Brandenburg, Lieberose im Mai 2018: Zarte Triebe einer jungen Birke sind am Stamm einer verkohlten Birke nach einem Brand vor einem Jahr in der Lieberoser Heide zu sehen (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Bild: dpa/Patrick Pleul

Unser Wald | Wildnispark Lieberose - Wenn die Natur abgebrannte Waldflächen zurückerobert

Auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Lieberose bei Cottbus brennt regelmäßig der Wald. Die Natur kommt damit erstaunlich gut zurecht. Doch Naturschützer fürchten um eine einzigartige Wildnis, die in den vergangenen 30 Jahren entstanden ist. Von Wolfgang Albus

Jenny Eisenschmidt, Projektleiterin der Stiftung Naturlandschaften Brandenburg, gehört zu den wenigen Menschen, die in die sogenannte rote Zone dürfen. Diese ist im Wildnisgebiet Lieberose in gewisser Hinsicht auch eine tote Zone: Mitten auf dem ehemaligen sowjetischen Truppenübungsplatz liegen gewaltige Mengen Munition. Hier haben die Teilnehmer des Warschauer Pakts bis zur Wende große Manöver abgehalten und massenhaft Blindgänger hinterlassen.

Juli 2018: Jenny Eisenschmidt, Leiterin der Außenstelle Lieberose der Stiftung Naturlandschaften Brandenburg, fotografiert frisch gewachsene Baumpilze an einem verkohlten Stamm einer Birke nach einem Brand vor einem Jahr in der Lieberoser Heide (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Jenny Eisenschmidt fotografiert frisch gewachsene Baumpilze an einem verkohlten Stamm einer Birke nach einem Brand 2017Bild: dpa/Patrick Pleul

Schönheit durch Zerstörung

Ihre besondere Schönheit verdankt diese Landschaft gerade der Zerstörung durch Panzerketten oder Beschuss. Durch die Verwüstungen entstanden hier - einzigartig für Brandenburg - sogar Binnendünen. Gleichzeitig blieben die Flächen jahrzehntelang nahezu unberührt von Verkehrswegen, Besiedlung und konventioneller Landwirtschaft – eine echte Wildnis konnte sich so entwickeln:  Seltene Pflanzen und Tiere, die mit dem kargen Sandboden klarkommen, haben eine Heimat gefunden.

Sogar den zuständigen Oberförster Axel Becker verblüfft es, wie schnell die Natur die Flächen erobert. Ein kleiner Birkenwald, der vor zwei Jahren niedergebrannt ist, bietet nur auf den ersten Blick einen beklagenswerten Zustand. Zwar sind die meisten Bäume abgestorben und werden nach und nach vom Wind umgeworfen. Doch es gibt bereits neues Leben. Bäume, die das Feuer überstanden haben, verbreiten ihren Samen auf den Waldbrandflächen. Überall sprießen junge Bäume, sogar Eichen.

In Lieberose darf der Wald machen, was er will

Wölfe als Waldschützer

Die jungen Sprösslinge haben es allerdings schwer, denn kaum sind sie einige Zentimeter in die Höhe gewachsen, werden sie als zartgrüne Delikatesse vom Wild verspeist. Im Wirtschaftswald würde man über eine intensive Jagd nachdenken. Doch hier dürfen nur Wölfe jagen. Sie können die Wildbestände jedoch nicht so stark regulieren, dass Bäume ohne Lebensgefahr aufwachsen können.

Für Jenny Eisenschmidt ist dies ein Teil des Experiments namens Wildnis, die ihre Stiftung erhalten will. Sie rechnet damit, dass genügend Bäume durchkommen. Der Augenschein gibt ihr Recht. Und wenn der Wald doch nicht hochkommt, wäre dies für sie auch nicht dramatisch. Hier geht es nicht um Holzerträge, sondern um den Lauf der Natur. 

Die Brände gefährden die Wildnis

Doch die größte Gefahr für die Naturlandschaft sind die Waldbrände. Sie haben riesige Flächen zerstört. Und es werden immer mehr. Das macht den Freunden der Lieberoser Heide Sorgen - auch weil ein Förderverein eine internationale Naturausstellung plant. Sie soll großräumig Besucher anlocken, die sich dafür interessieren, wie sich die Landschaft in den 30 Jahren nach dem Abzug des Militärs entwickelt hat. Die Flächen, die jahrzehntelang sich selbst überlassen waren, sollen die Attraktion werden. Doch wegen der ständigen Waldbrände, bei denen auch Brandstiftung vermutet wird, verschwinden immer mehr davon. Das bietet Zündstoff für Spekulationen. Will jemand dieses Projekt sabotieren oder sind es sogar fanatische Naturschützer?

Letzteres ist mehr als unwahrscheinlich. Denn den Flammen fallen auch die wertvollsten Flächen dieses Gebietes zum Opfer: die Moore. Wenn diese in Brand geraten, können sie nicht gelöscht werden, weil die Flächen munitionsbelastet sind. Eines brannte wochenlang in einem abgebrannten Waldstück. Was die Natur in Jahrhunderten geschaffen hat, wird dabei restlos zerstört.

Weniger Wildnis wagen?

Brandschutzstreifen, Löschwasserbrunnen und ständige Patrouillen der Bundespolizei sollen dem Feuerspuk ein Ende bereiten. Deutschlands prominentester Waldbrandspezialist, Johann Goldammer, stellt jedoch das Wildnis-Konzept generell in Frage. Truppenübungsplätze seien so stark vom Menschen beeinflusst, dass man sie nicht der Natur überlassen solle. Er plädiert dafür, die Heideflächen im Abstand von maximal zwei Jahrzehnten niederzubrennen und bei dieser Gelegenheit die Munition zu beräumen. Das aber würde dem Traum von einer Wildnis mitten in Brandenburg entgegen laufen.

Führungen in den Sperrbezirk

Die interessantesten Flächen sind aufgrund der hohen Munitionsbelastung für Besucher gesperrt, aber nicht völlig unzugänglich: Es gibt regelmäßige Exkursionen. Ein Park zeigt zudem die unterschiedlichen Landschaftsformen. Einst überwachten hohe Mlitärs auf dem "Feldherrenhügel" die weitläufige Manöverfläche. Heute blickt man von hier aus schlicht in den Wald, der sich ohne Zutun des Menschen wieder ausgebreitet hat.

Sendung: rbb Fernsehen, 09.09.2019, 21 Uhr

Beitrag von Wolfgang Albus

Kommentar

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Antwort auf [Heike] vom 07.09.2019 um 13:32
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2 Kommentare

  1. 2.

    Auch nach einem Waldbrand erholt sich der Wald von ganz alleine, Hilfe braucht er nicht.

  2. 1.

    Lieber rbb, vielen Dank für diesen wirklich interessanten Bericht. Die Natur holt sich auf einem anderen Weg das zurück, was ihr durch die Brände genommen worden ist.

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