Symbolbild: Arzt verschreibt ein Arzneimittel. (Quelle: dpa/Bernhard Schmerl)
Bild: dpa/Bernhard Schmerl

Falsche Behandlungen - Ärzte verschreiben seltener Antibiotika bei Erkältungen

Oft werden Antibiotika verschrieben, obwohl sie gar nicht wirken können: bei virusbedingten Erkältungskrankheiten. Dadurch steigt die Gefahr resistenter Keime. Das scheinen auch Ärzte und Patienten erkannt zu haben. Von Oliver Noffke

Verschreibungen von Antibiotika bei Erkältungskrankheiten sind in Berlin innerhalb von vier Jahren deutlich zurückgegangen. Das zeigt eine Auswertung der Techniker-Krankenkasse (TK). Im vergangenen Jahr verordneten Ärzte bei etwa jeder sechsten Krankschreibung (17,7 Prozent) wegen einer Erkältung Antibiotika. 2014 wurde demnach noch bei mehr als jeder vierten Krankschreibung (25,5 Prozent) wegen einer Erkältung Antibiotika verschrieben.

In Brandenburg lag die Quote etwas über der Berliner. Im vergangenen Jahr sei bei jeder fünften Krankschreibung wegen einer Erkältungskrankheit Antibiotika verordnet worden. Vier Jahre zuvor noch bei jeder dritten. Damit liegen beide Länder unter dem Bundesschnitt, der laut TK zuletzt bei 22 Prozent lag. Zehn Jahre zuvor betrug dieser Wert im Bundesschnitt 38 Prozent [tk.de].

Diese Zahlen beruhen auf einer Auswertung von Verordnungsdaten von Mitgliedern der Kasse. In Berlin und Brandenburg sind etwa 1,1 Millionen Menschen bei der TK versichert. Andere Krankenkassen bestätigten auf Anfrage von rbb|24, dass Ärzte seit einigen Jahren seltener Antibiotika verschreiben. Konkrete Zahlen konnten sie allerdings nicht nennen.

Wirkungslos gegen Viren, aber nicht ohne Wirkung auf den Körper

Antibiotika bekämpfen Infektionen, die durch Bakterien hervorgerufen werden. Erkältungskrankheiten werden jedoch in den allermeisten Fällen durch Viren verursacht, gegen sie sind Antibiotika wirkungslos. In diesen Fällen wird also die Ursache der Erkrankung nicht behandelt. Umfragen unter Ärzten in Deutschland zeigen dennoch immer wieder, dass virusbedingte Erkältungserkrankungen der häufigste Grund für die Verschreibung von Antibiotika sind.

Auf den Körper wirken Antibiotika trotzdem; etwa indem sie die Bakterien der Darmflora großflächig abtöten, die zur Nahrungsverdauung notwendig sind. Bakterien, die diesen Medikamentenangriff überstehen, vermehren sich anschließend und bevölkern den Dünndarm auf ein Neues. Dies dauert jedoch einige Tage. Zudem kann die Darmflora dabei deutlich verändert werden. Beides kann insbesondere bei kleinen Kindern und älteren Patienten zu weiteren Problemen führen.

Denn in der Darmflora befinden sich auch Bakterien, die unseren Körper schaden können, aber von körperfreundlichen Bakterien in Schach gehalten werden. Überstehen Bakterien eine Antibiotikabehandlung geben sie diese Informationen sehr wahrscheinlich an ihre Nachkommen weiter. Dann besteht die Gefahr, dass diese Krankheitserreger Resistenzen entwickeln - das heißt, ein Antibiotikum wird gegen sie wirkungslos. Resistenzen können auch entstehen, wenn Antibiotika falsch eingenommen werden, etwa wenn sie unterdosiert werden oder Patienten ihre Medikamententherapie vorzeitig abbrechen [bundesaerztekammer.de].

Antibiotikaforschung gilt in der Pharmaindustrie als unattraktiv

Die Vereinten Nationen (UN) sehen Antibiotikaresistenzen als "größte und dringendste globale Gesundheitsgefahr". Dennoch haben in den vergangenen Jahren immer wieder große Pharmakonzerne ihre Forschungslabore auf diesem Gebiet geschlossen. Im September bestätigte der weltgrößte Gesundheitskonzern Johnson & Johnson dem NDR, keine neuen Antibiotika mehr entwickeln zu wollen.

Die Forschung an diesen Medikamenten ist für Pharmaunternehmen finanziell wenig attraktiv. Den hohen Entwicklungskosten steht eine kurzzeitige Einnahme gegenüber. Gegenüber Medikamenten, die bei chronischen Krankheiten wie Bluthochdruck oder Krebs eingenommen werden müssen, ist der Umsatz mit Antibiotika also gering. Zudem werden neue Antibiotika zunächst als Reserve gesehen und nur dann eingesetzt, wenn bereits bekannte Präparate bei Patienten keine Wirkung mehr zeigen.

Für Aufsehen sorgte vor einigen Tagen eine Veröffentlchung im Fachblatt "Nature". Forscher der Universität Zürich und des schweizerischen Pharmaunternehmens Polyphor beschrieben darin eine neue, synthetische Antibiotika-Klasse, die in vorklinischen Tests auch gegen resistente Krankenhauskeime gewirkt hat.

Beitrag von Oliver Noffke

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22 Kommentare

  1. 22.

    Bei privatversicherten kann der Arzt für die Ausstellung eines Wiederholungsrezeptes (für ständig benötigte Medikamente) die Leistung Nr. 2 nach GOÄ abrechnen. Ergibt, je nach Berechnungsfaktor, eine Summe von 1,75 €- 3,15 €. Davon muss der Arzt den Rezeptvordruck bezahlen, Tinte /Toner für den Drucker, die Arzthelferin, die die Patientenakte am PC aufruft, dieVerschreibung prüft und letztendlich das Rezept druckt.
    Was privat Versicherte dann von ihrer Versicherung erstattet bekommen, hängt von dem Tarif ab, zu dem sie versichert sind. Das ist eine Sache zwischen Versicherung und Patient und geht den Arzt nichts mehr an. in der Regel ist es so, dass der Versicherte erst mal in Vorleistung geht (was bei Diabetikern zum Beispiel schnell mal ein paar Hundert Euro sind)und die Rechnungen dann bei der Versicherung einreichen kann. Was auf einem Privatrezept steht, fällt auch nicht ins Arzneimittelbudget des Arztes.

  2. 21.

    Krea, falls Sie mich meinen: Ich bin vom Fach.
    Beantworten Sie doch bitte noch, woher Sie das mit den angeblichen Verträgen zwischen Ärzten, Apothekern und Pharmafirmen wissen wollen.

  3. 20.

    Es geht ja nicht um den Verdienst der Ärzte, der steht hier überhaupt nicht zur Debatte. Ich verstehe nicht das einige User/innen die dann auch noch so tun als ob sie vom Fach wären ( lach...) das denn immer in eine Richtung drehen die überhaupt nichts mit dem Thema zu tun hat.

    Ich sage es nochmal , ich freue mich das es rückläufig ist Antibiotika zu verschreiben.
    Und nur darum geht es hier. @Vera guter Kommentar

  4. 19.

    Das ein Arzt daran verdient glaube ich nicht.
    Aber es wird mit Sicherheit zu schnell und oft Antibiotika verschrieben.
    Der Patient ist daran Ach nicht unschuldig, er kann ja nachfragen ob das wirkl notwendig ist.

  5. 18.

    ich weiss nicht, wie das bie den Privatversicherten ist - da wird zum Rezept eine Rechnung erstellt mit "eingehender Untersuchung" pipapo, obwohl nix stattfand, und der Patient kriegt ALLES ersetzt von der Kasse, nehme ich an. Weshalb sich ja eine Praxis nur rechnet, wenn sie in einem Wohngebiet mit vielen Privatversicherten liegt. Selbständige, oder reiche Witwen, LehrerInnen, da geht was. Da wird auch gerne AB verordnet, wie wir am Lehrerinnen-Kommentar ja erkennen konnten.

    es ist so vieles krank an unserem System. Natürlich allem voran die Sache mit dem Fehlen auf der Arbeit - dürfte man sich auskurieren, daheim, bräuchte man nur die Hälfte der Medikamente, Antibiotika inklusiv, und nur die Hälfte der Arzttermine... Schuld sind da Chefs, Team/Gruppenleiter. Oder stutenbissige KollegInnen...

  6. 16.

    " eine neue, synthetische Antibiotika-Klasse, die in vorklinischen Tests auch gegen resistente Krankenhauskeime gewirkt hat "
    stimmt , und sollten diese Mittel auch mal die Zulassung erhalten , so ist es letzten Endes eine Frage der zeit bis sich auch gegen diese Mittel Resistenzen entwickeln, aber da können Jahrzehnte vergehen , eine Hoffnung sind sie allemal

  7. 15.

    " ... bei mein vorherigen Arzt durfte ich eine Wunschliste mitbringen. "

    vermutlich wollte er langen Diskussionen aus dem Weg gehen u. zeit für den nächsten Pat. haben

  8. 14.

    volle Zustimmung, deckt sich auch mit meiner langjährigen Erfahrung und der aller kollegen

    @MarlisStrausbergSamstag, 02.11.2019 | 14:30 Uhr:

    Sie haben vollkommen Recht

  9. 13.

    Ein Arzt bekommt für das Ausstellen eines Rezeptes kein Geld, egal ob da nun Nasentropfen oder High-End-Medikamente verschreiben werden. Das Arzthonorar setzt sich bei mir als Kinderarzt zu 70% aus einer Quartalspauschale und zu 20% aus Vorsorgeuntersuchungen und Imfungen zusammen. Der Rest sind Kleinviehnummern.
    Für ein Kind unter 4 Jahren erhalten ich ca 35 Euro pro Quartal, egal ob das Kind 1x oder 8x mit einen Infekt kommt.
    Sicher wissen Ärzte wann man Antibiotika verschreibt und wann nicht, aber auch in meiner Praxis ist es eine nicht endene Diskussion, warum ich eben keine Antibiose bei Husten/Schnupfen/Bagatellen verschreibe.

  10. 12.

    Ich brauche "Gott"seidank nicht mehr arbeiten. Aber das Problem mit dem Arbeitgeber kenne ich auch. Ich habe einmal im Jahr eine riesen R... nase. Vollkommene Genesung dauert nun mal 10 Arbeitstage, nach ein paar Tagen oder einer Woche wird nachgefragt, ob man vielleicht nicht mal wiederkommen will, schließlich bleibt so viel Arbeit liegen. Bei einem "grippalen Infekt" braucht man keine Antibiotika. Ich brauchte nie welche.
    Kommen Sie alle gut über'n Winter.

  11. 11.

    "Und die Pharmaindustrie macht gute Verträge mit den Ärzten und die wiedrum machen gute Geschäfte mit den Apotheken,"
    Das können Sie sicher belegen, ich bitte um eine Quellenangabe.

  12. 10.

    Ja , sicher haben Sie Recht es ist wegen den Job. Man traut sich nicht krankschreiben zu lassen. Ich habe das früher auch gemacht da ich im medizinischen Bereich gearbeitet habe mal schnell was eingeschmissen und gut war es.

    Und die Pharmaindustrie macht gute Verträge mit den Ärzten und die wiedrum machen gute Geschäfte mit den Apotheken, also ein Kreislauf in dem der Kranke völlig egal ist hauptsache er schluckt den Mist und die Ärzte verschreiben es auch.
    Ich habe endlich ein Arzt gefunden der anders denkt, bei mein vorherigen Arzt durfte ich eine Wunschliste mitbringen.

  13. 9.

    Ich lach mich grade scheckig. Ein Arzt verdient dran, ein Rezept auszustellen? Nennen sie mir bitte die EBM-Nummer, die dafür zur Abrechnung kommt! Muss ich am Montag gleich unseren Ärzten sagen, was wir da tagtäglich an Geld verschenken!
    Und klar, die böse Pharmaindustrie, die will nur verdienen (wie übrigens jede andere Firma auch). Einfach mal den Artikel lesen, da steht drin, dass Antibiotika nun grade nicht das große Geld für die Pharmakonzerne bringen.

  14. 8.

    Ihren Beitrag möchte ich zu 100 % unterschreiben! Oft sind es die verschleppten Virusinfekte, die dann in eine bakterielle Superinfektion ausarten und mit Antibiotikabehandelt werden müssen. Mich würde übrigens mal interessieren, wie viele Arbeitnehmer den Krankenschein gar nicht erst abgeben und sich trotz Infekt weiter zur Arbeit quälen (weil es angeblich nicht anders geht, der Chef ausrastet oder irgend ein Projekt sonst nicht fertig wird) und dann drei Wochen später mit eitriger Angina oder Bronchitis wieder beim Hausarzt aufschlagen.
    Und B.F. hat ebenfalls recht: Die Patienten verstehen oft nicht, wieso sie bei einem Virusinfekt einfach einen Krankenschein bekommen (damit sie sich zu Hause auskurieren können) statt eines Antibiotikarezepts. Und wenn es der einen Arzt nicht verschreibt, geht man halt zum nächsten...
    Ich bin Arzthelferin, ich erlebe das tagtäglich.

  15. 7.

    Mag vielleicht auch ein Grund sein, aber ich denke die Hauptschuld liegt bei den Ärzten und der Pharmaindustrie, denn Ärzte verdienen daran und die Pharmaindustrie sowieso

  16. 6.

    @ Sabine

    Es sind die Patienten, die die Ärzte unter Druck setzen!
    Arbeite an einer Grundschule und es gibt bestimmte Kolleginnen, die sich damit brüsten, dass sie ja nie oder nur kurz krank sind.
    Alle nehmen recht schnell Antibiotika, um nicht auszufallen anstatt mal 3 oder 7 Tage zu Hause zu bleiben!
    Danach wird dann über die Menschen gelästert, die sich einmal im Jahr aufgrund eines grippalen Infektes
    mal 7- 10 Tage auskurieren müssen !!!

  17. 4.

    Jetzt mal ganz ehrlich was sind denn das für Ärzte, wenn die bei Erkältungen Antibiotika verschreiben?

    Jeder Arzt sollte das doch wissen das bei Virus Erkrankungen keine Antibiotika helfen.

    Die waren anscheinend kreide holen als das im Studium durchgenommen wurde!

  18. 3.

    Guter Artikel, Entwicklung auch gut. Frage mich, warum die Ärzte bei Antibiotikagabe nur die Wahl haben, virusbedingte Erkältung anzukreuzen - für sooo blöde halte ich selbst alte und seit Jahrzehnten nicht weitergebildete Ärzte nicht, dass sie bei nupfn Antibiotika verordnen. Vielmehr ist es doch so, dass er Arbeitnehmer sich trotz nupfn und Fieber mit einem Virus inden Job schleift, weil die Statistik im Betrieb und der Chef es verlangen. Danach haste dann Bronchitis, Nebenhöhlenentzündung, im schlimmsten Fall Lungenentzündung - weil die immer im Körper vorhandenen Bakterien bei geschwächtem Immunsystem (nupfn) und Belastung (Job, Familie) ein leichtes Spiel haben. Auf die virusbedingte Erkältung satteln sich bakterielle Folgeinfekte mit nötiger Antibiose auf.

    Nur - warum wird sowas statistisch nicht erfasst? Vermutlich gibt es im Abrechnungssystem nur eine Möglichkeit, es zu schlüsseln... virusbedingte Erkältung...

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