Der Angeklagte im Prozess um einen mutmaßlichen Mord in Berlin-Reinickendorf. Quelle: imago stock&people
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Audio: rbb 88,8 | 12.09.2019 | Ulf Morling | Bild: imago stock&people

Mammutprozess in Berlin - Ein Toter, zehn Hells Angels und 300 Tage vor Gericht

Fünf Jahre dauerte der Prozess nach einer mutmaßlichen Hinrichtung in einem Reinickendorfer Wettbüro. Jetzt hielten die Verteidiger des Mannes, der vor Gericht ausgepackt hatte, Plädoyers. Am 300. Prozesstag könnte das Urteil fallen. Von Ulf Morling

346 Zeugen, 26 Sachverständige: Der Mammutprozess gegen Hells Angels zieht sich jetzt schon 298 Verhandlungstage lang am Berliner Landgericht hin, im November 2014 hatte er begonnen. Nach fünf Jahren ist die Staatsanwaltschaft nun der Überzeugung, dass sich die Anklagevorwürfe "im Wesentlichen" bestätigt haben.

Danach drangen am 10. Januar  2014 dreizehn größtenteils vermummte Hells Angels in ein Reinickendorfer Wettbüro ein. Im Hinterzimmer wurde Karten gespielt. Auf den 26-jährigen Tahir Ö. wurden dort acht Schüsse abgefeuert von einem der Angeklagten, sechs Schüsse trafen. Nach 25 Sekunden war die Tat vorüber, das Opfer starb noch am Tatort.

Verteidiger fordert weniger als zehn Jahre Haft für den "Perser"

Schon wenige Tage nach dieser hinrichtungsgleichen Tat nahm die Polizei die ersten Verdächtigen im Umfeld der Berliner Hells Angels fest, bei denen gegenüber der Polizei eigentlich ein "Gesetz des Schweigens" gilt. Zu den wichtigsten Beweismitteln gehören drei Videos, die nach der Tat bei Youtube zu sehen waren und Aufnahmen der Überwachungskameras zum Tatzeitpunkt zeigten. Zwei Monate später saß dann einer der führenden Hells Angels im Berliner Landeskriminalamt. Der Mann mit dem Spitznamen "der Perser" begann auszupacken.

An 298. Verhandlungstag hielt sein Verteidiger Steffen Tzschoppe sein Plädoyer: "Man bindet nicht jedem alles auf die Nase", sagte Tzschoppe. Sein Mandant, "der Perser", ebenfalls des gemeinschaftlichen Mordes angeklagt, sei davon ausgegangen, dass man Tahir Ö. lediglich habe eine Ansage machen wollen in der Tatnacht.

Ö. sei zu frech geworden. Weil der Angeklagte von einem Mordplan nichts gewusst habe, sei er mit weniger als zehn Jahren Haft zu bestrafen. Die Strafe solle wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge und nicht wegen Mordes verhängt werden, so die Verteidiger. Außerdem könne man den abtrünnigen Hells Angel und Kronzeugen im Prozess mit dem Urteil aus der Untersuchungshaft entlassen: Es bestehe keine Fluchtgefahr, weil "der Perser", der unter Zeugenschutz steht, ohnehin permanent mit den Beamten in Kontakt stehen muss.

Staatsanwaltschaft würdigt Kooperation mit Ermittlern

Für sieben Angeklagte hatte die Staatsanwaltschaft in diesem Fall eine lebenslange Haftstrafe wegen gemeinschaftlichen Mordes gefordert. Auch für den "Präsidenten" der Hells Angels wurde wegen Anstiftung zum Mord "Lebenslang" beantragt. Zwar war er nicht selbst bei der Tat dabei, soll aber wegen seines "absoluten Machtanspruchs" den Auftrag zu der "öffentlichkeitswirksamen Hinrichtung" erteilt haben, so Staatsanwalt Christian Fröhlich in seinem Schlussvortrag.

Der Mitangeklagte, der zwar die Tat mitbegangen hatte, sich der Polizei gegenüber aber bereits geständig zeigte, soll wegen der Kronzeugenregelung zehn Jahre wegen Mordes ins Gefängnis. Nur einem der Angeklagten ließe sich nicht die Anstiftung zum Mord nachweisen, er soll wegen illegalen Waffenbesitzes zu zwei Jahren ohne Bewährung verurteilt werden, forderte die Staatsanwaltschaft.

15 Verteidiger verweigern "klassisches Plädoyers" als "sinnlos"

In einer gemeinsamen Erklärung hatten 15 der Anwälte noch in der letzten Woche einen Versuch gestartet, der "Stimme der Vernunft Gehör zu verschaffen". Die Richter hätten "hochmütig und voreilig nach der Wahrheit gegriffen", weil sie von Beginn an der Mordtheorie der Staatsanwaltschaft gefolgt seien.

Gleichzeitig stellten die Verteidiger allerdings "einen beachtlichen Aufwand" fest, den die Kammer zur Aufklärung betrieben hätte, nahezu jeden Stein habe sie umgedreht. Trotzdem sei von den Richtern der 15. Schwurgerichtskammer auch nach einem fast fünfjährigen Prozess immer wieder stereotyp in Beschlüssen geschrieben worden, wie zu Beginn des Verfahrens: "Die auf dem Überwachungsvideo sichtbaren Abläufe sprechen für einen gemeinsamen Tötungsplan."

Bewertung der Tötung im Urteil

Am Montag, den 30. September, werden die zehn Angeklagten die Möglichkeit haben, ihre letzten Worte zum Fall zu sagen, wie im Strafprozess üblich. Die meisten werden voraussichtlich schweigen. Schon zuvor beraten die drei Berufsrichter mit den beiden Schöffen, wie Aussagen und Beweislage bewertet werden müssen: Wurde wirklich bewiesen, dass alle Beteiligten einen Mordauftrag umsetzen wollten, als sie am 10. Januar 2014 in das "Expekt" in Reinickendorf stürmten? Oder wussten es nur einige der Angeklagten? Oder war alles eine aus dem Ruder gelaufene Racheaktion, die eigentlich als Denkzettel für das Opfer in Auftrag gegeben war?

Nach derzeitiger und vorläufiger Planung ist voraussichtlich für den 1. oder 2. Oktober das Urteil zu erwarten - das wäre der 300. Verhandlungstag.

Sendung: rbb 88.8, 12.09.2019, 14 Uhr

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5 Kommentare

  1. 5.

    Können Sie das mit den Triaden belegen?
    Abgesehen davon sind diese "Rocker" nichts anderes, als hinter rot-weissen Kutten versteckte Clanleute.
    Die haben mit MC-Kultur nichts am Hut, haben keine Ehre, keinen Anstand, haben damit den echten MC und Rockern überhaupt keinen Dienst getan.
    Die werden im. Knast noch von ihren Clans gestützt, verehrt und als Helden gefeiert. Die können gerne, so keine hiesige Staatsbürgerschaft vorhanden, gerne nach der Haft abgeschoben werden. Wenn Staatsbürgerschaft vorhanden, für sehr lange Zeit in den Knast.

  2. 3.

    In Russland, China wird gar nichts gegen das traditionelle organisierte Verbrechen gemacht. Die arbeiten vielmehr mit der Regierung zusammen. Wie man zb daran sehen konnte, dass Triaden Demonstranten in Hongkong zusammengeschlagen haben, im Auftrag der Regierung.

    Man muss in Deutschland die Gesetze so verschärfen, dass sowas wie Hells Angels nie wieder rauskommen, wenn die mal einsitzen.

  3. 2.

    Ja! Das ist er. Alles wird auf der Grundlage von Gesetzen geprüft und bewertet. Oder möchten Sie lieber in Amerika, Russland, China ö.ä. Ländern in die Gänge der Justiz geraten?

  4. 1.

    Ja, der Rechtsstaat ist schon ziemlich toll...

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