Professor Thomas Fydrich mit der Angstpatientin Vivien Sachs bei einer VR-Therapiesitzung. (Quelle: rbb/praxis)
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Schmerz- und Angsttherapie - Wie Virtual Reality erkrankten Menschen helfen kann

Mit Virtual-Reality-Brillen verbindet man meist Computerspiele, doch sie können auch Kranken helfen. Weltweit wird an neuen Therapiemethoden geforscht. Besonders verbreitet sind virtuelle Programme für Schmerz- und Angstpatienten. Von Oliver Soos

Vivien Sachs ist Fotografin aus Berlin-Oberschöneweide. Sie leidet an Höhenangst. Kundenaufträge können für sie zur echten Belastung werden. Die 40-Jährige erzählt von einem typischen Beispiel: "Ich hatte ein Hochzeits-Fotoshooting im Berliner Dom. Die Standesbeamtin hatte die Idee, mit dem Brautpaar zur Kuppel hochzugehen, denn am Rundgang habe man eine tolle Aussicht. Ich versuche mir in solchen Situationen nichts anmerken zu lassen, aber ich habe total gelitten. Ich bin innerlich fast Achterbahn gefahren“, erzählt Sachs.

Die Fotografin hat nie etwas gegen ihre Höhenangst getan. Erst ein Suchaufruf der Redaktion rbb Praxis macht sie neugierig. Sie ist bereit, ein Virtual-Reality-Programm für Angstpatienten auszuprobieren und sich dabei mit der Kamera begleiten zu lassen.

Die Angst lässt nach einigen Minuten etwas nach

Der Versuch findet im Zentrum für Psychotherapie der Humboldt-Universität Berlin in der Klosterstraße statt. Der Leiter des Zentrums, Professor Thomas Fydrich, führt die Fotografin in einen langen Flur und setzt ihr eine VR-Brille, kurz für Virtual-Reality-Brille, auf den Kopf. "Eieiei!" ruft sie, denn sie findet sich auf dem Dach eines Wolkenkratzers wieder. Vor ihr ist ein Stahlseil, das zu einem zweiten Hochhaus führt. Der Abgrund wirkt durch die 360-Grad-Animation in 3D ziemlich echt. Vivien soll über das Seil laufen. Währenddessen möchte der Therapeut wissen, wie groß ihre Angst auf einer Skala von Null bis zehn ist.

Langsam und vorsichtig tappst sie durch den Flur und schwankt dabei. "Wenn ich nach unten gucke, ist es extrem. Da bin ich sofort bei neun oder fast zehn. Oh mein Gott", ruft Sachs. Fydrich fordert sie auf, nicht aufzugeben und schlägt ihr vor, etwas schneller zu gehen. Nach einigen Minuten entspannt sich Sachs etwas. "Jetzt bin ich nur noch bei sieben", sagt sie, "wenn ich mir die Szenerie länger angucke, gewöhne ich mich ein bisschen daran."

Professor Thomas Fydrich mit der Angstpatientin Vivien Sachs bei einer Therapiesitzung. (Quelle: rbb/praxis)
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Solche VR-Programme gibt es vor allem an Unis

Thomas Fydrich beendet die Übung, denn der gewünschte Effekt habe eingesetzt. "Mit Virtual Reality versuchen wir, so nah wie möglich an reale Reizsituationen heranzukommen, so dass Körper und Geist merken, dass das nicht wirklich gefährlich ist", erklärt der Psychologe. Es gehe darum, Reize zu ertragen, ohne das Angstgefühl zu haben. Vivien Sachs bestätigt, dass sie nach vier bis fünf Minuten verstanden habe, dass ihr nichts passiert und dass sie nicht vor Angst in Ohnmacht fallen wird.

Einige Tage später legt Sachs sogar noch eine Schippe drauf und erklimmt mit Fydrich auf den Köpenicker Müggelturm. Den Turm kennt sie seit ihrer Kindheit. Hoch hat sie sich noch nie getraut. Das VR-Programm habe ihr ein Stück weit geholfen, sagt sie.

Solche Programme für Angstpatienten werden in Deutschland bislang vor allem an den Universitäten erforscht. Führend sind die Universität Regensburg und die Hochschule Heilbronn. Im Patientenalltag ist die Technik kaum angekommen. In Berlin findet man im Internet nur eine Praxis, in der eine Heilpraktikerin mit Virtual Reality therapiert.

Der Müggelturm in Köpenick in Südost Berlin. (Quelle: rbb/Abendschau)
Der Müggelturm in Berlin-Köpenick ist 29,61 Meter hochBild: rbb/Abendschau

Bei "Manic VR" geht es um die bipolare Störung

Ein weiteres Projekt heißt "Manic VR". Es soll helfen, eine sehr komplexe psychische Erkrankung besser zu verstehen, die bipolare Störung, auch manisch-depressive Erkrankung genannt. Die 30-jährige kanadische Filmemacherin Kalina Bertin hat "Manic VR" entwickelt und vor wenigen Wochen in einer Ausstellung im Kleisthaus in Berlin-Mitte präsentiert

"Die Stimmen, die du gleich hören wirst, gehören meinem Bruder und meiner Schwester", erklärt Bertin, während sie dem Autor eine schwarze VR-Brille aufsetzt. "Bei meinen Geschwistern wurde eine bipolare Störung diagnostiziert und sie haben mir geholfen, dieses Programm zu entwickeln", sagt sie dabei. "Du wirst gleich in ihre Gedankenwelt eintauchen und das emotionale Spektrum der bipolaren Störung kennenlernen." 

Professor Thomas Fydrich mit der Angstpatientin Vivien Sachs bei einer VR-Therapiesitzung. (Quelle: rbb/praxis)
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So könnte die Krankheit besser verstanden werden

Das Programm startet und der Autor taucht ein, in die erste Phase der bipolaren Störung: Euthymie – normale Grundstimmung. In einem leeren Krankenhauszimmer mit kahlen Wänden ertönt die Stimme von Bertins Schwester: "Ich komme heute nicht aus dem Krankenhaus, morgen vielleicht. Ich habe auf dem Boden gesessen und auf die Wände meines Krankenhauszimmers geschrieben. Ich weiß nicht, warum das immer passiert."

Das Zimmer des Bruders erscheint. Ein Bett, einn Schreibtisch, eine Gitarre. Im Hitnergrund ist seine Stimme zu hören: "Ich bin jetzt in einem Stadium, in dem ich das Gefühl habe, dass alles gut wird. Essen erscheint mir nicht mehr wichtig und ich höre auf zu essen, ich schlafe nicht mehr. Alles, was ich mache, erscheint mir total interessant."  

Die Stimmung hebt sich bis zur manischen Phase. Die Decke des Schlafzimmers löst sich auf. Der Autor schwebt in einen bunten Sternenhimmel. Dann ist er plötzlich in einer Gefängniszelle unter Wasser: die depressive Phase. Bertins Bruder spricht über Selbstmordgedanken. Das alles ist ein ziemlich schräger, schauriger Trip.

Bei einigen Ausstellungsbesuchern habe diese Erfahrung noch eine ganz andere Wirkung erzielt, sagt die Filmemacherin: "Hier waren Sozialwissenschaftler und Psychologen, aber auch Betroffene und Angehörige. Und die haben sich oft bedankt und gesagt, dass sie die Krankheit nun ein Stück weit besser verstehen würden. Genau dafür ist "Manic VR" gedacht, es soll ein Dialog geschaffen werden." Bertin hat ihr Projekt auf einigen Festivals präsentiert. Bald soll "Manic VR" Psychiatrien zur Verfügung gestellt werden. 

Zu Besuch bei der "Forschungsgruppe Geriatrie" der Charité

Das dritte Virtual-Reality-Programm testet der Autor in der Charité, auf dem Campus in der Reinickendorfer Straße in Wedding. Was er da macht, muss für Außenstehende ziemlich ulkig aussehen. Er sitzt auf einem Stuhl, mit einer VR-Brille auf dem Kopf. Abwechselnd stampft er mit dem linken und rechten Fuß auf, als ob er irgendetwas zertreten würde. Er ist bei der "Forschungsgruppe Geriatrie" der Charité. Neben ihm stehen die jungen Wissenschaftler, Oskar Stamm und Rebecca Dahms. Das VR-Programm hält einen in Bewegung. Es soll alten Menschen helfen, die chronische Rückenschmerzen haben. "Mit Bewegungen kann man Rückenschmerzen entgegengehen. Es geht darum, den inneren Schweinehund zu überwinden und dabei hilft Virtual Reality", erklärt Rebecca Dahms.

Den Autor motiviert das Programm, immer weiter mit den Füßen zu stampfen. Er sieht sich in den Bergen, auf einer großen Wiese. Mit den Füßen steht er auf zwei Laufbändern, die sich auf ihn zu bewegen. Auf den Laufbändern liegen blaue Scheiben, die er zertreten muss. Der Rückenschmerz-Patient soll animiert werden, Bewegungen machen, die ihm in der Physiotherapie schwerfallen würden. Es gehe darum, den Patienten abzulenken, so Oskar Stamm. "Studien zeigen, dass die Ablenkung schmerzlindernd wirkt und dass Virtual Reality dabei auch deutlich besser funktioniert als 2D-Projektionen, also wenn man sich das Ganze nur auf einem Monitor ansieht", sagt Stamm.

Eine rote Zielscheibe über Rückenschmerzen
Bild: imago/Ikon Images

Mit Virtual Reality gegen Schmerzen

Virst heißt das Programm, das steht für Virtual Reality in der Schmerztherapie. Gefördert wurde es vom Bundesforschungsministerium. Wann und wo es zum Einsatz kommen soll, kann Oskar Stamm allerdings nicht sagen. "Wie immer bei Forschungsprojekten liegt es am Ende an der Wirtschaft, das Programm auf den Markt zu bringen. Meine Vision ist, dass es irgendwann einmal beim Patienten zu Hause zum Einsatz kommt", sagt Stamm.

Doch so weit ist man noch nicht. Am Ende der Besuche bei den Berliner VR-Forschern bleibt die Feststellung, dass die Technik durchaus Potential hat. Doch bislang können vor allem Probanden in Forschungseinrichtungen Virtual Reality ausprobieren. Bis VR-Brillen in Psychiatrien und Arztpraxen verbreitet sind oder auch beim Patienten zu Hause, wird es wohl noch ein paar Jahre dauern. 

Sendung: Inforadio, 07.09.2019, 9:30 Uhr

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4 Kommentare

  1. 4.

    Stimme Ihnen voll zu, das mit der Brille wäre wirklich eine Hilfe oder Ansatz zur Hilfe seine Angst einzudämmen.
    Wir beide wissen ja wie es ist mit der Angst, man wird ja viel belächelt von Kollegen oder auch Familie.

  2. 3.

    Interessanter Ansatz, um Symptome besser in den Griff zu kriegen.
    Wichtiger finde ich jedoch, gezielter an die Ursachen der Erkrankung heranzugehen. Da muss man sich dann halt mit jedem Einzelfall individuell beschäftigen, dann hilft vermutlich kein Computerprogramm mehr weiter.

  3. 2.

    Ich kann Sie gut verstehen. Auch ich habe Angst vor Höhe, Brücken zu überqueren u.ä. Daher machte ich jahrelang, so als Art Schocktherapie, Urlaub in Kärnten. Sessellift, Brückenwanderungen, Berggipfel. Das half wirklich. Für genau den Urlaub. Im nächsten Jahr war es aber wieder dasselbe, vielleicht sogar etwas schlimmer. Jetzt langt's mir. Ich würde das mit der Brille aber versuchen wollen. Und wenn es nur dazu dient, mehr Akzeptanz diesem Handicap gegenüber zu gewinnen.

  4. 1.

    So etwas in der Form gibt es , so glaube ich auch an der Charite. Man rät ja Angstpatienten immer wieder sich den Dingen auszusetzen vor denen man Angst hat. Das kann aber auch sehr daneben gehen. Ich habe Brückenangst und vor Menschenansammlungen. Sich dazu zu zwingen eine Brücke zu überlaufen ruft manchmal noch viel mehr Angst hervor. Ich mache das was ich schaffe und das würde ich auch allen Angstpatienten raten nicht unbedingt seine Grenzen aus zu testen. Der Körper reagiert nun mal darauf.<der Bericht ist sehr gut.

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