Seit 50 Jahren ist der Fernsehturm Wahrzeichen Berlins (Quelle: dpa/Jürgen Ritter).
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Video: rbb|24 | 03.10.2019 | Vanessa Klüber | Bild: dpa/Jürgen Ritter

Eröffnung vor 50 Jahren - Hoch lebe der Fernsehturm, der "Telespargel", die "Protzkeule"

Auch um dem Westen zu demonstrieren, dass man hoch hinaus will, schenkt sich die DDR in den Sechzigerjahren einen "Fernseh-, UKW- und Richtfunk-Turm". Sie baut ihn ins Zentrum Ost-Berlins, auf den Alexanderplatz – und zwar ohne Genehmigung. Von Sabine Prieß

"Telespargel", "Sankt Walter", "Ulbricht-Kathedrale" oder "Protzkeule": Dem Fernsehturm, einem der markantesten Wahrzeichen Berlins, hat es an Spitznamen nie gemangelt.  Heutzutage nennen ihn Touristen und Neuberliner gern "Alex" – weil er auf dem Alexanderplatz fußt.

Einweihung vier Tage vor Nationalfeiertag der DDR

Eingeweiht wird der Turm am 3. Oktober 1969. Moment mal – war nicht der 7. Oktober der traditionelle Ehrentag der DDR, der Nationalfeiertag, der feierlich zelebrierte "Tag der Republik"? Dass es tatsächlich der 3. Oktober wurde, hatte nach Ansicht von Historiker Hanno Hochmuth vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) gleich mehrere Gründe.

1969 feierte man den 20. Jahrestag der DDR. Es habe, so Hochmuth zu rbb|24, eine Art Festmarathon gegeben. Den Delegationen aus den "Bruderländern" wollte man auch schon vor dem Nationalfeiertag etwas bieten. "Man konnte das ganze Programm nicht auf den 7. Oktober allein konzentrieren", so Hochmuth weiter.

Denn Walter Ulbricht habe schließlich nicht überall gleichzeitig sein können. Daher sei am 2. Oktober die Weltzeituhr eingeweiht worden, am 3. Oktober der "Teleturm". Am 4. und 5. Oktober habe es Treffen und Reden gegeben, für die unter anderem der damalige sowjetische Staatschef Leonid Breschnew eigens aus Moskau angereist ist. Am 7. Oktober schließlich findet die traditionelle Kundgebung auf dem Marx-Engels-Platz statt – und erst ab diesem Tag ist der "Fernseh-, UKW- und Richtfunk-Turm" für die Öffentlichkeit zugänglich. 

Der Fernsehturm überragt den West-Berliner Funkturm weit

Mit seinen 365 Metern überragt er den Funkturm im Berliner Westen um ganze 215 Meter. Im Jahr der Fertigstellung ist der Berliner der zweithöchste Fernsehturm der Welt, nur überragt vom Moskauer Ostankino (537 Meter). 1996 wächst der Turm sogar dank einer modernen Antennenanlage noch einmal: von 365 auf 368 Meter. Und noch immer ist das Bauwerk das höchste Deutschlands.

Der Gigant der Berlin Skyline feiert Geburtstag

Bis zu 6.000 Menschen täglich besuchen den Berliner Fernsehturm heute wie damals. Und das, obwohl die Wartezeit manchmal Stunden dauert: Doch die 40-Sekunden-Blitzfahrt von mehr als 200 Metern hinauf zur Aussichtsplattform oder ins darüber gelegene Restaurant – früher "Tele-Café", heute "Sphere" – gehört für Berlin-Besucher zum Pflichtprogramm.

Von hier aus kann man bei schönem Wetter bis zu 70 Kilometer weit sehen. Das Restaurant dreht sich einmal pro Stunde um die eigene Achse und garantiert den besten Rundumblick. Zu DDR-Zeiten lohnt allein der unverhüllte Fernblick in den Westteil der Stadt, heute kann bei guter Sicht die Riesenhalle des "Tropical Island" im Brandenburger Spreewald erspäht werden.

Gebaut wird er, um besser senden zu können

Gebaut wird der Turm, weil die noch junge DDR der 50er-Jahre ein Problem hat: Die wenigen dem jungen Staat zugestandenen Funkfrequenzen reichen für einen flächendeckenden Empfang nicht aus. Doch insbesondere die westlich und nordwestlich Berlins gelegenen Gebiete sollen weitreichende Empfangsmöglichkeiten bekommen: Es soll ja kein DDR-Bürger zum West-Fernsehen überlaufen. Auch die Fernsprechverbindungen sollen endlich besser werden. Ein neuer, besonders hoher Fernseh- und UKW-Turm für Ost-Berlin muss also her. 1958 ruft die Staatsführung zum Ideenwettbewerb auf.

Lange ist unklar, wo das Bauwerk stehen soll: am Stadtrand, in den Müggelbergen oder im Friedrichshain. Am Reißbrett wird der Fernsehturm hin und hergeschoben, bis der jetzige Standort gefunden ist. Fernsehturm-Chefarchitekt Joachim Näther sagt später, Staatschef Walter Ulbricht habe darauf bestanden, dass der Turm ins Zentrum der DDR-Hauptstadt kommt – auch als Signal an West-Berlin.

Der Aufstieg in den Himmel beginnt in der Tiefe

Eine Detonation im Stadtzentrum kündigt im März 1965 die inoffizielle Geburtsstunde des Fernsehturms an. Mit umfangreichen Abrissarbeiten geht es los. Eine Baugenehmigung gibt es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Man legt trotzdem los, auch wenn es kurz nach dem Start wegen unklarer Kostenpläne einen mehrwöchigen Baustopp gibt. Doch ab dem 4. August 1965 wächst innerhalb von vier Jahren in direkter Nähe von S-Bahn und Marienkirche der Fernsehturm  in den Berliner Himmel. Es ist ein ehrgeiziges Projekt. Nur der große Bruder in Moskau mit 547 Metern soll am Ende höher sein.

Der Aufstieg beginnt in der Tiefe. Im August 1965 starten die Arbeiten am Schaft. Das Fundament, eine dicke Betonplatte, wird gegossen. Darauf wird der Turm aufgebaut. Über Jahre hinweg sehen die Berliner ihr künftiges Wahrzeichen täglich wachsen. Als der "Schwarzbau" 30 Meter hoch ist, erhält er auch die bis dahin fehlende Baugenehmigung. 1966, am 17. Jahrestag der DDR, reckt sich der Schaft des Turms über 100 Meter hoch und ist weithin zu sehen. Am 4. Oktober 1967 wird bei 250 Metern Richtfest gefeiert.

Ausblick vom Fernsehturm (Quelle: rbb/Matthias Gabriel)Blick aus der Kuppel des Fernsehturms über Berlin

Eigentlich ist der Turm ein Riesenschornstein

Die Genossen haben für ihren Vorzeigebau weder Kosten noch Mühen gescheut: Die Fensterscheiben kommen aus Belgien, die Aufzüge aus Schweden, Stromversorgungselemente sogar aus der Bundesrepublik Deutschland. Rund 300 Betriebe aus der ganzen Republik sind beteiligt, allein an der Innenausrüstung arbeiten 50 Firmen. Technisch gesehen ist der Fernsehturm kein großes Problem für die DDR. Es handelt sich dabei genau genommen um einen Schornsteinbau – und damit hat man Erfahrung. Denn mit Riesenschornsteinen sind schon mehrere Braunkohlekraftwerke ausgestattet.

Finanziell gesehen ist der Fernsehturm allerdings ein Desaster: Während der Bauzeit  vervierfachen sich die Kosten - und das mitten in der Wirtschaftskrise. 

Gebaut wird der Fernsehturm in vier Jahren

Auch was Ost-Berlins Mitte bei diesem Mega-Bauwerk verkraften muss, ist gewaltig: 26.000 Tonnen schwer ist allein der 250 Meter hohe Betonschaft, 4.800 Tonnen wiegt die Turmkugel. Der Fernsehturm ist damit viermal schwerer als der Eiffelturm in Paris.

1968 wird das Jahr der Stahlkugel: Ein Spezialkran hievt die 140 Teilstücke herauf. Pro Fahrt dauert das 20 Minuten, danach wird montiert. Pünktlich zum 19. Jahrestag der DDR ist der äußere Turmkopf fertig. Ein Jahr später, am 3. Oktober, erfolgt die glanzvolle Eröffnung. 

"Stolz erhebt sich im Zentrum der Hauptstadt der DDR dieser Fernseh- und UKW-Turm. In gewissem Sinne symbolisiert er die gewaltigen Leistungen unseres werktätigen Volkes beim Aufbau des Sozialismus", sagt Staatschef Walter Ulbricht anlässlich der Feierlichkeiten. Da weiß er noch nichts vom "Kreuz des Ostens", das gewitzte Genossen rasch in "Plus des Sozialismus" umwidmen wollen: Bei klarem Wetter und strahlender Sonne leuchtet ausgerechnet ein christliches Symbol, ein Kreuz, auf der Kuppel auf.

Sendung: Radioeins, 02.10.2019,  18 Uhr

Beitrag von Sabine Prieß, rbb|24

Kommentar

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36 Kommentare

  1. 36.

    Oha, nee wusste ich nicht, das die Dinger soo warm werden! Wollte auch nur nbsl rum gnatzen! ;) Wir hatten nur einen kleenen 40 cm Schwarz-Weiss und da durfte ich als Kind( unter 12) alleine sowieso nicht gucken... Musste dann Kimba immer beim Kumpel gucken. Damals war ich sauer, heute bin ich froh!

  2. 35.

    Weil Sie soo gespannt sind, ein Fernsehturm sollte bombastisch und technisch zugleich aussehen, mir fällt dabei der Moskauer oder der aus Toronto ein. Der Berliner ist mir zu verspielt, zudem zu feminin. "Der" Fernsehturm sollte wie ein "er" aussehen, und nicht wie ein Lutscher-Lolli

  3. 34.

    Verstehe gut was Sie meinen. Wollte damit auch nichts in Abrede stellen. Vielleicht haben Sie den Hintersinn ( Humor ) nicht bemerkt. Es soll ja Menschen geben, die sich fast jeden Nippes ins Wohnzimmer stellen, aufhängen und gar sammeln. So etwas muß dann aber auch in schöner Regelmäßigkeit entstaubt werden.

  4. 33.

    Verstehe gut was Sie meinen. Wollte damit auch nichts in Abrede stellen. Aber haben Sie mal daran gedacht, was für eine Wärme so ein Röhrenferseher ausstrahlt? Zudem erinnere ich mich selbst noch gut daran, wie die Glotze ( nicht nur bei mir ) ununterbrochen lief. Tagaus, tage

  5. 32.

    Komisch, mit dem schiefen Turm, eigentlich haben Gebrauchsgegenstände made in GDR eher einen guten Ruf. (die halten bis heute: Autos, Mopeds, Fahrräder, Bauwagen, Mixer, Zirkel, Hämmer, Sicheln) Vielleicht war der doch eher made in West Germany!?

  6. 31.

    Es gab Leute in Westberlin, die sich das“Ding“ auf ihren Röhrenfernseher gestellt hatten. Als Andenken aus Ost-Berlin besuchen. Irgendwann stand er nur noch schief da;-) Ach ja, toll kommentiert übrigens.

  7. 30.

    Na sowas auch. Sehr interessant zu wissen. Noch ein Grund mehr, weshalb ich diesen Turm nicht mag. Behindertengerecht sieht anders aus. Die Aussage des Betreibers passt auch zum Führungsstil. Hauptsache der Rubel rollt. Na denn, auf einen nächsten Besuch im Funkturm.

  8. 29.

    Nur kurz bemerkt zu 73 die Aufnahmen von Festival sind keine Raritäten . die Weltfestspiele wurden live 24 Stunden gesendet.

  9. 28.

    Für Sie unbedeutend, doch für uns West-Berliner immer noch ein Wahrzeichen. Kam man nach Westberlin rein mit dem Auto, war man jedesmal heilfroh die Zonengrenze schadlos überstanden zu haben. Und zum Dank winkte uns der Lange Lulatsch zu. Übrigens ist der Andrang dort weniger groß und man muß nicht warten um einen Tisch im Restaurant zu bekommen. Dafür finde ich den Fernsehturm unbedeutend. Über Geschmack läßt sich nunmal nicht streiten.

  10. 27.

    Ich finde es ungeheuerlich wie die Herrschaften aus Ost-Berlin hier wieder rumheulen: der böse Wessi, was ist der lange Lulatsch, Urberliner sagen nur Fernsehturm. Was hat man Euch drüben nur angetan?! Heult ihr dem Palazzo Prozzo immer noch so sehr nach?! Ich bin in Berlin (West) geboren und aufgewachsen - und je mehr hier die alten Genossen rummaulen, umso mehr wächst eine neue Mauer im Kopf. Nicht nur in meinem. Ich habe schon immer Telespargel gesagt, noch lange bevor man an Mauerfall denken konnte.......und ich lasse mir von niemanden aus Köpenick vorwerfen kein Berliner zu sein........

  11. 26.

    Der Fernsehturm ist sicher ein interessantes Bauwerk - denke ich jedenfalls , denn Hochfahren und Anschauen ist nix. Jedenfalls nicht als Rollstuhlfahrer! Was überall möglich ist z.B. München, Wien und Rotterdam, ist in Berlin nicht machen , nämlich der Besuch als Rollstuhlfahrer. Und das liegt nicht an den Treppen vor dem Turm, nein, der Betreiber will es nicht ! Die Begründung mit Feuerschutz und nicht benutzen des Fahrstuhles im Brandfalle ist quatsch! Denn 1. es gibt Schutzräume unterhalb der Kugel, 2. kein Mensch könnte den Turm über die Treppen verlassen, denn das Treppenhaus würde innerhalb von Minuten zum Kaminschaucht werden. Überleben würde diesen Abstieg niemand.
    Eine Weltstadt sieht für mich anders aus! Ach so, da fällt mir gerade ein. Auf den viel älteren Funkturm ist ein Besuch für Rollstuhlfahrer kein Problem.

  12. 25.

    Happy Birthday!!!
    Ein beeindruckendes Bauwerk und ein gutes Beispiel, was in einer Planwirtschaft möglich ist. Ich hoffe er steht noch 100 Jahre!

  13. 24.

    Ich hab mir das Gebilde mal im Internet angeschaut, na wunderschön ist wohl was anderes... und im Vergleich zum Berliner Fernsehturm ist der „Funkturm“ ein international unbekanntes Metallgerüst. Oder strömen da die Touristen auch täglich zu Tausenden hin?
    Trotzdem Danke für die Begriffsklärung, hatte ich vorher noch nie gehört. Wahrscheinlich zu unbedeutend.

  14. 23.

    Liebe Frau Prieß,

    es ist ein - wenn auch populärer - Irrtum, dass der Fernsehturm "auf" dem Alexanderplatz steht. Ein Blick auf den Stadtplan könnte - wieder mal - helfen: Der Alexanderplatz befindet sich weiter nordöstlich und ist in Richtung Fernsehturm sehr gut und deutlich abgegrenzt durch die um 1930 errichteten Bauten "Alexanderhaus" und "Berolinahaus". Schon der S-Bahnhof Alexanderplatz steht nicht mehr auf dem Platz. Die große leere Fläche, die in den sechziger Jahren durch Kahlschlag und Beseitigung auch der Straßen der hier seit dem 13. Jahrhundert befindlichen Berliner Altstadt geschaffen wurde und auf welcher der Fernsehturm steht, hat keinen Namen. Auch die manchmal verwendete Bezeichnung "Rathausforum" ist nicht offiziell, deshalb werden Sie kein entsprechendes Straßenschild finden.

    Zu behaupten, der Fernsehturm stünde auf dem Alex, ist ungefähr so, als würde man erklären, die Gedächtniskirche stünde auf dem Wittenbergplatz.

  15. 22.

    @Bob: Potthässlich ist ja nun fast das hässlichste Hässlich. Welche Fernsehtürme finden sie denn ansehlicher? Ich bin echt gespant.

  16. 21.

    Warum ist in dem Artikel von "Schwarzbau" und "ohne Genehmigung ", die Rede, ohne darauf irgendwie einzugehen. Letztendliche Genehmiger für alles in Berlin waren die vier Allierten. Und es gab die die 1000-Fuß über Normalnull-Vorgabe, die z.B. beim Bau des Turmes auf dem Schäferberg fast eingehalten wurde.

  17. 20.

    „Übrigens den Fernsehturm finde ich potthässlich, passt zur Stadtarchitektur“.
    Denke ich auch. Trotzdem zieht er tausende Besucher jedes Jahr an. Das sollte schon respektiert werden.

  18. 19.

    Wir schreiben das Jahr 1989, es war im Mai. Wir waren als Schulklasse in Ostberlin. Dort auch auf dem Fernsehturm. Damals wurde uns seitens vor Ort angetroffener DDR-Bürger der einzig wahre Name des Fernsehturms genannt: Er hieß Bissmarkturm (sic). Weil jeder Bissen im Lokal eine Mark kostete ;-) So, liebe Geschichtsklitterer, jetzt dürft ihr loslegen ….

  19. 18.

    Tja, vor 50-60 Jahren hat man noch etwas auf die Reihe bekommen, heute werden nur noch Schuhkartons mit 5-10 Jahren Bauzeit in die Landschaft gestellt...
    Übrigens den Fernsehturm finde ich potthässlich, passt zur Stadtarchitektur.

  20. 17.

    Herr Neumann, das ist jetzt wohl echt nicht Ihr Ernst, oder etwa doch? Bitte verlangen Sie jetzt nicht von mir hier den Wessi Oberlehrer heraushängen zu lassen. Denn das liegt mir fern. Der „Lange Lulatsch“ ist für uns Westberliner die Bezeichnung für unseren wunderschönen Funktturm auf dem Messegelände, der eine kleinere Version des Eifelturms in Paris darstellen soll. Googeln Sie mal. Sie werden überrascht sein.

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