Symbolbild: Die Einwegspritze einer drogenabhängigen Person liegt zurückgelassen auf einem Kinderspielplatz (Quelle: imago-images/Gottfried Czepluch)
Video: Abendschau | 26.09.2019 | Lisa Wandt | Bild: Symbolbild/imago images/Gottfried Czepluch

Berliner Drogenszene - Wenn Kinder in Drogenspritzen treten

Orte, an denen Süchtige geschützt Drogen konsumieren können, sind in Berlin rar. Gleichzeitig sind achtlos weggeworfene Spritzen auf Spielplätzen eine reale Gefahr. Lisa Wandt und Anna Katharina Küsters haben Eltern getroffen, die diesen Albtraum durchleben.

Das eigene Kind verletzt sich auf dem Spielplatz an einer benutzten Drogenspritze. Ein Albtraum, den Claudio und Jorinde aus Berlin-Kreuzberg gerade durchleben. Ihre fünfjährige Tochter war am Wassertorplatz barfuß in eine benutzte Spritze getreten. Im Gehäuse klebte noch Blut. "Sie könnte sich mit einer schweren Krankheit infiziert haben, das macht mit Angst", sagt die Mutter.

Zwar ist das Risiko für eine HIV-Infektion gering, denn das Virus stirbt einmal an der Luft schnell ab, dennoch müssen die Eltern bangen. Die Gefahr, sich über eine Fixernadel mit Hepatitis B oder C anzustecken, ist allerdings real. "Wir hoffen, dass die Statistik auf unserer Seite ist," sagt Vater Claudio. Gewissheit haben sie erst nach den letzten Untersuchungen in ein paar Wochen.

Allein in Neukölln Tausende Utensilien

Alexander Rosen, Chef der Kindernotfallmedizin an der Charité, behandelt regelmäßig Kinder, die sich an benutzten Drogenspritzen verletzen. "Wir sehen hier in der Charité alleine ein bis zwei Fälle im Monat." Aus der ganzen Stadt kämen die Betroffenen zu ihm. Meist passierten die Vorfälle im Park oder auf Spielplätzen. Es gebe aber auch Fälle, in denen Menschen in der Bahn zwischen die Sitze greifen und in eine Spritze fassen, sagt er.

Vor allem die Bezirke Neukölln, Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte und Tempelhof-Schöneberg haben ein Problem mit Drogenabfällen in Parks, auf Grünflächen und Spielplätzen. Das ergab eine Umfrage von Kontraste bei allen Bezirken. Allein in Neukölln wurden im vergangenen Jahr rund 3.500 Drogen-Utensilien aufgesammelt. Einmal die Woche durchstreifen Mitarbeiter vom Straßen- und Grünflächenamt die Problem-Orte im Bezirk. Dennoch bleibt ein Risiko, sagt Vorarbeiter Niels Tönneshoff: "Keiner kann sagen, dass nichts passieren kann, weil Sie finden nicht alle Spritzen. Die sind im Gebüsch versteckt und die Kinder treten rein und die Nadeln gehen auch durch Schuhsohlen durch."

Zu wenige, zu selten geöffnete Drogenkonsumräume

Immer mehr Junkies konsumieren ihre Drogen im öffentlichen Raum, bestätigt die Landesdrogenbeauftragte Christine Köhler-Azara: "Die Beobachtungen und Meldungen aus den Bezirken Neukölln, Kreuzberg, Schöneberg und Mitte weisen eindeutig darauf hin", sagt sie auf Anfrage von Kontraste. Eine Ursache dafür ist, dass wohnungslose Junkies zunehmend ihre Rückzugsorte verlieren. Denn leerstehende Gebäude gibt es in der Boom-Stadt Berlin kaum noch.

"Wir erleben einen starken Zuzug von Menschen aus Osteuropa oder auch aus anderen Fluchtbewegungen," erklärt Nina Pritszens. Sie ist die Geschäftsführerin des Trägers vom Drogenkonsumraum Birkenstube in Mitte. Dort können Junkies geschützt Drogen konsumieren. Allein in der Birkenstraße haben sich die Konsumvorgänge zwischen 2015 und 2018 mehr als verdoppelt; im Jahr 2018 hatte die Birkenstube 25.000 Konsumvorgänge. Die Mitarbeiter der Einrichtung kennen die Drogenszene. Ihr Eindruck ist, dass die Zahl der Suchtkranken in Berlin ansteigt.

Das Problem: In der ganzen Stadt gibt es nur drei feste Drogenkonsumräume, die nur an wenigen Stunden tagsüber geöffnet haben. Am Wochenende haben sie komplett geschlossen. Sozialarbeiterin Pritszens fordert daher dringend mehr Räume und längere Öffnungszeiten. "Heroinabhängige brauchen 24 Stunden am Tag einen bestimmten Pegel an Opiaten", sagt sie.

Anzeige gegen Herrmann und Müller

Und weil es nicht genug Räume gibt, weichen die Junkies unter anderem auch in die U-Bahnhöfe der Linien 7 und 8 aus. Vor allem morgens zwischen vier und sechs Uhr spritzen und rauchen sie auf den Bahnsteigen, aber auch tagsüber wird an den U-Bahnhöfen konsumiert. Spritzen und blutige Taschentücher bleiben dabei zurück.

Für die Mutter Jessica N., die regelmäßig mit ihrem Sohn U-Bahn fährt, sind diese Zustände unerträglich. Als sie sich vor wenigen Tagen an die BVG wendete, antwortet die auf ihre Beschwerde mit einem Eingeständnis. "Die Akzeptanz des BVG-, bzw. Wisag-Sicherheitsdienstes ist in den Kreisen dieser Gruppierungen äußerst gering", heißt es. Und weiter: "Durchgesetzte Maßnahmen seitens der Sicherheitskräfte haben bedauerlicherweise keine nachhaltige Wirkung." Weitere Möglichkeiten gegen die Situation vorzugehen stünden der BVG nicht zur Verfügung. "Das ist für mich eine Kapitulation", sagt Jessica N.

Bei den Eltern Claudio und Jorinde ist die Sorge um ihre Tochter in Wut auf die Politik umgeschlagen. Sie haben Anzeige wegen Körperverletzung durch Unterlassen erstattet gegen die Kreuzberger Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) und gegen den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD). Auf Anfrage verweist Herrmann an das zuständige Straßen- und Grünflächenamt. Eine Strafanzeige gegenüber der Bezirksbürgermeisterin entbehre jeglicher Grundlage, teilt ihre Sprecherin mit. Worte des Bedauerns an die Betroffenen überliefert sie jedoch nicht.

Sendung: Das Erste, 26.09.2019, 21:45 Uhr

Beitrag von Lisa Wandt und Anna Katharina Küsters

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11 Kommentare

  1. 10.

    Die praktischen Vorlschläge sind doch im Artikel: Den Abhängigen Räume bieten wo sie Drogen konsumieren können.

  2. 9.

    Hm, mal nüchtern betrachtet. Wie soll das denn verhindert werden? Jeden Morgen die Spielplätze reinigen? Die Spielplätze 24/7 überwachen und abriegeln? Praktische Vorschläge wären sinnvoller als Gemecker.

  3. 8.

    Ich hatte diesbezüglich vor etwa 35 Jahren ein Gespräch mit unserem Ex Walter Momper auf einem Spielplatz in der Welser Str. Er antwortete lapidar " ich kann da ja gar nichts machen". Dabei ist es erkennbar geblieben. Wir dreschen hier hundert mal gedroschenes Stroh.

  4. 7.

    Ob eine Anzeige gegen die Bezirksbürgermeisterin "jeglicher Grundlage entbehrt" entscheidet Gott sei Dank weder sie noch ihre Sprecherin. Diese Zustände sind einfach nicht hinzunehmen. Und derlei Ausflüchte einer gewählten Politikerin schon mal gar nicht.

  5. 6.

    Die Bezirksbürger*innenbürgermeisterin macht wie immer einen schlanken Fuß. Ihr sei dringend ein Blick in die Landesverfassung angeraten. Sie hat die Dienstaufsicht in ihrem Bezirk.

  6. 5.

    Das ist ja wirklich eine Sauerei.,aber typisch für Berlin.
    Die Opfer werden weniger geschützt als die Täter.
    Hier ist der Juztizsenator Senator gefragt.

  7. 4.

    Tja, bin am Kotti aufgewachsen, mit Junkies, Spritzen, Punkern, dem 1. Mai und etlichen andren Demonstrationen die mit Ausschreitungen endeten.
    ALSO: Wer dort wohnt, lebt, weiß um die Gefahren und Risiken. Ich durfte nicht im Sandkasten spielen und erst recht nicht Barfuss rumlaufen, zumal auch viel zerbrochenes Glas rumlag. Sobald eine Spritze gesichtet wurde, NICHT ANFASSEN !!! Basta, nicht schön, aber so kam ich gut durch die Kindheit in Kreuzberg. Trotz alledem trauere ich dieser Heimat nach, da wir leider irgendwann umgezogen sind. Das tut nichts zur Sache.
    Die Anzeige wegen Unterlassen, finde ich aber sehr gut. Immerhin muss es irgendwann mal eine Wende geben und der Drogen und Kriminalitätssumpf bekämpft werden. Und zwar ein für alle mal. Seit knapp 40 Jahren (mindestens) wechselt die Drogenszene lediglich die Straßenecke, mehr passiert da nicht. Kriminelle ab in Haft und die süchtigen Opfer in eine Reha !

  8. 3.

    Ja, so ist das. Selbst das Kindeswohl wird dann zweitrangig, wenn oberste Priorität ist, dass niemand diskriminiert wird. Daran sieht man wo Identitätspolitik hinführen kann. Zu Stagnation im Chaos, zu Selbstlähmung und Selbstaufgabe.

  9. 2.

    @rbb Was steht in der UN Kinderrechtskonvention dazu, die Deutschland ratifiziert hat? Wieso werden die bekannten Kinderspielplätze nicht täglich gereinigt? Wieso findet Prävention nicht im ÖPNV statt? Stattdessen werden auf den Bahnhöfen (mit Rauchverbot) Tabak und Schnaps neben den Süßigkeiten verkauft. Und vielerorts Rauchen inzwischen auch Hinz und Kunz in den Bahnhöfen; nicht nur die Junkies mit denen die BVG angeblich nicht klar kommt.

  10. 1.

    Was hier passiert ist einer europäischen Hauptstadt unwürdig.

    Monika Herrmann ist taktlos und unsensibel. Das beweist diese Geschichte einmal mehr. Sie weiß um die Zustände in ihrem Bezirk und zuckt mit den Schultern oder hüllt sich in Schweigen. Erklärt sich selbst für handlungsunfähig, weil sie niemanden “diskriminieren“ möchte. Mein Gott, diese Politiker werden BEZAHLT. Aus Steuergeldern. Wofür?

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