rbb24
  1. rbb|24
  2. Panorama

Leider gibt es ein Problem beim Abspielen des Videos.

Video: rbb|24 | 10.10.2018 | Quelle: dpa/Pascal Deloche

"Deutschland trägt Davidstern"

Berliner Juden fordern ein Zeichen der Solidarität

Mit Entsetzen hat Deutschland auf den Anschlag in Halle reagiert. Vielfach wird ein besserer Schutz jüdischer Einrichtungen gefordert - aber auch mehr Solidarität. Die Menschen sollten jetzt Davidstern tragen, sagte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe, hat nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle an der Saale die Gesellschaft zu einem dauerhaften Zeichen der Solidarität mit den Juden aufgefordert.

Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin | Quelle: imago-images/Uwe Steinert

Aus Solidarität den Davidstern tragen

"Deutschland trägt Davidstern - eine solche Aktion, bei der möglichst viele Bürger das Symbol des Judentums tagtäglich offen an einer Kette tragen, wäre ein deutliches Signal gegen den Antisemitismus", sagte Joffe am Donnerstag in Berlin.

Der Davidstern sei aus der Öffentlichkeit verschwunden, weil viele Juden Angst vor Angriffen hätten. "Es wäre ein wunderbares Zeichen der Ermutigung für uns Juden und der Entmutigung der Antisemiten, wenn sich möglichst viele Nicht-Juden dadurch schützend vor die jüdische Minderheit stellen würden." Auch Politiker sollten sich daran beteiligen. Ein massives Bekenntnis zum Leben der Juden in Deutschland ist der beste Schutz gegen Antisemitismus, sagte Joffe.

Mehr zum Thema

Anschlag in Halle an der Saale

Polizei weitet Schutz jüdischer Einrichtungen deutlich aus

   

"Unsere Gemeindemitglieder haben Angst"

Joffe erklärte: Nicht erst nach dem Anschlag in Halle sei die Stimmung in der jüdischen Gemeinde gedrückt. Die Besucherzahl der Gottesdienste habe deutlich nachgelassen. Dies sei an diesem Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, am Mittwoch zu beobachten gewesen. "Unsere Gemeindemitglieder haben Angst", so Joffe. Der Angriff auf die Hallenser Synagoge sei der "vorläufige Höhepunkt der Chronik einer angekündigten Tragödie."

Vom muslimischen Antisemitismus bis zur linken "Israelkritik" und den Rechten - die Judenfeindschaft habe mittlerweile breite Teile der Gesellschaft ergriffen, sagte Joffe. Die jüdische Gemeinde schaue der Entwicklung nicht tatenlos zu. Es gebe zwar bei einigen Resignation, bei anderen "aber auch eine deutliche Kampfbereitschaft".

Kantorin Avitall Gerstetter war in der rbb-Abendschau zu Gast. | Quelle: rbb

Kantorin fordert mehr Zivilcourage

Die Berliner Kantorin Avitall Gerstetter befürwortete Joffes Forderung in der rbb-Abendschau und sagte, dass jeder den Davidstern tragen solle, sei eine "wunderbare Idee". Sie gab aber auch zu bedenken, dass "kleine Zeichen den Tag nicht überdauern". Stattdessen müssten Menschen häufiger aus der Gesellschaft aufstehen und Präsenz zeigen. "Sie müssen deutlich werden." Das sei bisher noch zu zaghaft, so Gerstetter. "Man muss antisemitische Übergriffe deutlich benennen und entsprechend bestrafen", forderte die Kantorin der Synagoge in der Oranienburger Straße auf. Bisher fallen antisemitisch motivierte Staftaten unter den Tatbestand der Hasskriminalität.

Am Mittwoch hatte ein schwerbewaffneter mutmaßlicher Rechtsextremist versucht, in die Synagoge in Halle einzudringen und unter Dutzenden Gläubigen ein Blutbad anzurichten. Sein Versuch scheiterte, woraufhin er vor der Synagoge und danach in einem nahen Döner-Imbiss zwei Menschen erschossen und mindestens zwei weitere verletzt haben soll. In zahlreichen deutschen Städten, darunter auch Berlin, waren die Sicherheitsmaßnahmen vor jüdischen Einrichtungen und Synagogen daraufhin erhöht worden.

"Große, große Schande für Deutschland"

Am Tag nach dem Anschlag in Halle herrschte bundesweites Entsetzen. Zahlreiche Politiker, Repräsentanten öffentlicher Einrichtungen, Vereine und kultureller Organisationen bekundeten ihre Solidarität mit den Juden in Deutschland. "Es geht nicht, dass Juden an ihren Feiertagen in Angst zu ihren Synagogen gehen müssen", sagte der Berliner Innensenator Andreas Geisel (SPD) am Mittwoch. Die jüdische Gemeinde in Halle habe einen schrecklichen Angriff erlebt. Die jüdische Gemeinde zu Berlin brauche ein Zeichen der Solidarität.

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) und der Senat stünden in engem Kontakt mit der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, teilte Senatssprecherin Claudia Sünder am Mittwoch mit. Der Ansprechpartner des Landes Berlin für Antisemitismus, Lorenz Korgel, sagte, er sehe es als Aufgabe, auch in der Präventionsarbeit auf Welterklärungsmodelle aus Antisemitismus, Rassismus und Antifeminismus zu reagieren.

Mehr zum Thema

Nach Schießerei in Halle (Saale)

Merkel folgt Cheblis Aufruf zur Mahnwache vor Synagoge

    

Folgen auch für die "Kenia"-Gespräche in Potsdam

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) hat nach dem Anschlag von Halle zu "klarer Kante gegen Antisemitismus" aufgerufen. "Wir müssen alles dafür tun, dass jüdisches Leben in Brandenburg ungestört und ohne Angst stattfinden kann", sagte er am Donnerstag in Potsdam. Dies werde auch Auswirkungen auf die laufenden Verhandlungen über eine Kenia-Koalition in dem Bundesland haben. "Wir müssen ernst nehmen, dass aus Hetze auch Taten werden können", betonte Woidke.

Landtagspräsidentin Ulrike Liedtke rief unterdessen dazu auf, den Namen des Täters des Anschlags in Halle nicht öffentlich zu nennen. "Die Tat zeigt auch: Dem Täter ging es darum, Bekanntheit zu erlangen", erklärte Liedtke: "Wir sollten daher auf die Nennung des Namens des Täters verzichten und stattdessen die Namen der Opfer in Erinnerung halten."

Landesrabbiner Presman fordert besseren Schutz

Der Brandenburger Landesrabbiner Nachum Presman hält einen größeren Schutz jüdischer Einrichtungen für notwendig. "Es muss mehr geschehen", sagte Presman der DPA. Potsdam sei zwar aus seiner Sicht eine sehr tolerante Stadt. Er betonte aber: "Man kann nicht sagen, bei uns wird es nicht passieren." Er sei traurig über die tödlichen Schüsse. "Das ist eine große, große Schande für Deutschland, dass solche Sachen noch passieren." Nötig sei mehr Vermittlung von Wissen in Schulen über den Holocaust, sagte Presman. "Das ist die einzige Möglichkeit, gegen solche Sachen zu kämpfen."

Bischof Dröge sieht neue Qualität der Gewalt

Markus Dröge, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg Schlesische Oberlausitz, betonte in einem Brief an den Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, die Solidarität der evangelischen Landeskirche mit den jüdischen Gemeinden. Es sei eine neue Qualität der Gewalt, dass ein Attentäter bei Tageslicht vermummt durch die Stadt fährt und Menschen tötet. Seine Kirche werde sich weiter dafür einsetzen, dass Rechtsextremismus, Antisemitismus und der Menschenverachtung mit allen Kräften gewehrt werde, so Dröge.

Weit verbreitete Verschwörungsfantasien und gemeinsam geteilter Hass gegen "die Juden" im Netz und im Alltag bildeten den Nährboden für diese menschenverachtende Gewalt, erklärten Dagmar Mensink und Andreas Nachama, die Leiter des Gesprächskreises "Juden und Christen" beim Zentralkomitee Deutschen Katholiken. "Gegen Judenhass muss noch viel konsequenter vorgegangen werden als bisher." In der katholischen Kirche müsse jeder dazu beitragen, dass Juden und Jüdinnen in Deutschland sicher und ohne Angst leben können.

Türkische Gemeinde warnt vor Einzeltäter-Theorie

Die Türkische Gemeinde in Deutschland warnte davor, "diesen Akt des Terrors" mit Hilfe der Einzeltätertheorie zu relativieren "Wir müssen die Gründe für diesen Anschlag beim Namen nennen: Antisemitismus und Rassismus. Beide sind eingebettet in unsere gesellschaftlichen Diskurse und Strukturen", sagte der Gemeinde-Vorsitzende Gökay Sofuoglu.

Die Berliner Polizei sicherte am Donnerstag verschiedene Mahnwachen. Am Donnerstagabend (18.30 Uhr) wollten Menschen vor der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen. Auch am Freitag (17.30 Uhr) ist dort eine Kundgebung geplant.

Sendung: Abendschau, 10.10.2019, 19.30 Uhr

Artikel im mobilen Angebot lesen