und schafft ein Klima, das sehr angenehm, fast familiär ist.

Wie hat sich die Einwohnerschaft des Containerdorfes seit den letzten fünf Jahren verändert?

In den ersten zwei, drei Wochen kamen vor allen Dingen Menschen aus den Balkanländern, danach aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, Eritrea. Inzwischen haben wir vor überwiegend Menschen aus afrikanischen Staaten, Guinea, Kamerun. Insgesamt wohnen in der Regel Menschen aus 20 Nationen hier, und es ist wichtig, dass sie miteinander auskommen. Das haben wir eigentlich über die ganzen Jahre hinweg gut hingekriegt. Es kann zwar schon mal untereinander knallen, wenn man nur siebeneinhalb Quadratmeter zur Verfügung hat. Aber das geschah selten. Es gab auch kaum Gewalt.

Sind noch Bewohner der ersten Stunde dabei?

Der allerersten Stunden nicht, aber wir haben schon noch einige Bewohner aus dem Jahr 2015.

Es spricht einerseits für Sie, aber natürlich auch gegen das System, dass die Leute noch immer in einer solchen Unterkunft wohnen.

Ziel ist, dass die Menschen möglichst schnell eine Wohnung finden. Aber es gibt natürlich eine Menge Hürden, etwa den Berliner Wohnungsmarkt. Auch die Bleibeperspektive ist sehr unterschiedlich. Sie ist jetzt durch das Geordnete-Rückkehr-Gesetz – wir sagen auch Hau-Ab-Gesetz – nicht einfacher geworden. [Das Gesetz soll abgelehnten Asylbewerbern und Asylbewerberinnen erschweren, ihre Abschiebung zu verhindern, Anm.d.Red.]. Und wenn ich mit einer Duldung in Deutschland lebe und von der Abschiebung bedroht bin, werde ich ganz schwer einen Vermieter finden.

Von den Schwierigkeiten, eine Wohnung zu bekommen, können auch viele Berlinerinnen und Berliner ein Lied singen. Aber Sie haben es geschafft, ein wenig Licht ans Ende des Tunnels zu bringen.

Wir haben zusammen mit der Wohnungsbaugesellschaft Degewo ein Projekt entwickelt: ToM, tolerantes Miteinander. Dafür werden gerade 164 Wohneinheiten gebaut, nächste Woche ist Richtfest in Altglienicke. Dort werden die Hälfte der Wohnungen an geflüchtete Menschen vergeben, die andere Hälfte an Menschen, die in Deutschland groß geworden sind. Wir kümmern uns auch um das Integrationsmanagement, betreiben eine Kita, und hoffen, dass wir dadurch ein größeres Miteinander hinkriegen zwischen Geflüchteten und Herkunftsdeutschen.

Es sind Zahlen veröffentlicht worden, nach denen rund Dreiviertel aller Syrer in irgendeiner Form von Hartz IV abhängig sind.

Es gibt noch eine andere Zahl: 40 Prozent der Geflüchteten sind inzwischen in sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen. Aber was Sie sagen, ist gar nicht so verwunderlich. Die Menschen haben etwa in ihren Herkunftsländern keine duale Berufsausbildung. Sie sind zwar in der Regel Fachkräfte, aber sie haben keine Zertifikate. Damit haben wir in Deutschland ein Problem. Wir brauchen immer Papiere. Wenn die überhaupt vorhanden sind, müssen sie übersetzt und beglaubigt werden, sie müssen anerkannt werden. Das dauert endlos lange und führt dazu, dass immer mehr Menschen in prekäre Arbeitsverhältnisse rutschen. Das sind zum Teil hochqualifizierte Leute. Wir haben Ingenieure, Juristen, Architekten, Ärzte, die mittlerweile Reinigungsdienste machen und natürlich aus dieser Situation rauskommen möchten. Wir wollen das ändern. Zusammen mit Mitgliedern des Wirtschaftsrats vom 1. FC Union Berlin habe ich den Verein Türöffner e.V. gegründet, um Menschen in Arbeit zu bringen.

Der türkische Präsident Erdogan droht damit, die Grenzen aufzumachen. Wären wir diesmal besser gewappnet für eine Flüchtlingswelle als 2015?

Davon gehe ich aus! Wenn ich mit Berliner Politikern rede, sagen sie immer: Wir brauchen jeden einzelnen Platz in Unterkünften – und das, obwohl fast alle Unterkünfte Plätze en masse haben. Die gehen davon aus, dass da noch mal was in einem größeren Maße kommen kann. Ein solches Chaos wie 2014 und 2015 – obwohl es damals schon Warnungen gab – werden wir so sicher nicht mehr erleben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Peter Hermanns sprach Thomas Rautenberg für Inforadio. Das Gespräch ist eine gekürzte und bearbeitete Version. Das Interview in voller Länge können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Aufmacherbild des Beitrags hören.

Sendung: Inforadio, 27.09.2019, 10:45 Uhr

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 5.

    Fritz, Berlin, Freitag, 27.09.2019 | 06:49 Uhr:
    "Und wann ist Geld für mehr Regionalzüge da?"

    Was hat das mit dem thema zu tun???
    Sie sind hier im falschem Forum!

  2. 4.

    Wenn die Bahn das macht. Hat nichts mit dem Artikel zu tun.

    P.S. Bahn muss nicht in jedem Kuhdorf halten.

  3. 2.

    @Fritz

    Bezüglich Ihrer Bahnverbindungen müssen Sie sich bitte an die letztjährigen Verkehrsminister bzw Bahnchefs wenden. Das Verkehrsressort hat ggf die Mittel falsch eingesetzt, wie ich das aus Ihrer Anmerkung verstehe.

    Ich finde es sehr gut, was der Herr Hermanns dort macht bzw. gemacht hat.
    Aber auch wiederum bedenklich, dass dies überhaupt notwendig war.

  4. 1.

    Und wann ist Geld für mehr Regionalzüge da?

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