Wartende Fahrgäste am Berliner Hauptbahnhof (Bild: imago images/Rainer Weisflog)
Bild: imago images/Rainer Weisflog

RB10 und RB14 mit Engpässen - Regionalbahn-Pendler beklagen chaotische Zustände

Völlig überfüllte Regionalzüge, Platzangst auf den Bahnsteigen, Schüler müssen draußen bleiben: Pendler, die mit der RB10 und RB14 von Nauen nach Berlin fahren, berichten von untragbaren Verhältnissen. Auch die Bahn räumt Probleme ein. Von Frank Preiss

Wenn Sven R. morgens um 6:15 Uhr in Brieselang die Regionalbahn in Richtung Berlin besteigt, ist die Welt noch in Ordnung. Gemächlich kann der 47-Jährige in die RB14 einsteigen und sich in aller Ruhe einen Sitzplatz aussuchen. Doch was sich nach seiner Beobachtung wenige Stationen später ereignet, lässt ihm keine Ruhe. "Schon in Falkensee bekommt man die Tür nicht mehr zu, und spätestens in Albrechtshof wird es dann völlig chaotisch", berichtet R. im Gespräch mit rbb|24. Tag für Tag könnten dort zahlreiche Schülerinnen und Schüler nicht mehr zusteigen – wegen Überfüllung geschlossen. Pünktlichkeit werde zum Lotteriespiel, sobald Kinder, Jugendliche und Pendler von Nauen aus mit der RB14 (Nauen–Berlin–Schönefeld) oder RB10 (Nauen–Berlin-Südkreuz) ins Berliner Stadtzentrum gelangen wollten.

Wartende Passagiere am RB14 in Albrechtshof (Bild: rbb/Ingo Thrun)
Dichtes Gedränge schon morgens um 7 Uhr in Albrechtshof |Bild: rbb/Ingo Thrun

Zu sechst in der Zugführerkabine

"Es sind viel zu kurze Züge unterwegs, es fehlen Waggons, schon seit Monaten läuft es nicht mehr rund", berichtet der Brieselanger. Selbst das Bahnpersonal runzle immer häufiger die Stirn und wirke ratlos. "Einer der Schaffner hatte neulich großes Verständnis für den Ärger und hat uns geraten, sich an die Medien zu wenden", erzählt der Berufspendler, der nach seinen Angaben für Daimler im Vertrieb arbeitet und seit fünf Jahren täglich nach Berlin-Friedrichshain fährt. Die Atmosphäre unter den Fahrgästen, die sich wie Ölsardinen in die Regionalbahnen zwängen müssten, umschreibt er als "dramatisch schlecht und explosiv."

Hoffnungslos überfüllte Bahnen und Bahnsteige beobachtet auch Horst B. Er pendelt seit 20 Jahren mit der RB10 von Falkensee zum Ostbahnhof und registriert seiner Schilderung nach seit vielen Wochen eine deutliche Verschlechterung. "Schon beim Start in Falkensee wird es eng. Besonders montags, mittwochs und freitags herrscht auf den Bahnsteigen volle Hütte", berichtet er. Aber Not macht offenbar auch hier erfinderisch und lässt selbst über Sicherheitsstandards großzügig hinwegschauen: "In Spandau war mal ein Schaffner so nett und hat mich und fünf weitere Passagiere in der Kabine des Zugführers im hinteren Teil der Regionalbahn untergebracht." Eine abenteuerliche Fahrt, auf die Horst B. gerne verzichtet hätte.

Einsteigende Passagiere in Regionalzug in Berlin (Bild: imago images/Rainer Weisflog)
Hektisches Treiben im Berufsverkehr |Bild: imago stock&people

Pendler warten vergeblich auf politische Reaktionen

Die Wut auf die Deutsche Bahn und letztlich auf die Politik wächst unter zahlreichen Pendlern, die aus Brandenburg in die Bundeshauptstadt wollen. Von ihnen gibt es immer mehr – im vergangenen Jahr strömten täglich über 300.000 von ihnen nach Berlin.

Auf Facebook tauschen sich in einer Gruppe viele von ihnen aus und berichten von katastrophalen Zuständen. Unsere Redaktion haben Videos und Fotos erreicht, die dokumentieren: Es stimmt etwas nicht auf den Linien RB10 und RB14. Antworten auf Mails von verärgerten Passagieren an die Deutsche Bahn und an den obersten Verkehrspolitiker Deutschlands, an Bundesminister Andreas Scheuer (CSU), blieben den Passagieren zufolge entweder aus – oder lasen sich verklausuliert und wenig verbrauchernah.

Der Bahn fehlen die Wagen

Auf rbb|24-Nachfrage hin räumt eine Bahnsprecherin schließlich ein, dass es auf den Regionalverbindungen von Nauen nach Berlin tatsächlich Probleme gebe. Ein Grund seien Bauarbeiten an den Gleisen am Berliner Hauptbahnhof, die die Stadtbahnsperrung zur Folge haben. "Baubedingt ist eine Teilung der Linien RE1, RE7 und RB14 in Charlottenburg beziehungsweise Berlin-Hauptbahnhof erforderlich, wodurch der Fahrzeugbedarf höher als im Regelverkehr ist", sagt sie. Derzeit fährt die RB14 wegen der Stadtbahnsperrung nur bis Charlottenburg und dann wieder ab Friedrichstraße. Ab 24. September müssen RB14-Fahrgäste sogar schon ab Spandau auf andere Züge ausweichen.

Hinzu komme ein derzeit “überdurchschnittlich hohes Instandhaltungsaufkommen." Doch das werde sich in den kommenden Wochen verbessern. Die Bahnsprecherin kündigt zusätzliches Instandhaltungspersonal an, außerdem "werden fehlende Wagen durch Fahrzeuge aus anderen Regionen Deutschlands bis Ende September sukzessive ersetzt."

Auch der VBB ist verschnupft

Dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) sind die Probleme längst bekannt. "Leider kommt es derzeit häufiger vor, dass DB Regio, Betreiber der Linien RB14 und RB10, mit zu kurzen Zügen fährt", teilt VBB-Sprecherin Elke Krokowski auf rbb|24-Anfrage mit. Auch sie spricht von einem "Instandhaltungsrückstau" und von "Verzögerungen beim Umbau der Wagen, die eigentlich zur Kapazitätsausweitung in die Region geholt wurden." Die DB Regio habe zwar schon einige Leihwagen aus anderen Regionen im Einsatz, könne jedoch den Mangel nicht ausreichend kompensieren.

So langsam verliert offenbar auch der VBB die Geduld mit der Bahn. "Der VBB und die Länder Berlin und Brandenburg als Aufgabenträger haben DB Regio bereits mehrfach aufgefordert, die vertraglich vereinbarte und bestellte Leistung zu erbringen. Für nicht erbrachte Leistungen werden dem Betreiber finanzielle Abzüge berechnet", kündigt Krokowksi an.

Und was wird nun aus dem Klimawandel?

Pendler Sven R. hält derweil die Begründung der Bahn für wenig glaubwürdig. Die Stadtbahnsperrung gilt seit dem 10. September, doch er und seine Mitstreiter beobachten die Missstände nach eigenen Angaben schon viel länger. Von der Deutschen Bahn und auch von der Politik fühle er sich allein gelassen. "Die Welt befindet sich im Wandel, hat erkannt, dass ein Umdenken nötig ist und verfolgt ehrgeizige Klimaziele. Die Bürger möchten daran mitwirken, diese Ziele umzusetzen, scheitern aber daran, dass Sie den ÖPNV – auf dem Weg zu Schule, Arbeit – aus dem Berliner Umland nicht nutzen können", sagt R. und fügt resigniert hinzu: "Wenn das so weiter geht, dann werde ich doch wieder auf das Auto umsteigen."

Beitrag von Frank Preiss

Kommentar

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29 Kommentare

  1. 29.

    Ja, das stimmt leider alles. Schon zur Arbeitsstelle, kommt man sehr gestresst und geschwitzt an und das ändert sich auch auf dem Nachhauseweg nicht. Die Werbung der Bahn verspricht, da etwas anderes. Relaxen und am Laptop schon seine täglichen Sachen erledigen. Oft, leider völlig unmöglich !!!

  2. 28.

    Es wäre schon hilfreich, wenn die Spandauer von Jungfernheide bis Spandau und umgekehrt die U-oder S-Bahn nutzen würden.

  3. 27.

    sieht mit RB3 und RB4 auch nicht besser aus. Zu Stoßzeiten hoffnungslos überfüllt, oft fehlen Sitzplätze damit Fahrräder mitgenommen werden können... aber fast niemand macht. Selbst 1. Klasse oft extremst überfüllt, das man keinen Sitzplatz bekommt und zum herum stehen benötige ich kein Abo.

    Da ist man mit dem Auto besser bedient und vor allem zuverlässiger.
    Nur das peilen die Ökoberliner ja nicht. Heulen herum, wenn die Menschen aus Brandenburg mit dem Auto nach Berlin zum arbeiten kommen.

    ÖPNV ist fürn... und für diese Leistung viel zu teuer! Preis Leistung steht in keinem Verhältnis.

  4. 26.

    Theoretisch ja. Am frühen Morgen käme ich nicht flott zu meinem Arbeitsplatz nach Kreuzberg. Am Nachmittag ist die Heimfahrt allerdings ein Desaster und kaum unter zwei Stunden zu schaffen.

  5. 25.

    Es ist eine Frechheit der Bahn zu behaupten, dass die Probleme hauptsächlich durch die jetzigen Sanierungsarbeiten vorhanden sind! Die kurzen Züge fahren seit Ostern 2019!!! Erst nur wenige, dann wurden es immer mehr und inzwischen kann man sich glücklich schätzen, wenn überhaupt noch ein langer Zug (oder ein Ersatzzug mit Doppelstockwagen, der mehr als drei Anhänger hat) im Umlauf ist! Interessant war auch die Fahrgastauswertung, die in den letzten Osterferien durchgefüfrt wurde... Traue nie einer Statistik, dir Du micht selbst gefälscht hast!
    Das ganze ist ein Komplettversagen von Bahn, VBB und Ländern. Zuzug in die Umgebung ist toll - aber dann soll auch das Nahverkehrsangebot entsprechend angepasst werden. Mit dem aktuellen Chaos wird man niemanden zum Umstieg auf klimafreundliche Verkehrslösungen bewegen können.

  6. 24.

    Dann stellt sich mir die Frage, warum fehlen in der Regel 50% der Waggons?
    In der VBB App kann man es wunderbar verfolgen...Zug fährt heute verkürzt?
    Haben sie darauf eine Antwort?

    ...vielen Dank für Ihre Nachricht an Frau Ministerin Schneider.
    Wir bedauern die von Ihnen geschilderte Situation im Bahnverkehr auf der Relation Nauen - Brieslang - Falkensee – Berlin. Auch wir sind mit den von DB Regio erbrachten Leistungen sehr unzufrieden. Fehlende Lokführer und fehlende Fahrzeuge führten und führen dazu, dass die vom Land bestellten Verkehrsleitungen nicht erbracht werden. Das Ministerium und der VBB führen auf sämtlichen Ebenen intensive Gespräche mit der für die Erbringung der Leistung zuständigen DB Regio AG, um durchzusetzen, dass die bestellten Kapazitäten auch tatsächlich so gefahren werden. DB Regio hat die Einstellung von Lokführern erhöht. Weiter verabredet wurden die schrittweise Abarbeitung des Instandhaltungsstaus sowie Ersatzkonzepte

  7. 23.

    Für alle die alles auf unsere Politiker in Deutschland und die Bahnreform schieben (Verkehrsverträge usw.), hier eine kleine Einführung in die Aufsplittung in Nah- und Fernverkehr usw.
    Die EU hat ein Gesetz verabschiedet, dass der Nahverkehr für alle Anbieter innerhalb der EU ausgeschrieben wird und von dem einzelnen Anbieter die Zuschläge erteilt werden. Hier machen wir deutschen nur den großen Vorreiter, denn andere Länder innerhalb der EU interessiert das so langsam erst.
    Also das Land bestellt und einer bekommt den Zuschlag. P.S. die ODEG ist übrigens einer Tochter innerhalb einer Holding, deren Sitz nicht in Deutschland ist.

  8. 22.

    Es ist amüsant wie die DB sich teilweise mit denderzeitigen Umbaumaßnahmen rausredet! Diese Zustände waren bereits vor über einem Jahr so schrecklich! Ich bin anfangs aus Brieselang zur Berufsschule/Arbeit gefahren. Da ich allerdings in meiner Probezeit eher ungern so unpünktlich sein wollte wie die Sardinenbüchsen-Bahn zu den Berufszeiten, musste ich kurzerhand meine Koffer nach Berlin packen und bei einem Bekannten unterkommen. Dort bin ich auch heute noch. Traurig.

  9. 21.

    Und dann noch in die S-Bahn umsteigen: Wilkommen in der Weltstadt Berlin!

  10. 20.

    Na da verzichtet man doch gerne auf das Auto.
    Kein Stau, dafür drängeln und "kuscheln".

  11. 19.

    Als Antwort auf meine, wirklich sehr höflich formulierte Anfrage beim VBB, wann dieser Zustand abgestellt würde, erhielt ich diesen Link: https://www.vbb.de/unsere-themen/qualitaet/qualitaet-im-regio/meine-linie-rb10
    Freundicherweise haben sie nicht dazugeschrieben: "Ich weiß gar nicht, was Sie wollen...!"
    Erwähnt werden sollte auch, dass in vielen Fällen vom Personal auf die korrekte Nutzung der 1. Klasse geachtet wird, was die Situation zusätzlich verschärft.
    Ich fahre inzwischen eine Stunde früher, weil die RB 10 ab Brieselang um 07:15 Uhr praktisch nicht mehr zu benutzen ist.

  12. 18.

    Ich fahre die Strecke mit dem RB10 auch zweimal täglich als Pendler von Endstation zu Endstation und kann mich dem geschilderten nur anschließen und bestätigen das nichts an diesem Beitrag übertrieben ist.
    Die Art und Weise wie die Bahn bzw. das Land, als Auftraggeber, mit Ihren Fahrgästen umgeht ist nicht mehr zu unterbieten und eine Frechheit die einen immer wieder wütend macht und das Gefühl von Ohnmacht vermittelt. Es spielen sich auf JEDER Fahrt während der Rushhour tumultartige Szenen an den hoch frequentierten Bahnhöfen, insbesondere im Berliner Stadtgebiet ab, weil natürlich niemand auf dem Bahnsteig zurückbleiben möchte bei einem Zug der nur einmal in der Stunde fährt und zudem anzunehmen ist das es auch beim nächsten Zug nicht besser aussieht. Mit regelmäßigen Fahrgastzählungen soll den Fahrgästen wohl das Gefühl vermittelt werden das etwas getan wird. Die Situation ist jedoch seit langer Zeit vollkommen unzureichend. Was gedenken Sie zu tun Herr Woidke?

  13. 17.

    Es ist einfach bloß peinlich mit den derzeitige Sanierungsarbeiten die seit Jahren bestehenden Probleme erklären zu wollen.
    Bereits vor Jahren war die Situation katastrophal.
    Im Jahr 2011 fuhr ich Abends nach der Spätschicht mit der RB14 von Charlottenburg Richtung Nauen mit Ziel Brieselang. Nach Spandau hielt der Zug plötzlich auf der Strecke und wir Fahrgäste bemerkten das der Zug samt uns Fahrgäste bei Elstal abgestellt wurde, weil der Lokführer Feierabend machen wollte.
    Aufgrund Defekter Bordlautsprecher wurden wir vom Lokführer nicht informiert und lt. Lokführer wusste das Bahnsteigpersonal nichts von der Entscheidung des Lokführers.
    Großzügigerweise wurden wir Fahrgäste nach unserem Auffinden mit 2h Verspätung doch noch nach Brieselang und Nauen gebracht. Von der DB erhielten wir einen 10€ Gutschein - für Jahreskarteninhaber faktisch wertlos.
    Ich könnte noch viele weitere Skandale aufzählen.

  14. 16.

    Das ist wieder mal der Beweis, das unsere Politik und die Betreiber des Personennahverkehrs absolut keine Ahnung haben.
    Das schlimme zudem ist noch das Personen mit Fahrräder auch noch mit wollen, das geht gar nicht und hier muss der VBB endlich handeln und die Mitnahme von Zweirädern generell untersagen.
    So wie das läuft, werden immer mehr Abstand vom ÖPNV nehmen.

  15. 15.

    Da macht es doch Spaß auf die Öffentlichen umzusteigen. Hoffentlich nehmen sie kein Abenteuerzuschlag.

  16. 14.

    Mir scheint: Die Bahn AG greift zu Standard-Begründungen, die den Praxis-Test nicht aushalten.

    Da wird behauptet, für zusätzliche Fahrten fehlten die Wagen. Das mag aufgrund der einkalkulierten Wiederinstandsetzungspolitik der Bahn AG sogar stimmen. Mit vorsorgender Instandhaltung, die Defekte vermeiden soll, wäre das ggf. nicht passiert. Was aber keinesfalls stimmen kann, ist, dass auch abends nach 20 Uhr Wagen fehlten.

  17. 13.

    Nicht vergessen: Nicht die Deutsche Bahn ist schuld! Der VBB bestellt für jede Linie den Fahrplan und hat die Züge vorgeschrieben, so z.B. Talent für die RB 14 und RE 7 , 4-teilige KISS der ODEG für die RE 2, 5-teilige Doppelstockzüge lokbespannt für die RE 1! Die Politik ist allein dafür verantwortlich füe die bestellten Züge! Deswegen gibt es keine Reserven weder bei ODEG, DB-Regio, NEB usw.

  18. 10.

    Stand neulich an der Regionalbahn 3, dann die Durchsage: "Der Zug fällt aus". Nachmittags!
    Auf einer Strecke wo nur stündlich ein Zug fährt????
    Da bin ich mit dem Auto 4 mal schneller zu Haus!

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