Menschen am U-Bahnhof Potsdamer Platz (Quelle: imageBROKER/Jochen Tack)
Bild: Audio: Inforadio | 12.09.2019 | Vera Wolfskämpf

Umfrage unter 30- bis 59-Jährigen - "Generation Mitte" kämpft trotz Wohlstand mit Ängsten

Mehr Aggressivität, mehr Zeitdruck, mehr Egoismus: In einer Umfrage äußern 30- bis 59-Jährige starkes Unbehagen mit dem derzeitigen Zustand von Gesellschaft und Arbeitswelt. Finanziell geht es ihnen nach eigenen Angaben dagegen gut.

Nach Jahren des Aufschwungs hält die mittlere Generation in Deutschland ihre wirtschaftliche Lage für so gut wie lange nicht. 44 Prozent der 30- bis 59-Jährigen meinen, dass es in ihnen finanziell heute besser geht als vor fünf Jahren, wie eine repräsentative Allensbach-Umfrage ergab. Nur 16 Prozent sprechen dagegen von einer Verschlechterung.

Das sind die besten Werte in den sechs Jahren, in denen das Institut die "Generation Mitte" für den Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft die Befragung durchführt hat. Im Osten fallen die Zahlen sogar noch etwas besser aus.

"Merkwürdige Diskrepanz"

Dennoch gibt es eine "merkwürdige Diskrepanz", wie Allensbach-Chefin Renate Köcher sagt. Denn bundesweit stimmten gleichzeitig die meisten Befragten der Aussage zu, dass Aggressivität, Zeitdruck, Egoismus in der Gesellschaft zunähmen. Der Respekt sinke, gute Manieren verlören an Bedeutung, die Ungeduld wachse - jeweils zwei Drittel bis vier Fünftel aller Befragten sehen es so.

"Diese Aggressivitätsphänomene nehmen zu, ich vermute auch durch die Erhöhung der Schlagzahl in der Gesellschaft", sagte Köcher. "Viele sagen, der Zeitdruck wird deutlich höher."

Die Menschen erlebten Agressivität vor allem im Straßenverkehr, viele aber auch auf öffentlichen Plätzen, in Bussen und Bahnen sowie im Internet. 90 Prozent sehen sich dort regelmäßig mit aggressivem und rücksichtlosem Verhalten konfrontiert. Die meisten fühlen sich auch auf öffentlichen Plätzen und in Bussen und Bahnen nicht wohl. Für mehr als die Hälfte (54 Prozent) ist zudem das Internet ein Hort der Aggression.

Internet als Beschleuniger

Die Beschleunigung von Debatten durch sogenannte soziale Netzwerke wie Whatsapp und Twitter spielt demnach ebenfalls eine Rolle. Es werde viel stärker impulsgetrieben kommuniziert, sagte Köcher. "Bei vielen sind ungestörte Zeitreservate deutlich weniger geworden." Gewachsen sind demnach auch Aggressivität gegenüber Polizisten und Rettungskräften. Zwei von drei Befragten (68 Prozent) sind zudem der Meinung, dass die Fremdenfeindlichkeit auf dem Vormarsch ist.

Die Wirtschaftslage wird aus Sicht der Befragten in den nächsten Jahren nicht mehr so gut sein wie zuletzt. 41 Prozent glauben, dass Deutschland zurückfallen wird, etwa weil Fachkräfte fehlen, aufgrund der Politik des US-Präsidenten Donald Trump oder weil Deutschland bei wichtigen Technologien den Anschluss verpassen könnte.

Ostdeutsche empfinden noch immer Trennung

Vor allem für die Ostdeutschen sei die Frage, ob Menschen aus Ost- oder Westdeutschland stammen, auch 30 Jahre nach dem Mauerfall ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal, heißt es weiter. Während insgesamt nur 35 Prozent der Befragten die Frage nach ost- oder westdeutscher Herkunft als trennend empfinden, sieht jeder zweite Ostdeutsche (55 Prozent) dies so. Bei den Westdeutschen sind es 31 Prozent.

Gleichauf liegen Ost- und West bei der Beurteilung der eigenen Finanzsituation: Insgesamt 59 Prozent der Generation Mitte ziehen eine positive Bilanz - dies ist der höchste Wert seit Beginn der Befragung 2013. Neun Prozent bewerten ihre materielle Lage eindeutig negativ.

Die Studie "Generation Mitte" wird seit 2013 jedes Jahr im Auftrag der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) erstellt. Die repräsentative Befragung gibt Auskunft über das Lebensgefühl der beruflich und familiär besonders geforderten mittleren Generation und beschäftigt sich auch mit Fragen der Altersvorsorge und Gleichberechtigung.

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9 Kommentare

  1. 9.

    Die Studie beschreibt das m. E. sehr treffend. Menschen werden "konditioniert" entlang von Raum und Zeit und sie lassen sich "konditionieren". Ab und zu bricht was auf. Bei Spitzenmanagern, wenn sie in Hotels unterkommen und das Reinigungspersonal in den Hotels von den hinterlassenenen Hotelzimmern förmlich ein Lied singen können. Bei anderen, die etwas weniger stark in der Mühle drin sind, ist dies etwas schwächer ausgeprägt.

    Alle zugelegten techn. Einrichtungen und aller zugelegter Zierrat der Welt, der natürlich getreulich "vorgezeigt" werden muss, kann dies nicht aufheben. Nur, wenn Menschen das für sich selbst ein Stück weit anders machen, soweit sie die Möglichkeiten dazu haben. Dazu gehörte dann auch die Klarheit, dass alle techn. Mittel eben nur Mittel und kein Zweck sind.

    Das explosive Herausbrechen aus der Mühle hat dagegen immer nur Extreme befördert. Sei es in den persönlichen Verhaltensweisen, sei es bei der Wahl einschlägiger Rechtsextremisten.

  2. 8.

    " Aggressivität, Zeitdruck, Egoismus in der Gesellschaft zunähmen " warum ist das so ??? darüber gibt die Studie keine Hinweise, leider....

  3. 7.

    " Berlin wsr mal lebenswert, sage ich,.... "

    ich auch , bin aber 1975 fortgezogen, war zwischenzeitlich öft besuchsweise dort und enpfand es von Mal zu Mal weniger
    besuchenswert. Ja, tempora mutantur und wir damit auch. Rom ging damals auch unter, wobei ich Berlin nun mit Rom keinesfalls auf eine Stufe stellen will. 753 kroch Rom aus dem Ei( v Chr ) , Berlin kam etwas später

  4. 6.

    Achso sie wollen den Leuten vorschreiben wann sie Angst haben sollen und wann nicht?
    Gucken Sie sich mal den Planeten an....Terror, Krieg, Armut, Politiker die unfähig sind, Korruption etc
    Ich bin Realist und laufe nicht blind durch die Gegend...
    Glauben sie mir, lange geht das nicht mehr gut...

  5. 5.

    Stimmt leider, es wird immer aggressiver und etliche Diskussionen werden echt hysterisch geführt.
    Man hat das Gefühl , dass einem bald alles um die Ohren fliegt, sachliche Diskussionen und Kommentare sind in der Anonymität der div. Onlineplattformen langsam selten. Auf der Straße und in den Öffis trifft man immer häufiget auf ellenbogenbewährte Egoisten und das macht in den letzten Jahren auch das früher gute Klima in der Stadt kaputt. Berlin wsr mal lebenswert, sage ich, die hier vor 63 Jahren geboren wurde. Jetzt wollen Zugeteiste und sonstige "hippe Leute" mehr ändern als beibehalten aber natürlich immer das, was den eigenen Interessen entspricht und das so radikal, dass es schon fanatisch anmutet. Wem es hier nicht gefällt, muss ja nicht hier leben. Mir fehlt zunehmend Toleranz, Respekt , Rücksichtnahme und der normale Menschenverstand. In allen Lebenslagen.

  6. 4.

    Diesem Gefühl muss ich leider Recht geben. Ich würde gern einen Teil des finanziellen „Wohlstands“ dafür hergeben, in einer solidarischen und weniger rücksichtslosen und egoistischen Gesellschaft zu leben. Jeder denkt nur noch an sich, Empathie ist leider für viele etwas völlig Fremdes geworden. Auch ein Grund, warum z.B. Rettungsgasse und Reißverschlussverfahren im Straßenverkehr nicht mehr funktionieren.

  7. 3.

    Sie meinen diese Aneinanderreihung von alaramistischen Untergangsbeschwörungen wirklich ernst, oder? Was Sie sowie die Studie nicht beleuchten, ist der Unterschied zw. Realität und Medienrealität, ganz abgesehen von Ihrem eugenischen Narrativ von "Überbevölkerung".

    Wir leben in Deutschland im Großteil äußerst privilegiert. Das verdanken wir nicht nur einem Ungleichgewciht im Handel, sondern auch dem zur "Selbstoptimierung" einpeitschenden Neoliberalismus, der die Grundlage aller Entsolidarisierung bildet. Ein dauerhafter, empathischer Blick für Mitmenschen mit weniger Glück fehlt an vielen Stellen und diejenigen, die ihn haben und verbreiten, werden als 'Sozialspinner' und 'Träumer' verunglimpft.

    Bezüglich der Landtagswahl Brandenburg ist doch bezeichnend, dass sich im "Speckgürtel" viele der AfD zuwendeten. Angst wirkt, auch dann wenn es keinen Grund gibt. Und sie wird zur Legitimation diverser Ungleichwertigkeitsideologien herangezogen.

  8. 2.

    Ich gehöre zu dieser Generation. Mein Wohlstand hält sich in Grenzen.

  9. 1.

    Es wird auch nicht besser.
    Die Zivilisation wie wir sie jetzt kennen ist dem Untergang sehr nahe.
    Das sieht man schon wenn man den Fernseher an macht.
    Ich denke das ganze wird im Chaos enden und damit meine ich den 3.Weltkrieg.
    8Mrd Menschen sind zuviel für diesen Planeten.

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